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Siir. 266. Zweites Blatt. Samstag dev 11. November
1893
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Tie deutsch-russischen Handelsvertragsunterhandlungen.
In den nun schon wochenlang sich hinziehenden com» «Issarischen Handelsvertragsunterhandlungen zwischen Deutschland und Rußland sind kürzlich wenigstens die allgemeinen trörterungen, die sozusagen die Generaldebatte über den zu kreinbarenden Vertragsentwurf darstellten, beendigt worden. Zmiefern dieselben jedoch eine geeignete Grundlage zu einer Berftänbtgung überhaupt gegeben haben, das entzieht sich noch immer jeder sicheren Beurtheilung und es könnten darum die hierüber gebrachten theilS pessimistisch, theils optimistisch Nagenden Nachrichten nur als Muthmaßungen betrachtet »erden. Wenn aber gar Meldungen aufgetaucht sind, welche unter Anführung bestimmter Einzelheiten wisien wollten, es sei okuf der deutsch russischen Delegirtenconferenz zu Berlin in ben Hauptpunkten bereits ein gedeihliches Resultat erreicht Sarden, so hat man es hierin mit einer überaus kühnen ionjxctur zu thun, bet der lediglich der Wunsch der Vater dcS SÄedankens gewesen zu sein scheint. Die wirklich ent» Wenben Beratungen stehen eben erst noch bevor, indesien tolleri sie schon nächster Tage beginnen, wie die „Post" aus zuverlässiger Quelle erfährt, und möglicherweise wird da die Entscheidung in Sachen des deutsch-russischen Handelsvertrags rielliicht doch weit eher fallen, als bis jetzt vielfach angenommen wurde.
Jedenfalls ist es nunmehr an den Russen, sich klipp und llai über das zu erklären, was sie dem deutschen Partner an zwllpolitischen Erleichterungen und Vortheilen eigentlich zu- gestehen wollen. Denn inzwischen sind von der deutschen Negierung unter Hinzuziehung deS Zollbeiraths und der be- ruseiuen Sachverständigen auS den Kreisen des Handels und der Industrie endgiltig die Mindestforderungen Deutschlands kl Abschluß eines Handelsvertrags mit Rußland festgesetzt mb Idann sofort auch den russischen Unterhändlern mitgetheilt Sorten, letztere wissen demnach genau, woran sie sind. Es eiib versichert, daß unter dem Eindruck der harten Er- ^rumgen des Zollkrieges die deutschen Industriellen ihre ursprünglichen Forderungen bedeutend herabgemindert haben mb Im Interesse deS endlichen Zustandekommens des er» sireblren Vertrages eine anerkennenswerthe patriotische Mäßig» amg in ihren Wünschen bekundet haben. Schon bei den stühcren zollpolitischen Verhandlungen mit Rußland ist touti cherseits, so viel man hierüber hören konnte, erhebliches «Entgegenkommen bewiesen worden und das Maß desselben tyt also bei den jetzigen Unterhandlungen noch eine Erweite- iung erfahren. Man sollte meinen, daß eine solche loyale Haltung Deutschlands endlich auch Rußland zu größeren Nt nconcessionen bewegen müßte, als sie jetzt von den »isfischen Delegirten in der ersten Lesung zugestanden worden
Frankfurter Thealerbries.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
OspheuS in der Unterwelt. — Mauerblümchen. — Die Schwestern.
Dr. M. Auf den Aussterbeetat hat man die Operette nd) keineswegs gesetzt, wenngleich das ganze Genre etwas llihm gelegt und der Zuwachs, den es von Berliner und Mner Componisten empfängt, kein besonders lebens- Mfttger ist.
Der Musikschriftsteller Heinrich Ehrlich hat einmal den Mspruch gethan: „Die Operette ist der in Musik gesetzte Ge- »mchston der eleganten Welt." Betrachtet man von diesem Atsichtspunkt aus die Arbeiten eines Offenbach, Strauß, AMcker 2C., so muß man gestehen, daß der Salonton keine Neulichen Fortschritte gemacht hat. Die Gesellschaft, für tt- Offenbach schrieb, und namentlich die des zweiten Empire, mat zwar über die Maßen leicht, aber sie verstand sich auf Hü Satire und die Persiflage. Der feine Sinn für die letztere dh im starken Abnehmen begriffen. Kein Operetteneomponift fctnft: noch daran, das Publikum auf diese Weise zu fesseln. Mw sucht die Operette jetzt dadurch am Leben zu erhalten, tig man sie mit dem Dialectstück verbindet, wie das bei Mers „Vogelhändler" und in Millöckers „Verwunschenem Echlurß" der Fall ist, ober man gibt ihr ein fremdlänbisches GJclorit, wie solches im „Zigeunerbaron" geschieht. Einzig tot Unglaube* Sullivan hat sich im „Mikado" wieder auf tos satirische Moment eingelassen. Aber die Zeit- und Anstonenanspielungen, die sich hinter dem chinesischen Coftüm fetten, sind für uns Deutsche nicht so leicht verständlich. Dshalb kann man mit Recht sagen, Offenbach hat keinen Aüch 'olger gefunden, und eine Bühnenleitung ist im Recht,
sind, denn wie bestimmt verlautet, wollten sie hierbei nicht einmal den russischen Zolltarif vom Juni 1891, der ja ohnehin noch hoch genug ist, in seinem vollen Umfange wieder bewilligen. Hoffentlich kommt man aber auch auf russischer Seite zu der Einsicht, daß ein hartnäckiges Festhalten an den hochgeschraubten eigenen Forderungen abermals den Abbruch der schwebenden Verhandlungen nach sich ziehen müßte und die durch den wirthschastlichen Kampf mit dem deutschen Reiche hervorgerufene Nothlage speziell der russischen Landwirthschaft ist ja eine derartig große, daß schon die Rücksicht hierauf die russische Regierung zur Nachgiebigkeit auch ihrerseits zu bestimmen hätte.
Freilich, sollte man in den Petersburger maßgebenden Kreisen wider alles Erwarten doch auf dem einseitigen Standpunkte verharren, daß Deutschland weit mehr Rußland entgegenkommen müsse, als dies umgekehrt der Fall sei, weil ersteres wirthschaftlich auf Rußland nun einmal angewiesen sei, so wäre das Scheitern der neuen Unterhandlungen und hiermit die Fortsetzung des Zollkrieges zwischen beiden Ländern nicht mehr fraglich. Gewiß würbe man in Deutschland einen solchen Zustand schwer genug empfinden, zumal der Weitergang des Zollkampfes mit der Zeit auch auf die rein politischen Beziehungen Deutschlands zu Rußland empfindlich zurückwirken müßte. Aber schon die Rücksichten der nationalen Selbstachtung und Würde erlauben es Deutschland nicht, sich dem russischen Nachbar durch vollständige Nachgiebigkeit gegenüber dessen zollpolitischen Forderungen gewissermaßen auf Gnade und Ungnade zu überliefern und zweifellos würde die deutsche Regierung den wirthschaftlichen Kampf gegen Rußland nöthigenfalls mit noch größerem Nachdrucke zu führen wissen, als bislang. Indessen darf man wohl an der Hoffnung fest- halten, daß es doch nicht zu diesem Aeußersten kommen wird, daß sich Deutschland und Rußland vielmehr auf wirthschaft- lichem Gebiete verständigen werden, wie dies auch nur in ihrem beiderseitigen Interesse liegen würde.
Dermtfdytes*
* Oberstes». Folgendes ergötzliches Vorkommniß wird hier viel belacht: Vor einigen Tagen fanden Arbeiter beim Ausladen von Kohlen, die für das hiesige Gaswerk bestimmt waren, zwei unheimlich aussehende Körper von cylln- drischer Form, vorn spitz zulaufend. Allgemeine Verwunderung. Man überlegte hin und her, was das auch nur sein könne, bis man die volle Ueberzeugung gewann, es müßten „Dynamitpatronen" sein. Allgemeine Bestürzung darob. Die Localblätter brachten die Nachricht mit Fettschrift und als man Tags darauf einen gleich schauerlichen Fund machte, wurde die Lage kritisch. Der Vorsitzende der Gakcommission fuhr schleunigst nach Saarbrücken, um die Bergwerksdirection
wenn sie sich der Mühe der Aufführung seiner Werke unterzieht. Diese Mühe ist, selbst wenn nur halbwegs geeignete Kräfte für die Darstellung vorhanden sind, immer eine recht dankbare.
Der „Orpheus" besonders repräsentirt das Genre so glücklich, man könnte sagen klassisch, baß seine Travestie ber oberen unb unteren hellenischen Gottheiten von dem Feinschmecker noch immer mit Behagen empfunden wird. Das ist eben der Unterschied zwischen Offenbach und den Nachfolgern, daß er bei seinem Publikum eine gewisse Bildung voraussetzt. Die Strauß'sche „Fledermaus" z. B. kann das Stubenmädchen mit dem gleichen Verständniß genießen, wie ihre Herrin- die gemischteste Gesellschaft läßt sich bei dieser Kost zu Gast bitten. Der Maskenball bei dem russischen Prinzchen Orlowsky, auf welchem auch Alles bunt durcheinander wirbelt, ist gleichzeitig die getreue Widerspiegelung des Publikums, für welches man solche Stücke berechnet. Am „Orpheus" deS Offenbach jedoch hat nur der sein volles Genügen, dem bei Anschauen der Parodie die klassischen ReminiScenzen zu Hilfe kommen!
Die Besetzung in Frankfurt war folgende: Herr Grün (Jupiter), Frau Freund (Juno), Herr Felix (Pluto), Herr Hauck (Hans Styx). Die Eurydike gab Frl. Gisella Fischer unb Herr Schwarz vertrat den „Musiklehrer" Orpheus. Unter den Beherrschern des Olymp ist noch die Venus des Frl. Jenny Fischer unb die Diana des Frl. Blätterbauer zu erwähnen.
Die musikalische Leitung befand sich in den Händen des Herrn Herz.
Mit dem „Mauerblümchen" von Blumenthal und Sabelburg hat sich die Direction des Stadttheaters ein Zug- und Kassenstück geleistet, das lediglich nur als solches in Frage kommt und im Uebrigen weder Gemüth noch Verstand in I Aufregung und Anstrengung versetzt.
zu strenger Untersuchung zu veranlassen unb unter ben größten Vorsichtsmaßregeln wurden die „Dynamitpatronen" in sicheren Gewahrsam gebracht. Mit Argusaugen wurde jede Schaufel voll Kohlen betrachtet, ehe sie ihre Verwendung fand, bis gestern ein Beamter der Bergwerksdirection hier eintraf unb Männlein und Weiblein durch seinen Befund beruhigte. Vorsichtig und langsam wurden dem Beamten die drei vorgefundenen — Bogenlichtkohlen vorgelegt, als welche sie der Beamte aus den ersten Blick erkannte. Man athmet nun wieder etwas leichter. Frkf. Ztg.
* Kassel, 9. November. Der Zuchthäusler Bierman n, der vor Kurzem aus dem hiesigen Zuchthause entsprang unb trotz ber Gewehrschüsse des Postens scheinbar entkam, ist al» Leiche im Fuldafluß gelänbet. Er ist vom Posten angeschossen worben unb hat bann den Tob in ben Wellen gefunden.
* Prehburg, 8. November. Der in den Hannoverschen Spieler- und Wucherproceß verwickelte Bankier Lichtner, der sich aus Deutschland flüchtete, ist heute hier nach Verständigung mit der Wiener Polizei in der Wohnung seines Schwagers verhaftet und dem Gericht eingeliefert worden. Seine Auslieferung nach Wien und dann an die deutschen Behörden dürfte ehestens stattfinden.
* In gräßlicher Weise entleibt hat sich ber Arbeiter Hermann Stock in ber Leimbach bei Siegen. Wie den Um« ständen nach anzunehmen ist, setzte er sich auf den Rand seines Bettes, nahm eine Dynamitpatrone in den Mund und brachte diese zur Explosion. DaS Zimmer sand man über und über mit Theilen des zerschmetterten Kopfes bespritzt, auch der linke Arm des Selbstmörders war zerrissen und das Bett durch die Gewalt des Schusses stark in Mitleidenschaft gezogen.
Citeratur unfc Knnft
- 3Une literarische »llitter. Zeitschrift für Freunde zeitgenössischer Literatur. Herausgegeben von Franziskus Hähnel. Bremen. Verlag von I. Kühlmanns Buchhandlung (Gustav Winter). II. Jahrgang, Nr. 1 und 2. Preis jährlich 3 Mk., monatlich eine Nummer. Diese vorzüglich auSgestattete Zeitschrift will in den weitesten Kreisen ein literarisches Interesse wachrusen helfen unb etnm Ueberbltck über das literarische Schaffen der Gegenwart geben. Die uns vorliegenden Nummern entsprechen vollkommen diesem Zwecke; es sollte daher kein Ltteraturfreund — und welcher Gebildete wäre das nicht? — versäumen, die genannte Zeitschrift zu lesen.
— Von der VolkSschrtst »Einige» Shristerrthum- »ur Unterstützung der Bestrebungen M. v. EgidyS, vierteljährlich herauS- gegeben von Professor Lehmann-Hohenberg in Kiel, ist Heft 5 soeben erschienen und durch jede Buchhandlung für 50 Pfg. erhältlich. Es geht durch alle Ausführungen des Heftes der eine Gedanke hindurch, daß nicht durch rohe Gewalt, nicht durch Uebersttmmen von Minoritäten ein veredeltes Menschenthum erreicht werden kann, sondern daß die sociale Frage eine sttlliche Frage ist. Wir Alle müssen zu einer religiös sittlichen Erneuerung unteres Denkens und Wollens gelangen.
Der geistvolle Theaterrecensent der „Frankfurter Zeitung", Dr. F. Mamroth, trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er der Besprechung des „Mauerblümchen" die einleitenden Worte voranschickt: „Seit die älteren Firmen fast sämmtlich liquidirt und die Herren Blumenthal und Kadelburg die sub- misfionsweise Lieferung eines größeren Quantums gangbaren LachstoffS für den Saisonbedarf des deutschen Theaters übernommen haben, ist in das dramatische Herbstgeschäft eine gewisse Stabilität gekommen. Alljährlich um die gleiche Zeit versendet das Haus an die Bühnen jeder Entfernung einen 5 Kilo-Korb seines neuesten Artikels und zeigt sich, was die Qualität der Arbeit, den Geschmack der Dessins und die Waschechtheit der Farben betrifft, ungleich leistungs- und absatzfähiger als seine Vorgänger mit ihrem weniger rationellen Maschinenbetrieb."
Das Schauspiel „Die Schwestern" von EmilClaar, das jetzt auch wieder auf dem Repertoire steht und im Laufe eines Jahres auf ben angesehensten deutschen Bühnen die Feuer- und Wasserprobe bestanden hat, d. h. vom Publikum dankbar und von der Kritik wohlwollend ausgenommen worden ist — dieses Schauspiel verräth Sinn und Talent für die feineren, abgetönteren Stimmungen der Bauernfeld'fchen Schule. Die groben, äußerlichen Schwankeffecte sind gänzlich vermieden. Daß ber Leiter des Frankfurter Kunstinstituts ein echter Dichter ist, hat er uns in einem Bande lyrischer Poesie, der sich mit den warmen und formvollendeten Erzeugnissen der Fitger'schen und Heyse'schen Muse getrost vergleichen läßt, deutlich bewiesen. Vielmehr ist es ihm vergönnt, auch noch einmal als Dramatiker ein Wort zu sprechen, das über den flüchtigen Lärm des Tages hinausreicht.


