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SCHUTZ-MARKE
1893
Nr 161. Zweites Blatt. Mittwoch den 12. Juli
Gießener Anzeiger
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17. Juli:
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Frsnkfnrlkr Theaterbrief.
(Originalbericht für der „Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)
A Santa Lucia. — Italienische Sauger der Vergangenheit und Gegenwart. — Balletnovitäteu.
Dr. M. Das Melodram, welches in der Vormozart'scheu Epoche eine kurze Blüthezeit hatte, beginnt wieder aufzuleben, natürlich bereichert durch den Entwickelungsgang, den die Bühnenmusik inzwischen durchgemacht hat.
Pierantonio Tasca nennt seine Oper „A Santa Lucia“ geradezu ein Melodram. Von den früheren Werken deS Genres unterscheidet sich Tascas Opus schon dadurch, daß es das gesprochene Wort nicht kennt und Handlung wie Reflexion gleichmäßig durch die Musik ausdrücken läßt.
DaS fragliche Werk steht in geistigem Abhängigkeits- verhältniß zu Mascagni. Es hat für sich die Vortheile und Nachtheile dieser Thatsache, die Vortheile, welche darin bestehen, daß für den Nachfolger der neue Weg geebnet ist, die Nachtheile, die sich ergeben aus den blasirten Gefühlen eines übersättigten Publikums, daS nur noch auf den Premiörenreiz reagiren möchte.
Tasca ist wie Mascagni mit seiner Musik in ein Verhältniß zu einer bereits für sich bestehenden Dichtung getreten. Was für Mascagni das realistische Drama Vergas und später die Dorfstücke Erckmann - Chatrians, sind für Tasca die Neapolitanischen Volksscenen von Goffredo Cognetti geworden, die auch das Frankfurter Publikum früher kennen gelernt hat, als die musikalische Bearbeitung. Der Titel „Am Strande Santa Lucia" legt gewisse Verpflichtungen auf, und das wollen wir gleich in erster Linie betonen: das Local- colorit, die bunt wechselnden Volksscenen am Golf von Neapel, das heiße, südliche Leben ist in den Tönen mit weicher Fülle und bestrickendem Klangreiz widergespiegelt. Das Volksgewühl nimmt denn auch in den beiden Acten einen breiten Raum ein. Schade, daß diese blendende Decorationsmusik nicht im Bunde mit einer äußerlich packenden und innerlich wahren Handlung steht. Wenn irgend etwas im Stande ist, den schlagenden Beweis zu liefern, daß die Character- entwickelung und die Klarlegung der Situation nicht an eine bestimmte Zeitdauer gekettet sind, so ist's der Vergleich der „Cavalleria" mit „A Santa Lucia“. In beiden Werken treffen wir nur die Katastrophe- hier wie dort liegt der Bühnenbegebenheit eine lange Vorgeschichte zu Grunde, aber
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der Unterschied ist der, daß in der „Bauernehre" alles klar, knapp und bestimmt dasteht, während man in Tascas „A Santa Lucia“ die Ursache der Affectausbrüche nur mangelhaft kennen lernt.
Ciccillo, ein Fischer, der Sohn des Austernverkäufers Totonno, liebt Rosella, eine brave und schöne Neapolitanerin, die mit der Santuzza Aehnlichkeit hat. Diese Neigung des jungen Fischers erregt die Eifersucht eines anderen Mädchens, Maria, welchem Ciccillo nach heimathlicher Sitte in früher Jugend verwobt wurde. Auf alle Weise versucht Maria, die Liebenden zu trennen. Endlich gelingt ihr dies, indem sie Ciccillo, der ein Jahr auf See war, nach seiner Heimkehr glauben macht, Rosella sei in ein LiebeSverhältniß zu seinem Vater Totonno getreten. Der Schutz, den dieser Rosella gewährt hat, muß zur Bekräftigung der Aussage herhalten. Als die Unschuldsbetheuerungen vergeblich sind und Rosella sich rauh und rücksichtslos von Ciccillo zurückgestoßen sieht, sucht sie in den Meereswellen Befreiung von ihrer Qual. Ciccillo stürzt ihr nach, bringt sie noch lebend ans Ufer, und ehe ihre Lippen für immer sich schließen, hauchen sie ihm die Worte: „Es ist nicht wahr!" zu.
Wäre nicht die farbenreiche, lebensprühende Musik, vor allem der moderne Orchesterapparat, der für die Affecten- sprache daS ist, was für die feinen Seelenschwingungen die Instrumentation der alten klassischen Schule, nichts würde uns veranlassen oder nöthigen, für das Tasca'sche Melodram das Beiwort „realistisch" in Anspruch zu nehmen. Das Libretto zu Verdis „Trovatore" ist genau so realistisch.
Es kommt noch etwas anderes hinzu: die Mitwirkung italienischer Sänger. Zur Zeit steht Italien in Sachen des musikalischen Geschmackes wieder obenan. Vor 10 Jahren noch hätte man es nicht geglaubt, daß auf die Herrschaft Wagners wieder ein romanisches Volk tonangebend werden sollte. In der Glanzepoche der Oper, die wesentlich ein Luxusinstitut der Höfe war, überflutheten italienische Sänger ganz Europa- sie machten gut und schlecht Wetter in der musikalischen Kunst. Wer als Operncomponist Erfolg haben wollte, mußte zuerst ihnen zu gefallen suchen. Was haben Hasse und Mozart unter den Anmaßungen dieser Koryphäen nicht alles leiden müssen!
Dieses Hervortreten auf Kosten des Kunstwerks hat jetzt einem verständniß- und pietätvollen Aufgehen in dasselbe Platz gemacht, und wiederum sind es Romanen, welche das euro« päische Publikum mit diesem neuen Stil überraschen. Francesco d'Andrade, die Prevosti und nicht zuletzt iGemma Bellincioni, die kürzlich die Frankfurter ent- | zückte, liefern uns den Beweis, daß auch noch außerhalb des
Wagner'schen Musikdramas eine Einheit von Ton und Wort, ein Zusammengehen von Spiel und Gesang möglich ist.
Die Rosella der Bellincioni in der TaSca'schen Oper ist die echte Neapolitanerin, beileibe keine Costüm- italienerin. Ihr Gebühren, ihre Art zu gehen, sich zu bewegen, ist natürlich und entbehrt dabei nicht der Grazie. Die „Carmen" giebt sich auch als eine Leistung, die man nicht vergißt, sobald man sie einmal gesehen hat. Wir kennen Darstellerinnen der Bizet'schen Heldin, sowohl deutschen, wie wälschen Schlages, die sich noch weit ungezwungener, weit nonchalanter, wenn man das Schlagwort „naturalistischer" will, geben, aber keine, die durch einen weit geringeren Aufwand von Aeußerlichkeiten einen solchen zwingenden Totaleindruck erzielt.
Die Carmen der Bellincioni ist ganz Characterbild, die Anlage hat nichts Theatralisches. Die Zigeunerin, die in der Regel so ausschaut, daß sie ohne Weiteres in dem tableau vivant eines Wohlthätigkeit-Bazars Mitwirken könnte und welche der Typus der Durchschnittscarmen ist, kommt in der Leistung der Italienerin nicht zum Vorschein. Auch die sogenannte „Steigerung" fehlt ihrer Auffassung. Sie steigert in der Durchführung der Partie so wenig wie das Prosgen Merimäe in seinem Roman „Carmen" gethan hat, der für das Bizet'sche Librettto die Vorlage war- sie gibt jedem Acte die ihm zukommende Atmosphäre.
Lange nicht so bedeutend wirkte der Partner der Bellm- cioni, Signor Roberto Stagno, der das eine Mal den Ciccillo, das andere Mal den Don Josö sang. Glücklicherweise wird seine Fähigkeit, zu characterisiren, von seiner Kunst, zu singen, übertroffen. Von letzterer ist man so entzückt, daß man die Mängel der ersteren gern übersieht. Der Signor gebietet über einen herrlichen, unverfälschten Naturtenor, dem er die höchsten Anstrengungen zumuthen darf.
Das Ballet tritt gegenwärtig auch in eine neue Aera, eine neue Entwickelungsstufe. Es nimmt Gedanken auf. Die Tage der großen eltctrotechnischen Ausstellung in Frankfurt vor zwei Jahren ließen uns das zuerst erkennen. Im Ausstellungstheater gab man damals „Pandora", ein Ballet, das die Wunder der electrischen und magnetischen Ströme illustrirte, und im Opernhause wurde „Ex celsior" aufgeführt, eine Pantomime mit eingeschalteten Monologen und Dialogen, die den Sieg des Lichtes über die Finsterniß verherrlichte. •
Augenblicklich ist eine große Ballethumoreske „Flick und Flock" von Paul Taglioni mit dem Schlußacte von Manzot^s „Amor" in Vorbereitung. Darüber berichte ich Ihnen im nächsten Briefe.
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