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12/03/1893 Drittes Blatt
 
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Rr. 61 Drittes Blatt. Sonntag den 12. März 1893

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politische Wochenschau.

Sietzen, den 11. März 1893.

In der verflossenen Woche sind die Verhandlungen der Militärcommission wiederum in den Vordergrund des politischen Interesses gerückt. Zur Berathung standen zunächst die 173 neuen Infanterie-Bataillone, welche nach der Vorlage einen Bestand von je 195 Mann erhalten und als vierte Bataillone den bestehenden 173 Infanterie-Regi­mentern zugetheilt werden sollen. Ihr Zweck ist ein doppelter. Im Frieden sollen sie zunächst alle diejenigen Mannschaften ausbilden, welche nach einer verhältnißmäßig kurzen mili­tärischen Ausbildung zu Diensten im Bataillon oder außer­halb des Regimentes abcommandirt werden; weiterhin wären in die vierten Bataillone Rekruten einzustellen, welche den durch Tod, Invalidität und dergleichen entstehenden Abgang in den drei übrigen Bataillonen zu ersetzen hätten- und endlich würde den neuen Cadres die Ausbildung von etwa 20 Einjährigen zufallen. Von freisinniger Seite sind gegen die Pläne der Regierung gewichtige Bedenken erhoben worden. Hauptsächlich verwahrt man sich hier dagegen, daß die Ab- commandirungen zu einem völligen System erhoben werden sollen. Ganz im Gegentheil habe die Regierung die Pflicht, die zahlreichen Abcommandirungen, zu Zwecken, welche mit dem Interesse einer militärischen Ausbildung wenig oder gar nichts gemein hätten und besser von bezahlten Civilpersonen ausgeführt würden, beispielsweise zu Dienstverrichtungen in der Verwaltung, den Intendanturen, den Proviantämter, in den Festungsgefängnissen, vor allem aber zu Burschen­diensten, aus das wirklich Nothwendige zu beschränken und hierdurch die Zahl der zum Gefechtsdienst ausgebildeten Mannschaften zugleich ganz beträchtlich zu vermehren. Was den Ersatz des Abganges in den drei Bataillonen anlangt, welcher etwa 77 Köpfe im Jahre beträgt, so ist es bisher nicht aufgeklärt worden, wie die 22 ausgebildeten Leute, welche nach Abcommandirung der zu Diensten außerhalb Bestimmten in den vierten Bataillonen noch verbleiben And denen obenein die Ausbildung der neu eingetretenen Rekruten obliegen würde, die angegebene Zahl von Ersatzmannschasten auszubringen im Stande sein sollten. Daß schließlich die Ausbildung von 20 Einjährigen allein keinen Grund für die Errichtung der vierten Bataillone obgeben könnte, ist auf keiner Seile bestritten worden. Umsomehr glaubte man

eine besondere Bedeutung der neuen Formationen für den Fall der Mobilmachung geltend wachen zu müssen. Aber auch nach dieser Seite erscheint der Erfolg nicht zweifellos, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die vierten Bataillone sich nothgedrungen zu Rekruten-Exercierschulen entwickeln und alle Fühlung mit dem Felddienst verlieren werden. Ebenso wenig, wie die geplanten 173 neuen Bataillone, fand die geforderte Verstärkung der bestehenden Infanterie- bataillone um etwa 20000 Mann im Ganzen Zu­stimmung bei der Mehrheit der Militärcommission. Soweit die Regierung nur eine Verstärkung der Grenzbataillone ver­langte, war man allseitig bereit, ihr freie Hand zu gewähren. Nur verlangte man, daß man zur Verstärkung der Grenz­bataillone nickt die Friedenspräsenzstärke im Ganzen erhöhe, sondern die nöthigen Mannschaften den Regimentern im Innern des Landes entleihe, da schon jetzt die niedere Etats­stärke der deutschen Bataillone auf 560 Mann, also auf 110 Mann mehr als diejenige der französischen Truppen sich belaufe. Die Forderung neuer Formationen für die Specialwaffen (Fußartillerie u. s. w.) fand eine etwas günstigere Ausnahme in der Commission. Es handelt sich hier auch um geringere Kosten-Beträge. Dagegen wollte die Mehrheit von einer Verstärkung der vorhandenen Truppentheile der Specialwaffen nichts wissen. Namentlich wandte Eugen Richter gegen die geplante Ver­mehrung der Oeconomie - Handwerker ein, daß man den bürgerlichen Schneidern und Schuhmachern nicht noch in höherem Grade, als dies seither schon der Fall gewesen sei, durch die Ausdehnung des Militärhandwerkersystems den Verdienst entziehen dürfe.

In Ungarn hat eine Conferenz von Bischöfen ein Memorandum an die ungarische Regierung und an den Papst gerichtet, in dem gegen die geplante Reform der kirchen­politischen Verhältnisse scharfer Protest eingelegt wird. In Spanien haben die Neuwahlen eine bedeutende Mehrheit für das Ministerium ergeben. In Amerika hat Cleveland sein Amt nunmehr angetreten. In seiner Programmrede erklärte er, daß er keinerlei einseitige Jnteressenpolitik treiben und deshalb auf eine Ermäßigung der Schutzzölle bedacht sein werde. Zugleich sprach er die Absicht aus, das in Amerika wuchernde Unwesen der Gllnstlingswirthschaft zu beseitigen und dafür Sorge zu tragen, daß die Aemter

künftig nur nach Maßgabe der persönlichen Würdigkeit un Fähigkeit zur Vertheilung gelangen.

Cocates uttb Provinzielles.

Sieben, 11. März 1893.

Der Getreidemarkt. Auf dem deutschen Getreidemarkt scheint endlich wieder eine leichte Besserung eintreten zu wollen. Wenigstens machte sich während der abgelaufenen Berichts­woche eine etwas belebtere Stimmung im Roggengeschäfte durch vermehrte Nachfrage nach Waare geltend, infolge dessen die Preise um eine Kleinigkeit stiegen. Auch Weizen stellte sich im Preise ein wenig höher, rote in den Vorwochen, wobei die festen Notirungen vom amerikanischen Weizenmarkte offenbar mit einwirkten; doch blieben die Umsätze in dieser Waare auf den meisten Plätzen äußerst geringe. Etwas fester wie seit längerer Zeit zeigte sich fast überall auch Hafer, die Umsätze blieben indessen beschränkte. An der Berliner Productenbörse notirten: Weizen von 145 bis 157 Mk. pro 1000 Kilogramm, Roggen von 123 bis 133 Mk., Hafer von 137 bis 155 Mk., Gerste von 115 bis 175 Mk.

Viel umstritten wie der Geburtstag Homers ist auch die Geburtsstätte des. schönen Walzerliedes Lauterbach hab' i mein Strumpf verloren", denn bekanntlich giebt es eine Menge Lauterbachs im lieben Deutschen Reich. Nun ist es aber durch eingehende Ermittelungen sestgestellt worden, daß dem Kreisstädtchen Lauterbach in unserer Provinz Oberhessen der Ruhm der Erfindung dieses Walzerliedes zu- kommt. Alle anderen Lauterbachs lehnten bescheiden die Ehre ab. Keine Stadt war auch würdiger, das schöne Tanzlied zu erfinden, denn in dem hessischen Lauterbach herrschte von je eine originelle Gemüthlichkeit. Eine nachahmenswerthe Sitte, weil dadurch das Drucken von Visitenkarten überflüssig wird, war z. B., daß eine Gesellschaft ihre Spozierstöcke an einen Bürger sendete mit der höflichen Anfrage, wann man die Zeichen bürgerlicher Würde und Stütze der Beine wieder ab- holen dürfe. Die Antwort bedeutete dann die Einladung zu einem Schmause. Das war so in den sechziger Jahren, jetzt hat der Freigeist diese schöne Sitte auch weggeweht, und nur der Walzer ist geblieben, den man singt, pfeift und tanzt.

Feuilleton.

Wochenbrirse aus der Residenz.

(Originalbertcht für denGießener Anzeiger".) Darmstadt, 10. März 1893.

Darmstädter Sportslebeu. Verschiedene Baufragen. Aus der Ersten Kammer der Stände. Allerlei.

Unserem jüngsten Berichte vom Wirken der künstlerischen, wissenschaftlichen und geselligen Vereine der Residenz sollen wir heute auf einen geäußerten Wunsch hin einen solchen über die hier bestehenden Sportsvereine folgen lassen. Der Zahl der Mitglieder nach stehen hier die drei Radfahrer- Vereinigungen obenan. Da ist einmal derBicycleclub", derRadfahrverein" und der ausschließlich aus Studirenden der Technischen Hochschule bestehendeAkademische Radfahrer­verein" ; alle drei genannten Genossenschaften lassen sich die Pflege ihres schönen Sportes eifrigst angelegen sein. Der Bicycleclub hat sich im vergangenen Jahre sogar eine ge­waltig große eigene Fahr« und Rennbahn erbaut, auf der schon mancher heiße Sportskampf ausgefochten worden ist. Die Darmstädter Radfahrer erfreuen sich an auswärtigen Rennplätzen eines sehr guten Rufes, wir hatten lange Zeit einen Meisterfahrer, der die Concurrenz mit den ersten aus­ländischen Sportsgrößen nicht zu scheuen brauchte und seinem Verein in vielen Städten die ersten Preise gewonnen hat. Jetzt hat er seine Thätigkeit allerdings aufgegeben, der ge­feierte August Lehr in Frankfurt hat ihn abgelöst. Die drei Vereine wirken friedlich nebeneinander und fördern durch ihre Einhelligkeit natürlich das Gedeihen ihres Sportes am besten. Dann sorgt derFechtclub" für die Ausbildung und Pflege der von ihm vertretenen Kunst. Verschiedene öffentlich ab» gelegte Proben seiner Leistungsfähigkeit haben ihm eine hübsche Stellung und eine ansehnliche Zahl von tüchtigen Mitgliedern verschafft. Der Deutsch-Oesterreichische Alpenverem ist hier in zwei SectionenDarmstadt" undStarkenburg" ver­treten, beide zählen hervorragende Alpinisten unter ihren Mit­gliedern und werben durch wohlgclungene Monatsvorträge stets neue Freunde für die Sache der Touristik. Von den bestehenden 'Turngemeinden wurde schon in einem früheren Briefe ge­

sprochen, unsere heutige nur auf die Sportsvereine beschränkte Umschau können wir daher mit Erwähnung der Darmstädter Schloßjagdgesellschast abschließen. Diese setzt sich aus den ersten Gesellschaftskreisen zusammen und zählt auch .in den umliegenden Garnisonsstädten viele Mitglieder. Naturgemäß beschränkt sich die Veranstaltung von Parforce-, Schlepp- und Schnitzeljagden u. s. w. auf die Zeih des Spätherbstes, dann wird aber eifrigst diesem eigenartigen Vergnügen gehuldigt. Die gewünschte Aufzählung der sportlichen Vereine, die theil- roeife schon früher einmal in anderem Zusammenhänge erwähnt wurden, wäre damit erschöpft.

Verschiedene architectonische Fragen machen eben den auf Verschönerung ihrer Stadt bedachten Residenzlern viel zu schaffen. Wie wohl das neue Museum, zu dem jetzt bekanntlich der früher hier ftationirte Regierungsbaumeister Messel die Pläne entwerfen soll, einmal cruSsehen wird, darüber will noch immer nichts verlauten. Selbst die Dis- cussion über die Platzfrage ist noch nicht zur Ruhe gekommen, erst kürzlich machte em besonders kluger Mann in einer hiesigen Zeitung den Vorschlag, den Neubau vor Bessungen auszustellen (!), er meinte, die Darmstädter gingen ja doch wenig hinein und den Fremden käme es auf die Länge des WegeS nicht an. Auch über den Platz für das zu errichtende Landesdenkmal für den Höchstseligen Großherzog Ludwig IV. wird viel gestritten, doch dürste das Monument wohl sicher auf den hierzu ganz vorzüglich geeigneten Platz vor der katho­lischen Kirche zu stehen kommen, mit der Front nach der im­posanten Wilhelminenstraße zu. Der oben erwähnte Herr möchte cs in den alten Palaisgarten gestellt haben (!), also mit der Vorderseite nach der Eltsabethenstraße zu; auch ein Standpunkt! Nun, die Zeit wird auch hierfür Rath schaffen. Eine dritte Angelegenheit ähnlicher Art ist in dieser Woche entschieden worden: die neu zu bauende Victoriaschule kommt danach in den süd-östlichen Stadttheil zu stehen. Diese Wahl ist unter allen Umständen gutzuheißen, denn es soll die Sen* tralisation des Verkehrs und der ihn beeinflußenden öffent­lichen Anstalten auf einen Stadttheil ihunlichst vermieden werden, und das ist nicht mehr wie recht und billig.

Was im politischen Leben unseres Landes vor­gegangen ist, wissen Ihre Leser bereits aus den Berichten

über die Kammersitzungen. In dieser Woche waren es vor Allem zwei Debatten, die in der Ersten Kammer geführt wurden, auf die sich das Hauptinteresse concentrirte, einmal die über die Petition, betreffend die Errichtung eines Mädchen­gymnasiums, dann die Erörterung der bis zum Ueberdruß discutirtenPortugiesen - Angelegenheit". Daß die erst­erwähnte Petition keine Aussicht auf Erfolg haben werde, war vorauszusehen, vielleicht kommt die Sache in späterer Zeit einmal zur Durchführung. Das Darmstädter Publikum steht denEmancipationsgelüsten" bis jetzt aus verschiedenen Gründen großentheils kalt gegenüber. DiePortugiesen" sind jedoch schon so oft in der Presse besprochen worden, daß ich mich hüten werde, Ihre Leser damit zu behelligen.

Aus dem studentischen Leben erwähnen wir den in dieser Woche zu Ehren des scheidenden Professors Stribeck veranstalteten großen Abschieds-Commers vom Mittwoch, der wieder ganz prächtig verlief. Am Montag hatten wir eine hessische Agrarierversammlung- die nach den Zeitungsberichten sehr interessant verlaufene Generalversammlung des land- wirthschaftlichen Provinzialvereins für Starkenburg fand an diesem Tage imDarmstädter Hof" statt. Im künstlerischen Leben beanspruchte das'Gastspiel derSignorina FranzeSchina Pr evo sti hervorragendes Interesse. Die gefeierte Diva sang in VerdisTraviata" die V oletta Valery und die Lucia in Donizctt's OperLucia von Lammermoor". Signorina Prevosti ist eine Virtuosin, deren gesangliche Coloraturfertigkeit stau- nenSwerth ist. Aeußerlich von der Natur sehr wenig be­gnadet, versteht sie durch die Virtuosität ihrer Gesangstechnik zu blenden und hinzureißen. Daß das immerwährende Gastiren in detiselben Rollen ihrer wahren Künstlerschaft doch auch in mancher Beziehung geschadet hat, läßt sich dem gegen­über nicht verschweigen, es geht bei ihr gerade so, wie bei dem gefeierten Portugiesen Francesco d'Andrade. Heber die Aufführungen der Shakespear'schen Königtdcamen, die in dieser Woche mitHeinrich IV.", erster Theil, fortgesetzt wurden, berichte ich Ihren Lesern nach Abschluß des ganzen Cyclus. Auch der im letzten Briefe erwähntePolytechnikerball" kann erst das nächstemal an dieser Stelle besprochen werden, er findet morgen, am Samstag den 11. d. Mts., statt. Z.