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9.7.1893 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 9. Juli

Zweites Blatt

Nr. 159

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Amts« und Zlnzeigsblutt für den Tireis Gissten

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Norm. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Die (Gießener yetnifltxtUUet rv'rden dem Anzeiger «vi.chcnklich dreimal beigele^t.

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Gießener Anzeiger erscheint täglich, rit Ausnahme dcS Montag«.

Wohin ist sich in Nothstandsangelegenheiten ins­besondere mit Beihülsegesuchen zu wenden und welche Anträge können da gestellt werden?

Wer die staatliche Beihilfe zur Linderung des Noth- standes in Anspruch nehmen will, wende sich an die in der Gemeinde bestehende landwirthschaftliche Genossenschaft (landw. Eonsumverein, Darlehenskasse, Molkereigenossenschaft rc.), bezw. an den Director derselben. Die landw. Genossenschaften sammeln die Anträge und Bestellungen innerhalb ihrer Ge­meinden nicht nur für ihre Mitglieder, sondern auch für alle anderen Ortseinwohner und geben sie der Nothstandscommission in Darmstadt ab, welche über die Anträge zu entscheiden und das Erforderliche zu veranlassen hat.

In Gemeinden, in welchen landw. Genossenschaften weder bestehen, noch neu gebildet werden, bestellt der Ge­meinderath einen Ortsausschuß, welcher die Functionen, wie sie oben den Genossenschaften zugedacht sind, wahrnimmt. Endlich können die Functionen der Ortsausschüsse, bezw. Ge­nossenschaften den örtlichen landw. Vereinen, Kränzchen rc. übertragen werden.

Wer nicht weiß, ob für die betreffende Gemeinde eine Genossenschaft, ein Ortsausschuß oder ein landw- Verein die Sammlung der Anträge und Bestellungen sammelt und an die Nothstandscommission befördert, erkundige sich hierüber bei Großh. Bürgermeisterei.

Bei der Genossenschaft oder dem Ortsausschuß, oder, um es kürzer auszudrücken, bei der örtlichen Sammelstelle, sind mit thunlichster Beschleunigung die Bestellungen auf Sämereien für die Stoppelsaaten und die erforderlichen künstlichen Düngemittel zu machen, damit die betreffenden Gegenstände rechtzeitig geliefert werden können.

Ferner ist der Bedarf an Torfstreu, Kraftfutter (Mais, Palmmehl, Baumwollsaaten und Erdnußmehl) für den Ge­brauch von jetzt bis zum 1. October l. I. der örtlichen Sammelstelle anzugeben, für den späteren Gebrauch werden je quartalweise die Bestellungen bei der örtlichen Sammelstelle zu machen sein.

schmückung ist bereits beigesteuert worden, daneben sammelt der Kirchenbauverein noch eifrigst Beiträge zum Baucapital weiter ein und zum gleichen Zwecke werden mit Beginn der winterlichen Concertsaison wohl auch wieder einige künstlerische Veranstaltungen inscenirt werden. Die Errichtung besonderer Kirchen für die in einzelne Bezirke eingetheilten Gemeinden trägt übrigens wohl gerade so wie die Vertheilung der öffent­lichen Unterrichtsanstalten usw. in den verschiedenen Stadt- theilen mit dazu bei, den Verkehr innerhalb der Stadt richtig und in ganz gleichem Verhältniß zu vertheilen. Schon in unserem letzten Berichte über die Bautätigkeit in der Residenz bemerkten wir, daß sich bei den Bewohnern das Bestreben geltend mache, aus der staubigen, geräuschvollen Innenstadt hinauszuziehen in die freier gelegenen äußeren Stadttheile. Dasselbe berichtet auch ein Artikel imDarmstädter Tage­blatt", der über dieses Thema sehr interessante statistische Aufschlüsse gibt. Zu Grunde gelegt sind die Ergebnisse der Volkszählungen von 1885 und 1890. Wenn man die Altstadt durch die gewiß auch den meisten Gießenern bekannten Straßen Alexanderstraße, Ballonplatz, Mühl- straße, Kapellplatz, Kirchstraße, Marktplatz und Schloßgraben begrenzt, so ergibt sich, daß die Bevölkerung innerhalb dieses Bezirkes bet der ersteren Zählung 7510, bei der zweiten 7550 Köpfe betrug. Nun ist aber in der Zwischen­zeit die Gesammtbevölkerungsziffer von 51302 auf 56 399 gestiegen, bet gleichmäßiger Verkeilung der Zunahme auf alle Stadttheile müßte die Altstadt um 746 Köpfe gewachsen sein, thatsächlich wuchs ihre Bewohnerzahl jedoch nur um 40, also um 706 weniger. Der Verfasser des citierten Artikels sagt:Die Gründe dieses Stillstandes der Bevölkerung der Altstadt sind in der Hauptsache wohl zweierlei Art, einmal liegen d eselben in der Abnahme des geschäftlichen Verkehrs in der Altstadt an sich, zum andern sind sie darin zu suchen, daß allmählich ein Abzug aus der Altstadt nach luftiger und gesünder gelegenen Stadttheilen stattfindet." Es ist damit also auch viel zur Erklärung der außerordentlich regen Bau- thätigkeit in der Residenz beigetragen, von der hier neulich gehandelt wurde, ebenso zur räumlichen Vergrößerung der Stadt. Aber nicht nur in der eigentlichen Altstadt, auch in den Geschäftsstraßen macht sich, wie der Verfasser des be­treffenden Artikels nachweist, eine ganz auffallende Abnahme der Bevölkerung bemerklich. Die Gründe sind hier natürlich ganz die nämlichen, wie in dem ersten Falle. Bedauert wird diese Entwickelung wohl eben nur von den Geschäftsleuten werden. Zur verkehrsreichen Handelsstadt kann sich die

Vernr-schtes.

* Aus dem Regen unter die Traufe gekommen ist ein polnischer Rekrut, der im Herbst vorigen Jahres bei dem Königs-Grenadier-Regiment in Liegnitz eingereiht wurde, dem aber der Dienst so wenig behagte, daß er sich ihm vor Pfingsten d. I. durch Desertation entzog. Seine Uniform vertauschte er alsbald mit einem Civilanzug, den er gestohlen hatte, und außerdem glaubte er besonders sicher zu sein im Besitze von Legitimationspapieren, die er einem Handwerks­burschen entwendet hatte. Dieser Handwerksbursche war aber ein gewisser Scholz, der alsunsicherer Kantonist" von der Behörde gesucht wurde, und so geschah es denn, daß man in der Provinz Posen den Deserteur festhielt und kurzer Hand in das 50. Regiment in Rawitsch steckte. Hierkloppte" er nun auf Rechnung des Scholz tüchtigGriffe" und gewann durch seine schnelle Auffassungsgabe die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Da aber nahte ihm das Geschick in Gestalt einiger Königs - Grenadiere, die zu Pfingsten d. I. Rawitsch mit Urlaub besuchten und dort ihren ausgerückten Kameraden wiedersanden. Sie meldeten den Vorfall dem Liegnitzer Regiment und es wurde nunmehr die Auslieferung des Deserteurs beantragt, die vor einigen Tagen erfolgt ist. Jetzt hat man ihn in einer Festung untergebracht.

* Amerikanische Modethorheit. Eine neue abscheuliche Mode, welche möglicher Weise eine Revolution im weiblichen Anzug hervorbringen dürfte, ist jetzt unter den jungen, reichen Amerikanerinnen ausgebrochen. Diese sanften Geschöpfe haben es sich in den Kopf gesetzt, ihre Haut mit denselben

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Bei der Bestellung ist anzugeben, ob der von der Nothstandscommission zu berechnende Selbstkostenpreis Empfang der Waare bezahlt werden wird, oder ob bis wann Stundung des Betrages nachgesucht werden Will man um einen theilweisen oder ganzen Erlaß Preises nachsuchen, so ist dies ebenfalls der örtlichen Sammel­stelle mitzutheilen, auch sind die Grün e des näheren anzugeben, welche eine derartige Unterstützung rechtfertigen.

Feuilleton.

Wochendriefe au» der Residenz.

(Originalbertcht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 7. Juli 1893.

Einweihung des Elisabethenstiftes. Statistisches. Vom Turnfest. Allerlei.

Von einem wichtigen Ereigniß, das sich noch am Ende der letzten Woche im kirchlichen Leben unserer Stadt vollzogen hat, muß an dieser Stelle noch nachträglich bertchtet werden, von der Einweihung der neuerbauten Kirche des Elisabethen- stistes, die am 28. Juni in Gegenwart Ihrer Großherzog' lichen Hoheiten der Prinzessin Alix, des Prinzen Wilhelm und Ihrer Durchlaucht der Gräfin Erbach-Schönberg stattfand. In feierlichem Zuge zogen die Festgäste in das Innere des neuerbauten, prächtigen Gotteshauses. Hier hielt nach Ab- singung eines Chorgesanges Herr Superintendent Dr. Köstlin eine erhebende Ansprache an die versammelte Gemeinde. Die eigentliche Fest- und Weiherede hielt Herr Pfarrer Crome aus Celle, er legte die BerufSpflichlen der Diaconissen dar, sprach von deren Mühen und Segnungen usw. Eine An­sprache des Herrn Pfarrer Steiner an die nach Ablauf ihrer Probezeit endgültig eintretenden Schwestern schloß die würdig verlaufene Feier. Einige Angaben über den Bau selbst, sowie über seine Geschichte werden von Interesse sein. Das Aeußere und Innere der Kirche ist einfach aber außerordentlich geschmackvoll ausgestattet, ein prächtiges neues Gotteshaus ist in ihm der evangelischen Gemeinde unserer Stadt ent­standen. Der Entwurf des Ganzen stammt von Herrn Kreis­baumeister Klingelhöffer, der auch die Leitung der architec- tonischen Arbeiten zu versehen hatte. Die einzelnen Bau­arbeiten sind alle von hiesigen Geschäftsleuten ausgeführt worden. Besondere Bewunderung verdient die prachtvolle Orgel, die aus der bekannten Fabrik von Ste-nmeyer in Dettingen herstammt. Bei Erwähnung dieses Einweihungs- festes sei auch berichtet, daß der Bau der im Nordwestviertel der Residenz gelegenen Johanniskirche rüstig voranschrettet,- über die noch vor gar nicht langer Zeit am 18. October vollzogene feierliche Grundsteinlegung ist seiner Zeit an dieser Stelle ausführlich berichtet worden. Dte Opferwilligkeit der Darmstädter Einwohnerschaft hat sich anläßlich der Errichtung der Johannisktrche schon verschiedentlich aufs Schönste bewährt. Eine ganze Anzahl recht stattlicher Gaben zur inneren Aus-

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Mustern zu decoriren, welche ihre Kleiderstoffe aufweisen. In anderen Worten: eine weiße Haut wird nicht länger als fashionable betrachtet. Tätowirte Arme und Beine werden jetzt ä. la mode und alle Arten von seltsamen Figuren und Zeichnungen, mit unvergänglicher Tinte in die Haut hineingemalt, werden bald in dem amerikanischen Ballsaal als eine große Anziehung bewillkommt werden. Der Character und die Geschmacksrichtung der jungen Republi­kanerinnen werden aus diesen seltsamen Gestalten auf der Haut erkennbar werden. Die Patriotin wird die Flagge der Vereinigten Staaten zwischen den Schultern und dem Ellbogen gezeichnet zur Schau tragen, während die junge Schönheit, welche einen Geschmack für die Thier« welt besitzt, ein Bildniß ihres Lieblings - Papageies oder irgend eines anderen Geschöpfes mit sich auf der Haut umhertragen wird. Das Tätowiren ist durch die jüngsten Fortschritte, welche die Electricität gemacht, schmerzlos ge­worden. Die elektrische Feder von Edison ist das Instru­ment , welches dazu benutzt wird. Indische Tinte und chinesisches Zinnober sind die einzigen Ingredienzien, die zu diesem Proz sse benutzt werden. Professionelle Tätowirer sind, wie es heißt, sehr populär und es fehlt ihnen nicht an Beschäftigung.______________________

Literatur und Aunst.

-Der Stein der Weisen " Wir erhalten das 13. Heft dieser roettoer breiteten, eines ansehnlichen Rufes sich et freuen o en populär wissenschaftlichen Halbmonatschrift (A. Hartlebens Verlag, Wien), und freuen uns, abermals von dem reichen Inhalte Diel« Heftes Kcnntntß zu nehmen. Fast alle Aufsätze sind iWrtrt. Wir heben Hervor: Electrische Eisenbahnen, Dte Trüffel, Wie die Thtere hören, Flug, Flugelschlag und Wind, Bramabiau (eine Höhle in Frankreich), Gartrndecoralionen, Wirkungen der Einbildung, Die künstliche Nachbildung der Verdoppelung der Canäle des Mars, der Leuchtthurm von Bishop Rock, dte neue photographische ^Delta- Camera" u. s. w. Dte Beilage Sommeifahrten auS der Schweiz (Genf), dem Riesengebirge (Johannisbad) und der Glocknergrrippe. Sehr effectvoll ist das Vollbild:Die größte Locomotive der Welt. Alles in Allem: eine tüchtige Leistung, wie sie die Freunde der Zeit­schrift seit jeher gewohnt sind.

hessische Residenz wohl nie entwickeln, da ist es viel besser, sie bewahrt sich ihren vornehm-stillen Charakter, das wird allen Klassen und Ständen zu Gute kommen.

Vom Turnfest könnte ich Ihren Lesern wieder manches Neue berichten, ich verspüre mir aber alle eingehenden Nach­richten auf den Bericht nach dem Fest. Am vergangenen Samstag hat nämlich auf dem zum Festplatz ausersehenen Exercierplatz das Richtfest stattgesunden. Die prächtig ge­lungene, sehr solid gebaute Festhalle wurde dabei von ihrem Errichter, Herrn Zimmermeister K. Mahr, dem Festausschuß feierlich übergeben. Die eigentliche Festrede hielt Herr Professor Friedrich. Außerdem wurden noch mehrere An­sprachen von verschiedenen Herren gehalten.

Recht interessant ist gegenwärtig die Ausstellung des Kunstvereins, neben werthvollen Bildern auswärtiger Maler findet eine einheimische Künstlerin, Fräulein Clara Grosch, die ein reizendes Kinderbildniß ausgestellt hat, verdiente An­erkennung. Das Gleiche gilt von einem Porträt des eben­falls hier lebenden Malers Professor Noack.

Im Sommertheater fand das Gastspiel des Fräulein Klinkhammer hohes Interesse. Auf das Repertoire des Herrn Reiners wurde am Samstag in der Versammlung des Vereins zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit" ein heftiger Angriff wegen der Wahl der Stücke gemacht. Das Publikum urtheilt über diese Angelegenheit sehr verschieden, jedenfalls wird es Herrn Reiners recht schwer gemacht, ein interessantes Repertoire zusammenzustellenn, denn er muß immer Rücksicht darauf nehmen, daß er mit Vorstellungen, die bereits auf unserer Hofbühne aufgeführt wurden, auf dem Sommertheater keinen großen Erfolg erzielen würde. Niemand aber kann ihm die Anerkennung dafür versagen, daß er sich bestrebt, einen recht abwechselungsreichen und zugkräftigen Spielplan zu schaffen. Daß dabei auch manch­mal Stücke von recht fragwürdigem Werthe aufgeführt worden sind, läßt sich nicht leugnen, auch habe ich Ihnen dies in meinem letzten Briese schon angedeutet. Dafür hat uns Herr Reiners aber auch mit wirklichen Kun st werken, wie SudermannsHeimath" und Ibsens Nora" rc. bekannt gemacht und dasür muß ihm das gebildete Publikum danken. Heber einzelne andere Ereignisse dieser Woche berichte ich Ihren Lesern im nächsten Briefe. Z1

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zur inneren Mireslilche.

;r für die neue Kirche

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