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1893
Nr. 131 Zweites Blatt. Mittwoch den 7. Juni
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Die Kapitalkräfte und die Staatsleistungen i im deutschen Reiche.
Der seit ungefähr drei Jahren stattgefundene wirth- schaftliche Rückgang in den meisten Erwerbszweigen auf der einen und die wachsenden Staats- und Gemeindeabgaben auf der anderen Seite haben bei vielen Bürgern eine trübe und pessimistische Beurtheilung der wirthschastlichen Zukunst Deutschlands und seiner ErwerbSzweigc hervorgerufen, welcher ent» gegenzutreten nicht nur eine Aufgabe praktischer LebenS- und Geschäftsklugheit, sondern auch eine sittliche Pflicht ist. Denn angenommen, es stände um Deutschlands wirthschaftliche Wohlfahrt wirklich so bedenklich, wie es verzagte Schwarzseher und gewissenlose Hetzer der Mitwelt verkünden, so würden doch gerade Pessimismus und hoffnungslose Aussichten die Lage noch verschlimmern und der Hoffnungsfreudigkeit und dem allgemeinen Vertrauen, welche die kräftigsten Hebel geschäftlichen Wohlstandes sind, erst recht jeden Boden entziehen. Mit anderen Worten: In schlechten Zeiten nutzen Klagen und Verzagtheit gar nichts, sondern nur Hoffnung, Vertrauen und Thatkraft können bessere Zustände herbeiführen! In Wirklichkeit liegen aber die Verhältnisse im deutschen Reiche nun auch noch derartig günstig, daß zu den geschilderten pessimistischen Auffassungen der wirthschastlichen Lage keine Ursache vorhanden ist, Es lehrt dies eine Untersuchung der in Deutschland wirkenden und dem Reiche wie den Bürgern zu- gehörenden Kapitalkräfte. Zur Beurtheilung dieser Sachlage könnten wir soviel statistisches Beweismatertal bringen, daß man damit ein kleines Buch füllen könnte, wir wollen aber nur einige der stärksten Beweise anführen. Nach den Ermittelungen des statistischen Amtes werden zum Beispiel in Deutschland, wie es die Sparkassen, Bankinstitute, Versicherungsgesellschaften u. s. w. ausweisen, jährlich im Durchschnitt lausend Millionen Mark gespart, die vorjährige Statistik der Sparkassen u. s. w. wies sogar einen wesentlichen Zuwachs ersparten Geldes nach. Ferner ist es eine vom statistischen Amt bewiesene Thatsache, daß in Deutschland für Genußmittel, also nicht für reine Lebensmittel, wie Brod, Fleisch, Milch, Gemüse, sondern für Genüsse, wie Bier, Kaffee, Thee, Spirituosen, Wein, Cigarren und Tabak, jedes Jahr dreitausend Millionen Mark ausgegeben werden. Bedenkt man nun ferner noch, daß im deutschen Reiche enorme Kapitalien für Heer und Flotte, für Eisenbahnen und Kanalbauten u. s. w. ausgegeben wurden, und zieht ferner in Betracht, daß deutsche Kapitalisten insgesammt gewiß mehrere Milliarden in ausländischen Staats- und Eisenbahnpapieren angelegt haben, das deutsche Reich und die Bundesstaaten aber gegenüber anderen Staaten wenig Schulden haben, resp. daß dieselben meistens durch den Besitz der Staatseisenbahnen gedeckt sind, so wird man wohl zugeben, daß es geradezu lächerlich und
ungeheuer thöricht ist, Deutschlands Kapitalkräfte und Staats- leistungen pessimistisch zu beurtheilen. Man darf mit viel größerem Rechte vielmehr behaupten, daß die wirthschaftliche Kraft Deutschlands und der Fleiß und die Sparsamkeit seiner Bevölkerung so groß sind, daß wir nicht nur bald die wirth- schaftlich ungünstige Conjunctur überwinden, sondern auch Geld zu denjenigen Staatßleistungen haben werden, welche neben der Sicherung des Friedens und einer Hebung der Erwerbsverhältniffe der unteren und mittleren Klassen, eine Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt im Auge haben.
Verrrüfthter.
* Bamberg. 2. Juni. Nach neuerdings vorliegenden Meldungen sollen die Aussichten für die Gläubiger des Heßlein'schen Conc urseS sehr ungünstig sein. Es hat sich nachträglich herousgestellt, daß Wechselfälschungen in beträchtlichem Umfange vorliegen.
* Hamm. 2. Juni. Ein eigenthümlicher Unfall ereignete sich in einem Personenzuge, der hier gestern Abend aus der Richtung Minden eintras: In einem Abtheil vierter Klasse saß eine Arbeitsfrau, die aus einer der östlichen Provinzen nach Gelsenkirchen reisen wollte. In demselben Abtheil fuhr ein Mann, der angetrunken war- dieser schlief ein und fiel von der Bank, auf der er saß, herab, aber ohne aufzuwachen. Auch die Frau war eingeschlafen. Der Schaffner weckte und fragte sie, wohin sie fahren wollte. Nach Gelsenkirchen, antwortete die Frau, richtete aber gleichzeitig ängstlich den Blick nach der Bank und rief: Wo ist mein Kind? Dieses, noch sehr jung, war von der Bank, auf die die Mutter es gelegt hatte, herabgestürzt, der Be- trunkene war auf das Kind gefallen und hatte es erdrückt. Hier wurde der Mann verhaftet.
♦ Straßburg, 1. Juni. Ein amtlich eingelausenes Der- zeichniß verstorbener Fremdenlegionäre weist der „Straßb. P." zufolge bereits wieder 18 Namen aus Elsaß- Lothringen auf.
• Heber ein eigenlhümliches Pachtergebuiß, welches, sollte es sich bewahrheiten, schlecht mit den oft gehörten Klagen über den Nothstand in der Landwirtschaft in Einklang zu bringen ist, wird wie nachstehend berichtet: Am 27. März stand ein Termin zur Verpachtung der königlichen Domäne Ilaus-Gröningen auf die Zeit von Johannis 1894 bis Johannis 1912 an. Als einziger Bieter erschien damals der bisherige Pächter Oberamtmann Wiersdorfs, der seine bis dahin gezahlte Pacht von 53 770 Mk. für zu hoch befand und ein neues Pachtgebot von nur 47 000 Mk. abgab. Dasselbe wurde von der Regierung abgelehnt, und zum 26. Mai ein neuer Termin zur Verpachtung eingesetzt, auf welchem diesmal auch zahlreiche andere Bieter erschienen.
Dieselben wurden jedoch von dem bisherigen Pächter Ober* amlmann Wiersdorfs aus dem Felde geschlagen, indem derselbe mit seinem Höchstgebot von 72 510 Mk. (das zweitsolgende Gebot lautete auf 72 500 Mk.) den Zuschlag erlangte. Wie der alte neue Pächter dazu kommt, im Verpachtungstermin 25000 Mk. mehr zu bieten, als vorher, ist nicht recht erklärlich.
* Ein neuer Bund. Der „Oberh. Zeitung" zufolge hat sich in Marburg ein Verein gebildet, „Schnecglöckchen- bund" genannt, der nur aus Damen bestehend, in seinen Satzungen folgende Bestimmungen enthält: „Wir Mitglieder des Bundes versprechen mit Gottes Hilfe ernste Anstrengungen zu machen, um uns allen leichtfertigen Unterhaltungen fern zu halten, allem Lesen schlechter Schriften, allem Auffallenden im Anzug und Kopfputz, sowie jedem Vergnügen, daö schädlich für unsere Einbildungskraft und unser Herz wäre, zu entsagen." l)in recht zeitgemäßer Verein.
* Nimes, 3. Juni. Bei dem heutigen Exerciren deS 19. Artillerie-Regiments im Feuer platzte ein Bronce- geschütz älteren Systems beim sechsten Schuß. Zwei Offi* ziere sanden dabei den Tod.
♦ Wohin die Familie gebracht werden kann, wenn sich die Frau durch Leichtsinn, Putzsucht und Sucht, glänzen zu wollen, leiten läßt und der Mann schwach genug ist, seiner Frau nicht die Zügel zu halten, davon lieferte eine Strafkammerverhandlung des Landgerichts zu Karlsruhe ein Bild. Die chronique scandaleuse beschäftigte sich schon seit letzten Herbst mit den Familienverhältnissen des Betriebsdirectors der Großherzoglichen Eisenbahnwerkstätten, Janson. Als solcher bezog Janson einen beträchtlichen Gehalt, den er ! nach seiner Aussage ganz der Frau überließ. Trotzdem kam ; Frau Janson mit diesem Wirtschaftsgelde nicht auS, sie befand sich in Geldnoth und griff, um sich Geld zu beschaffen,
I zu den ehrenrührendsten Mitteln, Wechsel wurden hinter dem 1 Rücken des Mannes, der mit seinen Diäten seine Bedürfnisse bestritt, gefälscht, Schuldscheine unterschrieben, überall geborgt, i selbst Dienstmädchen wurden damit nicht verschont, die Stellung ihres Mannes zum Stellenverkauf mißbraucht- kurz der Frau Janson waren alle Mittel recht, die eS ihr ermöglichten, glänzende Feste zu feiern, bei denen der Champagner in Strömen floß, und großartig zu leben. Schließlich fiel sie einem Agenten in die Hände, die Wogen schlugen über ihr zusammen und riß die Familie mit hinab in den moralischen Sumpf, in dem sie untersank. Ihr Mann wurde entlassen, sie selbst bezog Quartier im Gesängniß. Sie hatte 32 Wechsel im Gesammtbetrage von 4390 Mark gefälscht und sechs Schuldscheine von 1150 Mark. Der Gerichtshof erkannte sie schuldig der Urkundenfälschung und des Betruges in 25 Fällen, und in je einem Falle der einfachen Fälschung und des einfachen Betruges. Das Urtheil lautete auf 24/2 Jahre Gesängniß unter mildernden Umständen.
ließe. Ich bin nicht der einzige, bei dem er spielt. Früher war er zuversichtlicher, aber seit längerer Zeit ist er immer sehr gedrückter Stimmung. Er hat offenbar den Muth verloren. Ich kenne ihn vom Regiment her, wo ich gedient habe- glauben Sie, daß er einer der schönsten Kerls war, die man sich denken kann? Als Unteroffizier verliebte er sich in die Tochter eines Professors, deren Bruder er Turnunterricht gab, — das ist eine ganz romantische Geschichte . . . Entschuldigen Sie einen Augenblick!"
Es war wieder Jemand da, der den Bankier persönlich sprechen mußte. Sie hatten alle offenbar großes Vertrauen zu ihm.
Diesmal war es ein dicker Bäckermeister.
„Ich werde in diesen Tagen kommen und mein Loos erneuern," sagte er geheimnißvoll. ,
„Das können Sie schon heute, wenn Sie wollen," meinte $ z/Rcin, nein," erwiderte der Bäcker, „ich muß Ihnen vorher etwas mittheilen."
„Na, denn man zu."
„Ich werde Ihnen nicht guten Tag sagen, wenn ich hereinkomme."
„Schadet nichts."
„Ich werde überhaupt nicht mit Ihnen sprechen." „Schadet auch nichts."
„Ich möchte Sie aber bitten, auch nicht mit mir zu sprechen."
„Schön, mein Lieber!"
„Na ja," sagte der Bäckermeister, zufrieden lächelnd, „dann komm ich also morgen."
„Schön!"
„Und — nehmen Sie 'S nur nicht übel."
„3 was!"
Feuilleton.
Im Lotlrriecomptoir.
Von Felix v. Stenglin.
(Fortsetzung.)
Mein Bankier wußte sie alle zu nehmen, sie zu trösten, zu ermuthigen. Und anscheinend bekam ihm das Geschäft gut. Er selbst, seine Frau und seine sechs Kinder verriethen eine ausgezeichnete Mast, jedes sah aus wie ein gezogenes LotterielooS.
Da öffnete sich abermals die Thür, und der Mann, der nun eintrat, nahm mein. ganzes Interesse in Anspruch nahm. Ein eigenthümliches Feuer glühte in seinen Augen - das Gesicht war schmal und blaß, die Figur hager, die Haltung gebückt, trotzdem er noch nicht alt fein konnte, ich schätzte ihn auf etwa 40 Jahre.
Im Gegensatz zu den meisten Kunden deS Bankiers schien er niedergeschlagen und wenig zuversichtlich, wie ein Verzweifelnder, der alles auf eine Karte setzt. Er erneuerte fein Viertel Preußische Staatslotterie und mir fiel während ber kurzen Unterhaltung mit dem Bankier seine weitgehende Kenntniß sämmtlicher Loose und LooSpapiere auf. Ich bedauerte, als ich ihn so dastehen sah, fast, daß er nicht der 10,000 Mark-Gewinner fei, und fragte Herrn F. nach ihm, a[8 er fort war.
„Ja, das ist ein eigenthümlicher Kauz," antwortete dieser. „Er ist Diätqr bei einer Behörde, hat Frau und sieben Kinder zu Hause und kaum satt zu essen. Leides schäften kann er sich also eigentlich nicht gestatten, aber doch scheint eine Leidenschaft ihn ganz zu beherrschen: das Lotterie- spiel. Er darbt lieber etwas mehr, als daß er sich die Beteiligung an irgendwie nennenswerihen Lotterien entgehen
„Adieu 1"
„Adieu! — Wie finden Sie den?" fragte mich der Bankier.
„Ich finde, er hat Formen."
„Nicht wahr?"
„Aber Sie sind mir noch die Geschichte von dem Unteroffizier schuldig," sagte ich.
„Ja, richtig. Ich ging also einmal zu den Leuten, als er krank war —"
„So hat er sie geheirathet?"
„Freilich. Sie wollte es ja nicht anders. Den oder keinen andern. Die Eltern sagten sich von ihr los und sie heirathete ihren Schwamm, — dazu heißt er noch Schwamm . . ."
„Allerdings nach seinem Aeußeren eine Jnconsequenz —"
„Eine großartige Frau, diese ProfefforStochter. Die Wirthschaft hat sie trotz der Aermlichkeit musterhaft in Ordnung, und die Kinder, — na, bei sieben war eS etwas schwer, — aber sie sind durchaus gut erzogen. Sie hofft immer noch auf ihre ProfefforSfamilie, aber die Leute find hartnäckig. Mit jedem Kinde wurden sie hartnäckiger. Denn sie sahen mit Schrecken, daß ihnen nach des Mannes Tode
die ganze Gesellschaft zur Last fallen würde. Und deßhalb hielten sie sich das Gewürm möglichst vom Leibe. Wenn diese Angst nicht gewesen wäre, das heißt, wenn der Mann irgend welche Garantien für die Versorgung seines Nach- wuchseS nach seinem Tode hätte bieten können, dann hätten sie vielleicht schon längst eine Annäherung gestattet. Sie rechneten immer schon mit dem Abgänge des guten Schwamm, dabei ist er gar nicht krank, nur überarbeitet und von Sorgen niedergedrückt . .
„Und deßhalb seine Leidenschaft fürs Spiel!" (Schluß folgt.)


