Ausgabe 
15.6.1893 Zweites Blatt
 
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Nr. 138 Zweites Blatt

Donnerstag den 15. Juni

1893

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger

Amts- Uttd Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen

! Gratisbeilage: Gießener Aamitienßkätter. |

Feuilleton

(Schluß folgt.)

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Mr Annoncen-Burcaux deS In. und «u-landeS nehmm Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Der

Oi-ß««er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

der Lanoliafabrik, Martiaikenlelde bei Berlin Vorzüglich zur Pflege der Haut.

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Die Gießener Aamllienökäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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weiße Strümpf' angehabt hat, machte dem Paul-Johann in dem Moment garnichts aus, und schon zählte er in Gedanken die Kamisolknöpse, ab, nach welcher Seite er am besten auS- reißen thät, als das Mariandl mit einem brennrothen Ge­sichtchen auf ihn zuging, ihm eine Patschhand reichte und sagte:Ich will's nicht wieder thun, Paul-Johann."

Kurz darauf ist das Mariandl mit einem schönen Strauß Heckenrosen am einen Ende der Gasse herausgekommen und der Paul-Johann am andern mit einem unterdrückten Jauchzer.

Na, und so ist's denn gekommen. Dem Schmälzte Seiner hat zwar in dem nächstfolgenden Jahr allerhand Traumdudeleien getrieben, aber sein Examen hat er doch be­standen mit la. Und geheult hat er, wie er zur Hochschule ging aber nicht wegen der Eltern. Dem Lindenhofer Seine hat noch so ein halb Jährchen lauter Mannsleut' mit ganz natürlichen Adamsäpfeln und Haarbüscheln am Kopf auf die Löschblätter gezeichnet, bis sie der Lindenhofer vomFräulein" weggenommen, weil sie schon genug gebildet war und nun wieder im Hause ein bischen mit anfassen sollte.

Seitdem ist wohl manches verquer gegangen in der Welt, aber die Zwei haben zusammengehalten. Gerad wie mich der Leser gefragt hat, weßhalb das Mariandl am Garten­zaun so gar sehnsüchtig nach dem Thurm von St. Eustachius ausgeschaut hat, akkurat an dem Tage sollte es sich erweisen, ob das Zusammenhalten auch Finen richtigen Zweck gehabt hat. Heute sollte der Predigtamts-Kandidat Paul Johann Schmälze zum Ohm kommen und in aller Form vorfragen, ob er nicht so gefällig sein wollte, ihm das Mariandl zur Frau zu geben.

Das war nun leichter gesagt als gethan. Auf welche Art aber der Paul Johann Schmälzle es doch zu Wege ge­bracht hat, das ist die eigentliche Geschichte, die immer und überall ein bischen kürzer ist als das, was so drum und dran hängt.

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Unser (Eanbibat.

Eine Wahlgeschichte von T. Szafcanski.

(Nachdruck verbotm.)

Zwischen Zipflheim und Schwasendorf ist gut eine Stunde Wegs. Und was für ein Weg! DerKreisbote für Zipflheim und Umgebung" überschlägt sich jedes Frühjahr vor Entrüstung, wenn die liebe Sonne den Schnee abräumt und diebodenlose" Feindschaft zwischen Stadt und Dorf enthüllt, eine Feindschaft, welche sich in dem tief ausge­fahrenen, mit fußhohem Schmutz bedeckten Wege grauenvoll verkörpert. Der Haß, den das bairische Städtlein gegen den Nachbarort bei jeder Gelegenheit austrumpste, und umgekehrt, war eigentlich so grundlos als der Weg selbst. Wohl hatte der Archivarius Schmälzle ein Schriftstück aus­gegraben, aus dem, wie er sagte,kreuzweis zur sternklaren Evidenz hervorging", daß Zipflheim mit dem besagten Wege reineweg gar nichts zu thun habe, daß vielmehrehn Hoch­fürstliches Freydorff Schwasendorff fürsorgliche und woll zu vernehmen habe, Alles, so zur trefflichen Haltung sothaner Hochfürstlicher Straffe nützlich und geziemen erscheynet". Aber der Lindenhof-Huber, der Ortsschulze von Schwasendorf, hatte protestirt bis ans Landgericht. Er hatte sich hingestellt gerad mitten vor den grünen Tisch, hatte die Beine gespreizt und beide Daumen in die Westentasche gesteckt, daß die zwölf silbernen VereinSthalerknöpfe an dem Gewand nur so gefunkelt haben und dann hatte er gesagt:Hohe Leut' vom Gericht! I hab mein Lebtag net an Sterbenswörtel Lateinsch geredt wie a der Stadtherr da mitm scheelgelben Papierfetzen und der Bommlasch dran. I bin der Lindenhof- Huber Var Schwasendorf und i sag Ihnen justament, daß der verstorb'ne König Gott schenk ihm die Ruh in Ewigkeit, Amen mir auf mein' Frag' g'sagt hat: Lindenhofer hat er g'sagt, laß Di net aufihaxeln von die Stadtleut. Was die Gerechtsame is, die is Euer, der Dreck aber g'hört nach Zipflheim. Dös hat er g'sagt, der Herr König und dös sag' i a und i bin der Lindenhof-Huber von Schwasendorf. Und was der Stadtschultheiß iS von drüben, der kann mir 'n Buckel 'naufsteigen und der Herr Archivarius a. Beid' habens Platz." Damit war der Lindenhof-Huber aus dem Saal rausgestampst und hatte erst nach ein paar Tagen erfahren, daß sie ihn gleich wegen grober Ungebühr vor Gericht in eine Geldstrafe von 30 Mark genommen hatten. Daraus machte er sich aber nichts. Im Gegencheil. Vom Fleck weg wollte er hingehen und denZipflheimer Pflafterhupfern" noch für 10 Thaler Wahrheit sagen, und er wäre gegangen, wenn ihm nicht das Mariandl, sein Schwefterkind, das er aufgezogen und das nun als blitz­sauberes Madel auf dem Lindenhof nach dem Rechten sah, so gar viel und schön um den Bart gegangen wäre, er sollt's doch lieber nicht thun.

Da ist's denn unterblieben. Aber eine Wuth haben die beiden Orte seitdem auf einander gehabt, daß sie sich die Luft nicht gönnten.

Und mit dem Weg ist's denn so geblieben. Geschimpft haben die Zipflheimer gerade so über ihn, wie die Schwasen­dorfer, aber keiner hat nachgeben wollen, nicht einmal zu einem Vergleich wollten sie sich herbeilaffen, als der königliche Herr Regierungs-Commiffar vorgeschlagen, daß jede Gemein zur Hälfte die Unterhaltung der Chaussee übernehmen solle. Die Stadt pochte auf ihren Schein und der Lindenhof- Bauer aus's Wort vom Herrn König. Da blieb's halt beim Alten.

Nun war es wieder einmal Frühling geworden im Thal. Ringsum die Tannenwälder zeigten schon hellgrüne Flecken in dem dunklen Gezweig und die Gipferl streckten sie dem Himmel entgegen, als wenn sie gar nicht genug kriegen könnten der lieben Sonne. Auf den Feldern und Wiesen­planen zwischen Zipflheim und Schwasendorf trillerten und tirilirten die Lerchen, kletterten gen Himmel und wieder herunter, flatterten und mufizirten hinüber und herüber, als wenn es auf der ganzen Welt nie ein Landgericht gegeben hätte. Die Vögel können sich eben nicht in all' die Mucken des Menschenvolks hineinfinden, nur wenn man sie einsperrt, nachher kriegen sie auch Nerven, Launen und was der­gleichen Menschlichkeiten mehr sind. Da sitzt denn so ein städtischer Piepmatz auf seinem Stangerl, hat zwar zu Fressen und zu Saufen, ohne daß er's zu suchen braucht, aber die Schneid hat er verloren und wenn er wirklich einmal ein paar Tacte loslegt, das Rechte ist's nicht. Er selbst fühlt es am Besten und er ärgert sich darüber und wird fuchsteufelswild, wenn ihm jemand zu nah kommt. Gleich sperrt er den Schnabel auf und will beißen. Akkurat wie bei den Stadtleuten.

" vermachtes.

* Zittau, 12. Juni. In Neugersdorf fanden heute vier Menschenleben den Tod in den Flammen. Das Feuer legte ein Wohnhaus in Asche, deffen Besitzer nebst^drei Kindern verbrannte.

* Die gepfändete Feuerspritze. Jüngst wurde gemeldet, daß bei einem an der Thalkirchener Gemeindegrenze stattge­habten Gesträuchbrande die Thalkirchener Feuerwehr nicht am Platze erschien. Jetzt wird diese Unterlaffung auf den Umstand zurückgeführt, daß die Thalkirchener Feuerwehr­spritze am kritischen Tage gepfändet war und die dortige Feuerwehr sich genierte, mit einer mit kgl. Wappen reich verzierten Spritze auszurücken. DemM. T." berichtet man darüber:Der Herr Bürgermeister von Thalkirchen und der Herr Sägemühlbesitzer R. von dort hatten im Interesse der Gemeinde Thalkirchen, jedoch ohne Wissen derGmoa", einen Prozeß geführt und verloren. Die Gemeinde wurde daher in die Kosten des Prozeffes verurtheilt. Als nun hiervon derGmoa" Mittheilung gemacht wurde, weigette sich diese, die Kosten zu bezahlen, da der Prozeß ohne ihr Vorwissen geführt worden fei; andererseits weigerten sich aber auch der Bürgermeister und Herr R., für ihre Person die Kosten zu bezahlen, die durch einen im Interesse der Gemeinde geführten Prozeß entstanden waren. Da nun kein Theil bezahlte, mußte zur Pfändung der Gemeinde geschritten werden. Der hiermit beauftragte Gerichtsvollzieher belegte die Feuerspritze mit Beschlag und bewappelte, um ganz nach der Intention des berühmten Erlasses zu verfahren, die Feuerspritze in einer Weise, die durch Ersichtlichung für Jedermann erkennbar war. Aber nun überkam die Feuer­wehrmänner von Thalkirchen beim Anblicke der in einer für Jedermann ersichtlichen Weise erkennbaren Pfändung ein Schamgefühl, sie blieben daher daheim, als der Gesträuchbrand in den Auen bei Thalkirchen ausbrach."

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Mit Ausnahmen natürlich! Das Mariandl dürft's nicht vernehmen, waS ich da gesagt habe. Die ist zwar vom Land, wo die Vöglein und die Menschen alleweil so sangesfroh und vergnügt sind mit Ausnahmen natürlich!, aber an einer stelle unterm blühweißen Mieder, da klopft waS und pocht, da drängt was die junge Brust gegen die Ver­schnürung und zwingt einen Hauch zwischen die Lippen der schmucken Dirn, der sich wie ein Seufzer ausnimmt und, aus dem Poetischen ins Bairische übersetzt, sagen will: Außi möcht' i nach der Stadt!

Warum? Da giebt es [(ein Warum. Wenn das Täubchen sich an den Täuber drängt und ihm sein Goscherl darbietet zum Schnäbeln, da giebt's kein Warum. Wenn die Nachtigall sich tief in den Fliederbusch versteckt und zu flöten anhebt, daß einem schier das Herz zerfließen könnt' vor Freud und Schmerz, vor Lachen und Weinen, Alles durcheinander, da giebt's auch kein Warum. Und wenn das Lindenhof- Huber Mariandl um die Maizeit herum feuchtschimmernde Augen kriegt, sobald es am Gartenzaun lehnt und in der blauen Hergottsfrüh nach dem Thurm von St. Eustachius ausschaut, der von Zipflheim herüberwinkt mit seinem groß­mächtigen Finger, da giebt's erst recht kein Warum. Solcherlei Dinge sind schon gewesen, als der Schöpfer sich zum ersten Mal sein Werk beschaut und gesehen hat, daß es gut war.

Aber weil der Leser nicht gefragt hat, will ich ihm sagen, wie die Sach' steht mit dem Mariadnl und dem Paul-Johann, dem Aeltesten vom Herrn Stadt-ArchivariuS Schmälzle in Zipflheim. Das spielt nämlich schon lange. Er war noch Primaner, ein lang aufgeschossener, schüchterner Jung mit einem großen Adamsapfel an der Gurgel und einem semmelblonden Schopf, an deffen Kreisel sich ein Büschel Haar mit allen Wassern der Welt nicht bändigen ließ. Schön war er gerade nicht, der Paul.Johann, und das Mariandl hat ihn einmal beim Schulfest draußen auf der Kräutlerwiese gar herb abfallen lassen, als derlange Staas" auf sie zukam und um einen Hopser bat, den die Musik gerad' angestimmt hatte. Na, eS hat ihr hinterher leid genug gethan. Gar nicht aus dem Sinn hat's ihr wollen, wie die ängstlichen blauen Augen vom Paul-Johann umhergeschweift sind, ob Niemand gesehen hat, daß sie ihm den Rücken zugedreht und wie er dann mit einem ganz purpur- rothen Gesicht abgezogen ist. ES war eine furchtbare Blamage für den Paul-Johann.

Am nächsten Tage kommt das Mariandl vomFräulein", wo ihr der Lindenhof-Huber er hielt was drauf die höhere Bildung beibringen ließ, und will nach Hause, in ihre Pension bei btfr Frau Rentner Freisinger. Wer kommt des Weges? Der Paul-Johann. Botanisiren war er gewesen. Am Kreuz baumelte ihm ein zerbolzter grüner Blechkasten mit allerhand Kraut. In der Hand aber trug er einen schönen Strauß Heckenrosen. Ob das Mariandl gedacht hat, der Strauß wär' für sie, ich weiß nicht. Jedenfalls war das schmucke Backfischlein mächtig roth geworden, als es ihn gesehen und ein ganz leises Zittern in den Knieen hat es auch gespürt. Aber da haft Du nicht gesehn! Wie der Paul-Johann das Lindenhofer-Mariandl erschaut, drückt er seinen Strohdeckel in die Stirn und kneift in eine Nebengasse aus, daß ihm die Blechtrommel nur so auf dem Buckel herumtanzt. Das Mariandl stutzt im ersten Augenblick, dann kriegt es einen kleinen Farbenwechsel im Gesicht und balancirt in Heller Verlegenheit ein paar Schritte auf den schmalen Steinen, die den Bürgersteig gegen die Goffe abgrenzen. Auf einmal ruck'ts wie in einem festen Entschluß zusammen, klemmt das Diarium und das Geographiebuch unter den Arm und heidi hinter dem Paul-Johann her.

Weit brauchte sie nicht zu laufen, denn gleich um die Ecke, da sie noch so im besten Schuß war, steht sie den Paul- Johann wie ein Lineal in seiner ganzen Länge fest an eine Hausthür gelehnt stehen. Das war nun eine böse Ver­legenheit für Beide. Erst hat keins ein Wort rausgebracht. Das Mariandl hat plötzlich so was in den Sinn bekommen, als wenn es doch nicht ganz recht gewesen wäre, daher zu laufen. Dem Paul-Johann aber ach du meine Güte!, dem schlugen die Zähne aufeinander,- er hat nicht ayders ge­glaubt, als daß sie ihm bloß nachgerannt sei, weil er sich gestern ihre Reversseite nicht genau genug angeschaut hat. Da regt sich aber auch sein Männerstolz. Mit gesenktem Blick, aber ernst und abweisend hochgezogenen Augenbrauen schiebt er sich langsam mit der Breitseite die zwei Stufen von der Hausthür runter. Ist gemacht. Das Mariandl sagt nichts; er hält die Bücher mit beiden Händen auf dem Rücken, hat den rechten Fuß vorgeschoben, auf den Absatz gestellt und probirt mst Eifer wie weit es wohl die Fußspitze so nach rechts und links zu drehen kriegt. Daß das Mariandl

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