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Vir. 108. Swdtei Butt. Dienstag de» S. Mai
1893
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Die Gießener ^emlfieeiritttt verben dem Anzeiger Wöchentlich dreimal » «Gelegt.
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
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Anrts- uni Anzeigeblatt für den Areis Gietzen.
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folgenden La, erscheinenden Nummer bi. «orm. IO Uhr. ^l.aNS0eilUge. gtaHlUinilHaUCr. | «nze.geu für den „Gießener Anzeiger entygen
Feuilleton.
Duseckens D s r o n.
Von E. Reinhold.
(Nachdruck verboten.)
Der ganze Haushalt deS Fabrikbesitzers Vollert in Berlin-W. befand sich in jener nervösen Aufregung, die das Ausbleiben eines zu einer bestimmten Stunde erwarteten Gastes stets hervorruft. Die Hausfrau, eine stattliche, vor« nehme Erscheinung — sie war eine Generalstochter — behauptete nur mühsam ihre sonst so wohlabgemessene Ruhe und verschwand von Zeit zu Zeit auS dem Roccocosalon, wo die Familie versammelt war, nach dem anstoßenden Eßzimmer, um die für vier Personen gedeckte Tafel immer wieder zu inspiziren und den dort waltenden dienstbaren Geist durch allerlei Befehle und Gegenbefehle zur Verzweiflung zu bringen. Fräulein Wally, daS einzige Kind, eine etwa zwanzigjährige, sehr hübsche, aber ein wenig zarte Blondine mit „seelenvollen" blauen Augen, stand beständig am Fenster und blickte durch die Scheiben auf die von Gaslaternen trübe erleuchtete schneebedeckte Straße. So oft eine Droschke heranraflelte oder ein einsamer Wanderer auftauchte und dem Hause zu« strebtc, legte sie die Hand auf ihr pochendes Herz und fragte sich leise: „Ist er'S?"
Selbst Papa Vollert, dem die Natur im allgemeinen doch eine tüchtige Portion GemüthSruhe verliehen, strich sich ungeduldig seinen wohlgcpflegten, bereits ergrauenden Vollbart. Den Hausherrn indessen beherrschte außer der Sehnsucht nach dem ausbleibenden Gaste noch ein anderes nicht minder berechtigtes, wenn auch mehr leiblich als seelisch begründetes Gefühl: er hatte Hunger. So sagte er denn, al» die Tochter auf ihrem Beobachtungsposten am Fenster wiederum einer vorübersahrenden Droschke einen Seufzer der Enttäuschung nachsandte:
„ES ist halb sieben und um Punkt sechs wollte er
hier sein. Ich denke, wir warten nicht länger, sondern gehen zu Tisch."
Die Mama war gerade wieder einmal im Eßzimmer und konnte somit ihre Meinung zu diesem Vorschläge nicht äußern- Wally aber kehrte sich hastig vom Fenster ab und trat auf den Papa zu.
„Aber Papa," sagte sie vorwurfsvoll, „waS würde Dagobert denken, gerade heute!"
„Liebes Kind, Dein Dagobert ist ein viel zu verständiger Mann, als daß er so etwas übel nehmen würde und außerdem — wer weiß, ob er wirklich heute kommt."
„Wie meinst Du das, Papa?"
„Ja, siehst Du, so ein Affefforenexamen ist eine heikle Sache, und wenn er durchgefallcn ist, wird er schwerlich in der Stimmung sein —"
„Papa, wie kannst Du so etwas denken!"
„Kind, alles schon dagewesen. Beim letzten Termin fielen drei der Herren Regierungsreferendare, und Dein Dagobert —"
„Ist der klügste, fleißigste, edelste, beste —"
„Na, na, ereifere Dich nur nicht, deßwegen kann er immerhin Unglück gehabt haben. Und nun will ich Dir etwas sagen, Kind," und Herr Vollert stand ans, trat zu seiner Tochter und legte die Hand leicht auf ihre Schulter, „sollte Deinem Herzallerliebsten etwas Menschliches heute begegnet sein, so wollen wir uns das nicht allzu sehr zu Herzen nehmen —"
„Es wäre fürchterlich," murmelte Wally.
„Würdest Du ihn darum weniger lieben?"
„Nein, nie!"
„Nun also. Wir wissen es alle, daß Dein Bräutigam ein braver, tüchtiger Kerl ist, der gewiß nichts versäumt hat, und wenn Dagobert Freiherr von Wilcken heute nicht Regie- rung.assessor geworden ist, dann hat er eben.UngMck gehabt, und dafür kann kein Mensch. Und nun laß Dir etwas sagen, Kind, auf den Termin Eurer Hochzeit soll das gar keinen Einfluß haben, wenn Dein Schatz heute durchgeplumpst ist.
Er mit seinem Stolz wird sich zwar dagegen sperren, aber laß Deinen alten Papa nur machen, der wird dem Herrn schon den Kopf zurechtsetzen. Siehst Du, nun lächelst Du schon, das ist recht, nur um Gotteswillen nichts tragisch nehmen. Und nun komm, Kind, laß uns zu Tisch gehen."
Wally lächelte in der That, aber es war kein fröhliche» Lächeln. Der Zweifel hatte in ihrem Herzen Wurzel gefaßt. Würde es Papa in der That so leicht werden, Dagobert zu bewegen, wenn — sie wagte gar nicht, weiter zu denken.
Da ertönte draußen an der Eingangsthür die Klingel.
„DaS ist er!" erscholl es aus drei Kehlen zu gleicher Zeit, denn die Mutter war eben wieder in daS Zimmer getreten.
Aber wie? Das war doch nicht des Erwarteten Stimme. Eine erregte Frauensperson zankte sich da draußen mit dem öffnenden Diener herum. Herr Vollert öffnete die Thür nach dem Flur, und so rasch und energisch, daß sie ihn fast bei Seite stieß, trat eine Frau herein, deren AeußereS und reso» lutes Auftreten sofort erkennen ließ, daß sie eine auS dem Handwerkerstande in die beneidenswerthe Klaffe der Rentieren aufgcrückte Berliner Ureinwohnerin war.
„Bin ick hier recht bei Bollerten," begann diese Dame ohne Umschweife, „bei die Vollerts, wo der Baron von Wilcken einheiraihen soll?"
„Aber, Frau, wie kommen Sie dazu?"
Doch die Frau ließ sich weder unterbrechen, noch einschüchtern.
„Na, denn bestellen Se man en Jruß von mir, Rentier Dusecken von der Skalitzer Straße seine Frau, an den feinen Herrn Baron — und sagen Sie ihm, wenn er dat Fräulein dort heirathen will, dann soll er jefälligst unsere Jöhre in Ruhe kaffen und dem Mächen keine Raupen in'n Kopp setzen, denn heirathen thut er sie doch nich, und sie hat auch längst 'nen andern, und daß er meinen Ollen, daS Dusselthier, nich mehr anpumpt, dafür wer ick sorgen."
(Fortsetzung folgt.)
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