Ausgabe 
13.6.1893 Zweites Blatt
 
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1893

Nr. 136 Zweites Statt

Bierttljähsiarr

Zlnrts- und Anzeigeblntt für den Tkreis Gieren

Qu benebelt durch die Ferber'sche Univ.-Buchhandlung I in Siehrn.

Tierleben

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Dienstag den 13. Juni

Bringeriohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.

Rebaction, Expedition und Druckerei.:

KchulftratzeKr.?. Fernsprecher 51.

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Der Giessener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag«.

Die Gießener Ilamtkieu b kalter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal dngelegt.

hält' i g'schworen, daß der Toni einen Gemsbock g'wildert hat, aber so thul man einem Menschen oft Unrecht." Toni aber hielt sich die Seiten vor Lachen, denn der Forstgehilse hatte die ganze Zeit den Gemsbock gewiegt. Toni hatte natürlich den Förster gleichfalls bemerkt und zu Hause angelangt das erlegte Wild rasch entschlossen in die eben leere Wiege gelegt und sein säuberlich zu- gedeckt.

* Eine Engelmacherin. Die Lodzer Polizei durchsuchte aus eine Denunciation hin, daß in der Wohnung der Lumpen­händlerin Wilczynska Tag und Nacht daS Wimmern und Stöhnen kleiner Kinder zu hören sei, die Wohnung jenes Weibes und fand auf verfaultem Stroh in entsetzlich verwahrlostem Zustande vier kleine halbverhungerte Kinder, die zu Sceletteu abgemagert waren. In derselben finstern Kammer befand sich unter Lumpen versteckt eine halbverweste Kindesleiche. Die Engelmacherin ist bereits gesanglich eingezogen. Die Untersuchung ergab bis jetzt, daß die Wilczynska im Geheimen kleine Kinder auf Feldern usw. begraben hatte. Bei mehreren dieser Kinder fand man bei der Section im Munde Sand und Erde vor, woraus man schließen will, daß das entmenschte Weib ihre Opfer noch lebend begrub.

* Ein rührender Fall von Mutterliebe bei Thiereu wurde jüngst bei einem Feuer im Dorfe Pohnsdorf nahe bet Lübeck beobachtet: Auf einem der Bauernhäuser hatte ein Storchenpaar sein Nest ausgeschlagen und in demselben war auch schon eine Anzahl Junge, welche indessen das Nest noch nicht verlaffen konnten. Das Haus stand bereits in Flammen, als die Störchin mit großem Lärm sich ihrem Wohnorte näherte und nachdem sie mehrmals das Nest umkreist und das jedenfalls vergebliche Bemühen, ihre Jungen zu retten, erkannt hatte, ließ sich das Thier mit ausgebreiteten Flügeln auf das Nest nieder und kam mit ihren Jungen in den Flammen um. Auch der Storch, der nicht lange nachher sein Nest aufsuchte das Dach war indeß bereits schon ein­gestürzt verbrannte sich arg die Flügel, wurde indeß von der Brandstelle vertrieben. Jetzt, nach 14tägiger Trauer­zeit, ist der Storch, nachdem er zunächst einige Tage allem in der Nähe Lübecks gehaust, an der Seite einer neuen Gattin, | trotz seiner verbrannten Flügel, eifrigst beim Nestbau be- l griffen.

* Bom Gouvernement in Kamerun sind neuerdings zwei Proben von Kaffee eingereicht, die den Anpflanzungen auf der Yaunde-Sxation ent lommen, sind. Bei der Prüfung der Proben hat sich ergeben, daß die eine Sorte afrikanisches Naturproduct von etwas herbem Geschmack ist, der bei fort«

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Feuilleton.

Der Selbstmörder.

Eine erschreckliche Geschichte mit vergnüglichem AuSgange von HanS Merian.

(2. Fortsetzung.)

Hier in DribSdrill aber war alles so hübsch und gemüth« lich, da merkte man gar nichts von der berühmten socialen Frage. Im Ueberfluß lebten sie ja allerdings nicht, weder die Ackerbürger noch die kleinen Handwerker, aber jeder hatte doch sein bescheidenes Auskommen und eigentliche Ortsarme gab eS nur zwei. Die wohnten zusammen im Spritzenhause, wurden reihum von den Bürgern beköstigt und erfüllten ihren Daseinszweck redlich dadurch, daß sie dem Herrn Pfarrer allsonntäglich Gelegenheit zu den schönsten und rührendsten Vergleichen gaben. Außerdem war noch ein aotorischer Stadt- lump vorhanden, man nannte ihn den rothen Peter, der sich betrunken in den Gossen herumwälzte, allerlei Scandal ver­ursachte und von Zeit zu Zeit arretirt werden mußte. Dieser biente außerdem, daß er das Gesammtbild des Städtchens angenehm ergänzte und abrundete, vornehmlich dazu, den ^Wachtmeister- Schnapper und die beiden ihm untergebenen Stadtwächter stets in Athem zu halten und leistete so nach ber übereinstimmenden Ansicht aller Gutgesinnten auf höchst einfache und zweckmäßige Weise dasselbe, was man anderswo Lurch complicirte und höchst kostspielige Wächtercontroluhren zu erreichen sucht: er hielt das Auge des Gesetzes wach und sorgte so im eigentlichsten Sinne für die Sicherheit von Stadt mnb Bürgerschaft. So war also alles aufs Schönste und Beste bestellt und die guten Dribsdriller hatten gar nicht begreifen können, was dieser neue Bürgermeister, dieserFremde", Lieser unruhige Kopf mit seinen Reformen eigentlich wollte. Der Bürgermeister konnte anfangen und anregen, waS er mochte, es blieb deßhald in DribSdrill doch alles hübsch »eim Alten.

So standen also die Dinge, und Nudelbacher wußte recht

vermischter.

* Freiburg i. »., 9. Juni. Aus Anlaß der großen Futterno th unternahmen die Einwohner von Allman nS- weter in einer Stärke von 30 Manu förmliche Raubzüge in die Kippenheimer Waldungen. Es kam zu mehrfachen Zusammenstößen mit dem Forstpersonal, welches der lieber« macht unterlag. Endlich konnten vier Berhastungen vor­genommen werden.

Ingolstadt, 5. Juni. Das hiesige Bezirksamt zeigt sich sehr besorgt um die nothleidende Landwirthschast; es gibt bekannt, daß wegen der Feldarbetten und im Hinblick aus die steten Klagen Über schlechte Zeiten während der Monate Juni biß September einschließlich keine Tanz­musik-Bewilligung ertheilt wird.

Rom, 9. Juni. Graf Guido Castello ui tritt heute eine Fußtour über Triest, Tobolsk, Behringstraße, San FranziSco nach BuenoS-AyreS an.

Bon Wildschützen im bayerischen Hochgebirge weiß Joseph Kreitlhuber in derPost" Mancherlei zu erzählen. ES fehlt dem wilden Wildschützenlcben auch nicht an komischen Zwischenfällen. Ein Heidenjux ist es z. B., wenn eS dem Wilderer gelingt, den Jäger hinterS Licht zu führen, und das trifft nicht selten zu. Einmal bemerkte der Förster, eS war in der Gegend von Lenggries, einen Bauern, der schon lange im Verdachte stand, ein arger Wildschütz zu sein, wie er eben einen starken Gemsbock von der Benediktenbank herab in sein HauS trug. Spornstreichs eilte der Förster mit seinem Ge­hilfen in daS HauS des Bauern, den er jedoch an der Wiege des mit einem dichten Schleier verdeckten kleinen Kindes an« traf. Etwas überrascht, wie es möglich sei, daß der Bauer schon zu Hause wäre, da doch noch keine halbe Stunde ver­gangen war, stellte er denschwarzen Toni", so hieß man den Bauern allgemein, zur Rede über sein Wildern, aber Toni that sehr verwundert darüber, wie man solchen Verdacht auf ihn werfen könne, und erklärte sich sofort bereit, mit dem Jäger die Haussuchung vorzunehmen, wenn der Forst- gehilfe inzwischen auf das Kind Acht gebe:'S ist alleweil kränklich", fügte er erläuternd hinzu. Jeder Winkel wurde aufmerksam durchsucht, aber trotz langen Suchens nicht die geringste verdächtige Spur gefunden, so daß der Förster sich endlich kopfschüttelnd entfernte. Unter der Thüre sagte der Toni noch zum Forstgehilfen mit der unschuldigsten Miene der Welt:I bedank' mich, daß's so acht geben hat'S aufs Kind, b'hüt' Enk Gott." AlS der Förster eine Strecke weit gegangen war, meinte er zum Gehilfen:Bei allen Heiligen

Volks- und Schulausgabe

vnn Richard Schmidtlein.

wohl, wem er das Scheitern seiner kühnen Plane und Hoff­nungen zu danken hatte, Niemand anders als dem alten Rippenschneider imblauen Storchen", der überall der Erste war, wo eS galt, dem Bürgermeister Opposition zu machen, und der es vortrefflich verstand, Rath und Bürgerschaft stets nach seiner Meinung zu lenken. Es schien ihm ordentlich Spaß zu machen, alle Herzenswünsche des Stadtoberhauptes zu durchkreuzen und die guten Dribsdriller folgten ihrem Bierspender wie die Heerde dem Leithammel, nicht Nudel­bacher, sondern er, der schlaue Gastwirth, war der eigentliche Beherrscher der Stadt. Wie sehr dies den Bürgermeister kränken mußte, ist leicht verständlich, und seine Abneigung gegen den Besitzer desblauen Storchen" und alles, waS mit ihm zusammenhing, wurde dadurch, daß er gezwungen war, seiner Stellung zuliebe allabendlich mit den Honoratioren des Ortes bei seinem Widersacher zu verkehren, nur um so größer. . . , .

Und nun war gar dieser Rippenschnetder junior wieder aufgetaucht, dieser hochnäsige Bursche, und Kränzchen, fein eigenes Kind, hatte chn in so unzarter Weise an den neu* gebackenen Assessor und sein wohlbestandenes Examen erinnern müssen. Dazu noch diese verhaßte Liebesgeschichte!

Deßwegen hatte ja eben der Herr Bürgermeister heute Morgen Kopfweh. Dem ruhmvoll wiedergekehrten jungen Rippenschneider zu Ehren, der von allen Honoratioren in unpassendster Weife gefeiert wurde, hatte er, der Bürger­meister, gestern zwei Schoppen von dem abscheulichen Zinken* brau des Alten über fein gewohntes Maß trinken müffen, und nun hatte er heute die Folgen dieses unangenehmen Exzesses zu tragen. Und wie sich der Bengel dicke gethan und mit seinem Examen gebrüstet! Es war nicht zum aus­halten gewesen.

Der Herr Bürgermeister hatte nicht nur eine unüber­windliche Abneigung gegen die gesammte Familie Rippen­schneider, sondern auch gegen alle Staatsexamina, und das hatte seinen guten Grund. Diese Examina hatten gar böse in sein Leben eingegriffen. Eben weil er nicht an diesen

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gesetzter Cultur wesentlich gemindert werden dürfte. Die zweite Sorte, anscheinend von dem Samen aus einem in gutem Culturzustande befindlichen außerafrikanischen Kaffeelande gezogen, hat ein sehr guteß Aroma, ähnelt dem der central- amerikanischen Kaffees und würde sich im Preise 9095 Pf. für t/i kg stellen.

* Kühne« Bild. Unteroffizier:Donnerwetter, heißt das reiten? Der Müller hüpft ja auf seinem Gaul herum wie ein Afrikaner auf einem ungesattelten Stachelschwein!"

» Auch etwa«. Pfarrer (der feinen Küster in die nächste Ortschaft zum Sammeln für den Bau einer Kirche auSgeschickt hat):9hm, wie ist'S gegangen in dem Nest? Küster:Gut, gut, Ehrwürden, Geld gibt'S ja nicht in dem armen Ding, aber sieben Mal habe ich bei den frommen Leuten Mittagessen gekriegt."

Deutlich. Backfisch:Du hast Dich sehr gegen früher verändert, Sari!" Carl:Zu meinem Vortheil? Backfisch:Natürlich zu Deinem Vortheil. Früher brachtest Du mir jeden Tag eine Düte mit Conftct mit!"

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gefährlichen Klippen vorbeizuschiffen vermocht, hatte er die höhere Juristerei aufstecken und simpler DerwaltungSbeamter werden müffen, und so war er in dieBürgermeistercarrisre hineingerathen, die ihm bis jetzt nur Enttäuschungen gebracht.

Der Bürgermeister begann unruhig im Zimmer auf mid ab zu gehen. Plötzlich aber blieb er vor dem Schreiber stehen und sagte, auf die Uhr blickend:

Der Schnapper bleibt heute sehr lange au8; wo der nur wieder stecken mag, Siegellack?"

Auf dem Antlitz des Schreibers erschienen einige Frage­zeichen, dann schnarrte er, vor tiefster Devotion ganz in sich zusammensinkend: _

Dem Herrn Bürgermeister zu dienen ich weiß nicht . . . Es ist vielleicht . . . etwas passirt"

Ach, Larifari," versetzte der Bürgermeister barsch, und dann in fast wehmüthigem Tone wie mit sich selber redend: Es passirt ja hier überhaupt nichts."

Seitdem Nudelbacher allmälig zur Einsicht gelangt war, daß für eine Thätigkeit in seinem Sinne in DribSdrill doch fein günstiger Boden war und eS ihm immer mehr zur Ge­wißheit geworden, daß man ihnOben" vergessen haben mußte, da die immer noch leise erhoffte Versetzung und Be­förderung hartnäckig auSblieb, war sein höchster Wunsch darauf gerichtet, daß irgend ein unvorhergesehenes Ereigniß eintreten möchte, eine Feuersbrunst, ein Erdbeben, ein Mord, ein Ein­bruch, kurz, irgend etwas, woran er seine eminenten Fähig­keiten betätigen unddenen da oben" zeigen könnte, was er zu leisten im Stande sei, und wie unrecht man daran tbue, einen Mann von so viel Talent, Umsicht und GefchäftS- kenntniß, kurz, einen Mann wie den Bürgermeister Nudel- bacher, in solch einem abgelegenen, weltvergessenen Erden­winkel zu vergraben. Aber ach, in dem friedlichen DribSdrill passirte nichts ^dergleichen, snicht einmal der rothe Peter war auf irgend ein anständiges Verbrechen zu trainiren, er soff nur und gröhlte. ES war zum Verzweifeln.

(Fortsetzung folgt.)

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in zweiter, gänzlich neubearbeiteter Auflage: