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Nr. 265

Freitag ben 10. November

1893

Der Sicherer JUqel<<t «i^etnt täglich, ti Äulntijme d,« Montag«.

t*u ifiefener yMirieeiritkr ,jtn drin Anzeiger dreimal d-ig-legt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Uirrtelflhriger A-on«, «e»l 5 f t eto I 2 Mark 90 Pfg. ntt vringertohn. Durch die Post bqey» 2 Mark 50

Rrtaction, $nxbt*w und Druckerei:

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Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu btt Nachmittag« für den felgenden tag erscheinenden Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.

Hratisbeitage: Hießen er KamMenblätter.

Alle Annoncen-Bureaux de« In- und Auslande« nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Amtliche»' Ttzeil.

Bekanntmachung,

betreffend Schafräude zu Mainzlar.

Da die Herde der Schäfereigesellschaft II. zu Mainzlar nach den erhobenen Feststellungen als der Räude verdächtig anzusehen ist und da ferner die Herde der Schäfereigesell­schaft I. mit der verdächtigen Herde durch Benutzung ge­meinschaftlicher Wege und Weideflächen in Berührung ge­kommen, mithin auch der Räude verdächtig ist, so haben wir die polizeiliche Beobachtung der beiden Herden verfügt. Es dürfen hiernach Schafe aus der Gemarkung Mainzlar nur zur sofortigen Lbschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Genehmigung weggebracht werden.

Gießen, den 8. November 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 7. November 1893. Betr : Die Ausführung der Landesfeuerlöschordnung. DaS Grotzherzogliche Kreisamt Gießen ex die Grstzh. Bürgermeister eie« des »reifes.

Nachdem die Mehrzahl der Gemeinden des Kreises mit Saugfeuerspritzen ausgerüstet ist, so ist auch darauf hinzu­wirken, daß eintretenden Falles von den Saugoorrichtungen der neuen Spritzen auch Gebrauch gemacht werden kann. Es empstehlt sich deshalb, an allen Brunnen, namentlich an den Gemeindebrunnen, deren Wafferspiegel nicht tiefer wie 5,5 Mtr. unter der Erdoberfläche liegt, in dem Brunnendeckel eine kleine, etwa 40 Ctm. im Geviert große Oeffnung, welche leicht geöffnet und geschloffen werden kann, behufs Einführung des Spritzensaugkorbes anzubringen.

Wir werden die Bezirkübauaufseher anweisen, bei Ge­legenheit wegen Ausführung dieser Anlagen in Benehmen zu treten und beauftragen Sie, dem Gemeinderath entsprechende tVorlage zu machen.

v. Gagern.

Lehrer-Conferenz

des Conferenzbezirks Lich-Hungen Mittwoch de« 15. November, Borm. 10 Uhr in Lich.

Lieder: 93, 99, 75, 37.

Gießen, den 8. November 1893. Büchner, Schulrath.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 8. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute den Oberstlieutenant v. Oppen, etalsmäßigcn Stabsoffizier vom Großh. Feld-Artillerie Regi­ment Nr. 25 (Großh. Artillerie-Corps), den Ersten Staats­anwalt am Landgericht der Provinz Starkenburg vr. Preetorius, den Kreisamtmann Dr. Gältelmann aus Friedberg, den Mi- nisterialseccetär Dr. Fuchs, den Prälat D. Habicht mit einer Deputation des ev. Kirchenvorstandes zu Gießen, bestehend aus Pfarrer Dr. Naumann, Rentner Carl Schwan und Fabrikant Emil Schmoll, den Polizeirath Fey, den Zimmermeister Holtz, den Kirchenbaumeister Schwartze, zum Vortrag den Finanzminister Weber, den Ordenskanzler Generalmajor z. D. v. Herff, den Cabinetsrath Römheld.

Berliu, 8. November. Der Kaiser traf am Dienstag früh V*9 Uhr in Tübingen ein, um dem König von Württemberg den versprochenen Jagdbesuch abzustatten. Die gegenseitige Begrüßung zwischen den beiden Monarchen trug einen äußerst herzlichen Character, doch fand kein osficieller Empfang statt. Alsdann fuhren der Kaiser und der König nach Schloß Bebenhausen, wo daß Frühstück einge­nommen wurde- hierauf begaben sich die Majestäten nach dem Revier Entringen und hielten daselbst eine Jagd auf Roth- wild ab. Soweit bekannt, gedenkt Kaiser Wilhelm erst an diesem Freitag wieder von Schloß Bebenhausen abzureisen.

Die letzten Tage haben eine wahre Slurmfluth von Nachrichten über das für den Reichstag vorläufig bestimmte gesetzgeberische Material gebracht. Vor Allem sind die sämmt- lichen mit der geplanten Reform der Reichsfinanzen

K^rilleton.

Jacob und Rahel.

Humoreske aus dem amerikanischen Geschäftsleben.

Nach dem Ungarischen von OScar v. Krücken.

(Nachdruck verboten.)

Als Tom Snyders, der Hauptkassirer des WelthauseS Bollingsby u. Comp. (Kaffee, Zucker und Colonialwaaren «u gros) zum ersten Male um die Hand Fräulein Marthas, iber Tochter des Firmachess, anhielt, da klopfte ihm Herr Samuel Bollingsby herablaffend auf die Schulter und sprach folgendermaßen zu ihm:

Gut, lieber Tom, über diese Frage haben wir noch Zett zu reden, nun aber eilen Sie und schicken Sie mir den «Kontoauszug von Pinloko und Söhne herauf."

Tom Snyders verbeugte sich und ging hinaus.

Ein Jahr darauf meldete er sich aufs Neue bei Herrn Bollingsby und hielt wieder um die Hand Marthas an.

Herr Bollingsby blickte von seinen Papieren gar nicht lauf, sondern brummte nun wie folgt:

Von derartigen Dummheiten reden wir erst, wenn der Santos auf 175 steht."

Tom Snyders verbeugte sich aufs Neue und ging aufs Neue hinaus.

Drei lange Jahre dauerte es, bis der Preis des Santos- Kaffees auf 175 stieg. In demselben Augenblicke, als die tele­graphische Nachricht von der Waarenbörse einlief, trat Tom Snyders bei Herrn Bollingsby ein.

Herr Chef, der Santos steht auf 175 und ich halte hiermit feierlichst um die Hand Fräulein Marthas an."

Darauf erhob sich Herr Bollingsby von seinem Schreib- itische und ehe sich Tom Snyders noch verbeugt hatte, warf ar ihn eigenhändig und feierlich hinaus.

Zwei weitere Jahre vergingen. Es folgten consequenter- weise fabelhaft reiche Kaffee-Ernten aufeinander, an Stelle VeS Zuckers wurde das Saccharin erfunden, weder das eine noch das andere hatte einen Preis. Als man Herrn Samuel Aollingsby am 31. December um die Mitternachtsstunde die Mohbilanz vorwies, zog der wackere Herr die zweite Schub- l^de auf, nahm aus derselben einen Revolver, untersuchte denselben, ob er geladen sei, und legte ihn dann neben sich wieder, während er daran ging, einen Brief zu schreiben. Der

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Brief begann indessen nicht mit der gewöhnlichen Formel: In Beantwortung Ihres Werthen von gestern", sondern lautete:Meine liebe Betty! Mein geliebtes Kind! Wenn Ihr diese Zeilen lesen werdet, befindet sich Samuel Bollingsby nicht mehr unter den Lebenden."

Was die eigentlichen Ursachen und Veranlaffungen dieses traurigen Ausganges waren, dies suchte Herr Bollingsby in einem längeren Briefe zu entwickeln. Seine Feder flog nur über das Papier und er schwärzte schon die zehnte Seite mit seiner kleinen Schrift ein, als sich die zu der Caffa führende Portiere öffnete und durch dieselbe Tom Snyders eintrat, der also sprach:

Herr Bollingsby, gestatten Sie, daß ich nun am Jahres­schlüsse bei Ihnen feierlich um die Hand von Fräulein Martha anhalte."

Herr Bollingsby schaute von seiner Schreiberei auf und starrte Tom Snyders an.

Ein seltsamer Bursche," dachte er bei sich.Er hat die Rohbilanz gemacht und weiß, daß es keine Rettung von dem Concurs gibt, daß alles aus ist, und siehe, er hält dennoch um Marthas Hand an."

Herr Bollingsby warf vorerst einen Bogen Papier über den Revolver, damit dieser Herrn Tom eventuell nicht genire, und begann nachher die Flamme der Gaslampe starr zu fixiren.

Tom stand unruhig vor dem Schreibtisch, bis endlich Herr Bollingsby tief anfathmend also zu ihm sprach:

Setzen Sie sich nieder, lieber Tom."

Tom setzte sich.

Ist Ihnen Jacob bekannt?" fragte Herr Bollingsby.

Unter unseren (Emittenten tragen einundvierzig diesen Namen. Ich weiß nicht, welchen von diesen Sie zu meinen belieben."

Den zweiundvierzigsten, der nicht unser (Emittent ist, der aber trotzdem eine hervorragende Rolle im alten Testa­ment spielte."

Ich entsinne mich deffelben."

Wissen Sie, lieber Tom, wie lange Jacob um sein Weib Rahel diente?"

Wenn ich mich nicht täusche, Herr Bollingsby, sieben Jahre."

Und wie lange dienen Sie um Martha?"

Wenn Sie mein Jahresgehalt von 1800 Dollar nicht

zusammenhängenden Vorlagen jetzt veröffentlicht worden, den Beschluß in dieser Kette von Veröffentlichungen bildete die Bekanntgabe des WeinsteuergesetzentwurscS, von dem eS geheißen hatte, er sei bis auf Weiteres zurückgestellt worden. Im Mittelpunkte des ganzen Resormwerkes steht die Vorlage über die Neuregelung des finanziellen Verhältnisses des Reiches zu den Einzelstaaten, welche die Beseitigung der bisherigen Schwankungen in den Ueberroelfungen an die Einzelstaaten und ebenso in den Matricularbeiträgen der letzteren an daS Reich bezweckt und dafür eine Festlegung dieses gegenseitigen Verhältnisses erstrebt. Die Kosten der beabsichtigten finanziellen Kräftigung des Reiches auf ganz neuen Grund­lagen sollen aus den vorgeschlagenen Reichssteuern gedeckt werden, daneben sollen jedoch aus den Ergebnissen der letzteren auch zugleich die Kosten der Heeresresorm bestritten werden. Dem gedachten Doppelzweck sollen die Tabaksabrikatsteuer, die erhöhte und erweiterte Börsensteuer, die erhöhte Lotterie­steuer, ferner die neuen Steuern auf Checks, Giroanweisungen usw., aus Quittungen und Frachtpapiere, sowie endlich die Weinsteuer dienen; die Steuervorschläge in Betreff der Börsen­geschäfte, der ChekS- und Giroanweisungen, der Quittungen und der Frachtpapiere, sowie der Lotterieloose sind in Form einer Novelle zum Reichsstempelabgabengesetz zusammengesaßt worden. Der (Sefammtertrag der Tabakfabrikatsteuer wird auf 99 Millionen Mark geschätzt, sie würde also den Haupt- theil zu der für die oben gedachten Zwecke nothwendig werdenden Summe von 120 bis 130 Millionen Mark jährlich stellen. Heber die Erträgnisse der übrigen Steuern gehen die Schätz­ungen allerdings noch bedeutend auseinander, indessen mag es wohl sein, daß sich aus ihnen zusammen die noch restirenden ca. 20 bis 30 Millionen Mark ergeben würden. WaS freilich der Reichstag zu den neuen Steuerprojecten sagen wird, daS ist eine ganz andere Sache - sicherlich werden die genannten Vorlagen hitzige parlamentarische Kämpfe Hervorrufen, deren Ausgang noch völlig ungewiß erscheint. Was die zuletzt veröffentlichte Weinfteuer-Vorlage anbelangt, so fei aus ihrem Inhalt das Folgende hervorgehoben : Besteuert sollen werden: Naturweine im Werthe von mehr als 50 Mk. pro hl mit 15 pCt. vom Werthe, Schaumweine mit 20pCt. vom Werthe, Kunstweine mit 25pCt. vom Werthe, mindestens aber

als genügende Entlohnung anzuiehen belieben, bann sind eS eben sechs Jahre."

Nun, sehen Sie, es fehlt zum biblischen Termine noch ein Jahr. Was würden Sie dazu sagen, wenn ich Ihnen Gelegenheit bieten würde, dieses Jahr unbeschäftigt, in ge- müthkicher contemplativer Einsamkeit zu verbringen und wir dann die Hochzeit feiern würden?"

Sie würden den heißesten Wunsch meines Lebens er­füllen, Herr Bollingsby."

Wären Sie bereit, für Martha waß immer zu thun?" Alles, was in meiner Macht steht."

Tom SnyderS, Sie sind ein wackerer Mann. Kommen Sie, lassen Sie sich küssen. Dann gehen wir in die Caffa hinunter, dort werde ich Ihnen meinen Plan vortragen."

Am nächsten Morgen war imNew-Uork-Herald" folgende TageSneuigkeit zu lesen:

Eine^colossale Defraudation. In den kaufmännischen Kreisen unserer Stadt erregt ein infames Verbrechen, welchem die alte und berühmte Firma Bollingsby u. Co. fast zum Opfer gefallen wäre, allgemeine Betroffenheit. Bei der gestern Nacht vorgenommenen Kaffenrevision wurde nämlich constatirt, daß Tom Snyders, der Hauptkassirer des Hauses, die Firma seit Jahren systematisch und in großem Maßstabe bestehle und daß er seine Defraudation durch Fälschung der Bücher auf außerordentlich geschickte Weise zu verbergen wußte. DaS Verbrechen Tom Snyders ist um so verab- scheuungswerther, als er die Sympathie des allgemeiner Hoch­achtung sich erfreuenden Herrn Samuel Bollingsby in einer Weise besaß, daß ihm dieser die Hand seiner reizenden Tochter, Fräulein MarthaS, versprochen hatte und Snyders daher schon als Familienmitglied betrachtet wurde und das un­begrenzte Vertrauen seines Chefs besaß. Das bisher ent­deckte Manco beträgt 3,281,497 Dollars und 62 Gent. Tom Snyders wurde heute Morgen von Detectiven in seinem Bette überrascht und nach kurzem Kampfe gefangen genommen und bann sogleich ber Staatsanwaltschaft übergeben. Die hervor- ragenbften Handlungshäuser' unb Banken unserer Stabt eröff­neten Herrn Bollingsby unbegrenzten Credit, um ihm Gelegen­heit zu bieten, den Credit seines alten Hauses vor der Kata­strophe zu bewahren."

Tom Snyders saß also im Kerker. Nach drei Wochen wurde die Schlußverhandlung abgehalten und noch niemals hatte sich eine Menschenseele edler geoffenbart, als wie Herr