1893
Sonntag den 13. August
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Hratisbeitage: Gießener Kamilienötätter.
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seine dreißig Mark erlegt und jetzt fahndet er auf eine körperliche Ausarbeitung, die ihn möglichst wenig in Collision mit seinen Nebenmenschen und dem Gesetze bringt.
aber die politischen Beziehungen anbelangt, so glauben wir nicht, daß Oesterreich-Ungarn daran denkt, auf Bosnien und Herzegowina zu verzichten, und nicht Deutschland ist es, welches dort an seine Stelle zu treten wünscht, sondern Ruß* land will Oesterreich von der unteren Donau verdrängen. Auf den russischen Leim wird daher wohl Oesterreich-Ungarn nicht gehen, auch wenn dieser Leim mit Honig bestrichen ist. Zudem ist es aller Welt bekannt, daß der Dreibund nicht nur ein machtvolles Deutschland, sondern auch ein machtvolles Oesterreich und Italien garantirt. Welche Rollen aber Oesterreich und Italien einem übermächtigen Rußland und Frankreich gegenüber spielen würden, das lehrt wohl die Weltgeschichte unseres Jahrhunderts noch deutlich genug. Auch ist an der Vertragstreue Oesterreichs und Italiens nicht im geringsten zu zweifeln, und man wird in kurzer Zeit sehen, daß das russische und französische Ränkespiel vergeblich war. Jeder Staat hat natürliche Interessen, die er keinem anderen Staate opfern kann, und dies dürften die Franzosen in erster Linie zu ihrem Nachtheile von Rußland und Oesterreich erfahren, denn den Franzosen zu Liebe wird es weder Rußland noch Oesterreich einfallen, irgend ein staatliches Interesse preiszugeben. Vor allen Dingen muß man auch in der gegenwärtigen Lage zwischen Actionen und Demonstrationen scharf unterscheiden, und darf es als wahrscheinlich gelten, daß Rußland es besonders auf gegen Deutschland gerichtete Demon- straüonen abgesehen hat.
een Anzeigen zu btt Nachmittags für ben felienbcn Lag erscheinenden Wummer bis Bonn. 10 Nhr.
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Vermißtes*
♦ Königsberg i. Pr., 8. August. Ein schweres Eisenbahnunglück hat sich gestern früh auf dem Bahnhof Gül- denboden ereignet. Der Viehzug, der, von Königsberg kommend, um 5 Uhr früh auf Bahnhof Güldenbergen eintrifft, ist bei der Einfahrt wahrscheinlich durch falsche Weichenstellung aus ein falsches Geleise gerathen, in dem die Drehscheibe liegt, und dadurch verunglückt. Die Zugmaschine ist gleich hinter der Drehscheibe auss Feld gerathen und hat sich bis über die Räder in den Erdboden eingewühlt. Der Packwagen ist auf die Maschine gethürmt und durch die auslaufenden Wagen vollständig zersplittert worden. Desgleichen hinter dem Packwagen ein Wagen mit Remonten- die Re- monten sind theilweise gelobtet, theils schwer verletzt. Ein Wagen mit tragenden Kühen, die nach Sachsen gehen sollten, hat sich über drei andere Wagen aufgethürmt und die Kühe hängen sämmtlich zermalmt zwischen den Wagentrümmern.
M. 189 Zweites Blatt
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Weiter sind zwei Wagen zerstört, in welchen sich Gänse befanden. Im Ganzen sind zwölf Güterwagen zertrümmert. Menschen sind nicht getödtet. Verletzt sind, wie die „K. Hart. Z" meldet, der Zugführer Grabowski aus Königsberg, ein Sergeant vom Karabinierregiment aus Borna und ein Gemeiner von demselben Regiment- ersterer und letzterer ziemlich schwer. Das Locomotivpersonal hat sich durch Abspringen von der Maschine gerettet. Die „Elb. Ztg." schreibt darüber noch: Der Zugführer hat eine klaffende Schädelwunde und mehrere Quetschungen davongetragen, so daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Außerdem sind ein Unteroffizier und em Gemeiner vom Remontecommando verwundet, anscheinend nicht lebensgefährlich, während sechs weitere Personen leichtere Verletzungen erhalten haben. In dem Zuge befanden sich außer 30 litauischen, für Leipzig bestimmten Remonten mehrere Hundert Gänse und ein Transport Rindvieh. Nur wenig dürfte gerettet werden. Von den Remonten ist nur ein einziges Thier, ein prachtvoller Fuchs, völlig unverletzt geblieben- er wurde aus dem berstenden Wagen herausgeschleudert und fiel, ohne irgend welchen Schaden zu nehmen, mitten unter die Kohlen des Tenders, wo er zitternd stehen blieb. Der Sergeant wurde so glücklich beim Zusammenbruch des Wagens aus das Stoppelfeld geschleudert, daß er nur geringe Verletzungen davon getragen hat. Nebel erging cs dem Gemeinen, welcher zwischen den Trümmern blieb und recht bedenkliche Quetschungen der Gliedmaßen und des KopfeS davontrug.
* Professor Schmollet übet das Collegschwänze». Die „Tägliche Rundschau" theilt folgende Schlußansprache des Berliner Proseffors Schm oller mit: „Meine Herren, ^s bleibt mir noch übrig, den zahlreichen Herren, die bis heute meine Vorlesung mit so viel Fleiß und Aufmerksamkeit gehört haben, meinen Dank auszusprechen. Es versteht sich, daß ich diesen Dank nur auf Sie beschränke, nicht auf die yusdehne, die das Semester über geschwänzt haben und heute nur erscheinen, um sich ein Testat geben zu lassen, mit dem sie später die Examensbehörden täuschen wollen. Meine Herren. Ich bin damit weit entfernt, Jeden tadeln zu wollen, der Vorlesungen schwänzt. Vor Allem die älteren und fleißigen Leute, in denen ein lebendiger WissenStrieb erwacht ist, die viel lesen, zu Hause arbeiten, sie können oft ihre Zett besser verwenden, als zum Hören von Collegien. Was mich schmerzt, ist nur die Thatsache, daß so viele Studirende zwei bis drei Jahre überhaupt nichts thun, nichts lernen, als Bummeln und Faulenzen. Ich habe auch gar nichts dagegen, daß die
Russisches und französisches Ränkespiel gegen den Dreibund.
Daß der Dreibund und die hervorragende Machtstellung des deutschen Reiches den Franzosen und Raffen ein Dorn im Auge sind, und daß sie deshalb keine Gelegenheit ver- >Lumen, um den Dreibund zu erschüttern, das ist offenes politisches Geheimniß und der Schlüssel zu der eigenthümlichen Lgc Europas. Es ist daher nur natürlich, daß die Ruffen wie Franzosen theils versteckt, theils offen jebe Gelegenheit „greifen, um bie Festigkeit des Dreibundes zu untergraben und Oesterreich-Ungarn von Deutschlands Seite abzudrängen. Ganz besonders günstig für diese Pläne erscheint nun offenbar den Russen die jetzige Zeit, wo der deutsch-russische Zollkrieg entbrannt ist und vielfach eine Verschlimmerung der deutsch- russischen Beziehungen befürchtet wird. In dieser kritischen Situation hat es Rußland auf einmal für gut befunden, Oesterreich - Ungarn gegenüber ein sehr freundliches Gesicht zu zeigen und den Oesterreichern und Ungarn einen sehr vortheil- bosten Handelsvertrag aus Grund der Meistbegünstigung auzubieten. Gleichzeitig kommt aber auch aus Petersburg die Nachricht, daß die russische Regierung sich entschlossen habe, im Mittelmeere ein ständiges Geschwader von Kriegsschiffen zu unterhalten. Dieses russische Geschwader soll nur offenbar eine Unterstützung Frankreichs in seiner Mittelmeerstellung und eine Demonstration gegen Italien bedeuten.
Da müßte es wohl sonderbar zugehen, wenn die Franzosen aus einer solchen Lage nicht die schadenfrohe Hoffnung ziehen würden, daß die Tage des jetzigen Dreibundes gezählt seien, uud daß demnächst ein anderer Bund anS Licht treten werde, womit natürlich gesagt sein soll, daß Oesterreich-Ungarn itn Bigriffe stehe, in das russisch-französische Lager überzugehen. Selbst ein sehr ernstes französisches Blatt, der „Temps , h»lt den Augenblick für gekommen, wo mit Erfolg Mißtrauen zwischen den Dreibundsmächten gesäet werden könnte. Dieser Gedanke ist nicht neu und gewiß ist es die Pflicht der deutschen Regierung, in dieser Hinsicht die Augen offen zu haben, aber der „Temps" urtheilt doch vorschnell, wenn er meint, in Deutschland sei bereits allgemein die Empfindung verbreitet, daß der Zollkrieg, in welchen man sich begeben, die noth- wendige Einleitung zum gänzlichen Verfall der deutsch-russischen Beziehungen und der letztere nur noch eine Frage der Zeit sei. Man erwartet in Deutschland vielmehr von dem aufgezwungenen Zollkriege eine gerade entgegengesetzte Wirkung, denn auch Rußland wird die Schäden deö Zollkrieges empfinden. Was
Humoristisches.
» Emern Professor in der Sommerfrische ist jüngst folgendes Abenteuer zugestoßen: Ist da mit Beginn der Ferien ein Philologe ins Gebirge gegangen, weil das Herz in Folge „sitzender Lebensweise" etliches Fett angesetzt hat. Der Hausarzt sagt ihm beim Abschied, daß Spazierengehen und Bergsteigen allein nicht helfen würden, er müffe auch für sonstige Ausarbeitung des Körpers Sorge tragen. Der Profeffor läßt sich in einem Dorfe des Unterharzes nieder und sinnt auf die anempsohlene körperliche Ausarbeitung. Er sieht, daß der Gartenzaun seines Hauses eine Auffrischung roobl vertragen kann und erbietet sich, ihn höchsteigenhändig selbst anzustreichen. Aber er hat die Arbeit unterschätzt- das verdammte Bücken bringt ihm einen Hexenschuß ein — bei der fünften Latte muß er striken. Als er sich erholt hat, grübelt er nach neuer Ausarbeitung. Da fällt ihm ein, daß der Kaiser von Rußland zu eben diesem Zweck Holz zu hacken pflegt. Ergo vertauscht er den Pinsel mit der Axt und beginnt die kaiserliche Kunst. Aber auch das hat seine Schwierigkeiten. Während die Kinder seiner Wirthin bewundernd um ihn Herumstehen, trifft er ein Stück Holz flach und das Scheit fliegt einem Jungen an den Kopf, daß der Kleine eine Abfuhr davonträgt, wie ein alter Corpsstudent. Selbst- oerständlich wird das gefährliche Geschäft sofort ausgesteckt und der Philologe befindet sich in neuer Verzweiflung. Da machte er eines Tages einen Ausflug nach dem nächsten Dorfe, daS auf einem Hügel liegt. Unterwegs sieht er eine Harzer Holzwaarenhändlerin vor sich, die unter einem mit Löffeln, Kellen, Bürsten u. s. w. gefüllten Tragkorb keucht. „Halt," denkt der Profeffor, „das ist so etwas für Dich." Das Mädchen ist nicht schlecht erfreut, als der stattliche Herr sich ihr anbietet, den Korb bis zur Kirche zu tragen. Er wird auf den Rücken des Proseffors geladen und das Mädchen setzt sich an den Waldrand, um ein bischen auszuruhen und Hann nachzukommen. Der Profeffor schwankt vorwärts- das ift eine wirkliche Ausarbeitung des ganzen Körpers. Der
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• Der erste Liebesbrief. Der bildhübschen Wiener Fabrikantentochter Hermine R., die zum ersten Male lange Kleider tragen darf und sich mit ihren Eltern in der Sommer- frische befindet, hat der stattliche Ingenieur Adolph M. es angethan. Hermine träumt bereits von Zukunftsgluck. Aber er war Anfangs wie von Holz und wollte die schmachtenden Blicke Herminens nicht bemerken. Freilich war er vom vorigen Jahr her noch gewöhnt, Hermine als Kind zu betrachten — aber heuer trug sie schon ein langes Kleid und benahm sich wie eine große Dame. Nein, diese Indolenz Adolph's ’ mußte die kleine Kokette empören. Sie meinte heimlich. Endlich aber sah. er sie doch an, er nickte ihr einen freundlichen Gruß zu. Hermine war entzückt und konnte sich nicht zurückhalten, diesem Entzücken in einem vier Seiten langen Liebesbriefe Ausdruck zu geben. Wer sollte den Brief jedoch besorgen? Das Stubenmädchen. Hermine gab der Botin aus ihren Ersparniffen ein gutes Douceur und erwartete mit Schmerzen die Antwort auf ihr Schreiben. O, welche Wonne mußte es sein, von seiner Hand geschrieben zu lesen: „Ich bete Sie schon lange an, Fräulein Hermine! . . . und: „—verbleibe ihr bis in den Tod getreuer Adolph
." Endlich kam das Stubenmädchen mit — einem Briefe. Hermine erzitterte. Sie eilte in ihr Gemach und sperrte sich ein. Mit pochendem Herzen öffnete sie das Schreiben und las zu ihrem Entsetzen: „Wenn Sie mir nochmals einen Liebesbrief schreiben sollten, Sie Fratz, dann werde ich es Ihrem Papa sagen. - Adolph M."-Hermine vergoß bittere Thränen - sie sah den Ingenieur nicht mehr an, haßte ihn, weil sie nämlich nicht wußte, daß das Stuben- mädchen den Liebesbrief der — Mama gegeben und diese die abkühlende Antwort darauf veranlaßt hatte.
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Schweiß rieselt nur so von der Stirn hernieder. Da komm: I ihm ein Gensdarm entgegen, der ihn mit ungeheuchelter Ver- I wunderung betrachtet. „Na, wo wollen Sie denn hin?" fragt der Gensdarm. „Nach dem Dorfe," antwortet der Professor stolz. „Wollen Sie denn die Sachen verkaufen?"
Natürlich!" „Zeigen Sie doch mal." Der Profeffor setzt den Korb ab und ist höchlichst belustigt, vielleicht noch em Geschäft für das Mädchen machen zu können. ~„2BaS kostet diese Bürste?" fragt der Gensdarm. „Weil Sie es find," sagt der Professor gemüthlich, — „dreißig Pfennige." Der Gensdarm lacht, zieht den Geldbeutel und zahlt den Betrag. „So," sagt er, „nun zeigen Sie mir doch mal Ihren Gewerbeschein." „Den können Sie sich da unten von dem Mädchen zeigen lassen," lacht der Profeffor harmlos. „Ne/' sagt der Gensdarm, „die geht mich nichts an, Sie haben ja die Sachen verkauft." „So, ja, schon gut, nun gehen Sie nur, Sie haben einen billigen Kauf gemacht, sagt der Profeffor, immer noch nichts ahnend. „Lieber Herr, es hilft Ihnen nichts, ich mache keinen Scherz mit Ihnen, Sie zeigen mir Ihren Schein oder folgen mir zum Schulzen. „Der Teufel soll Ihnen folgen," ruft der Profeffor wüthend, „lassen Sie mich mit Ihren Albernheiten in Ruhe! Aber der Gensdarm bleibt bei seiner Forderung, ruft das Mädchen herbei und packt ihr den Korb auf die Schultern und zieht mit den beiden nach dem Schulzenamt. Den Professor hat eine gelinde Raserei erfaßt. „Sie werden einen Wischer bekommen," ruft er, „der sich gewaschen haben soll! „Pst, pst", mahnt der Gensdarm, „wenn Sie mich beleidigen, muß ich Sie ins Spritzenhaus sperren." Sie kommen im Schulzenamt an und der Gensdarm erstattet seinen Rapport. „Können Sie sich legitimiren?" fragt der Schulze den Pro effor. Dieser hat glücklicherweise ein Papier bei sich und überliefert es in grimmigem Zorn dem Dorftyrannen. „Es ist gut, sagt dieser, „wollen Sie die Strafe gleich bezahlen oder sollen wir Ihnen den Strafbefehl ins Haus schicken ? „Aber begreifen Sie denn nicht, daß die ganze Verkaufsgeschichte nur ein Spaß war?" „Na," sagt der Schulze, „Spässe sind xm Gesetze nicht vorgesehen." Kurz und gut: der Professor hat
ZMchener Anzeigers
Kmerat-Wnzeiger.
Amts« unb Anzeigeblatt für den "Kreis Gießen.__


