Ausgabe 
4.10.1893 Zweites Blatt
 
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1893

Mittwoch den 4. October

Nr. 233 Zweites Blatt

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2lints- und Anzeigeblutt für den Kreis Gietzen.

chrattsbeitage: Gießener KamilienKlätter

Amtlicher Theil

VerMifehtes

Fernspretiianethluss Mr. 51.

ein athletischer Club, der von dem Vorstande mit großem 1 Interesse gepflegt wird. Neben diesen Vergnügungen stellen

Annahme von Anzeigen zu der NochmtllagA für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Vierrelfihngm ASonnrmrnfeprei»,

Iriieririele Danksagiingskarten Visitkartai mit Trauerrand nebst dazu passenden Couverts.

Der

Ghetzener Anzeiger «scheint iäglich, rit lulnabme deS Montag».

* In einem Aussatz derBerl. klinischen Wochenschr.": Ueber das medicinische Studium in England im Vergleich mit Deutschland" spricht sich Dr. W. Nagel über die eug- tischen Studenten folgendermaßen aus : Es sind ruhige, zurück­haltende Gentlemen, zuvorkommend gegen einen Fremden, der ihnen vorgestellt wird. Jeder, der mit englischen Familien bekannt ist, weiß, daß die gebildeten Mittelklassen in England verhältnißmäßig anspruchslos leben und daß in vielen Kreisen vollkommene Enthaltsamkeit in Bezug aus alkoholische Ge­tränke herrscht. In Folge hiervon sind Trinkgelage unter englischen Studenten unbekannt; ebensowenig kommt es vor, daß man drüben ein paar Semester im Nichtsthun verbringt. Der englische Student interessirt sich für körperliche Uebungen, er sucht seine Zerstreuung im Cricket, Football und in Boatraces und jeder, der längere Zeit in England gewesen, weiß, wie ein lebhaftes Interesse alle Schichten der Bevölkerung an den Wettkämpfen zwischen den Universitäten oder Schulen nehmen. In jeder Hospitalschule besteht auch

selten den ihnen Allen Verhaßten windelweich. Dieselbe dicke, übelriechende Atmosphäre, denselben Schmutz wie auf Hausflur und Treppen finden wir im Innern der Wohnungen wieder. Alles liegt unordentlich durcheinander. Die wenigen Belten und Möbel sind alt und gebrechlich. Besteht die Wohnung aus einem oder mehreren Zimmern und einer Küche, fo sind meistens die Ersteren an junge Leute, die theils arbeiten, theils nicht arbeiten, oder an gemeldete Dirnen abvermiethet, während die Familie ihre Unterkunft in der Küche sucht. Besteht aber die Wohnung nur aus einem einzigen Raum, der dann selbstverständlich zugleich als Wohnung, Schlaizimmer und Küche dienen muß, so drängt sich hier Alles zusammen. In dem gewöhnlich nur einmal in seiner Art vertretenen Bette liegt Mann, Weib und Kinder, so wie sie gerade Platz finden, oft auch die Kinder am Fußboden auf Stroh und neben ihnen der miteinwohnende Schlafbursche.

Daß diese Schilderung keineswegs übertreibt, sondern nur die nackte, traurige Wirklichkeit zeichnet, ergiebt sich aus den von uns ermittelten Zahlen. Jli der Füsilierstraße be­finden sich an zwanzig nur aus Stube und Küche bestehende Wohnungen, in welchen je sechs bis sieben, vielfach aber zehn Personen wohnen und schlafen. Sehr zahlreich sind ferner die nur aus einer Stube mit Kochgelegenheit bestehenden Wohnungen, in welchen drei bis fünf polizeilich gemeldete, sehr häufig aber noch mehrere aus triftigen Gründen nicht gemeldete Personen Hausen. Ebenso sind die Verhältnisse in der Weidinger-, Amalien-, Koblank- und Kleinen Alexander-

straße. In diesen Straßen wohnen etwa 120 polizeilich ge­meldete Frauenspersonen der schlimmsten Art- gezählt in siebenundvierzig Häusern vierundsiebzig Quartiere von gcmel-. beten Frauenzimmern. Wie groß die Zahl der nicht gemel­deten Frauenzimmer und Zuhälter ist, die diese Gegend bevölkern, mag man aus der Thatsache entnehmen, daß die Polizei in kurzer Zeit etwa hundertachtzig unangemeldete Personen in diesen Straßen abge­fangen hat.

Ueber die sanitären Zustände in diesen Häusern kann man sich schon aus den mitgetheilten Thatsachen ein Bild machen; dieselben erhalten aber noch eine grellere Be­leuchtung , wenn man erfährt, daß die meisten Häuser für ihre zahlreichen Bewohner nur wenige H o f e l o f e t s haben.

Wir lassen einige Zahlen folgen: ein Haus der Weidinger- straße, das 51 Familien mit 156 Personen beherbergt, hat vier Hofclosets- ein anderes mit 30 Familien und 143 Seelen drei Hofclosets - ein Haus mit 13 Familien und 37 Personen ein einziges Closet. In diesem Hause hat freilich der Wirth für seine Familie ein besonderes Closet, das aber von den Miethern nicht benutzt werden darf. Ebenso liegen die Ver­hältnisse in der Koblank-, Amalien-, Füsilier- und Kleinen Alexanderstraße: überall Häuser mit 15 bis 25 Familien, die sich mit zwei bis drei Hofclosets ohne Wasserspülung begnügen müssen.

Diese Zahlen geben, wie schon bemerkt, nur die polizeilich gemeldeten Personen an. In Wirklichkeit beherbergen viele Häuser aber noch zahlreiche andere Personen, so vorübergehend ganze Schaaren von galizischen Auswanderern mit ihrem zahl­reichen Kindertroß.

Welch ein Seuchenherd sich bei dem Ausbruch einer Epidemie hier entwickeln würde, läßt sich unschwer ausmalen. Wir wollen uns indeß heute nicht in weiteren Betrachtungen ergehen, sondern lassen die mitgetheilten Thatsachen reden.

Berl. M.-Ztg.

Im dunkelsten Berlin.

Die Polizei- und Gemeindebehörden sind in der letzten Zeit mit zahlreichen Zuschriften, Klagen und Beschwerden hlkimgesucht worden, die abschreckend düstere Bilder von den sittlichen und sanitären Zuständen aus einem Stadttheile im Herzen Berlins entrollten. Es ist dies der Theil, ter von der Prenzlauer- und Grenadier st raße, bezw. derAlexander- undLinienstraße begrenzt ist. Die innerhalb dieses Gevierts liegenden kleinen Querstraßen, t je Bartel-, Weidinger- und Koblankstraße, die Kleine Alexander-, malten- und Füsilier-Straße beherbergen eine so übergroße Zahl bedenklicher Elemente, daß die anständigen Bewohner aus dieser Gegend geradezu verdrängt werden, und Diejenigen, die durch ihren Besitz oder ihr Gewerbe in dem verrufenen Viertel zurückgehalten werden, einen beständigen Kampf mit dem verworfensten Gesindel führen müssen. Die alte Königs- mauer ist gefallen- hier haben sich die Elemente, die sie einst bevölkerten, eingenistet. Ein großer Theil der Bewohner setzt sich aus Prostituirten, Zuhälter, Rowdys und Verbrechern oller Art zusammen.

Auch uns waren krasse Schilderungen der hier herrschenden Zustände zugegangen, und obwohl sie durchweg von zweifellos vertrauenswürdigen Personen ausgingen, glaubten wir doch durch eigene eingehende Untersuchung Material zu ihrer Be­leuchtung sammeln zu müssen. Es hat sich uns leider in überwältigender Fülle aufgedrängt. Der Stadttheil enthält zum großen Theil alte Häuser, die bereits die Spuren des Verfalls tragen. Ein solchesMusterhaus" wurde einst in -er Zeitschrift für die gesammte Strafrechtswissenschaft ge­schildert, und die damals entworfene Zeichnung trifft heute noch in allen Einzelheiten zu.

.... Betritt man ein solches Haus, hieß es da, so wird man alsbald von einem verpesteten, fauldumpfigen Ge­rüche befallen. Schmutz herrscht überall, und auf der Treppe balgen sich halbnackte Kinder. Zank und Streit besteht zwischen den Flurnachbarn- bei dem geringsten Anlaß werden auf Corridoren und Treppen lärmende Wortgefechte in den unfläthigften Ausdrücken und blutige Raufereien ausgefochten, bei denen Stöcke, Besenstiele und Messer eine große Rolle fielen. Die Weiber begießen sich mit ekelhaften Flüssig­keiten, bewerfen sich mit Koth und raufen sich die Haare aus, die Männer werfen sich die Treppe hinab, und dazwischen schreien und wimmern Kinder in jeglichem Alter. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit bilden sich im Hause zwei Parteien, die einander befehden und die sich nur dann einigen, wenn es ja einmal dem Hanswirth oder dessen Vertreter einfallen sollte, dazwischen zu treten, um Ruhe zu stisten. Denn dann stürzen sie gemeinschaftlich auf diesen los und schlagen nicht

Di» Gießener 9««trtewlUtter erben dem Anzeiger GcheMlich dreimal b «gelegt.

Anfertigung Id küxzestex Frist zu mässigen Preisen in der totoen llmkerei Schalstrasse 7.

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Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Au-lande- nehmen Anzeigen für denSiehener Anzeiger" entgegen

| sich aber die Studenten und nicht am wenigsten die Medi- einer andere und sehr ernste Aufgaben, wozu das Elend in den niederen Ständen, welches in England kaum größer ist als in anderen Ländern, aber dort mehr an den Tag tritt, , Veranlassung genug giebt. Wenn man bedenkt, daß im vorigen Jahre tn Dublin 15 000 Betrunkene, darunter 5000 Weiber, verhaftet wurden, daß m Edingburgh täglich 40 000 Mk. für Alkoholika verausgabt wurden eine Summe, die größer ist, als der tägliche Betrag für HauS- miethe in Edinburgh und wenn man ferner bedenkt, daß in London 1 auf 175, in Birmingham 1 auf 153, in Manchester 1 auf 71 und in Liverpool 1 auf 50 Einwohner wegen Betrunkenheit verhaftet werden, so wird man sich nicht wundern, in den größeren Städten studentische Vereine zu finden, deren Mitglieder ihre freie Zeit nebst beträchtlichen Geldopfern zur Besserung des socialen Elendes durch eine Art nnisionarer Wirksamkeit verwenden. Daß in England für die Armen, besonders m Bezug auf Wohnung, billige und gute Ernährung, Unterricht und gesunde Unterhaltung so sehr viel mehr gethan worden ist, als in allen anderen europäischen Staaten, ist nicht am wenigsten dem Umstande zu verdanken, daß gebildete junge Männer, zum Theil aus den höchsten Kreisen, durch die gedachte Wirksamkeit die socialen Schäden ans eigener Anschauung kennen gelernt haben und dadurch in Stand gesetzt worden sind, in ihrer späteren Thätigkeit mit Erfolg für Abhilfe einzutreten.

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Literatur und Kanft.

Das Erscheinen der ersten beiden Hefte des geboten Jahr­ganges der Familien-Zeitschrtft .Universum- (Preis 50 Pfg.für vaS Heft) gibt uns Veranlassung, auf diese vortreffliche Zeitschrift alle die hinjuweifen, die für ihre Erholungsstunden ein gediegen unterhaltendes und zugleich künstlerisch au«,estatteteS Journal wünschen. Die beiden vorliegenden Hefte und daS von der Redaction mUgetbcilte Programm für den neuen Jahrgang lassen eS voll­berechtigt erscheinen, die Zeitschrift als das reichste und volksthüm- lichste der dcutschen Familienblätler hinzustellen. Ueberall zeigt sich ein frisches, von keiner Schablone angekränkelte- Streben, aus den Schätzen, die von der Wissenschaft, der schönen Literatur und der Kunst dargebotm werden, das Unterbaltenbfte und Werthoollste aus­zusuchen, und eS ist im höchsten Grade überraschend, zu sehen, wie daS Universum inmitten der meist übel angesehenen Familien blatt- latratur sicher und vornehm seinen eigenen Weg geht und Saiten einzuschlagen ocrsteht, die seine volle Eigenart wahren und zugleich durch echte VolkSthümlichkeit bei Jung und Alt anklingen. Einen Inhalt zu bringen, der mit Allem und in seiner ganzen Ausdehnung Jedermann befriedigt, ist ja ein Ding der Unmöglichkeit; wa« aber nickt bestritten werden kann, ist, daß das.Universum" eS meisterhaft versteht, solche Stoffe zu wählen und »u behandeln, die bei der gi oßen Mehrzahl der Leser des lebhaften Interesses sicher sein dürfen. Hcst 2 enthält z. B. folgende belletristische und seuilletonistische Bei­träge:Gluck-Gluck", Roman von Karl von Heigel.Die gegrabene Grube", Novelle von Balduin Groller.Der Bärenführer", Humo­reske von Eufemia von Adlersseld-Balleftrem.Ein Kellersest", Dichtung von Emil RitterbausEin Jägerstücklein", eine lustige Geschichte von P. K. Rosegger.Unser Regiment", ein Reiterbild von Georg Freiherr von Ompfeda (in der ganzen deutschen Literatur ohne Seitenstück).Fiume und die Lorbeerküste von Abbazia" von Heinrich Ro8.DaS Gesicht der Jnsecten" von Th. Seelmann. Der Thronwechsel in Coburg Gotha",Schloß ReinhardSbrunn", Der Dom zu Ratzeburg",Der Eonstance-Thurm in AigueS-Mortes". Vom Büchertisch".Humoristisches" usw. Dazu eine Auswahl bestechend schöner Illustrationen:Die neue Pfeife" von Fr. Destegger (Lichtdruck).Ein Telegramm" von L. Max-Ehrler (Holzschnitt). Am Strande" von L. Morgan (doppelseitige Kunstbeilage in Holz­schnitt). Zahlreiche Bilder au« Fiume. Schloß Reinhardsbrunn. Herzog Alfred von Sachsen-Eoburg und Gotha. Dom in Ratzeburg. Reizend lebendige Bilder zu der HumoreskeDer Bärenführer" u. v. a.

Bekanntmachung,

die landwirthschaflliche Winterschule in Alsfeld betr.

Die landwirthschastliche Winterschule Alsfeld beginnt ihren 22. Winter-Curfus Montag den SO. October. Indem wir hiermit zum Besuch desselben einladen, bemerken wir, daß die Schule das Ziel verfolgt, jungen Landwirthen diejenigen Fachkenntnisse, welche heute zur rationellen Be- roirthfchastung bäuerlicher Güter nothwendig sind, in 2 fünf­monatlichen Winter-Curfen zu vermitteln. Zur Erreichung dieses Zieles lehren an der Schule 2 Landwirthfchaftslehrer »nb 5 Hilfslehrer, außerdem ist sie mit einer reichen Lehr­mittelsammlung zweckentsprechend ausgerüstet.

Ausgenommen werden junge Leute im Alter von 14 bis 20 Jahren, welche das Unterrichtsziel der Volksschule erreicht haben; in den oberen Cursus nur solche, welche schon den Hinteren Cursus mit Erfolg besucht haben ober welche nach- meisen, daß sie die Kenntnisse, welche der untere Cursus ver­mitteln soll, bereits besitzen. Aeltere Landwirthe können als Hospitanten ausgenommen werden.

Die jungen Leute stehen während ihres Hierseins unter Aufsicht der Lehrer und müssen sich der Schulordnung unbe- isingt unterwerfen. Sie nehmen Wohnung in bürgerlichen Familien und können Pensionen zu 30--40 pro Monat ion dem Vorsteher der Schule, Herrn Landwirthfchaftslehrer Leit Higer, nachgewiefen werden. Das Schulgeld beträgt jtür das Wintersemester 25 JL

Anmeldungen sind an den Aufsichtsrath oder an Herrn landwirthfchaftslehrer Leithiger zu richten, welcher auch bereit U, fpccieöere Anfragen zu beantworten.

Alsfeld, den 2. September 1893.

Der Aufsichtsrath der landwirthfchaftl. Winterschule Alsfeld: v. Grolman.

Gießener Anzeiger

Kmerat-Anzeiger.

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empfiehlt vorzügL Theemischungen i M. 2.80 u. M. 3.50 pr. Pfd. Probe« ir9QQ1 packele 80 PL u. M. L- foo. (Doppelbrief) »ehr belieb» n. verbreitet. ILwgJ