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5.9.1893 Zweites Blatt
 
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Nr. 298 Zweites Blatt. Dienstag den 5, September

1893

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Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Giefzen.

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Vevm^chtes

Größere Marschgeschwindigkeit. Das französische Jour­nalLa Nature" berichtet über interessante Versuche, welche im französischen Heere zur Erzielung einer größeren Marsch­geschwindigkeit gemacht worden sind. Ausgehend von der Erwägung, daß die Muskeln des Fußgelenkes angestrengt werden und ermüden, hat der französische Hauptmann Raoul die Aufmerksamkeit der Militärbehörden auf eine Gangart gelenkt, welche darin besteht, daß der Mann den Fuß beim VorwärtSbewegen des Beines immer nur sehr wemg vom Erd­boden erhebt, ihn fast schleifend nach sich zieht und daS vorgesetzte Knie gekrümmt läßt. In derselben Weise wird das andere Bein vorbewegt und so fort, während der Oberkörper sich soweit wie möglich vorbeugt. Bei diesem Gange wird also die ganze Fußsohle auf einmal vom Erdboden gehoben und

Amtliche»« Theil.

Gießen, den 2. September 1893. Betr.: Ermittlungen über die Zahl der Gast- und Schank- wirthschaften, sowie der Kleinhandlungen mit Brannt­wein.

DaS Großherzogliche Kreisamt Giessen an Grotzh. Polizeiamt Gießen und die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des

Kreises.

Wir beauftragen Sie, zusammenzustellen, wieviele Gast- und Schankwirthschaften sowie Branntwein - Kleinhandlungen sich in Ihrer Gemeinde am 1. Januar 1879 und wieviele am 1. Januar 1893 befanden, sowie ob und in welchem Maße in dieser Zeit der Branntweingenuß zugenommen hat. Ihrem Bericht hierüber sehen wir bis zum 12. d. M. ent­gegen.

v. Gagern.

vorgeschoben, und nicht wie beim gewöhnlichen Gange zunächst der Hacken gehoben und dann erst die Fußspitze vom Erd­boden entfernt. Natürlich sieht ein solcher Gang schwerfällig, nachlässig und schlaff aus und gleicht sehr der Art und Weise, mit welcher unsere Gigerl zu gehen pflegen, aber er ermöglicht dem Soldaten bei verminderter Anstrengung schneller zu marschiren. Denn dadurch, daß sich der Fuß weniger hoch hebt, werden die Kräfte des Fußes und damit des ganzen Körpers weniger angestrengt, die Athmung wird durch den geringeren Verbrauch der Kräfte leichter, durch daS Vorbiegen des Oberkörpers wird der Schritt schneller und geräumiger und da daS Niedersetzen des Fußes auf die Erde weniger stark ist, so erleidet der ganze Körper geringere Erschütterungen. Im Grunde genommen, liegt hier etwas Neues gar nicht vor. Das Volk auf dem Lande, Fußreisende, Gebirgsbewohner, Neger und andere wilde Völker bedienen sich meist dieser Art des Ganges, und es ist bekannt, daß im fernen Osten Eilboten, Leute, welche fahrende Reisende begleiten und der­gleichen, welche die Europäer durch ihre Schnelligkeit und Unermüdlichkeit in Erstaunen setzen, niemals anders marschieren. Auch die Truppen selbst fallen am Schlüsse anstrengender langer Märsche nicht selten instinctiv in den Gang, bei welchem sie eben eine andere Reihe von Muskeln anstrengen, welche noch frisch geblieben sind. In den Manövern des 11. Eorps in der Bretagne wurde dem Hauptmann Raoul 1891 eine Compagnie zur Verfügung gestellt. Die Leute mußten auf den neuen Schritt erst vollständig einexerziert werden, indem zunächst mit kleinen Schritten begonnen und nach und nach zu größeren übergegangen wurde. Aber schon in kurzer Zeit gewöhnten sie sich an die Ausführung sehr großer Schritte, wobei sich die Anstrengungen verminderten, und durch fort- währende Beschleunigung des Marsches gelangte man zu folgendem Ergebniß. Es wurden zurückgelegt:

Die kleinsten Damenfüße. Wir haben vor einigen Tagen gemeldet, daß einer Dame aus Thüringen auf der Erfurter Ausstellung ein Schuh von 20^2 Eentim. (31 Stichen) gepaßt habe, der noch kleiner sei, als der der Siegerin bet dec Chicagoer Wettbewerbung um den Ruhm des kleinsten Damenfußes. Ein Wiener Blatt hat nunmehr eine Umfrage bei renommirten Wiener Schuhmachern gehalten und ihre Leisten besichtigt und berichtet als Ergebniß dieser Enquete: Einige Damen unserer Aristokratie, so beispielsweise die Gräfinnen St., B, L. und R. und viele Andere hätten der Erfurter Siegerin kühn die Waage halten können, denn jeder dieser verrätherischen Leisten mißt ebenfalls 20*/, Centi- meter. Aber Frau L. im Bezirke Landstraße und Gräfin L. hätten alle übrigen Goncurrentinnen geschlagen, denn die Schuhe dieser beiden Damen messen nur 20 Gentimeter. Entschieden die Palme gebührt jedoch einer jungen Dame in der Frankgasse im Eottageviertel und einer jungen Baronin in Brünn, deren Schönheitsbarometer auf 18% bezw. 19% Gentimeter zeigt. Gharacteristisch ist, daß der kleine Fuß beim Theater nicht recht gedeihen will- die Theater­damen leben zumeist auf großem Fuße. Was beim Ballet als kleiner, zierlicher Fuß bewundert wird, ist vielleicht nichts Anderes als Illusion. Der kleinste und zierlichste Fuß, den das Burgtheater besaß, heißt Fräulein F., nunmehr verehelichte Baronin K. AIS wir den F'schen Schuhleisten sahen, waren wir versucht, ihn sofort zu uns zu stecken und unserer Gattin als Damenspende vom Ball der Liliputaner mit nach Hause zu tragen."

Beim Buchhändler. Herr:Ich wollte daSMode- journal" für meine Frau abbestellen, ist mir zu theuer!" Buchhändler:Aber ich bitte Sie, 75 Pfennige monatlich." Herr:Ich kann Ihnen aber sagen, der letzte Monat hat mich ebensoviel Mark gekostet!"

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Feuilleton.

Erinnerungen eines Schlachtenmalers.

In dem soeben erschienenen 8. Hefte der Monatsschrift Die Waffen nieder!" veröffentlicht der berühmte russische Maler Wereschagin ergreifende Schilderungen seiner Er­lebnisse im russisch-türkischen Kriege. Wir entnehmen dem Aussatz folgende Stellen:Um besser zu begreifen, was der Krieg ist, beschloß ich, mich über Alles mit eigenen Augen zu überzeugen: ich habe den Feind mit der Infanterie an­gegriffen und es kam auch vor die Soldaten zum Sturm geführt- ich habe an den Gavallerie-Ueberfällen und -Treffen theilgenommeu und ging mit Marinesoldaten an die Attacke größerer Schiffe mittels eines Minenträgers. Bei diesem letzteren Anlaß wurde ich für meine Neugierde mit einer ernsten Wunde gestraft, welche mich beinahe ins Jen- feite gebracht hätte, um dort meine Beobachtungen fortzu­setzen. Anderseits aber hat dieser Versuch mir die Gelegen­heit geboten, Beobachtungen anzustellen, wie es mit den Verwundeten im Kriege beschaffen ist und meine Bilder haben dies dargestellt. Es ist schwer wiederzugeben, mit Worten zu schildern, was ein Gefecht oder die Hitze des Gefechtes ist, indem jede Minute in demselben etwas Neues, Unerwartetes bringt. Die Teilnahme am Gefecht wirkt allerdings nicht bloß nur auf mich, sondern auf Jeden auf­regend : die Leute werden geradezu wahnsinnig, schimpfen und schreien derart, daß zu Ende des Kampfes Alle, vom General biß zum Soldaten, heißer werden. Trotzdem man durch die Kampswuth hingerissen wird, ist man sich der Nähe beß Todes stets bewußt, und als ich ins Feuer kam, habe ich stets er­wartet :Bald, gleich wird's mich erreichen." Dabei dachte ich stets:Und hast du es nöthig gehabt, dich hierher vor- zudrängen, hast du dich nicht in der Ferne halten können? Jetzt, Bruder, bezahle für deine Voreiligkeit . . . Wäh­rend ich dabei gehörig beschaffen wurde, habe ich doch . . . . nein, nein, ich habe sogar die neben meinen Ohren vorbei­sausenden Kugeln und Granaten beugend begrüßt.....

Bemerkenswerth ist die Thatsache, daß bei allen Kriegen, in allen Gefechten die beiden kämpfenden.Parteien innig davon überzeugt sind, daß sie unmittelbar nach Gottes Weisung und unter dessen unmittelbarem und besonderen Schutze wirken. Nicht bloß bei Kriegserklärung, sondern auch vor den Schlachten und während der Gefechte wird Gott genannt und auf verschiedene Art angerufen. Während der großen Schlacht

bei Plewna haben die Ruffen vom frühesten Morgen Gottes- | dienfte um Gewährung beß Sieges abgehalten, während die | Türken den ganzen Tag hindurch unaufhörlich den Namen Allahs anriefen! In dem gegebenen Falle hat die Praxis die auf die Einwirkung und den Schutz Gottes zu Gunsten der einen ober der anderen Partei gehegten Hoffnungen nicht gerechtfertigt: Bei den Russen betrugen die Abgänge von der Front nahezu 18,000 Mann, während bei den Türken unge­fähr 15,000 blieben. Ich hatte schon Gelegenheit zu sagen, daß jede Vorausberechnung bezüglich der Hilfe für die Verwundeten im Ernstfälle unzulänglich erscheint. Man be» bereitet sich auf die Aufnahme von 5000 Verwundeten vor- es zeigt sich aber, daß deren 10,000 gibt! Dort fehlt es an Chinin, hier an Chloroform. Ein arger Mißbrauch wird damit getrieben, daß man anstatt des theueren Chinins irgend ein wirkungsloses weißes Gemenge verabreicht. Den für die Verwundeten bestimmten Wein, Thee u. f. w. trinken häufig die Offiziere aus. Man verbindet die Verwundeten in aller Hast und es bleiben dennoch Tausende tagelang un­verbunden und unverpflegt. Sehr belehrend ift es, den Verbandplatz am nächsten Tage nach der Schlacht zu besuchen. Nun, tote geht Dir's heute?" fragte der Doctor einen stämmigen Soldaten, dessen fieberglühenbe Wangen bunkelroth wie Päonien gefärbt sind.Besser, Euer Hochwohl, geboren, viel bester, mit Gottes Hllfe werbe ich mich jetzt erholen."Er wird die heutige Nacht nicht überleben," bemerkt zu nur der Arzt auf französisch.Nun, und wie steht's mit Dir?"Bester, Euer Hochwohlgeboren- jetzt iftß mir leichter, nur da oberhalb gibt es jetzt etwas, als ob"Der Brand zeigt sich", sagt wiederum der Doctor,in wenigen Stunden ist es vorbei." So kommt mir ein junger Kosake in Erinnerung, welcher mit blassem, wachsgelbem, von wunderbaren, kastanienbraunen Haaren umrahmtem Gesichte vor mir ba'ag und der mit leiser, stets mehr und mehr absterbender Stimme flehte, man möge ihn in die helmathlichen Steppen an den Don senden:Dort werde ich mich erholen, bringen Sie mich weg, bringen Sie mich sobald als möglich weg!" . . . Einen Tag nachher hat er sich an mich mit derselben Bitte gewendet, und er wurde weggebracht, nur nicht an den Don, sondern in das Massengrab. Ich weiß nicht, wie in anderen Armeeen die barmherzigen Schwestern arbeiten . . . Ich kann sagen, daß die russischen barmherzigen Schwestern sich als wahre Heldinnen zeigten und nicht bloß jene, welche aus Selbstverleugnung bienten, sondern auch solche, die mit Gehalt angestellt waren.

I Alle, ohne Ausnahme, kannten keine Ermüdung, wohnten eng

und erbärmlich, speisten in der Eile was immer und wo immer und waren nie unwillig. Nach Abschluß des Waffen* stillstandes, nachdem die Nerven durch Überanstrengung auf das Aeußerste abgespannt waren, erlagen die Armen in Folge der Erschöpfung und des Typhus zu Dutzenden. Die Aerzte verloren manchmal die Kräfte, die barmherzigen Schwestern niemals - die Aerzte verloren manches Mal die Geduld in­mitten des sie umgebenden Jammer- und Klagegeschreies die Schwestern aber nie. Einem an mehreren Stellen Verwundeten nähert sich der Arzt nicht anders, als mit einer starken Cigarre im Munde während ein Schwesterchen, nachdem es sich über einen solchen Verwundeten gebeugt hat, sich |o lange nicht aufrichtet, bis es Alles gewaschen und verbunden hat. Und wie oft müssen sie trösten, beruhigen, versöhnen, wie viele Briefe schreiben und solche vorlesen, Einnahmen und Ausgaben einschreiben u. dgl.! .... Man hat mir deshalb Ausstellungen gemacht, daß ich die Schatten­seiten des Krieges, bloß entsetzliche Seiten zum Vorwurf genommen habe- ich antworte aber darauf, daß nicht wenige im höchsten Grade dramatische Sujets vorhanden waren, vor welchen ich birect zurückgewichen bin, inbem ich mich nicht imftanbe fühlte, dieselben auf ber Leinwanb wieberzugeben. Mein Bruder, welcher beim General Skodeleff Ordonnanz war, wurde beim dritten Sturme auf Plewna getöbtet und nachdem ber Ort, wo er fiel, vom Feinbe halb besetzt würbe, konnte ich feinen Leichnam nicht bergen. Als sich nach brei Monaten Plewna ergeben hatte, ging ich an jene Stelle unb fanb dieselbe mit Leichen der Gefallenen, ober richtiger, mit deren Skeletten bebcckt. So viel ich ihn auch suchen mochte, sah ich bloß überall mir entgegengrinfenbe Schädel unb hier unb ba noch mit Hernben unb Fetzen befleibete Skelette, bie mit ben Hänben irgenbroo in bie Ferne hinwiesen. Welcher von biesen war mein Bruber? Ich habe bie Kleiberreste genau betrachtet, bie Schäbelknochen, bie Augenhöhlen unb . . . ich hielt es nicht aus: bie Thränen flössen in Strömen unb lange konnte ich bem tauten Weinen nicht Einhalt gebieten. Trotzdem setzte ich mich nieder unb entwarf eine Skizze biefer in vollem Sinne bes Wortes an Dantes Silber ber Hölle erinnernben Stelle. Ein solches Bilb mit meiner Gestalt inmitten aller biefer Skelette, bieselben auSeinanberwersend, wollte ich wiebergeben - aber sogar nach einem Jahre, nach zwei Jahren schnürten mir bieselben Thränen bie Kehle ju, sobald ich wich an diese Leinwand machte, und sie ließen mich nicht fortsetzen so daß ich nicht im Stand war, dieses Bild zu vollenden . . . ."