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1883
Samstag Den 11. Februar
Nr 36 Erstes Blatt
Der Giess,«er Zvzetger ftfd)<int täglich, eit Ausnahme deS Montag».
Dir Gießener ya*tn<*ir4(t<r »erden dem Anzeiger »Kcheutlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
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Durch die Poft bezog«» 2 Mark 50 Pfg.
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Hratisöntage: Gießener Jamilienblätter
Amtlicher' Ther!
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unter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den falgendm Tag erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr.
Sprache geführt, habe man begonnen, den Forderungen der Arbeiter etwas näher zu treten. Was man den Arbeitern als eine Gnade gewähre, hätten dieselben mit Recht zu fordern. Die Fabriktnspectoren eien zum Schutze der Arbeiter, nicht der Unternehmer da. Damit werde das Jnspectorat selbst nicht angegriffen, sondern gestützt. Die Vorkehrungen gegen Unfälle reichten nicht aus.
Nach längerer Debatte, in welcher die Socialdemokraten bestreiten, daß sie die letzten Bergarbeiterstrikes unterstützt haben, wird dieser Gegenstand verlassen. _ £ x .
Aus eine Anregung des Abg. Samhammer (dsr.) erklärt Staattzsecretär v. Bötticher, ein von der Regierung eingeholtes Gutachten spreche sich für Verlängerung der Schutzfrist für photographische Erzeugnisse aus, halte aber eine nähere Feststellung der Bedürfnißfrage für nöthtg.
Weiterberatbung morgen 1 Uhr.
sein lassen.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) führt aus, daß die Aufnahme von Strafbestimmungen in die Arbeitsordnungen in manchen Fällen geradezu durch Disciplin und Humanität geboten sei, namentlich wenn es sich um Verstöße gegen solche Bestimmungen der Arbeitsordnungen handelt, welche zum Schutze der Arbeiter gegen Betriebsunfälle ausgenommen seien. Die Forderung, daß der Fabriktnspector Fühlung mit den Arbeitern haben solle, sei berechtigt: die weitere Forderung, daß er mit den Arbeiterorganisationen in Verbindung treten solle, schieße über das Ziel hinaus, da an der Spitze dieser Organisationen oft Nichtarbetter stehen. Mit einem solchen Verlangen arbeite man nur der Socialdemokratte in die Hände; er theile nicht die Ansicht, daß dieselbe in der Debatte der letzten Tage vernichtet worden- (Abg. Singer: Sehr vernünftig!) Die Agitationen gegen die Arbeitgeber und die von denselben getroffenen Wohlsahrts- einrichtungen gingen meist von den Nichtarbeitern aus, die an der Spitze jener Agitationen stehen. Ganz unberechtigt seien die Angriffe, die man auf Grund der Unfallstatistik gegen die Berufsgenossenschaften und die Unternehmer erhebe. Thatsächlich hätten die Unfälle, Dank des Zusammenwirkens der Arbeitgeber, Fabriktnspectoren und Berufsgenossenschaften, wesentlich abgenommen.
Abg. Dr. Hirsch (bfr.) wünscht, daß vor Feststellung ber Aus- sührungsoestimmung n über bie Sonntagsruhe in Industrie und Handwerk auch die Arbeiter gutachtlich gehört würden. Der badische Fabrtltnspector habe in seinem Bericht eine Arbeitslosen-Statistik auf genommen; was diesem Beamten möglich sei, müsse anderwärts auch möglich sein.
Staatssecretär v. Bötticher thetlt mit, daß die Entwürfe der Sonntagsruhe-Vorschriften für Industrie und Handwerk veröffentlicht werden sollen, noch bevor sie dem Bundesrath zugehen. Auch sollen die Arbeiter gutachtlich gehört werden. Es werde erwogen, ob die Sonntagsruhebestimmungen für die einzelnen Industriezweige gesondert zu erlassen seien. Wenn Wurm die Fabriktnspectoren-Berichte eine Anklageschrift gegen die Unternehmer genannt habe, so treffe eher das Gegentheil zu. Die Berichte bezeugten das Wohlwollen, das die deutschen Unternehmer dem Arbeiter im Allgemeinen entgegenbrächten.
Abg. Wurm (Soc): Mit sanften Tonen werde für die Arbeiter nichts erreicht; erst als die Soctaldewokraten hier eine energische
Bekanntmachung,
betr. den Oberhess. Obstbauverein.
Herr Obstbautechniker Metz von Friedberg wird die nach- stehend bezeichneten Orte des Kreises Gießen zu den angegebenen Zeiten besuchen, um Vorträge und praktische Unterweisungen an Obstbäumen abzuhalten. Die Mitglieder des Obstbauvereins und Freunde des Obstbaues werden hierzu freundlichst eingeladen. Die Herren Bürgermeister der betr. Orte ersuche ich um gefällige ortsübliche Bekanntmachung.
Gießen, 9. Februar 1893.
Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen des Oberheff. Obstbauvereins.
Nebel, Amtmann.
Holzheim. Samstag, 11. Februar, Nachmittag 2 Uhr: Praktische Unterweisungen an Obstbäumen, Abends 8 Uhr: Vortrag.
Grüningen. Sonntag, 12. Februar, Nachmittags 3 Uhr: Vortrag. Montag, 13. Februar, Vormittags 9—12 Uhr: Praktische Unterweisungen.
Dorf Gill. Montag, 13. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag.
Dienstag. 14. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Praktische Unterweisungen.
Muschenheim. Dienstag, 14. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag.
Mittwoch, 15. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Praktische Unterweisungen.
Birklar. Mittwoch, 15. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag.
Donnerstag, 16. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Praktische Unterweisungen.
Bettenhausen. Donnerstag, 16. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag. Freitag, 17. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Praktische Unterweisungen.
Obbornhofen. Freitag, 17. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag.
Samstag, 18. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Praktische Unterweisungen.
Bellersheim. Samstag, 18. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag. Steinheim. Sonntag, 19. Februar, Nachm. 3 Uhr: Vortrag.
Montag, 20. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Praktische Unterweisungen.
Utphe. Montag, 20. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag.
Dienstag, 21. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Prattische Unterweisungen.
Trais-Horloff. Dienstag, 21. Febmar, Abends 8 Uhr:
Vortrag. Mittwoch, 22. Februar, Vormittags 9 Uhr ab: Praktische Unterweisungen.
Inheiden. Mittwoch, 22. Februar, Abends 8 Uhr: Vortrag.
Donnerstag, 23. Februar, Vormittags 9 Uhr: Praktische Unterweisungen an Obstbäumen.
Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum den üblichen Bedingungen auf Widerruf ertheilt hat.
Gießen, den 8. Februar 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
i). (Sagern.
Deutscher Reichstag.
40. Sitzung. Donnerstag, 9. Februar 1893.
Die Beratung des Etats deS Reichsamts deS Innern
Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Auslände» nehm» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 9. Februar. Kaiser und Kaiserin besuchten heute Vormittag das Rathhaus, wo sie von Oberbürgermeister Zelle und dem Vorsitzenden des Comites des Kaiserin Augusta- Denkmals Stryck empfangen und durch die Räume geleitet: wurden. Das kaiserliche Paar besichtigte die von sieben Künstlern im Festsaale ausgestellten Modelle für das Kaiserin- Augusta-Denkmal, besuchte dann den Stadtverordneten- Sitzungssaal, den Magistratösaal und die Bibliothekräume und sprach sich sehr befriedigt über die inneren Räume deS Rathhauses aus.
Posen, 9.Februar. Der heutigen polntschen Volts- versammlung zu Ehren des 50jährigen Bischofsjubiläums des Papstes, die von annähernd zweitausend Personen besucht war, wohnte Erzbischof Dr. v. Stablewski mit beiden Weihbischösen, dem Domcapitel von Gnefen und Posen, die Abgeordneten der polnischen Fraction, sowie Mit- glieder des polnischen Adels bei. Reichstagsabgeordneter Cegielski eröffnete die Versammlung. Es sprachen Probst Dr. Lewicki, Rechtsanwalt Wolinskt, Probst Dr. Kantecki- es wurde eine Adresse angenommen, die eine Deputation, mit dem Erzbischof Stablewski an der Spitze, dem Papste in Rom überreichen wird.
Hamburg, 9. Februar. Ans Altona wird gemeldet: Bei zwei am 28. Januar, resp. am 3. Februar erkrankten Personen wurde nach dem am 8. Februar erfolgten Tode Cholera festgestellt. In Hamburg ist kein Cholerafall vorgekommen.
Budapest, 9. Februar. Der Strike in der Waffen- fabrik ist beendet, die Arbeit wurde wieder aufgenommen. 1177 Arbeiter wurden eingestellt, 309 entlassen.
Christiania, 9. Februar. Bis jetzt ist bekannt, daß 123 Fischer bei dem Sturme auf den Lofoten verunglückt sind. Ein Aufruf zur Unterstützung ber Hinterbliebenen ist erlassen.
Bekanntmachung.
betreffend Versammlungen des Oberhessischen Obstbauvereins.
Sonntag den 12. Februar d. I., Nachmittags 3 Uhr zu Muschenheim im Saal des Bürgermeisters Roth Vortrag des Herrn LandwirthschaftSlehrerS Reich elt von Friedberg über „Cultur und Pflege der Stein- obftbäume" sowie „Verwerthung der Zwetscheu".
Die Vereinsmitglieder und Freunde des Obstbaues werden zu zahlreichem Besuch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister von Muschenheim und der Nachbarorte ersuche ich um gefällige ortsübliche Bekanntmachung.
Gießen, 7. Februar 1893.
Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen des Oberhess. Obstbauvereins.
Nebel, Amtmann.
Bekanntmachung, betr. die Ertheilung der Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Hessen.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz der hanseatischen Seeversicherungsgesellschaft in Hamburg die
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlio, 9. Februar. Heute Nachmittag ist der Bundes- rath zu einer Plenarsitzung zusammengetreten.
Berlin, 9. Februar. Die Geschäftsordnungs- Commission des Reichstags berieth über den Antrag des gegen den Reichstagsabgeordneten North (Elsässer) wegen betrügerischer Handlungen eingeleiteten Strafverfahrens und beschloß einstimmig, von ber Jmmunitätsbestimmung keinen Gebrauch zu machen, auch dem Hause die Genehmigung des Antrags zu empfehlen.
Berlin, 9. Februar. Für den 15. dss. Mts. ist eine große öffentliche Kundgebung zu Gunsten der Militärvorlage geplant. Die Arrangeure gehören ber nationalliberalen Partei an.
Berlin, 10. Februar. Der Abgeordnete Seyffärbt (Magdeburg) hat im Abgeordnetenhause solgende Interpellation eingebracht: Ist es der Königlichen Staatsregierung bekannt, daß die Verunreinigung des Elbewassers in der Umgegend von Magdeburg auch nach stattgehabter Filtrirung desselben eine Verwendung zu häuslichen und industriellen Zwecken unmöglich macht und ist sie geneigt, energische Maßregeln behufs Verhütung weiterer Schädigung der Stromanwohner in gesundheitlicher und geschäftlicher Beziehung zu ergreifen?
Nürnberg, 10. Februar. Der Eisenbahnverkehr auf ber Strecke Hof-Leipzig ift vollständig unterbrochen. Es ist zweifelhaft, ob er noch heute wieder ausgenommen werden kann.
Nietleben, 9. Februar. Gestern tarnen zwet Todes- fälle und drei choleraverdächtige Erkrankungen vor.
Wien, 9. Februar. Wie die „Neue Fr. Pr." meldet, wird der Nuntius Agliardi in München entweder nach Wien ober nach Mabrid versetzt.
Abg^ Müller (nl.) schließt sich ben Wünschen auf Wetterentwickelung bes Instituts ber Fabriktnspectoren an unb nimmt ben Verein der Industriellen in Köln gegen bie Angriffe beS Avg. Wurm in Schutz. Die Beschwerbe bes Verems sei dagegen erhoben worben, baß ein Fabriktnlpector ein soctalbemokratisches Blatt unter Ausschluß anberer Blätter zu osficiellcn Veröffentlichungen benutzt habe. Die soctaldemokrattsche Partei arbeite auf die Umstoßung der bestehenden Orbnung bin; bie Benutzung socialbemokiatlscher Blätter zu oificiellen Mittheilungen würbe als Anerkennung jener Bestrebungen erscheinen. Dr. Hirsch verlangte eine Verbindung ber Fabriktnspectoren mit ben Arbeitervereinen; leib er seien bte letzteren in Deutschland durchweg politische Vereine. (Zuruf von social- bemokratitcher Seite: Fachvereine!) Die Fachveretne seien foctal- demokratische Vereine, bei denen bad Fachliche nur so nebenher laufe. Andere liege die Sache in England. Die englischen Gewerkveretne verfolgten lediglich Arbeiter-Jntertssen. Solange die Arbeitervereine in Deutschland politische Interessen in den Vordergrund ihrer Bestrebungen stellten, würben sie nie etwas Nützliches für bie Arbeiter schaffen. Abg. Hitze habe die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit im Anschluß an bte berufsgenossenschaftliche Organisation empfohlen. Von Betreten dieses Weges müsse dringend gewarnt werden. Abg. Wurm habe ben dabffchen Fabrikinspecior gerühmt; biefer habe sich aber bas Vertrauen ber Arbeitgeber verscherzt. Dte gebeihliche Wirksamkeit ber Fabrikinsp ctoren habe bas Vert'auen beider Theile, der Arbeiter unb ber Arbeitgeber, zur Voraussetzung. In Mannheim habe ber Jnspector einen socialbemokratischen Rebacteur, denselben Hänsler, btr später seine Parteigenossen um 20000 Mk. betrog, mit in eine Fabrik nehmen wollen, was sich der Besitzer natürlich verbat. Der Erlaß ber Ausführungsvorschriften für bie Sonntagsruhe ber gewerblichen Arbeiter begegne großen Schwierigkeiten, wenn bte Eon- currenzfähtgkeff ber beulschen Jnbustrie nicht beeinträchtigt unb ber Verbimst ber Arbeiter nicht geschmälert werben solle. Eine Zunahme ber Betrieb-u ffalle habe nicht stattgefunden, nur würben heute alle Unfälle ausgenommen, währenb die frühere Statistik nur bie schweren Fälle verzeichnete. Die schweren Unfälle hätten Dank ber Unfall- verhütungsvo, schriften erheblich abgenommm.
Abg. Dr. Hartmann (conf.): lieber die Wirkungen ber letzten Gewerbeorbnunqsnooelle mutzten erst Erfahrungen gesammelt werden, ehe ein abschließendes Urthetl darüber zu fällen sei. Die Wurm'schen Ausführungen trügen die Stempel einseitiger Stellungnahme gegrn die Arbeitgeber unb eine Anzahl von ihm angeführter Fälle verhielten sich ganz anders als er sie bargestellt. Wurm habe bas deutsche Reich einen Zuchthausstaat genannt, weil ein Unternehmer ein ihm zustehendes Recht ausgeübt habe. Der brutsche Arbeiter besitze heute weit mehr Rechte als seine Kollegen im Auslanbe. Der Ausdruck Zuchthausstaat war wohl nur ein Nachklang ber Debatte über ben Zukunstsstaat, der ja auch ein Zuchthausstaat genannt werbe. Es war eine Retourkutsche. (Vicepiäs. Graf Ballestrem erklärt biefen Antrag für nicht parlamentarisch. Große Heiterkeit.) Die Fabrtkinspectoren in Sachsen erfreuten sich bes Vertrauens sowohl ber Arbeiter wie der Arbeitgeber unb bte Verbinbung ber Kesselrevtsion mit ber Fabrikinspection habe sich hier ams beste bewährt. Die Fabriktnspectoren aber noch mit statistischen Erhebungen über Arbeitslosigkeit u. dgl. zu belasten, halte er nicht für wünschens- werth. Mit ber Ausbehnung ber Sonntagsruhe auf Industrie unb Handwerk möge man sich nicht überstürzen unb bie Erfahrungen mit ber Sonntagsruhe im Hanbelsgewerbe abwarten. Besser, wenn es \ lange währt unb etwas Gutes geschaffen wirb, als wenn man überstürzt unb mehr schabet als nützt. Die Herstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Fabriktnspectoren unb Arbeitern, welches Hirsch wünsche, sollten sich vor Allem bie Arbeiterorganisationen angelegen


