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16.2.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 40 Erstes Blatt. Donnerstag ^eu 16 Februar

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Die Gießener Iumikte« t kälter »erden beni «nzeiger »»chentlich bieimaf deigelegk.

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Theil.

Bekanntmachung,

betr. die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.

Der Ortsvorstand in Schotten beabsichtigt, mit dem am 5. Juni d. I. in Schotten stattfindenden Zuchtvieh- und Bullenmarkt eine Verloosung von Vieh, landwirthschaftlichen Maschinen und Geräthen, sowie Haushaltungsgegenständen zu verbinden, um die Mittel zur Prämiirung von Bullen und Zuchtvieh zu gewinnen.

Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 6000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und min­destens 6Oe/o des Brutto-Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind und den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhessen gestattet.

Gießen, den 13. Februar 1893.

Großherzogliches Kreisaml Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

betreffend den Oberhessischen Obftbauverein.

Freitag den 24 Februar d. I., Nachmittags 2 Uhr, findet auf Lonys Bierkeller zu Gießen eine Generalversammlung des Vereinsbezirks Gießen mit folgender Tagesordnung statt:

1. Was kann Seitens der Gemeinden zur Förderung des Obstbaues geschehen? Referent: Herr LandwirthschaftS- lehrer Dr. von Peter zu Friedberg;

2. Unter welchen Verhältnissen gewährleistet der Obstbau die höchste Rentabilität? Referent: Vorsteher der pomo- logischen Gärten Herr C. Reichelt zu Friedberg;

3. Ist die Theilung deö Vereinsbezirks Gießen in Sec- tionen wünschenswerth? Aufgeben der Sectionen?

Alle Mitglieder des Obstbauvereins und Freunde des Obstbaues lade ich zu dieser Versammlung freundlichst ein, besonders ergeht diese Einladung an die Herren Bürger­meister des Kreises Gießen.

Gießen, den 14. Februar 1893.

Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen des Oberhess. Obftbauvereins.

________________Nebel, Amtmann.

Tbstbaueurse an der Ackerbauschule zu Friedberg während des Frühlings und Sommers 1893.

I. Obstbaucursus für Baum- und Straßen­wärter in der Gesammtdauer von 10 Wochen. Der erste Theil beginnt Mittwoch den 15. März und dauert vom 15. bis 29. März und vom 10. April bis 13. Mai. Der zweite Theil findet im Juli oder August für die Zeit von drei Wochen statt.

Die Theilnehmer müssen das Alter von mindestens 16 Jahren haben und sich allen Arbeiten in den Pomologischen Gärten und den Obstanlagen willig unterziehen. Der Unter­richt für hessische Baum- und Straßenwärter ist frei; das Honorar für solche Theilnehmer aus Hessen, welche lediglich im eigenen Interesse den Cursus besuchen, beträgt 10 Mack, für 'Nichthessen 15 Mark.

Baumwärter, welche eine Unterstützung Seitens des land- wirthschastlichen Bezirksvereins (bis zu 75 Mark) zu ihrer Ausbildung wünschen, müssen sich bei dem Director des zu­ständigen landwirthschaftlichen Bezirksvereins melden und den Bedürftigkeitsnachweis führen.

Während des Cursus wird in folgenden Fächern Unterricht ertheilt von nachbenannten Lehrern:

Dr. von Peter: Grundzüge des Pflanzenlebens, äußerer und innerer Bau des Obstbaumes, Boden­kunde und Düngung, Lebensthätigkeit des Obst- baumes.

K. Reichelt: Obftsortenkunde, Obstbaumpflege, Obst­baumzucht, Krankheiten des.Obstbaumes, schädliche Thiere, Obstverwerthung; Demonstrationen und practische Arbeiten.

L. Felsing: Uebungen im geschäftlichen Aufsatze, Berechnungen.

II. Repetitionscursus für Baum- und Straßenwärter vom 15. bis 20. Mai. Solche Saum* und Straßenwärter, welche schon einen Cursus im Obstbau durchgemacht oder längere Praxis hinter sich haben,

können an diesem Cursus theilnehmen. Nach bestandener Schlußprüfung erhalten dieselben, wenn sie ein Alter von 20 Jahren besitzen, den TitelVereinsbaumwart des Ober­hessischen Obstbauvereins". Der Cursus ist honorarfrei.

III. Obstbaucursus für Lehrer und Freunde des Obstbaues, erster Theil vom 4. bis 8. April, zweiter Theil von 10 Tagen nach Uebereinkunft im Laufe des Sommers. Honorar für Hessen 10 Mark, für Nicht­hessen 15 Mark. Täglich -von 8 bis 11 Uhr Vorträge, Nachmittags von 2 bis 5 Uhr Uebungen und Demonstrationen in den Pomologischen Gärten und Baumgütern.

Die Vorträge erstrecken sich auf folgende Themata:

Dr. von Peter: Ausgewählte Capitel aus der Morpho­logie, Anatomie und Physiologie des Obstbaumes.

K. Reichelt: Geschichte des Obstbaues, Pomologie, Obstbaumpflege und Schnitt der Zwergbäume, Obst« baumschädlinge, Baumkrankheiten, Obstverwerthung; Uebungen und Demonstrationen.

IV. Obstbaucursus für Freunde des Obst­baues vom 10. Mai ab. Dauer desselben nach Ueber­einkunft. Wöchentlich 2 bis 3 Vorträge und ca. 6 Stunden Uebungen und Demonstrationen. Honorar 10 Mark für Hessen, 15 Mark für Nichthessen. Programm der Vorträge wie unter III.

Je nach Bedürfniß können auch während der Sommer­monate noch weitere Curse abgehalten werden.

Anmeldungen zu diesen Cursen werden möglichst früh­zeitig erbeten und sind schriftlich an den Dirigenten der Acker­bauschule, Dr. von Peter, zu richten.

Der Aufsichtsrath der Ackerbauschule zu Friedberg.

Dr. Braden.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Februar. Kaiser Wilhelm schenkt be­kanntlich allen Vorgängen bei der Marine ein besonderes Interesse, und so pflegt er denn auch seit Jahren die Ver­eidigung der Marinetruppen meist persönlich vor­zunehmen. Auch der jüngste Act dieser Art, die in Wil­helms Hafen stattfinoende Vereidigung der neueingestellten Marinerekruten, wird in Gegenwart des erlauchten Monarchen vor sich gehen. Der Kaiser trifft zu diesem Zwecke, begleitet vom Prinzen Heinrich von Preußen, am Donnerstag früh in Wilhelmshafen ein und fährt dann sofort zur Vereidigung der Rekruten. Der genannten Feierlichkeit folgt ein Früh­stück im Marinecasino,- Nachmittags gedenkt der allerhöchste Kriegsherr die in Wilhelmshafen liegenden Kriegsschiffe zu besichtigen, Abends findet Diner beim Viceadmiral Valois statt. Am Freitag früh beabsichtigt der Kaiser an Bord des PanzersKönig Wilhelm" nach Helgoland in See zu gehen. Soweit bekannt, wird er von diesem Ausfluge am Abend des 18. Februar wieder in Berlin zurückerwartet; auf der Rück­reise ist ein mehrstündiger Aufenthalt des Kaisers am olden- burgischen Hofe geplant.

Eine Erklärung, die 214 deutsche Rabbiner erlassen haben, macht von sich reden. Dieselbe gilt der Ab­wehr der Angriffe, welche neuerdings von antisemitischer Seite systematisch gegen das Judenthum gerichtet worden sind. Die Kundgebung gipfelt in dem Satze, daß die Sittenlehre des Judenthums keinen Ausspruch und keine Anschauung anerkenne, die Nichtjuden gegenüber etwas erlaube, was Juden gegen­über verboten sei. Die jüdische Sittenlehre gebiete vielmehr Folgendes: In jedem Menschen das Ebenbild Gottes zu sehen und zu achten, in Handel und Wandel die strengste Wahrhaftigkeit gegen Jedermann zu bethätigen, jedes Gelübde und Versprechen, welches irgend einem Menschen, gleichviel welcher Confession, geleistet werde, als unauflöslich und un­verbrüchlich treu zu erfüllen, die Nächstenliebe gegen Jeder­mann zu bethätigen, die Gesetze des Vaterlandes mit treuer Hingebung zu befolgen, das Wohl des Vaterlandes mit allen Kräften zu fördern und an der geistigen und sittlichen Ver­vollkommnung der Menschheit mitzuarbeiten.

Deutscher Reichstag.

43. Sitzung. Dienstag, 14. Februar 1893.

Die Berathung des Etats des Innern wird fortgesetzt.

Abg. Frhr. v. Manteuffel (cons.) weist darauf hin, daß die wiederholt von Seilen der Regierung gemachten Zusagen wegen Revision des Unterstützungswohnsitzgesetzes bisher unerfüllt geblieben seien. Inzwischen hätten sich die Verhältnisse auf dem platten Lande bezüglich der Arbeiter verschlechtert. Die Entvölkerung des platten Landes habe infolge städtischer Aufsaugung und Auswanderung in den Jahren 1885 bis 1890 ca. 900000 Köpfe betragen. Das platte Land liefere das beste Rekrutenmatertal und in dem Augenblicke, da man mit der Militärvorlage komme, sollte man auch Maßregeln gegen die Entvölkerung des Landes ergreifen. Die Abänderung des

Unterstützungswohnsttzgesetzes allein werde freilich die Verhältnisse der Landwirlhschaft nicht umgestalten. Nöthtg sei ferner eine Aenderung des Freizügigkeilsgesetzes, womit man sowohl die Interessen der Landwirlhschaft, des Einzelnen, den man an die Scholle binde, sowie der Städte, die sich des Zuzugs hilfsbedürftiger Elemente beute gar nicht mehr erwehren könnten, wahren würde. Der Identitäts­nachweis sei auszuheben. Infolge der Handelsverträge seien die Ver­hältnisse der Landwtrthfchast verschlechtert und in allen landwirth- schaftltchen Kreisen große Mißstimmung hervorgerufen worden. AuS diesen Kreisen wird man bet dem Abschluß etnes russischen Handels­vertrags aus keine oder nur geringe Zustimmung rechnen dürfen. (Beifall rechts.)

Staatssecretär Freiherr von Marschall bedauert einen Artikel in der heutigenKreuzzeitung", der darauf hindeute, daß gewisse deutschfeindliche Artikel in russischen Blättern von der russischen Botschaft insptrtrt seien. DaS sei eine ganz unbegründete Insinuation; hoffentlich würden sich solche, gegen die internationale Höflichkeit ver­stoßende Practtken nicht wiederholen. Die Verhandlungen mit Rußland anlangend, so sei noch nicht abzusehen, inwieweit dieselben zu einem positiven Resultate führen werden. Von russischer Seite werde nur die Gewährung unseres Conventionaltarifs gefordert, während wir eine Herabsetzung des russischen Zolltarifs und andere Verkehrserleichterungen verlangen. Sollte es zu einem positiven Ergebniß kommen, so werde dem Rßichstage eine bezügliche Vorlage zugehen. (Beifall links.)

Staatssecretär v. Bötticher: Eine bestimmte Zusage bezüglich der Revision des Unterstützungswohnsttzgesetzes sei Seitens des Reichs­kanzlers nicht erfolgt. Es seien Vorarbeiten etngelettet worden, die sich aber schwieriger erwiesen hätten, als vorauszusehen war. Auf Grund dieser Vorarbeiten sei im vorigen Jahre eine Novelle an den Bundesrath gelangk, über die sich am nächsten Donnerstag die zu­ständigen Ausschüsse schlüssig zu machen haben. Komme eine Einigung zu Stande, dann werde die Vorlage noch in dieser Session dem Reichstage zugehen.

Abg. Rickert (dfr.) bestreitet einer Bemerkung v. Manteuffels gegenüber, daß die Linke die Landwirthschaft zu Grunde richten wolle; auf der Linken säßen selbst hervorragende Landwirthe. Be­zeichnend sei, daß die Rechte den russischen Handelsvertrag verwerfe, ohne ihn zu kennen. Dm ländlichen Arbeitermangel habe die Rechte durch die Unterstützung der grausamen Polenpolitik Bismarcks selbst verschuldet. Am meisten fei die Landwirthschaft aber durch die Schutzzollpolitik geschädigt worden. Mit der Abänderung deS Unter­stützungswohnsttzgesetzes werde der Landwirthschaft wenig genützt; von der Abänderung des Freizügigkeitsgesetzes möge man aber ja die Hand lassen.

Abg. Graf Kanitz (cons.) erklärt, daß seine Freunde die Bismarck'sche Polenpolitik heute noch billigten. Der Rothstand in den Städten stehe mit der Entvölkerung des platten Landes in ur­sächlichem Zusammenhänge. Die Bevölkerungsabnahme in der Provinz Preußen sei ausschließlich auf den Wegzug der arbeitskräftigm Elemente zurückzuführen. Dagegen könne nur eine radtcale Ab­änderung der Gesetzgebung helfen. Eine Abänderung des Unter- stützungSwohnsitzgesetzes würbe das Uebel wentgstms mildern. Handel und Industrie seim die Lieblingskinder, die Landwirthschaft aber das Stiefkind des Staates. Für den ganz überflüssigen Dortmund- Emscanal würden viele Millionen aufgewendet, während für die Landwirthschaft nichts geschehe. Redner wendet sich ferner gegen das Stellenvermittlerwesen, das der Landwirthschaft viele Leute entziehe, sowie gegen die Handelsverträge. Durch diese solle der Export ge­hoben werden. Das werde aber durch die Tariscartelle der öster­reichischen Eisenbahnverwaltungen vereitelt. Er verlange keine Bevor­zugung der Landwirthschaft, nur Gleichberechtigung derselben mit der Industrie.

Staatssecretär Frhr. v. Marschall vertheidigt die Handels­verträge. Wollte Vorredner keinesfalls eine Herabsetzung der Getretde- zölle, so hätte er erklären müssen, daß er überhaupt keine Handels­verträge wolle. Früher, als es sich nur um den 1 Mk. - Zoll auf Getreide handelte, hätten die Conservativen demselben alsein sehr gutes Compensationsobject für künftige Handelsvertragsverhandlungen" befürwortet. Jedes Schutzzollsystem finde in dem Exportinteresse seine natürliche Grmze. Ein Land mit 3 Milliarden Einfuhr müsse exportirm. Die Landwirthschaft könne nicht gedeihen, wenn die Aus­fuhr darntederltege. Das sollten sich namentlich Diejenigen sagen, welche die Aufhebung des Identitätsnachweises verlangtm. Es sei von vornherein gewiß gewesen, daß von 1892 ab alle unsere Export­staaten uns stark erhöhte Einfuhrzölle auf et legen würden. Damit habe man rechnen müssen. Er erkenne an, daß die Stlbermtwerthung zu einem Preisdruck geführt habe; aber die Regelung derWährungS- frage sei ein langfichtiger Wechsel, von dem noch nicht feststehe, ob er überhaupt eingelöst werde. Unsere Handelspolitik stellte an uns am 1. Febr. 1892 augenblicklich zu befriedigende Ansprüche. Ein Zoll­krieg, wenn wir uns auf einen solchen eingelassen hätten, hätte immer mit einem Tarifverträge abschließen müssen. Von Erfahrungen mit den neue i Handelsverträgen könne man noch nicht reden; aber ohne die Handelsverträge würden wir gewiß schlechter daran sein als mit denselben. Für die Verträge seien wtrthschaftliche, nicht politische Gründe in erster Reihe maßgebend gewesen; aber je mehr die Inter­essen der Völker durch solche Verträge solidarisch werden, um so eher könne Streit und Krieg vermieden werden. Ohne die Handelsverträge würde die entstandene Verstimmung noch weit intmstver sein.

Abg. vr. Barth (dfr.): Mit der Abänderung des Unterstützungs­wohnsitzgesetzes sollten den Großgrundbesitzern nur billigere Arbeits­kräfte verschafft und mit der Doppelwährung ihre Schulden vermindert werden. Man müsse endlich aufhören, die nicht letstungssähtgm Elemente des Großgrundbesitzes aus allgemeinm Mitteln zu erhalten. Ein Handelsvertrag mit Rußland bewahre uns vor einem verhängniß- vollen Zollkriege; komme dieser Vertrag nicht zu Stande, so würde das ein Zeichen der Schwäche der deutschen Regierung fein.

Abg. Frhr. v. Pfetten (Etr.) wendet sich gegm die Angriffe gegen den Großgrundbesitz. Die jetzige schlechte Lage der Landwirth­schaft hänge mit den Handelsverträgm zusammm. Bei genügendem Schutz könnte die deutsche Landwirthschaft den inländischen Brod- consum selbst decken. Gegen die Aufhebung des Identitätsnachweises protesttre er als Süddeutscher.

Abg. Graf Behr (Rp.): Wenn auch manche Forderungen Manteuffels zu weit gingen, fo sei doch die Forderung nach Ab-