Nr. 287 Zweites Blatt. Mittwoch den 6. December
Der «r**d=t tig(id), ■* iHltttljmt d«S Mnttags.
Dir Gießener ye*<ntel(4tfer ■»erben bem Anzeiger »ßf^entficu dreimal beigelegt.
Sichener Anzeiger
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1893
BtrrtrffUrtger IKexxemcwlMttto • 2 Mark 20 Pfg. wM vringerlohn. Durch die Post belege 2 Mark 50 W
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Feuilleton.
Schicksalswege.
Novelle von E. Mu schick.
(Nachdruck verboten.)
Myriaden weißer Schneeflocken wirbelten in traumhaftem Durcheinanderweben zur Erde nieder und breiteten eine weiße Decke über die Straßen und Plätze des Städtchens aus.
Frau Brand, die Gattin eines wohlhabenden Fabrikanten, süß am Fenster und blickte sinnend in das dichte Schneetreiben hinaus. Wie die Flocken da draußen auf- und nieder« schwebten, sich, von einem Lufthauche bewegt, 'zu nebelhaften Spukgestalten formten, die der nächste Windstoß schon wieder anders gestaltete oder nach allen Richtungen zerstreute, so kamen und gingen ihre Gedanken.
Sie dachte an hundert Dinge, ohne sich doch dessen recht bewußt zu werden, denn wollte sie einen Gedanken festhalten, so war er entschwunden wie die Schneeflocken da draußen, wenn ein Windstoß plötzlich dazwischen fuhr.
Die Straße herauf kam eine Frauengestalt- der Wind fing sich in der leichten, dünnen Kleidung, die keineswegs geeignet schien, Schutz gegen das Unwetter zu gewähren, und trieb, indem er sie hoch aufbauschte, ein grausames Spiel damit. Ueber den Arm gehangen, trug sie eine größere Anzahl Zettel, welche sie in den Häusern an der Straßen- front abgab.
Sie war die einzige Passantin, welche auf der Straße sichtbar war, denn das Städtchen hatte nur wenig Verkehr und wen nicht die Nothwendigkeit dazu veranlaßte, der trat bei solchem Unwetter gewiß nicht ins Freie.
Wen nicht die Nothwendigkeit dazu zwang — —!
Es mußte gewiß eine sehr zwingende Nothwendigkeit sein, welche diese Frau in der ärmlichen, dürftigen Kleidung dem Unwetter sich preisgeben ließ.
Frau Brand verstand wohl den Grund. Es war das, was wir gemeinhin mit dem Namen „Kampf ums Dasein" bezeichnen.
Die Frau gehörte zu einer Comödtantengruppe, die vor
einigen Wochen in das Städtchen eingezogen war, um vor einem „hochgeehrten, kunstverständigen Publikum, sowie einem hohen Adel" und unter Mitwirkung der „besten Kräfte" ihre Vorstellungen zu beginnen.
Daß diese „besten Kräfte" in ihrem Aeußeren sehr viel Verfall zeigten, fiel den Bewohnern des guten Städtchens nicht auf, denn die waren daran gewöhnt, sich Künstler und alle Personen, die mit der Kunst in irgend welcher Beziehung standen, als hungernde und frierende Menschenkinder zu denken.
Wenn aber schon die „besten Kräfte" in der Truppe sich in einer so wenig beneidenswerthen Lage befanden, wie traurig mußre dann erst das Amt einer Zettelträgerin sein!
Frau Brand fühlte jetzt durch das Erblicken der Alten ihre Gedanken in eine bestimmte Richtung gelenkt. Rollte doch auch in ihren Adern Comödiantenblut - auf den Vater konnte sie sich zwar nicht mehr besinnen — er mußte wohl schon in ihrer frühesten Jugend gestorben sein — desto lebhafter aber stand das Bild der Mutter vor ihrem Geiste.
Sie gehörte in der Zeit, bis zu welcher die Erinnerungen der Fabrikantengatlin zurückreichen, ebenfalls einer Wandertruppe an, die wahrscheinlich nicht besser war, als jene, welche eben jetzt die Jugend des Städtchens durch ihre Kunstleistungen entzückte und die Erwachsenen zum Mitleid bewegte, aber damals merke sie das nicht. Ihre kindliche Phantasie ließ sich durch den Schein berauschen und wenn sie des Abends bet dem blendenden Lichte einiger Oellampen die Mutter „schön wie eine Prinzessin" auf den Brettern erblickte, da schwoll das kleine Herz in ihrer Brust vor Staunen und Bewunderung, die Augen leuchteten und die Wangen glühten und sie kannte nur den einen Wunsch, daß sie auch bald so schön geschmückt auf den Brettern wandeln dürfe, die sie fast wie ein Heiligthum betrachtete.
Der Zeitpunkt kam, sie wurde in Kinderrollen beschäfttgt und glaubte den Gipfel irdischen Glückes erreicht zu haben.
Irdisches Glück hat aber eine fatale Eigenschaft — es währt in der Regel nicht lange, und so mußte es auch damals, Frau Brand erleben, daß ihre Künstlerlaufbahn zu Ende ging, ehe sie dieselbe noch recht begonnen hatte. Die
Mutter hatte nämlich das Heranwachsende Töchterchen oft mit besorgten, traurigen Blicken betrachtet, wenn sie an die Zukunft desselben dachte. Sie wünschte sie herauszureißen auö einem Berufe, dessen Schattenseite sie selbst nur allzu sehr kennen gelernt.
Zur rechten Zeit hatte sie sich daran erinnert, daß sie in Wien wohlhabende Verwandte besitze und auf eine Anfrage hatten sich dieselben bereit erklärt, das Kind bei sich aufzunehmen und zu einem geordneten Leben, im Rahmen bürgerlicher Häuslichkeit, zu erziehen.
Es wurde der Mutter freilich schwer, sich von dem Kinde zu trennen, aber wie hätte sie zögern dürfen, wo sie die Zukunft desselben sich fest gründen sah.
Damit hatte für Frau Brand ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Es dauerte lange Zeit, ehe sie sich im Hause der Verwandten zufrieden und glücklich fühlen lernte; wie aber die Jahre vergingen, so änderte sich auch diese Stimmung, der Verstand gewann die Oberhand über die Phantasien und Illusionen des Kindergemüths, und Frau Brand lebte sich mehr und mehr hinein in die Anschauungen ihres neuen Standes. .
Die Mutter hatte sie seit der Trennung von ihr nicht mehr gesehen; wahrscheinlich hatte sie gefürchtet, daß ihr Kind und ihre Verwandten durch einen Besuch der armen Comödiantin compromittirt werden könnten- auch sonst war kein Lebenszeichen von ihr gekommen, die Tochter sollte ja einem Berufe entfremdet werden, an den sie sich bereits mit jeder Faser ihres Empfindens festgeklammert hatte, sie durfte also durch nichts mehr daran erinnert werden. Indem sie verschollen blieb, brachte ihre Mutterliebe dem Wohle der Tochter das größte Opfer.
Als die letztere das zwanzigste Jahr erreicht hatte, lernte sie ihren jetzigen Gatten kennen und folgte ihm nach kurzer Bekanntschaft in seine Vaterstadt. Auch darüber waren Jahre vergangen, einförmig zwar und still, aber doch voll Glück und Seligkeit.
(Schluß folgt.)
Oeffentliche Aufforderung.
Die Erbschaft des am 24. Mai 1893 zu Offenbach gestorbenen Philipp Hattmann von Gießen ist unter der Rechtswohlthat des Inventars angetreten worden.
Es werden daher Alle, welche' Ansprüche an fraglichen Nachlaß zu bilden haben, hiermit aufgefordert, solche binnen 14 Tagen dahier anzumelden, andernfalls sie bei Ordnung des Nachlasses unberücksichtigt bleiben.
Gießen, 30. November 1893.
Großh. Amtsgericht Gießen. __Stammler.____9959 Mittwoch, 6. December,
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