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* Th. Haubach,
Samstag den 10. Juni
Nr. 134.
1893
Der Gi-tznitr ^n,eiger erichkmt täglich. Mit Ausnahme dr» Montags.
Die Girßever A>««irie« d lätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigrlegt.
Gießener Anzeiger
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Amtlichem Theil.
Bekanntmachung,
die Reichstagswahlen betreffend.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, dah an Stelle des Herrn Emil Pistor Herr Kaufmann Af. C. Heuzerlirrg dahier zum Stellvertreter des Wahlvorstehers des V. Wahlbezirks der Stadt Gießen ernannt worden ist.
Gießen, den 8. Juni 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Allendorf a. d. Lda.
Nachdem in mehreren Gehöften und unter den Schaf- heerden zu Allendorf a. d. Lda. die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden ist, haben wir die betreffenden Gehöfte unter Sperre gestellt und außerdem die Sperre über die Gemarkung Allendorf a. d. Lda. verhängt.
Es ist hiernach die Ausführung vgn Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen nur zur sofortigen Abschlachtung auf Grund chierärztlichen Gesundheitszeugniffes mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Erlaubniß zulässig, und es ist das Ausfahren von Rindviehgespannen aus der Gemarkung, das Durchfahren von Rindviehgespannen, das Durchtreiben von Rindviehstücken, Schafen, Ziegen und Schweinen durch die Gemarkung verboten.
Gießen, den 8. Juni 1893.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Grünberg.
Wegen des Bestehens der Maul- und Klauenseuche in der Stadt Grünberg muß die Abhaltung des auf 22. Juni d. I. anberaumten Grünberger Viehmarktes untersagt werden.
Gießen, den 6. Juni 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutscher Reich.
Berlin, 8. Juni. Kaiser Wilhelm wird seine diesjährige Nordlandsfahrt, wie jetzt bestimmt verlautet, in der zweiten Juliwoche antreten- nur hinsichtlich des Tages der Abreise und des näheren Reiseproqrammes sind die end- giltigen Entschließungen des Monarchen noch abzuwarten. Auf jeden Fall gedenkt derselbe vor Antritt seiner Reise den
neuen Reichstag persönlich zu eröffnen. Die Gerüchte, wonach der Kaiser auf seiner bevorstehenden Erholungsfahrt noch dem dänischen Hof in Kopenhagen einen Besuch abstatten und hierbei vielleicht eine Zusammenkunft mit dem Czaren haben würde, werden aus Kopenhagener Hofkreisen als unbegründet bezeichnet. Was die widersprechenden Gerüchte über die eventuelle Theilnahme des Kaisers an der Vermählungsfeier seines Verwandten, des Herzogs von York und der Prinzessin Mary von Teck, anbelangt, so erledigen sich dieselben einfach in Hinblick darauf, daß die Vermählung am 6. Juli statt- findet, zu welchem Zeitpunkte also Kaiser Wilhelm seine große Sommerreise noch nicht angetreten haben dürfte.
— Die Entscheidung in der Wahlbewegung ist endlich herangenaht, nur noch wenige Tage trennen uns von dem bedeutsamen fünfzehnten Juni. Stellte schon bislang daS Wahltreiben alle sonstigen politischen Vorgänge in Deutschland in den Hintergrund, so ist dies jetzt, im letzten Stadium der Wahlbewegung, natürlich noch mehr der Fall, der vorläufig nur die Frage nach den Ergebnissen der vor der Thür stehenden Reichstagswahlen allein interessirt. An neuen bemerkenswertheren Erscheinungen der Wahlagitation giebt es kaum mehr etwas zu verzeichnen. Zu erwähnen ist da vielleicht nur eine Erklärung hochgestellter Katholiken des Rheinlandes- die Kundgebung beklagt es, daß die Majorität des Centtums gegen die Militärvorlage gestimmt habe, und betont, Windhorst würde bei dem heutigen Stande der Dinge keine Fraction über daß Vaterland gestellt haben. Wie dieser Vorgang erneut von der Spaltung, welche durch die Mtlitärfrage in das Centrum hineingetragen worden ist, zeugt, so gilt dies auch von der am Mittwoch in Reichenbach in Schlesien stattgefundenen und sehr zahlreich besuchten Versammlung von Vertrauensmännern der katholischen Wählerschaft des Wahlkreises Reichenlsach-Neurode. Die Versammlung gab ihrem lebhaften Bedauern über die Mandatsniederlegung des bisherigen Vertreters des Wahlkreises, Dr. Porsch, zugleich aber auch ihrer Würdigung der Verdienste des genannten Abgeordneten, weiter ihrer Mißbilligung der Angriffe Ausdruck, welche Dr. Porsch wegen seiner Haltung in der Mtlitärfrage seitens eines Centrumsblattes erfahren hatte. Dann wurde beschloffen, dem neu aufgestellten Candidaten, Gutsbesitzer Konrad-Neurode, für die Abstimmung über die Militärvorlage vollständige Freiheit zu laffen.
— Noch ist der neue Reichstag nicht gewählt, und schon sind vielfach Erörterungen darüber im Gange, ob vielleicht auch er im Falle einer abermaligen Ablehnung der Militärvorlage aufgelöst werden würde. Es muß als selbstverständlich angenommen werden, daß man in den leitenden Berliner Kreisen sich mit einer solchen Möglichkeit noch nicht befaßt hat. Immerhin erscheint es beachtenswerth, daß die „Nordd. Allg. Ztg." der z. B. von den „Hamb. Nachr." und der „Freis. Ztg." bekundeten Anschauung, eine nochmalige Reichstags-Auflösung würde dem Geiste der Verfassung
Widerstreiten, in einem hochofficiösen Artikel entschieden entgegentritt. — Einem noch unverbürgten Gerüchte zufolge soll sich die Reichsregierung mit dem Plane tragen, zur theilweisen Bestreitung der Kosten der Militär-Vorlage ein Rohspiritus-Monopol einzuführen. Ein derarttges Project würde indessen die Militärvorlage bei den breiten Massen schwerlich populärer machen.
— Zum Nachfolger des verstorbenenBischofS Karl Josef v. Hefe le von Rott en bürg i. W. ist der bisherige Domcapitular und bischöfliche Coadjutor von Rottenburg, Dr. v. Reiser, ausersehen worden.
Hetiefte Nachrichten.
WolffS telegr«phtsche« Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 8. Juni. Seine Majestät der Kaiser besichtigte heute beide Garde-Dragoner-Regimenter. Der Besich- ttgung wohnte auch Prinz Victor von Italien bei. Nach der Besichtigung kehrte der Kaiser mit dem Prinzen Victor an der Spitze des 1. Garde-Dragoner-RegimentS nach der Stadt zurück und folgte der Einladung der Offiziere dieses Regiments zum Frühstück im Offizierscasino. Unter den Eingeladenen befanden sich ferner der Botschafter Lanza, der italienische Mtlitärbevollmächtigte Zuccari, das Gefolge deS Prinzen Victor und der englische Militärbevollmächtigte Swaine. Der Regiments - Commandeur Oberstlieutenant v. d. Knesebeck brachte das Hoch auf den Kaiser aus, welches von den Anwesenden begeistert ausgenommen wurde.
Berliu, 8. Juni. DaS Landgericht verhandelte heute gegen Ahlwardt wegen Beleidigung der Gesammtheit der preußischen Beamten, insbesondere der Justizverwaltung, begangen in einer Rede am 29. October 1891 zu Essen. Die Verhandlung war^,'bereits einmal auf Antrag der Verthei- digung vertagt zur Ergänzung der Beweisaufnahme. In der heutigen Verhandlung behauptete Ahlwardt, es habe ihm ferngelegen, der Gesammtheit der Beamten einen Makel anhängen zu wollen- er sei vielfach mißverstanden worden. Der Gerichtshof beschloß, die Sache zu vertagen, um den Polizei- commissar Gauck zu vernehmen und amtliche Auskunft über die Persönlichkeit Gaucks einzuholen.
Leipzig, 8. Juni. In dem Hochverrathsprozesse gegen die Anarchisten beantragte der Oberreichsanwalt zwei bis acht Jahre Zuchthaus. Die Urtheilsverkündigung findet am Freitag um 1 Uhr statt.
Füufkircheo, 8. Juni. Der Srrike ist heute allgemein. Die Direction verweigert die Zahlung deS Lohnes. Sie wollte die sonstigen Forderungen bewilligen, was aber die Sttikenden ablehnten. Die Ruhe ist bisher ungestört.
Lemberg, 8. Juni. Der Dn je st er ist gefallen- bet Halicz stehen ungefähr 300 Häuser unter Wasser. Das Bistrizathal, das Solotwinzkathal mit acht Ortschaften, sowie neun Dörfer am Duwajer sind überschwemmt.
Feuilleton.
Der Selbstmörder.
Eine erschreckliche Geschichte mit vergnüglichem Ausgange von HanS Merian.
(Nachdruck verboten.)
Der junge Tag schaute griesgrämig zum Fenster herein, als sich der gesttenge Herr Bürgermeister von Dribsdrill in seinem Bette zu dehnen und zu recken begann und endlich mit einem laut hervorgestoßenen langgezogenen „O—o—ah I" rmporfuhr.
Die Frau Bürgermeisterin, die den Federn schon früher entstiegen, bereits in einer weißen schlotterigen Nachtjacke vor dem Toilettentisch saß und eifrig einen falschen Zopf auS- kämmte, sagte, ohne sich umzuwenden:
„Na, ausgeschlafen, Alterchen? Guten Morgen!"
„Morgen!" knurrte es dumpf vom bürgermeisterlichen Lager her und wieder folgte ein noch länger gezogenes und beinahe schmerzlich hervorgeftöhntes „O—o—ah!"
Jetzt erhob sich die wohlbeleibte, so zu sagen etwas auseinander gegangene Frau Bürgermeister langsam und bedächtig und ihren falschen Zopf wie eine Fahne in der Hand schwenkend, trat sie an das Bett ihres Gatten.
„Was hast Du, Theobald? Fehlt Dir was?" fragte sie mit besorgter Miene.
„Nein, nein! Es ist nur das verdammte Bier im blauen Storchen. Wie oft habe ich den alten Rippenschneider schon gebeten, er möge doch eine andere Sorte einthun, aber mit dem ist ja nichts anzufangen. Seit zwanzig Jahren haben die Herren das Zinkenbräu getrunken, sie werdens «ach ferner trinken und alt dabei werden." Das ist alles,
was er sagt, und dabei bleibt er. Ach, mein Schädel, mein Schädel!" ächzte der Bürgermeister von Neuem.
Er sah wirklich bemitleidenswerth aus, der treffliche Beherrscher von Dribsdrill, wie er so dasaß und sich den einer gelblichen Billardkugel an glatter Kahlheit gleichenden Kopf rieb, an dessen Hinterer Seite nur eine einzige dünne und lange Haarsträhne betrüblich in den Nacken herab- baumclte. Sie war dazu bestimmt, bei Tage kunstvoll nach vorn gekämmt zu werden und so über die fehlende Vegetation des ehrwürdigen Hauptes wenigstens einigermaßen hinwegzutäuschen.
„Warum geht ihr denn jeden Abend immer wieder hin zu dem Rippenschneider? Bleibt doch einmal weg und laßt ihn auf seinem Bier versauern, dann wird er schon gefügig werden," meinte die Fran, fich vor dem Spiegel den Zopf zurechtsteckend.
Der Bürgermeister seufzte.
„Du hast gut reden. Aber in dieser gottverlassenen Stadt, die ich nun seit fünfundzwanzig Jahren zu regieren die Ehre habe, gibt eö immer noch kein zweites Gasthaus, das ein Honoratiorenzimmer aufzuweisen hätte. Irgendwo aber muß man doch seinen Abendschoppen trinken, und so ist dieser langweilige blaue Storch nicht zu umgehen. DaS weiß der alte Sünder, der Rippenschneider, wohl und darauf pocht er."
In diesem Augenblick klopft es an der Thür und eine hellklingende Stimme rief: „Papa! Mama! Der Kaffee steht bereit!"
„Geh nur, Kränzchen, wir kommen gleich," antwortete die Frau Bürgermeisterin, indem sie fich anschickte, das Gemach zu verlassen, während ihr Gatte nun ebenfalls eilig Toilette zu machen begann. Die Haarsträhne aber verur
sachte ihm heute viel Mühe, sie wollte sich absolut nicht auf dem Vorderhaupte sestkleben lassen und fiel immer wieder eigensinnig nach hinten, was dem Herrn Bürgermeister das Aussehen eines trauernden Fischreihers verlieh und seine schlechte Laune in keiner Weise verbesserte. Doch endlich war auch dieses große Werk vollbracht und bald darauf saß der Herr Bürgermeister im altmodisch, aber behaglich eingerichteten Wohnzimmer und ließ sich von seiner Tochter Fränzchen aus einer blitzblank gescheuerten gelben Kaffeekanne den braunen, aromatisch duftenden Trank in die große geblümte Tasse eingießen.
Fränzchen war ein schlankgewachsenes Mädchen mit goldblondem Haar und großen dunklen Augen. Sie sah thau- frisch aus wie ein Frühlingsmorgen, und wer sie beobachtete, wie sie so nett und zierlich die Eltern bediente, mußte ihr gut sei». Sogar der etwas eigenwillige Zug, der fich ihr von Zeit zu Zeit um den Mund legte, stand ihr ganz reizend.
„Weißt Du schon, lieber Papa," begann sie nun, dem Vater die Butter herüberreichend, mit etwas unsicherer Stimme, „daß Ernst Rippenschneider wieder hier ist? Er hat sein Examen glänzend bestanden und wird in Berlin eine sehr schöne Anstellung erhalten."
„Weiß schon, weiß schon," brummte nicht eben liebenswürdig der Bürgermeister, und während er sich mit der Hand von hinten nach vorn über das kahle Haupt strich, um fich zu vergewissern, ob die einzige Haarlocke und letzte Zier seines Denkorganes noch an ihrem richtigen Platze sitze, fuhr er, seine Tochter mit den sttengen bürgermeisterlichen Amtsaugen anblickend, fort: „Wir nehmen an und supponiren, daß eine P. T. Francisco Jrmentraut Nudelbacher, eheliche und einzige Tochter des P. T. Johannes Theobald Nepomuk Nudel«


