Ausgabe 
5.1.1893 Zweites Blatt
 
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1893

Donnerstag den 5. Januar

Amts» und Anzeigeblatt für den Areis Giefzen.

Gratisbeilage: Gießener Aamilienbtätter

Amtlicher Theil

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süßes Kinderstimmchen frug:Weßhalb Die Mama schläft ja so schön!" nicht mehr oufwachen!" rief der Kunst­herber Empfindung das Kind von sich,

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unglückliche Menschenseele erlöst von allem Leid und Weh dieses Erdenlebens- lächelnd, friedlich lag Alicens sterbliche

allerdings noch uubeglaubigten Meldung von anderer Seite hätte der Kaiser sogar noch entschiedener über die Militär­frage gesprochen und u. A. betont, er werde die Vorlage aus alle Fälle mit Lem gegenwärtigen oder mit einem anderen Reichstage durchbringen. Es muß natürlich noch dahingestellt bleiben, ob aus dem Munde des hohen Herrn wirklich eine derartige sichtliche Andeutung einer eventuellen Reichstagsauflösung gefallen ist. Zum Mindesten steht aber fest, daß sich der Kaiser in klarer und bündiger Weise zu Gunsten der Militärvorlage in ihrer jetzigen Gestalt ausge­sprochen hat, mir welcher kaiserlichen Kundgebung der Reichs­kanzler Graf Caprivi selbstverständlich eine sehr werthvolle Verstärkung seines bislang in der parlamentarischen Ver­tretung der Regierungsvorlage eingenommenen Standpunktes verzeichnen kann. Nunmehr handelt es sich darum, welche Stellung die in nächster Woche zusammentretende Militär­commission des Reichstages angesichts des an den maß­gebendsten Stellen zweifellos vorhandenen Entschlusses, an allen wichtigeren Regierungsforderungen festzuhalten, gegen­über der Vorlage einnehmen wird. Vielleicht, daß schon die Generaldebatte der Commission einen Schluß darauf gestattet, inwieweit in der obwaltenden ernsten Situation eine Ver­ständigung möglich ist. ,

Im Reichstage ist ein neues Bündel von Im- tiativanträgen und Interpellationen eingegangen. Hervor­zuheben sind hieraus die Interpellation der socialistischen Fraction über die Nothstandsfrage, sowie die vom Centrum eingebrachten Anträge, betr. die Concursordnung gegenüber böswilligen Concursmachern, betr. das Genossenschaftsgesetz und betr. die Bekämpfung der Auswüchse des Hausirgewerbes. Mit letzterer Frage beschäftigt sich bekanntlich bereits der Bundesrath infolge des ihm unterbreiteten Antrages der bayerischen Regierung auf Einschränkung des Hausirhandels.

Hannover, 3. Januar. Der Bezirkseisenbahnrath Hannover tritt am 5. ds. zusammen. Auf der Tagesordnung steht der Entwurf des Sommerfahrplans 1893 und Er­mäßigung der Gepäckfracht für Mustergepäck von Handlungs­reisenden. _____________

der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden und dabei, wenn sie an diesem Orte nicht geboren sind, ihren Geburtsschein und wenn sie sich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Loosungs-Schein vorzulegen.

Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Die- jenigen, welche die Anmeldung Unterlasten, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bis zu 30 Mark oder mit Haft bis zu drei Tagen belegt, von der Theilnahme an der Loosung autzgeschlosten und ihrer etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung rc. verlustig erklärt werden.

Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend sind, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherren zu diesen Anmeldungen verpflichtet.

Die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lassen.

Gießen, am 2. Januar 1893.

Dec Civilvorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission Gießen. Dr. Melior, Regierungsrath.

ad Laugen. Schmalbach.

Kinderaugen blickten Mutter an und Isas weinst Du, Papa?

Aber sie wird reiter und schob in

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Bekanntmachung,

betreffend das Ersatz-Geschäft für 1893.

Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr- Ordnung werden alle im Jahre 1873 geborenen Militär­pflichtigen, sowie die in früheren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hin­sichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine definitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder in demselben als Studenten, Gymnasiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus- und Wirth- fchaftsbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen, Dienstboten, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft sich aufhalten, hiermit aufgefordert, sich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der Zeit vom 15. Januar bis zum 1. Februar l. I. bei

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Gießen, den 2. Januar 1893.

Setr.: Das Reichsgesetz vom 14. Mai 1879 über den Ver­kehr mit Nahrungsmitteln.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gieheu au Grosth. Polizeiamt Gießen und die Großh. Bürgermeistereien derLandgemeindendes Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 20. Februar 1886 (Anzeigeblatt Nr. 46) sehen wir der Emsen- dung der vorschriftsmäßigen Auszüge aus der von Ihnen zu führenden Tabelle über die im Jahre 1892 vorgenommenen Untersuchungen von Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegen­ständen bis zum 15. Januar l. I. entgegen.

Sie wollen in der Tabelle auch angeben, bei welcher Stelle (z. B. dem chemischen Untersuchungsamte für die Pro­vinz Oberhesten) die betreffenden Untersuchungen stattgefunden

Irrwege.

Novelle von F. von Pücklcr.

(3. Fortsetzung.)

Nun gut," nickte er düster,es ist besser so. Ich habe momentan große Pläne vor, bei denen ich die Obhut des KindeS nicht gut übernehmen kann."

So, hast Du ein neues Engagement abgeschlossen?"

Ja, für den ganzen Winter, und zwar recht vorthell- haft- sieh, hier ist mein Contract, den ich schon unter­schrieben habe."

Wie freue ich mich Deinetwegen darüber, lieber Mann.

Aber was soll das alles mir nützen, wenn ich Dich nicht mehr habe," rief er abermals ungestüm und gab sich wiederum einem ungezügelten Ausbruch seines Schmerzes hin.

Die arme Frau lag ganz still, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet. Ihr Athem war sehr kurz und röchelnd, der Puls ging nur noch matt.

Constantin, saffe Dich! Erschwere Dir und mir nicht diese ernste Scheidestunde."

Diese müden, klanglosen Worte der Sterbenden brachten ihn wieder zu sich- er biß die Lippen zusammen, setzte sich auf den Bettrand und nahm Alicens Hände in die seinen.

Daß ich Dich lassen soll," klagte er seufzend,ist sehr, sehr bitter. Du bist noch mein guter Stern gewesen all die Jahre."

Die arme Frau dachte daran, wie wenig sie ihn von seinem rohen Leben hatte zurückhalten können, aber sie sagte nichts davon, sie lächelte nur matt und begann mühsam: Laß uns von Isa reden, Constantin, ich habe sie Waldstein ans Herz gelegt, und er gelobte mir, sie gut zu erziehen, wenn Du Deine Einwilligung dazu geben würdest."

Immer wieder sprichst Du von jenem Mann," grollte der Kunstreiter.

Sei nicht thöricht," mahnte die Sterbende.Du weißt, daß ich ihn um Deinetwillen aufgab, weißt auch, daß er großmüthig zurücktrat. Sei nicht unedel, Constantin!"

In dem kleinen Bodenkämmerchen erlosch diese Nacht das Licht und unermüdlich wachte Constantin Volkert an dem Bette seiner sterbenden Fran. Als dann der Morgen an­brach, sonnig leuchtend über den buntgefärbten Bäumen und Sträuchern, über Häuser und Wiesen, da war eine müde,

Hülle auf dem ärmlichen Lager und vor demselben kniete Volkert, fassungslos, aufgelöst in Jammer und Schmerz.

Da trippelten kleine, bloße Füßchen zu ihm hin, große erschrocken bald ihn, bald die stille

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Januar. Auch der deutsche Kaiser hat den Jahreswechsel zum äußerlichen Anlaß einer bedeut­samen Kundgebung benutzt, nur daß dieselbe nicht d.r äußerlichen Lage, sondern einer hochwichtigen inneren Ange- legenheit Deutschlands, der schwebenden Militärfrage, galt. Es ist dies in der seitens des erlauchten Monarchen beim Empfang der commandirenden Generäle gehaltenen Ansprache geschehen. Wie das osficiöse Wolff'sche Telegraphen­bureau mittheilt, äußerte der Kaiser, daß die Durchführung der beabsichtigten Heeresreform für Deutschland eine mili­tärische und politische Nothwendigkeit sei, und er zuversichtlich erwarte, wie die Erkenntniß hiervon sich immer weitere Bahn brechen werde. Er stehe fest zu der von den ver­bündeten Regierungen eingebrachten Vorlage. Nach einer

Siebener Anzeiger

Generat-Wnzeiger.

statt es in die Arme ans Herz zu nehmen,sie ist tobt und ich möchte nun auch nicht mehr leben. Mein Glück ist ausgelöscht!"

Furchtsam kauerte sich das Kind in einen Winkel, es fror im dünnen Nachtkleidchen- auch der Hunger erwachte bei ihm und Thräne um Thräne rann über die Bäckchen. Schon jetzt vermißte es die Mutterliebe und was sollte aus dem armen Kinde werden, wenn sich seiner kein edles Herz erbarmte?

Da ward die Thür geöffnet, ein hoher, ernster Mann stand bleich und stumm auf der Schwelle- er hatte sogleich begriffen, was hier vorgegangen, und mit verschleiertem Blick schäme er nach der Tobten hinüber, dann aber schritt er so­gleich zu dem verzweifelt Knieenden hin und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Sie haben ein Kleinod verloren, Herr Volkert," sagte er sanft,aber ihr ist wohl, Gott hat sie zu sich genommen."

Aber was habe ich gelhan, daß ich so furchtbar gestraft werde," jammerte der Kunstreiter.ES ist ja nicht möglich, daß Alice schon sterben konnte, ohne sie bin ich ein Elender!"

Onkel Alfred," tönte jetzt ein angstvolles Sümmchen an Waldsteins Ohr,bleibe bei mir ich fürchte mich so."

Meine kleine Isa," murmelte der bleiche Mann bewegt und nahm das fröstelnde Kind in seine Arme,ich will Dich beschützen, wenn es Dein Vater erlaubt."

Du bist gut," schluchzte das Kind,nimm mich mit auf Dein Schloß. Mama schläft so fest und Papa ist böse auf mich. Ach und ich habe noch kein Frühstück bekommen."

Waldstein fühlte, wie eine Thräne über sein Antlitz rann, er wandte sich zu Volkert und sagte:Fassen Sie sich, mein Freund! Das Leben tritt gebieterisch an Sie heran und legt Ihnen neue Pflichten auf. Vertrauen Sie mir Ihr Kind zur Pflege an, es soll mein Kind sein, wenn Sie einst nicht im Stande sein sollten, Vaterstelle zu übernehmen."

Bn, MgeM.

4. Januar 1893

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Ter Vorstands ÜefÄäfT 1893, Abends 9 Uhr: Itrn -rchn UM-Ms, (Nationen an demselben, feiten des Siislungs-Festes.

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Nehmen Sie das Kind in Gottes Namen!" schluchzte der Kunstreiter.

Und Waldstein preßte das arme kleine Mädchen fester an sich, raffle ihr Kleidchen Zusammen und trug es in sein Zimmer. Trotzdem auch an Waldsteins Seele unauslöschlicher Schmerz nagte, so vergaß er doch nicht, was jetzt dem armen Kinde Noth that. Er bestellte für dasselbe Frühstück und als Isa dann nach Kinderart fröhlich plaudernd ihre Milch trank und Zwieback, da seufzte er tief aus:O, Geliebte, ich danke Dir! Ja, sie sell mein Kind sein und ich will sie lieben wie ein Vater!"

*

Das Begräbniß Frau Alice Volkerts sand vom Fried- Hofe aus in aller Stille statt. Herr v. Waldstein hatte die gesammten Anordnungen dazu dem völlig gebrochenen Volkert abgenommen, der nun theilnahmlos in seinem öden Dach­kämmerchen saß und auf die Stelle blickte, wo das Lager der Heimgegangenen gestanden.

Volkert hatte Recht, sein guter Genius war mit seiner Frau gestorben- trotz all seiner Fehler hatte die leidenschaft­liche Liebe zu ihr ihn doch immer wieder über dem Morast des Lebens erhalten, in welchem so mancher seiner Beruss- genossen untergegangen war.

Waldsteins Schmerz war vielleicht größer, tiefer als der­jenige Volkerts, aber er wußte ihn zu beherrschen.

Isa schlief noch bis nach dem Begräbniß beim Vater, war aber sonst den ganzen Tag inOnkel Alfreds" Zimmer- sie hatte ein schwarzes Kleidchen bekommen, ihre blonden Haare wurden mit einem ebensolchen Bande zurückgebunden und auf ihre verwunderte Frage, weßhalb sie das hübsche rothe Röckchen, in dem Mama sie so gerne gesehen, nicht an­ziehen sollte, ward ihr erwidert, Mama ist gestorben! Sie verstand nicht, was das zu bedeuten habe, gern hätte sie den guten Onkel gefragt, aber der sah auch so ernst und traurig aus, daß sie es nicht wagte.

Und dann ward die Frau des Kunstreiters zur Ruhe bestattet. Auf schwarzverhangencm Wagen schwankte der blumengeschmückie Sarg der Grabstätte zu und neben dem noch immer ganz sassungslosen Wittwer schritt Herr v. Wald­stein, Isa an der Hand- er war bleich und gefaßt, aber tief drinnen in der breiten Mannesbrust zuckte ein Schmerz, viel tiefer als der des Kunstreiters.

(Fortsetzung folgt.)

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