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IIr. 112. Aweileß Glatt. Sonntag den 14. Mai 1893
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Werben he in Anzeiger WschenMch brei mel b «gelegt.
Gießener Anzeiger
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Bekanntmachung^
betreffend Obftbauverein.
Herr Obstbautechniker Metz von Friedberg wird die nachstehend verzeichneten Orte des Kreises Gießen an den beibemerkten Tagen zum Zweck der Abhaltung von Versammlungen und von Hebungen in den Baumstücken besuchen. Alle Mitglieder des Obstbauvereins und Freunde des Obstbaues werden zu zahlreichem Besuche eingeladen.
Gießen, 9. Mai 1893.
Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen.
Nebel. Amtmann.
16. Mai in Lumda, 18. Mai in Odenhausen,
17. „ „ Geilshausen, 19. „ „ Kesselbach.
politische Wochenschau.
Gießen, 13. Mai 1893.
Früher als man es vielfach angenommen hatte, ist die Entscheidung über die Militärvorlage gefallen und noch vor der dritten Lesung der Reichstag ausgelöst worden. Genau in derselben Weise war 1887 der Abschluß des parlamentarischen Dramas erfolgt. Nunmehr hat das Volk das Wort. Zum Mittelpunkt im Wahlkampfe hat Graf tioii Caprivi den Huene'schen Compromißantrag gemacht. Wir haben deshalb schon neulich die Bedeutung und Tragweite der Huene'schen Vermittlungsvorschläge kurz skizziert. Heute können wir die Stellung der einzelnen Parteien zu denselben genauer bezeichnen, als es seither möglich war. Geschlossen treten für das Compromiß Huenes ein die Polen, Nationalliberalen und die Conservativen, welche auch für die unveränderte Regierungsvorlage gestimmt haben. Vom Centrum haben nur etwa 10 Mitglieder Huene zugestimmt, die übrigen verharren bei ihrem seitherigen Standpunkte. Geschlossen gegen die Compromißanträge haben sich die Socialisten und die süddeutsche Volkspanei erklärt. Von den Freisinnigen
sind sechs mit Huene gegangen, während die übrigen für dies Mal wenigstens zu der oppositionellen Mehrheit gehörten. Daß eventuell ein größerer Theil der rechts stehenden Mitglieder der Partei unter anderen Umständen auf die Seile des Reichskanzlers getreten sein würden, ergab sich während der letzten Sitzungstage mit voller Klarheit. Darüber kam es denn auch zur Spaltung der freisinnigen Partei. Um Klarheit in die verwirrten Parteiverhältnisse zu bringen, stellte Eugen Richter in der auf die Abstimmung folgenden Fractionssitzung den Antrag, zu erklären, daß die sechs Parteimitglieder, welche für den Antrag Huene gestimmt hatten, sich hiermit in Widerspruch zu der Gesammihaltung der Partei gesetzt hätten. Für den Fall, daß dieser Antrag von der Mehrheit der Partei angenommen werden würde, erklärten sich nunmehr aber die näheren Freunde der sechs Dissidenten für solidarisch mit diesen. So war der Bruch unvermeidlich geworden. Die größere Gruppe unter Richter nahm den Namen „Freisinnige Volkspartei" an, während die kleinere sich „Freisinnige Vereinigung" nannte. Beide neuen Parteien haben ihren Wahlaufruf bereits veröffentlicht. Während die „Freisinnige Vereinigung" eine klare Aussprache über die Militärvorlage vermeidet und sich auf die Zusicherung beschränkt, daß sie eine freie Prüfung des militärisch Nothwendigen sich Vorbehalte, macht der von Eugen Richter und Friedrich Payer (von der Volkspartei) unterzeichnete Wahlaufruf der „Freisinnigen Volkspartei" die Gegnerschaft gegen die Regierungsvorlage und die Huene'schen Vorschläge zum Kernpunkt seiner Ausführungen. Die freisinnige Volkspartei verlangt nach wie vor die Innehaltung der jetzigen Friedensstärke. Sie weist darauf hin, daß auch in diesem Falle durch Mehreinstellungen von Rekruten in dem Maße, wie durch die Einführung der zweijährigen Dienstzeit und die Entlastung der Mannschaften des dritten Jahres Lücken in der gegenwärtigen Präsenzstärke entstehen, das deutsche Kriegsheer nm 25 000 Mann jährlich vermehrt und im Ganzen 4 350 000 Mann, d. h. etwa 300 000 Mann mehr als die französische Kriegsarmee betragen wird, sobald die Conscquenzen einer derartigen Durchführung der zweijährigen Dienstzeit ein- gelreten sind.
In Preußen hat das Abgeordnetenhaus die Berathung
der Steuergesetze abgeschloffen. Es sind deren bekanntlich drei: das grundlegende Gesetz ist das UeberweisungSgesetz, nach welchem künftig der nach der clausula Franckenstein Preußen zukallende Theil der aus den Getreidezöllen und verwandten Steuerquellen aufkommenden Reichseinnahmen nicht mehr, wie seither, an die einzelnen Kreise weiter verwiesen, sondern der Staatsverwaltung verbleiben soll, die seither staatlichen Steuern von Gewerbe, Grund und Gebäuden aber an die einzelnen Communen abgetreten werden. Da bei dieser grundlegenden Veränderung (nach der Rechnung des Finanzministers wenigstens) ein beträchtliches Defizit entsteht, so wird in einem zweiten Gesetz eine Vermögenssteuer neu eingeführt. Ein drittes Gesetz stellt die Grundsätze auf, nach denen die Communen auf Grund der ihnen überwiesenen Steuern künftig wirthschaften sollen. Das Vermögenssteuer- und das Communalabgabengesetz sind bereits vom Abgeordnetenhause in dritter Lesung angenommen, die Schlußabstimmung über das UeberweisungSgesetz ist auf Wunsch des CentrumS bis zur Erledigung üeS in Zusammenhang mit den Steuergesetzen stehenden Wahlgesetzes vertagt worden.
In England hat daS Parlament die Specialberathung der Homerulebill begonnen.
In Norwegen hat das im Gegensatz zu dem Storthing (dem Reichstag) gebildete conservatlve Ministerium Parz bereits ein scharfes Mißtrauensvotum erhalten. Man darf darauf gespannt sein, wie unter diesen Umständen eine ordnungsmäßige Fortführung der politischen Geschäfte ermöglicht werden soll.
Die franzöfische Kammer sollte, wie cs kürzlich hieß, ausgelöst werden. Angesichts der Stimmung in der Kammer selbst scheint sich die Regierung indessen eines Anderen besonnen zu haben.
* Die deutschen Militärmufiker, welche sich nach Amerika begeben haben, um im „deutschen Dorf" auf der Weltausstellung zu Chicago unter Leitung Ruscheweyhs und Herolds zu con- certiren, hatten nach ihrer Landung auf Ellis - Eiland eine eigenartige Prüfung zu bestehen. Die New-Yorker Musiker
Feuilleton.
Die Weltausstellung in Chicago
Chicago, 17. April 1893.
Deutschlands rege Betheiliguug. — Nahezu eine Million Dollars bewilligt. — Das „Deutsche Haus" und seine Attractioneu. — Ausstellung kirchlicher Kunst. — Nicht mehr „billig und schlecht". — Das deutsche Reichstagsgebäude und seine „Germania". — Ehrengeschenke des Kaisers, des Fürsten Bismarck und Moltkes
„Nährhaft und wehrhaft, voll Korn und Wein, voll Kraft und Eisen, klangreich, gedankenreich, — Dich will ich preisen, Vaterland mein I" Kann Jemand darüber im Zweifel sein, wo er sich befindet, sieht er diese Worte ihm entgegen» winken? Nur an einem deutschen Hause kann der schöne Kernspruch prangen- und ein deutsches Haus im vollsten Sinne des Wortes ist es, das er hier ziert, das Haus, in welchem das Deutsche Reich während der Weltausstellung seinen Vertreter haben und einige seiner schönsten Ausstellungsobjecte bergen wird. In der Häusergruppe der fremden Länder nimmt das Gebäude Deutschlands einen der hervorragendsten Plätze ein- es steht in ihrer Mitte, seine volle Frontseite dem Michigan - See zngekehrt. Den Besuchern, welche von der Wafferseite aus die Weltausstellung besuchen, muß es sofort ins Auge fallen, schon wegen seiner originellen, von den anderen Gebäuden so überaus verschiedenen Bauart und wegen seiner reichen Malereien und der mit denselben in Verbindung stehenden mannigfaltigen Farbcnconstellation. Von verschiedener Seite wurde der Bau kritifirt, weil er angeblich ein Gemengsel verschiedener Style repräsentirte und kein harmonisches Ganze dem Auge darbiete. Die Herren, die auf diese Weise ihren Unmuth laut werden ließen, haben offenbar nicht gewußt, was aus dem Hause zu machen, das in einem Theile an die Zeit der Gothik, in einem anderen an die der Renaiffance erinnert und in einem dritten vielleicht an beide Zeitperioden zugleich. Gerade diese verschiedenen Bauarten zur Anschauung zu bringen, hatte der Archi« tect und Erbauer des Hauses, Regierungsbaumeifter Johannes Radke von Berlin, im Sinne, und deßhalb ging er bei dem Entwürfe des Planes bis in die Zeit der Frührenaissance zurück, die noch einen Anklang an die Gothik hat, bei welcher
sich aber schon die Einflüsse der Renaiffance geltend machen. In verschiedenen Städten Deutschlands findet man Bauten aus jener Zeit und das Rathhaus in Rothenburg ob der Tauber wäre als das bekannteste Beispiel dieser Bauart an« zuführen. Daß sich Herr Radke nicht immer streng an die vorgeschriebenen Regeln hielt, kann man ihm nicht verdenken, da es ihm dämm zu thun war, die verschiedenen deutschen Bauarten zu illustriren, unter Anderem den deutschen Massiv« bau und Fachwerkbau der neueren Zeit. Ein modernes Gebäude ist das deutsche Haus nicht, wegen seiner originellen Bauart aber um io interessanter, zumal an Beispielen moderner Baukunst ein Ueberfluß vorhanden ist.
Das Gebäude bedeckt ein Areal von 135 bei 110 Fuß und hat in Form einer Capelle einen Anbau, der 55 bei 321/2 Fuß mißt. Die durchschnittliche Höhe betrügt 70 Fuß, die des Hauptthurmes ist 150 Fuß. Das Hauptstockwerk ist theilweise aus Stein, theilweise aus Ziegeln erbaut, die oberen Stockwerke aus Holz mit Ziegeln. Das Mauerwerk ist mit Frescomalereien reich verziert, namentlich im Innern, dessen Wandmalereien von dem aus Deutschland zu diesem Zwecke hierher berufenen Maler Max Seliger in kunstvoller Weise ausgeführt lind. Das Material, dessen sich Herr Seliger zu diesen Malereien bediente, ist Casein, d. i. eine Mischung von gewöhnlichem Käse und Kalk, welche vor anderem Material den Vorzug der Dauerhaftigkeit hat, da der in demselben enthaltene Kalk sich gleich in die Wand einfrißt. Holzton bildet die Grundfarbe der Ausschmückung, während die Figuren und andere Zeichnungen zumeist blau oder roth sind. Das „Deutsche Haus" enthält die Empfangszimmer des Reichscommiffärs Geheimerath Wermuth, die Bureaus der Beamten und daneben ausgedehnte Räumlichkeiten für bestimmte Ausstellungsgruppen, insbesondere für die Sammel« ausstellung des Buchgewerbes, die Zellstofffabrik Waldhof und die AusstellungSobjecte aus dem Gebiete der kirchlichen Kunst, welch letztere in dem eigens zu diesem Zwecke hergerichteten Capellenbau untergebracht worden sind. Zwei besondere Ab- theilungen sind in dieser Gruppe vorhanden, die eine ist der rheinischen kirchlichen Kunst, die andere der süddeutschen kirchlichen Kunst gewidmet. Damit in Verbindung steht auch die sehr reichhaltige Ausstellung von Kirchenglocken, für welche ein besonderer Bau vorhanden ist. Die Bureaus der Beamten werden einfach ausgestattet fein, wie dies in Deutschland so üblich, hingegen wird der „Parlor" des Reichs
commiffärs in Bezug aus Eleganz nichts zu wünschen übrig lassen und mit Malereien, Holzschnitzereien und Orna- mentationen anderer Art reich verziert fein. Nicht den geringsten Theil der Ausschmückung an dem Gebäude bilden die prächtigen Glasmalereien. Das Gebäude kostet 150,000 Doll, und würde weit mehr gekostet haben, hätten nicht verschiedene Industrielle und Geschäftsleute Deutschlands, von patriotischem Eifer beseelt, einen großen Theil der Einrichtung dem Reiche zum Geschenk gemacht. Manche dieser Dotationen sind Kunstwerke eigener Art und werden als solche selbst trefflich- Ausstellungsobjecte bilden. Das „Deutsche Haus" unterscheidet sich auch in der Hinsicht von den meisten anderen Gebäuden, daß es nicht blos für die Dauer der Weltausstellung berechnet, vielmehr so massiv gebaut ist, daß eS noch viele Jahre Sturm und Wetter trotzen kann. Wahrscheinlich wird die deutsche Regierung, wie mir Herr Radke mittheilte, am Schluffe der Weltausstellung den Parkcom- miffären das Gebäude zum Geschenk machen, welche es natürlich gerne annehmen werden.
lieber die deutsche Abtheilung bei der Weltausstellung in Philadelphia im Jahre 1876 ließ sich wenig Lobenswerthes sagen und ein so trefflicher Fachmann wie Rouleaux sprach mit dem seither zum geflügelten gewordenen kritischen Worte „billig und schlecht" ein scharfes aber richtiges Unheil aus. Die Scharte von damals wird Deutschland diesmal glänzend auswetzen, so glänzend, daß es jetzt schon mit ziemlicher Bestimmtheit gesagt werden kann, es wird unter allen auswärtigen Nationen die beste und reichhaltigste Ausstellung Haden. Nur Frankreich und Japan haben ähnlich große Bewilligungen für Ausstellungszwecke gemacht, wie Deutschland, nämlich ungefähr Dollar 750000, doch wird das deutsche Reich, wie mir Herr Wermuth sagte, noch eine ziemlich bedeutende Nachbewilligung machen, sodaß die von ihm verwendeten Summen nicht viel weniger als eine Million Dollars betragen werden. Als die Regierung sich entschloß, die hiesige Weltausstellung zu beschicken, that sie es mit der festen Absicht, hinter keiner anderen fremden Nation zurückzustehen, und die Energie, mit welcher sie zu Werke ging, bewies, daß es ihr auch Ernst war. Ihrem Ansporn ist es auch zuzuschreiben, daß die Be- theiligung von Industriellen aus Deutschland so groß ist, denn nicht weniger als 6000 Aussteller werden, dem osficiellen Catalog zufolge, hier fein. In allen Departements hat Deutschland eine ausgezeichnete Vertretung mit der alleinigen


