1893
Sonntag den 8. October
S r. 237 Zweites Blatt
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Zlints- und Anzeigeblatt füv den Kreis Gieren.
Gratisbeilage: Gießener Kamitienbkätter.
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Dem Schreiber
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stark vor, denn er schreibt
llnnahmr von Anzeigen zu bn Nachmittag» für dm legenden Tag erschrinrnbrn Nummer bi» Lorm. 10 Uhr.
mit Maas, erinnere Dich oft
P. R. 8 Zwgnbrg.
J. P. A.
theuert und die hohe Tabaksteuer mehr auf die besseren Fabrikate gelegt werden soll. Da im Großen und Ganzen aber nur der Wohlhabende und Reiche Wein trinkt, so dürfte die ganz neu einzuführende Weinsteuer allerdings m weiten Volkskreisen mit Beifall ausgenommen werden, denn die Weinsteuer wird als Weinverkehrssteuer sonach nur von den Weintrinkern, also von den wohlhabenden Klassen getragen. Wenig erbaut dürsten aber die Weinhändler und dann wohl auch die Winzer und Weinfabrikanten von der Weinsteuer sein, denn sie werden in derselben eine Erschwerung ihres Absatzes und entsprechende Preisherabsetzung erblicken, ganz ähnlich wie es die Tabaksabrikanten bezüglich der Tabakfabrikatsteuer thun. Das Charakteristische bei den neuen Steuergesetzentwürfen besteht aber darin, daß die Steuer- Commissionen noch gar nicht die vorgeschlagenen Steuersätze für Wein und Tabakfabrikate bekannt gegeben haben, ja vielleicht noch nicht einmal darüber einig sind. Man wird aber erst dann voikswirthschaftlich beurtheilen können, ob die neuen Steuern annehmbar sind, wenn man nicht nur deren Art und Form, sondern vor allen Dingen deren Höhe kennen wird.
wurde ein neues HauS für schwachsinnige und blödsinnige Mädchen bis zum 14. Lebensjahre, Klein - Bethel, einge- weiht, und zählt dasselbe bereits 98 Pfleglinge. Für männliche Kranke sind durch Erwerbung eines Wasierhofes Enon, durch das Brocken Haus und durch die Erweiterung der beiden Stationen Tabor und Gilgal weitere 80 Plätze gewonnen worden. — Am Jubiläumstage wurde der Grundstein von Morija gelegt und ist dieses HauS bereits vor Winter unter Dach gebracht. Schon seit drei Jahren besitzt die Eolonie für weibliche Epileptische, die zugleich gemüthS- krank sind, eine gesicherte friedliche Stätte mit einem von einer Mauer umgebenen Garten; für die männlichen Kranken besitzt sie eine solche Heimath noch nicht. Solche Kranke mußte die Eolonie in Irrenanstalten abgeben, oder sie wochenlang in ihren engen Zellen eingesperrt halten, weil sie für sich und andere in der Freiheit gefährlich waren! Diese schmerzliche Lücke soll nun Morija ausfüllen, und bittet die Eolonie ihre Freunde, diesem barmherzigen Zweig der Liebesarbeit auch ihre besondere Theilnahme zuzuwenden!
• Diebessicherer Garderoben-Haken. Dem häufigen Dieb- stahl von Garderobestücken zu steuern, sind schon die verschiedensten Vorkehrungen getroffen, jedoch stets ohne Erfolg, weil diese Leute stets neue Coups erdachten, um sich widerrechtlich in den Besitz fremden Eigenthums zu setzen. Nach vielen Versuchen ist es einem gewissen Herrn H. Hinrichs, Berlin N., Kastanien-Allee 12 gelungen, einen wirklich practischen und absolut diebessicheren Garderoben - Halter zu conftruiren, über den das Patent und technische Bureau von Rich. Bayer, Berlin S. O., Brückenstraße 12 Folgendes m.tgetheilt: An der Rückseite des Hal'erbrettes ist ein Schloß angebracht, dessen Riegel durch einen Schlüssel verschoben wird. Dieser Riegel ist über die Schließkappe hinaus verlängert und mit einem, um einen Zapfen drehbaren Arm gekuppelt, welcher mit seinem freien Ende in einen Schlitz des Knopfes am Aufhängehaken einfällt. Beim Zurückziehen des Riegels legt sich
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stets nur baraui:■ ätzten Besuchen tat Exportbiereö che - unter Zk Wem gerecht zu erehrl. Publikm gsvoll
darunter:
Befolge dieses, mein Lieber, an Dein (!) Freund
Zwanzig Ausrufungszeichen und diese noch einmal unter- strichen, bilden den Schluß der kommt letztere auch ein bischen
(Schluß aus Nr. 225, 3. Bl.)
Die Zeit der Freiheitskriege ging an dem Eigenthümer U Stammbuches und seiner Familie nicht spurlos vorüber, ei gab öfters Einquartierungen, welche sich in dem Stamm- buche auch verewigten. Folgender Eintrag (Herder'sche Srnt-enz) macht sich durch eine wunderschöne Handschrift, Ulindschrist, aber mit Stellung von links nach rechts, so-
Besser macht sich schon folgende Strophe: Mit Männer (n) sich geschlagen, Mit Weiber (n) sich vertragen, Und mehr Credil alB Geld, So kommt man durch tue Welt.
Vermischtes
* Die Eolonie für Epileptische (Fallsüchtige) Bethel bei Bielefeld zählt in 39 verschiedenen Haushaltungen, die wiederum in 130 kleinere Familiengruppen zerfallen, 1457 Pfleglinge. Im Ganzen sind bisher 3716 epileptische Kranke ausgenommen. Davon wurden entlassen als geheilt 258, als gebessert 841, ungeheilt 727, es starben 636. Nach Provinzen vertheilt pflegte die Eolonie im letzten Jahre aus : Westfalen 338, Rheinland 279, Hannover 192, Hessen-Nassau 196, Schleswig-Holstein 107, Lippe-Detmold 19, Lippe-Schaumburg 7, Großherzogthum Hessen 70, Waldeck 21, Hamburg 21, Bremen 16, anderen Provinzen und Ländern 191. Am 25jährigen Jubelfeste
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f irthe oder direct an die Consumenten gelangt, während
Wein sonst im Verkehre unbehelligt von einer Steuer
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Den kürzesten Stammbuchseintrag hat ein Jenenser Studio unterm 16. Juni 1787 zu Wege gebracht. Er schreibt nämlich : „Wer da ?" unterstreicht die zwei Worte dreimal recht dick und schreibt darunter:
Dein aufrichtig liebender Freund und Bruder Z aus dem Thüringischen.
Wir wollen nicht versäumen, eine Reihe von Namen aus dem Stammbuche mitzutheilen - man wird daraus ersehen, daß die Familien derselben noch heute zahlreich in Oberheffen, speziell in Gießen, Friedberg und a. O. vertreten sind. Wir nennen Alberty, Becker, Bierau, Balser, Buff (drei ver- schiedene, darunter einer aus Wetzlar), Büchner, Cramer, Kranz, Degen, Eckhard, Franz, Fuchs, Glöckner, Horst, Hüffel, Helmold (drei verschiedene Personen), Kraußer, Kritzler, Korn- messer, Koch, Lange, Limpert, Ludwig, Lucius, Meyer, Möbus, Maurer, Nies, Nebel, Ohly, Roth, Röder, Rouge, Stirn, Stamm, Schäffer, Textor, Venator, Stolz, Varnhorst, Welker, Weyrich, Walther, Weigandt, Zahn, Zaun.
Auf diese Namen mögen nun auch noch einige kräftige, in specie studentische, Srammbucheinträge hier folgen. So schreibt z. B. ein stud. theol. aus Neuwied:
„Recte rive —Ißebe bud*ifo8, „Suum cuique tribue — Prelle die Philister' ^Neminem laeda - Und wer Dich beleidigt, dem haue aufs Maul.
Ein anderer schreibt:
„Unter Leben währt 3 Jahre „Wenn es hoch kommt, so sind es 4, „Und wenn es köstlich gewesen ist, ,
„So sind es Schulden, Carcer und Relegationen gewesen.
Etwas gar zu derb kommt ein Herr auS Zwingenberg- schreibt Gießen, 28. August 1786:
öKWÄuBinn'.ninnB!
Neun sich — wie die Graphologen nicht mit Unrecht behaupten — aus den Schriftzügen ein Schluß auf den Character machen läßt, dann darf angenommen werden, daß 7 . . . _ e--...Gx»fav fuftiSRntrnn
Die neuen Steuergesetzentwürfe.
Der Veröffentlichung des Entwurfes über das neue Qbcksteuergesetz ist alsbald auch die Bekanntgabe des ge- i ichmen neuen Weinsteuergesetzes gefolgt. Während das
Feuilleton.
Vor hundert Jahren.
gleich kenntlich: ,
,Wie der Schatten früh am Morgen „ist die Freundschaft mit den Bösen .Stund' auf Stunde nimmt sie ab! — „Aber Freundschaft mit ben Guten „Wüchset wie der Abendschatten
„Bis des Lebens Sonne sinkt. .
Denken Sie bei diesen Zeilen an mich, der ich Sie unb Ihre ganze liebe Familie verehre.
Friedrich Christian Bischost, Feldprediger bet der König!. Sächs. Cavalleriebrigade.
Den 9. August 1815.
Auch Damen haben sich in dem Stammbuche verewigt, Ärr nicht viele. Wir bringen einige Proben. Eine Hallenserin «streikt unterm 22. August 1788:
Ein jedes Blümchen, das beperlP „Von Thau Ihr Finger bricht", „Verwandt' in Ihren Händen sich" „In ein Vergißmeinnicht."
Die kunstfertigen Hände der Dame stickten zu diesen •Men in das feste Handpapier des Buches ein Sträußchen Es Schneeglöckchen, Vergißmeinnicht und Nelken, welche heute Ach, nach 106 Jahren, in frischem Farbenglanze leuchten.
Eine Friedbergerin schreibt unterm 13. Aprrl 17vd Man kann sich k.ine bessere Freundin wählen, als Tug-nd^
Unmittelbar hinter diese Sentenz schrieb ein lustiger frankfurter Studio, D. R. B., ein sechszeiliges Gedtchtchen, U aber so kräftig ist, daß man es nicht gut wieder- (eben kann.
Eine andere Friedbergerin schreibt: „
, Schönheit ohne Tugend, ist wie der Wein ohne Geschmack.
Dieser Sentenz gegenüber befindet sich der Eintrag eines -Mssers- er schreibt: .
-Vivat, meine schone Nachbarin i'
Pickt Worte, sondern Handlungen sind die ächten Kennzeichen des Mannes."
Daß in einem Buche, dessen Einzeichnungen sich über em gonneS Menschenalter erstrecken, auch schmerzliche Ereignisse erscheinen, ist selbstverständlich. Von des Eigenthümers Hand swl» unter zwei Silhoutten Nachrichten notirt, welche besagen, hk sich der Eine in einer schweren Krankheit, der Andere tn tinem Anfalle von Tobsucht erschossen hat.
Halae, die IV. idua Auguati 1788.
Die Herren vor hundert Jahren waren treffliche Lateiner und wackere Griechen- sie verstanden Latein zu fchreiben, sogar leidlich zu sprechen. Letzteres war bei Promotionen vielfach Bedingung. Auch im Griechischen waren sie sehr wohl beschlagen. Schreiber dieser Zeilen, dessen Urgroßvater in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Gießen studrrte I und der den lieben alten Mann noch sehr wohl kannte, denkt heute noch mit Vergnügen daran zurück, wie die Studiengenossen des Urgroßvaters, wenn sie zusammenkamen, zuweilen ganze Gesänge Homers, Virgils und anderer Ciassiker rect- i tirten. Realien und exacte Wissenschaften — sie lagen da- 1 mals noch in den Windeln — waren ihnen ein Greuel. Ueber : die vier Species im Rechnen kamen sie nicht hinaus. Wenn ' wir Jungens Gleichungen mit 2 Unbekannten lösten, waren sie höchlichst erstaunt. Von all den prächtigen Mannern, öte in das Stammbuch schrieben, lebt keiner mehr.
icter machen tagt, oauu muh uuSvnuuiu>v»> —. Requieacant in pace .
chreiber obiger Sentenz ein kreuzfideler, luftiger Patron, ! ——
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Die Gießener VeetrieeSritlfr ■t'tfrrn brm Anzeiger tenfbft dreimal k'
der sogar etwas an Nervosität und Ueberspanntheit gelitten haben mag, gewesen sein muß.
Für Graphologen und Kalligraphen sind die vier „Albümser" (wie Freund H. vorhin launig bemerke) eine wahre Fundgrube. Hochinteressant ist es, an den Schriftzügen zu ersehen, wie sich in der Zeit von 1785 bis 1815, also binnen drei Decennien, der Character der Schreibschrift umgestaltet. Kaum ein Menschenalter genügte, um die herrschende Weltanschauung, die etwas zu weichen, weinerlichen Gefühle der Menschen, die Karte von Deutschland umzugestalten. Die Schriftzüge der gebildeten Welt machen die Umgestaltung m't, das sieht selbst ein ganz ungeübter Blick. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß sich seit den gewaltigen Erschütterungen und Umwälzungen von 1870 an etwas Aehn- liches bei uns vollzieht. „
Nur ungern trennen wir uns von dem „Urväterhausrath , indem wir hoffen, dem freundlichen Leser durch unsere Mittheilungen einige angenehme Minuten bereitet zu haben. Vielleicht findet sich später Gelegenheit, Einiges aus den Stammbüchern (wir besitzen deren noch drei) unserer Urgroßmütter vorzutragen. Für heute verabschieden wir unS mit den Versen eines wackeren Hallensers, der seinem Freunde Folgendes schrieb:
Saepiua inivitoa fatum dispellit amicoa: En! breve quam tempua noa ainit esse aimul! Vix me cognoati, vix te cognoacere poaaum; Te hocce domum ducit, mea relinquit Halae. Aat ego diajunctua te non obliviacar in aevum; et Mnemoniam inapiciena me meminiaae potea, Tunm amicnm
J. J. W. Palat.
; 8. a. & Th. Stud.
> irfltre die den Tabakspflanzern und Importeuren auferlegte -Äivichtssteuer beseitigen und eine procentuale Tabaksabrikat- _ ‘teuer den Fabrikanten und Händlern mit ausländischem Tabak Der '^erlegen will, soll der Weinsteuer-Entwurf eine Steuer für d rnlinbifcfje und ausländische Weine in Gestalt einer procentualen । 'Wcnhbesteuerung für das ganze Reich' einführen. Die sonst -ih bie Weinsteuer gewählte Form soll eine Verkehrssteuer Jl i<in, welche nicht nur den Weinverbrauch in Wirthshäusern, etober ienbeni auch in Privathäusern trifft, ferner wird diese Wein- vttlehrsfteuer nicht nur auf Naturweine, sondern auch auf :Äm’t®eine ausgedehnt. Diese Verkehrssteuer wird bei allen Nemversendungen vom Empfänger erhoben. Um Doppel- : btflmcrungen zu vermeiden, soll die Weinverkehrssteuer nur (sei den Versendungen erhoben werden, wenn Wem vom Hersteller oder Winzer oder Großhändler an die Kleinhändler,
Gießener Anzeiger
Generat-Wnzeiger.
v. Melbt. Versteuert wird ferner derjenige Wein, den ein Klein-
Milglieber uni«.; jinbler selbst herstcllt, sowie derjenige einer Großhandlung,
n derRestaurMz Hie sich in einen Weinausschank ober Kleinhandel umwandelt. Der Vorstau. 'And) der Hausverbrauch der Winzer, Hersteller und Wein- Händler soll der Steuer unterworfen werden. Der sogenannte lleudörstt. Ä tziustrunk der Winzer an selbst erzeugtem Wein und die . gmnzen Weine in denjenigen Gegenden, wo Wein gebaut IkIllillll tiirb und geringwerthge Weine Volksgetränk sind, sollen in
dessen von der Weinsteuer nicht betroffen werden. In dieser Einsicht berühren sich die Bestrebungen des Weinsteuer- SiUiviarfes mit dem neuen Tabaksteuerentwurfe, nach welchem tirdj die procentuale Tabakfabrikatsteuer auch dafür gesorgt werden soll, daß die billigen Cigarren und Tabake nicht ver-


