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Donnerstag dm 7. December
M. 288 Zweites Blatt
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iKnabmt non Anzri-rn zu bet Nachmittag« für den fallenden Lag erscheinenden Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.
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rathen sein, bei einigem Steigen der Preise einen Theil ihrer Borräthe zu verkaufen.
Die KrifiS auf dem Welt-Getreidemarkte.
Muß schon jeder unbefangene Beobachter zugeben, daß die Landwirthe der beiden letzten guten Körnerernten nicht froh werden konnten, denn der jetzige Preis von Weizen und Roggen ist noch 20pCt. niedriger, als der Durchschnittspreis für die wichtigsten Getreidearten seit zehn Jahren, so gestaltet sich die Lage des Welt-Getreidemarkres und dessen Einfluß auf die Landwirthschaft doch noch dadurch zu einer förmlichen Krisis, daß man thatsächlich nicht weiß, ob der tiefste Stand der Getreidepreise bereits erreicht ist und ein allmähliches Steigen derselben in Aussicht steht, oder ob nach vorübergehenden kleinen Preissteigerungen vielleicht noch ein tieferer Sturz der Weizen- und Roggenpreise folgen wird. Der tiefe Stand derselben beruht keineswegs auf der guten einheimischen Ernte allein, sondern derselbe wird erstens hauptsächlich dadurch hervorgerufen, daß England von amerikanischem Weizen und Weizenmehl geradezu überschwemmt wurde, denn die englische Weizenernte war sehr schlecht ausgefallen, und englische wie amerikanische Spekulanten hatten sich mit aller Macht darauf geworfen, ein gutes Geschäft mit den englischen Müllern und Händlern zu machen, aber das riesenhafte Angebot hat sozusagen allen Interessenten dabei das Geschäft verdorben und nur die Bäcker und das Publikum haben den Nutzen davon. Zweitens regt sich aber auch nirgends die Kauflust für Weizen und Roggen, trotz der jetzt zweifellos sehr 'günstigen Preise und zwar liegt der Grund für diese allgemeine Flauheit in der Furcht, daß Rußland mit seinen großen Borräthen, zumal wenn der deutsch-russische Handelsvertrag zu Stande gekommen sein wird, was allerdings noch güte Weile zu haben scheint, den mitteleuropäischen Markt überschwemmen werde. Wenn indesien b:r Winter die russischen Häfen zufrieren läßc, so kann die Getreideausfuhr aus Rußland auch sehr ins Stocken gerathen, denn per Eisenbahn wird nicht allzuviel von dem billigen Getreide befördert. Die Landwirthe, Müller und Mehlhändler in Amerika sind übrigens noch viel schlimmer daran als die Landwirthe, Händler und Müller in Europa bezw. in Deutschland, denn in Amerika ist nach kurzem Steigen der Getreideprets wieder sehr tief gefallen und in Amerika liegt überhaupt das ganze Geschäft schwer darnieder. In vielen Städten Rußlands soll ferner Getreide ganz unverkäuflich sein. So steht eben die Entwickelung des Getreidemarktes unter einem großen Fragezeichen und dies dürste bis zum Frühjahre dauern. Deutschen Landwirthen, die viel Borräthe haben, dürste aber wohl zu
vermischtes.
* Die Hinterlassenschaft großer Compouisteu. Haydn befand sich in sehr guten Verhältnissen. Außer mehreren Dutzend Schnupftabaksdosen, von denen die meisten mit Brillanten besetzt, Geschenke seines Gönners, des Fürsten Esterhazy, einiger Souveräne und anderer vornehmer Herren waren, hinterlteß er zwölf goldene Preismedaillen, ihm zu Ehren geprägt, und eine Menge goldgestickter Uniformen. Brillantringe und Brillanttuchnadeln und eine beträchtliche Summe vervollständigten sein Vermögen. — Auch Beethoven hinterließ eine große Summe in baarem Gelde. Sehr gering dagegen war das, was man bei Mozart fand. Franz Schuberts Effecten jedoch waren die eines vollständig Verarmten. Er hinterließ nur einen Anzug nebst zehn Gulden und vierundzwanzig Kreuzern Papiergeld.
* lieber Helgoländer Verhältnisse bringt ein holsteinisches Blatt folgende interessante Notiz: Auf Helgoland fällt nicht nur das Durchschnittsalter der in einem Jahre Verstorbenen selten unter 50 Jahre, sondern auch die Dauer der Ehen scheint eine weit längere zu sein als anderswo. Seit Helgoland preußisch wurde, also seit dem 1. April 1891, haben bereits sieben Paare ihre goldene Hochzeit gefeiert, und zwar von 86, die in dem gleichen Zeitraum vor 50 Jahren hier getraut wurden. Da aus den früheren Jahren (seit Januar 1891 bis October 1893 haben 11 Paare ihre goldene Hochzeit gefeiert) noch 2 Jubelpaare am Leben sind, so haben die Helgoländer jetzt deren 9 unter ca. 2000 Bewohnern.
* Penfionsanstalt deutscher Journalisten und Schriftsteller (A. V.). Der Stand der vorläufig angcmeldeten Mitglieder ist im Monat November von 492 auf 533, der definitiv ausgenommenen von 215 auf 259 gestiegen. Nachdem die mannigfachen Vortheile eines Eintritts im Jahre 1893 schon mehrfach erörtert wurden, erübrigt nichts als dckß wiederholte Ersuchen an alle Interessen, sich möglichst bald zu melden. Als sehr erfreulich ist der nunmehr beschlossene corporative Beitritt des „Journalisten- und Schriftsteller- Vereins für Schlesien und Mähren", des neugegründeten „Westösterreichi'chen Journalisten- und Schriftstellerverbandes", die forlschreitende Organnation der OrtSverbände, die Antheil- nähme deutscher Journalisten im Auslande zu bezeichnen. Die bisherigen Einnahmen der Anstalt beziffern sich auf rund
50,000 Mk. Schenkungen erfolgten u. A. von den Verlagsfirmen Brockhaus und Reclam in Leipzig, Bazar-Actiengesell- schaft in Berlin, Jrrgang in Brünn. Ausschlüsse jeder Art werden von der Pensionsanstalt, München, Schäsflerstr. 16/11, jederzeit bereitwilligst ertheilt.
* Die verrätherische Korrespondenzkarte. Im Brigittenauer Postamte in Wien schrieb dieser Tage ein junger Mann einen Brief. Da ihm dabei etwas heiß geworden war, legte er seinen Winterrock ab, lieft sich aber sonst in seiner schreibenden Thätigkeit nicht stören. Als er auch damit fertig geworden war und sich entfernen wollte, entdeckte er den Abgang seines Winterrockes. Der Bestohlene errtnnertc sich, daß neben seiner Person ein junger Mann gestanden sei, der eine Correipondenzkarte geschrieben und dann eiligst das Postamt verlassen habe. Aus den Unbekannten lenkte sich der Verdacht der Thäterichaft. Der um den Rock ärmer gewordene Briefschreiber erstattete beim Polizei-Commiffariate Brigittenau die Strafanzeige unb bie sofort eingeleiteten Erhebungen führten auch zu einem überraschenden Resultate. Der Polizeicommissär ließ nämlich die im Postamte selbst eingeworfenen Correspondenzkarten revidiren und da fand sich eine darunter folgenden Inhaltes: „Lieber Vater! Ich bin in arger Verlegenheit, sende mir Geld!" Dann folgten Namen und genaue Adresse des Sohnes. Die Murhrnaßung, daß derselbe auch der Dieb des Winterrockes sei, war keine falsche, der junge Mensch wurde verhaftet und gestand die Entwendung des Rockes zu. Zu dem Diebstahle habe ihn dte Noch gezwungen. .
* Folgendes hübsche Scherzwort eine- Stuttgarter Grotz- industriellen wird berichtet. Derselbe erhielt dieser Tage Besuch von einem Jugendfreund, dem er sein flottgehendes Fabrikationswesen und seine elegante Wohnung zeigte. „Na na," meinte der Gast, „Du scheinst in dem besten Zug zu fein, ein reicher Mann zu werden. Was macht denn Dein Bruder Studio in Tübingen?" — „Gewiß, bin ich," meinte lächelnd unser Großindustrieller, „im besten Zuge, ein reicher Mann zu werden, aber mein Sohn, von dem Du eben sprachst, lieber Freund, der bremst bei dem Zug."
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Feuilleton.
Schicksalswege.
Novelle von E. Mu sch ick.
(Schluß.)
Frau Brand wurde jetzt in ihrem Gedankengange unterbrochen.
Es hatte Jemand schüchtern die Klingel an der Vorsaal- thüre gezogen. Sie ahnte, daß es ihr Schützling, die alte Eomödiantin, sei, die sie vorher auf der Straße bemerkt hatte, deßhalb ging sie selbst zu öffnen.
Ihre Dermuthung hatte sie in der Thal nicht getäuscht; draußen stand die Alte und reichte ihr mit bescheidenem Gruße den Theaterzettel. Wie sie so vor ihr stand, zitternd vor Kälte unb bennoch bemüht, ihr Elend möglichst zu verbergen, mußte sie das Mitleid eines Jeden erwecken.
Die bleichen, eingefallenen Wangen zeigten die Leiden langer Jahre, bie müden Augen konnten nur noch bittende und flehende Blicke werfen und der Brust entrang sich ein hohler, trockener Husten, der oft jene schwarzbegrenzten rothen Flecken auf die Wangen hauchte, die der Volksmund gewöhn- ltch mit dem Namen Kirchhofsrosen bezeichnet.
„Kommen Sie herein!" sagte Frau Brand, „und genießen Sie etwas Warmes."
Die Alte stammelte einige Dankesworte und folgte der Voranschreitenden nach der Küche, wie das schon immer geschehen war, wenn sie bei Frau Brand erschien. Es mochte ihr freilich hart ankommen, Almosen anzunehmen, aber die Macht der Verhältniffe war doch stärker, als der Rest von Stolz, der ihr noch geblieben war.
Wir lernen eben anders denken und empfinden, wenn unser Körper erst einmal durch Krankheit gebrochen ist.
„Sie sind krank?" begann Frau Brand die weitere Unterhaltung.
Die alte Eomödiantin preßte die Hand auf die Brust und entgegnete mit klangloser Stimme:
„Der böse Husten plagt mich immer so sehr — besonders des Nachts — und jetzt in der rauhen Jahreszeit —"
„Freilich, freilich," unterbrach sie Frau Brand, „Sie bedürfen da der äußersten Schonung und Pflege."
Schonung und Pflege!
Welcher Hohn schien in diesen Worten zu liegen.
Ein unsagbar trauriger Blick brach aus den glanzlosen Augen der Alten, fast wie ein Vorwurf, weil sie so wenig Verständniß für ihr Elend fand.
Aber in dieser Voraussetzung hatte sie sich doch ge- täuscht- Frau Brand kannte die Welt und wenn sie hier ein Mittel der Genesung empfahl, so hatte sie auch über die Möglichkeit der Anwendung desselben bereits nachgedacht.
„Bleiben Sie heute zu Hause," fuhr sie fort, „die rauhe Luft schadet Ihnen. Ich werde unseren Hausarzt zu Ihnen senden, dann wollen wir sehen, was sich thun läßt, damit sie bald wieder gesund werden."
Ein trübes Lächeln war die Erwiderung auf diese tröst- liche Verheißung- sie wußte zu genau, daß es für sie keine Genesung mehr gab. Aber sie wollte auch die hilfreich angebotene Hand nicht zurückstoßen, deßhalb entgegnete sie:
„Ich werde thun, was Sie wünschen — wenn nicht frei- willig, so würde ich dazu gezwungen fein, denn meine Kräfte sind zu Ende und ich muß mich dem, was kommt, auf Gnade und Ungnade überliefern."
„Es wird noch alles gut werden," beruhigte sie Frau Brand. „Lasten Sie uns nur erst hören, was der Doctor sagt." —-------------
„Sie kann nur noch einige Tage leben," lautete dessen Ausspruch, als er später Frau Brand über feinen Krankenbesuch Bericht erstattete. „Ihr Körper ist vollständig gebrochen unb seine Spannkraft aufgerieben, ihr Leben war schon seit längerer Zeit nur ein Vegetiren. Es mag wohl hart sein, so einsam unb verlassen seinem Ende entgegen» zusehen unb nur auf das Mitleid mildherziger Menschen angewiesen zu sein — indesten — es ist doch nur eine von Vielen!"
„Mag sein," war die Erwiderung. „Wenn aber Jedes an der einen thäte, was für ihn Pflicht ist, so würden die Vielen nicht existiren. Aber leider haben die meisten Menschen kein Gefühl für das Elend ihrer Mitmenschen, weil der
elendste Egoismus ihre Herzen umkrallte und weil sie in der Regel meinen, der Schöpfer habe ihnen das Leben nur zu dem Zwecke gegeben, damit sie es sich, unbekümmert um Andere, ober auch auf Kosten Anberer, so angenehm als mög lich gestatten. Unserer Patientin — ich weiß nicht einmal ihren Namen — soll aber in ihren letzten Stunben bie Härte unb Lieblosigkeit ber Welt nicht fühlbar werben."
Frau Branb hatte etwas erregt gesprochen- jetzt kleidete sie sich an unb begab sich nach der Wohnung ihres Schützlings. Sie betrat ein ärmliches, baufälliges Haus und klomm zwei finstere, schwankende Stiegen empor.
„Sie wollen Frau Rittner besuchen?" fragte bie Wirthin, nachdem sie dieser ihr Begehren kundgegeben. „Sie befindet sich sehr schlecht und es wird wohl bald zu Ende gehen mit ihr."
Frau Brand hörte den Namen jetzt zum ersten Male und er durchzuckte sie wie ein electrischer Schlag. — Es war ja doch ihr eigener — ihr Mädchenname! — Sollte die Frau da drinnen — —? unmöglich — unb doch —
Sie war bebenb hineingetreten in das kleine, armselige Stübchen.
Die Kranke tag regungslos in ben Kisten ihres Bettes unb nur einige leise Athemzüge verriethen, baß bas Leben noch nicht entflohen sei.
Ein Blick in die leidenden, gramdurchsurchten Züge derselben — und Frau Brand durfte nicht mehr fragen — wie ein Schleier sank es vor ihrem inneren Auge nieder.
„Mutter!"
Schluchzend sank sie am Bette nieder, bann schaute sie wieder empor in die leuchtenden Augen, die mit verklärtem Blicke auf ihr ruhten. Keine Frage kam über die welken Lippen, der nahende Tod mußte den Geist bereits von seinen irdischen Festeln befreit haben, ohne eine Erklärung fühlte und empfand die Sterbende die Nähe ber Tochter.
„Meine Tochter!" stammelten leise ihre Lippen unb mit dem letzten Hauche schwebte ihre Seele empor in die Heimath des ewigen Friedens.


