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Gießener Anzeig er

Seneral-Wnzeiger.

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Durch die Post

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nb Druckerei: >4e(|t«i» Jk.1i 8m*re*t 61.

Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Giefzen.

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Amtlicher Theil.

Gießen, am 1. März 1893.

Betr.: Die Wahl der Einschätzung- - Commissionen für die Veranlagung der Einkommensteuer und der Kapital­rentensteuer.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gietzeu

M Mr Grstzh. BftrgertndfUtefc* des Atdfei.

Insoweit Sie noch mit Erledigung unserer Verfügung vom 31. Januar d. I. Anzeiger Nr. 30 im Rück­stände sind, werden Sie hieran mit Frist von fünf Tagen erinnert.

___________________v. Gagern.___________________

Gießen, am 1. März 1893. Betr.: Die Regulirung der Gewerbesteuer.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m Mr ISrptzh. Bürgermeistereien de- Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung un­serer Verfügung vom 15. Februar d. I. Anzeiger Nr. 42 im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von fünf Lagen erinnert.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend Landwirthschaftliche Versammlung.

Mittwoch den 8. März L I., Nachm. 2 Uhr, wird auf LonyS Bierkeller (Weftanlage) zu Gießen eine Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gieften abgehalten werden.

Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirks- und Orts-Vereins, sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.

Tagesordnung:

1. Vortrag des Herrn Landes-Oeconomierath Müller zu

Darmstadt über die Förderung der Rindviehzucht durch die Gemeinden,

2. Vortrag des Herrn Gutsbesitzers Schlenke über die Gülich'sche Kattoffelpflanzmethode,

3. Geschäftliche Mitthellungen.

Gießen, den 24. Februar 1893.

Der Director des landwirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. ___________________3ojt___________________

Bekanntmachung,

betreffend die Feldbereinigung in der Gemarkung Saasen.

Es wird zur Kenntniß der Betheiligten gebracht, daß

1. die Karten über die neue Zutheilung der Grundstücke in dem letzten Feldabschnitte der Gemarkung Saasen sammt den hierauf bezüglichen Acten,

2. die Gütergeschoffe aller Betheiligten, in welchen die Abschätzungen eingetragen find,

vom 7. bis 31. März l. I. auf der Bürgermeisterei Saasen zur Einsicht offen liegen und daß etwaige Anträge oder Reclamationen bei Meldung des Ausschluffes damit in der Tagfahrt

[Mittwoch den 22. März l. I., Bormittags von 9 bis 1 Uhr zn Saasen

bei dem Unterzeichneten vorzubringen sind.

Darmstadt, den 1. März 1893.

Der VollzugS-Commiffär: Nover, _______________________Regierungsrath.______________________

Bekanntmachung.

Nachdem der Heinrich Seng von Gießen durch Aus- I Wanderung sein Gewerbe als Dienstmann'Nr. 19 aufgegeben I hat, von berechtigter Seite die Herausgabe der gestellten Dienst-Caution beantragt worden ist, so fordern wir alle Diejenigen hiermit auf, welche aus der Eigenschaft des Seng als Dienstmann Ansprüche an deffen Caution bilden zu können glauben, solche binnen acht Tagen bei uns vorzubringen, widrigenfalls die Caution von uns ausgehändigt werden wird.

Gießen, den 2. März 1893.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Die internationale Sanitäts-Konferenz in Dresden.

Am morgigen Sonntag soll in Dresden die öfter- reichischerseits angeregte internationale Sanitats-Conferenz zusammentreten, nachdem inzwischen die hierauf bezüglichen Vorverhandlungen zwischen den betheiligten Regierungen zum befriedigenden Abschluffe gelangt find.

Dieser bevorstehende neueste Congreß internationaler Natur darf gewiß Anspruch auf allgemeinstes Jntereffe erheben, schon deshalb, weil bis jetzt noch niemals eine derartige, das so wichtige Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege betreffende Vereinigung von Regierungsvertretern der allermeisten euro­päischen Staaten stattgefunden hat. Aber sie gewinnt außerdem an actuellem Jntereffe noch durch die specielle Veranlassung des Congreffes, da, wie bekannt, im Vordergrund der Ver­handlungen die Choleragefahr stehen soll. Eine ganze Reihe von europäischen Ländern, unter ihnen auch Deutschland, sind ja im vergangenen Jahre theils von localen, theils aber auch von umfassenderen Choleraepidemien betroffen worden und die Möglichkeit, daß die furchtbare, den Dschungeln Indiens entstammende Krankheit Europa auch im kommenden Sommer strichweise Heimsuchen könnte, ist durchaus nicht ausgeschlossen. Je eher sich nun die europäischen Regierungen über die geeignetsten Maßnahmen zur gemeinsamen Bekämpfung der gefürchteten Seuche verständigen, desto mehr erscheint die Gefahr einer Weiterverbrettung derselben bei einem etwaigen neuen Auftreten der Cholera an diesem oder jenem Punkte Europas hinausgeschoben. Gerade die seltsamen Erfahrungen, welche man in Europa mit den bisherigen Versuchen, die Verschleppung der Cholera aus einem Lande in das andere zu verhindern, gemacht hat, dürften der Dresdener Conferenz recht schätzenswerthe Unterlagen für ihre Arbeiten gewähren. Zum Mindesten läßt sich behaupten, daß das zu diesem Behufe vielfach angewandte und für die Reisenden so vexatorische Grenzsperre-System den hierauf gesetzten Erwartungen meist nicht entsprochen hat, sodaß man wenigstens in Mitteleuropa von dem Gedanken, dem Vordringen der Cholera durch Ber- kehrserschwerungen Einhalt thun zu wollen, allmälig wieder abgekommen ist.

Welche ferneren Fragen die angekündigte Sanitäts- Conferenz neben der Choleragefahr noch in Anspruch nehmen werden, bleibt zwar abzuwarten, da das Arbeitsprogramm

Fe«illeton.

Felix.

Aus dem Leben eines Knaben von Zo? v. Reuß.

(Schluß.)

Der Lieutenant wandte sich zum Gehen. Felix hielt Boncoeur die Schnauze zu, damit er nicht noch zu guterletzt sein überflüssiges Gebell hören lasse, salutirte militärisch, in­dem er die Hand an den windschiefen, sommerlich abgenutzten Strohhut legte, wartete noch ein Weilchen, bis er den Wagen auch wirklich hinwegfahren hörte, und ging dann, von Neuem herzhaft gähnend, nach Hause zurück.

Am nächsten Morgen erfuhr der Knabe beim Kaffee­trinken durch Guste, daß Mama krank sei. Niemand dürfte sie stören, habe der Sanitätsrath streng anbefohlen.

Wirklich war in Folge der wochenlangen Nervenaufregung ein heftiges Fieber bei Hildegard ausgebrochen, eine volle Woche lang schwebte sie in höchster Lebensgefahr. Endlich, nach Delirien und Bewußtlosigkeit, siegten Jugend und Kraft. Aber eS blieb nur eine halbe Genesung. Jene schöne Zeit wollte nicht kommen, welche mit ihrer unerwarteten Süßig­keit fast alle vorhergegangenen Leiden ausgleicht und zu neuem Leben die Brücke schlägt. Die Zeit, wo wir wieder Kinder find, vor denen ein neugeschenktes Stück des Lebens sonnenklar ausgebreitet liegt, aber bewußte Kinder, welche nicht seelenlos und traumhaft das neue KindheitSglück ge­nießen, sondern unter dem wonnigen Gesühl der Rückkehr zum Kindheitsfrieden aus dem Sturme des Lebens. . . . Die Kranke war von unbegreiflicher Unruhe, empfand keine Freude und schien von heimlicher Angst gequält zu sein. Mutter und Brüder kamen aus der Stadt und gingen jedesmal kopf­schüttelnd von dannen. Felix hielt man als unwillkommenen Störenfried absichtlich fern und Hildegard frug auch nicht nach dem ungeliebten Stiefsohn.

Da sich Niemand um Felix kümmerte, trieb er sich allenthalben umher, wo er nicht direct fortgewiesen wurde. Er ließ den Drachen steigen, schüttelte die Zwetschenbäume und plünderte die halbreifen Trauben. Dabei schrieb er aber

auch lange sehnsüchtige Briefe an Papa, die über Mamas Befinden berichteten, was er durch Guste erfuhr.

So kam der October heran. Morgen- und Abendkühle erinnerten schon lebhaft daran, daß die schöne Jahreszeit zur Neige gehe, die warmen Sonnenstrahlen am Tage ließen jedoch in der Mittagsstunde die unmittelbare Nähe des Winters noch ein Weilchen vergessen.

Hildegard saß wohleingehüllt in ihrem Lehnstuhl, den bie Krankenpflegerin ans Fenster geschoben hatte. Durch die halbentlaübten Bäume drangen lange, rothgoldene Sonnen- stretfen in schräger Richtung ins Zimmer, huschten als feurige Lichter über das schöne zarte Gesicht und überhauchten das­selbe mit einem trügerischen Schimmer wiederkehrender Gesundheit.

Da öffnete sich die Thüre und Felix trat ein, so leise als möglich. Aber für Hildegards Nerven war sein Stulpen­stiefelschritt doch nicht gemacht. Als sie ihn erblickte, wandte sie unmuthig das Haupt. Dann, sich gewaltsam bezwingend, winkte sie ihn heran und streckte ihm sogar die schöne schmale Hand entgegen zum Kusse, wie bei den Brüdern. Aber Felix, anstatt sie zu küssen, legte ein paar Blätter hinein, darunter einen zusammengefalteten Brief.

Was soll das?"

Lieutenant Laportes Brief an Dich, liebe Mama, und Deine Antwort. Du hast gewiß auch nichts weiter zu schreiben gewußt?"

Was redest Du, Felix?"

Hier in dem Couvert steckt ein Blatt von ihm, das er auS seiner Brieftasche gerissen und mir gegeben hat für Dich, damals, als ich ihn an der hinteren Gartenthür todt- schießen wollte."

Todtschießen? Du? Du wolltest ihn todtschießen? O, mein Gott!"

Weil er Dich stehlen wollte! Das soll er aber nicht, um Papa, 's ist aber doch gut, daß ich ihn nicht getroffen habe mit dem neuen Techin. Er soll einmal mein Haupt­mann werden."

Ich verstehe Dich noch immer nicht."

Felix berichtete nun umständlich und wichtig den ganzen Hergang, lieber Hildegards zartes Antlitz gingen dabei jähe Farbentöne endlich sank der schöne Kopf auf das Sammt-

Polster zurück, sie war ohnmächtig geworden. Auf Felix Auf­schrei trat die Krankenwärterin ein, gerade in dem Augenblick, als Hildegard das Bewußtsein zurückerhielt.

So ist er richtig doch hereingekommen, der Taugenichts," schalt Guste, die gleichfalls herbeigeeilt war.Die Frau Majorin hats streng verboten und wird mich schelten. Geh in den Garten, Felix!"

Nein, er bleibt hier," hauchte Hildegard.Komm, Felix!"

Der Knabe nahm jetzt zärtlich Mamas Hand und drückte schamhaft einen langen Kuß darauf. Hildegard gebrauchte alle ihre Straft, um ihn an ihr hochklopfendes Herz zu ziehen. Du bleibst bei mir immer! Nicht wahr?" ftug sie leise.

Freilich, morgen haben wir Ferien, einen Tag! Ich soll Dich auch grüßen von Papa, ich habe heute einen Brief bekommen. Er kommt auch bald wieder! Ich soll DtrS eigentlich nicht sagen, aber nein, nein, ich muß es Dir doch erzählen."

* * *

Als Herr Stalling vier Wochen später wieder eintraf, wohnte Hildegard noch immer draußen, im Familiengarten. Der Mama hatte sie gesagt, daß sie daselbst ihre Genesung abwarten wolle- die vollständige Genesung der jungen Frau hieß aber diesmal: der Gatte. Es trieb sie, neu zu besitzen um zu heilen und zu sühnen! Mit erleichtertem Gewissen und neugeschenkter Gesundheit, in Felix' Gegenwart, fühlte sie sich stark, alles zu überwinden, auch ihre Liebe zu Laporte. Als Wiedersehen und Aussprache erfolgte, hatte Hildegard bereits angefangen, neben dem Knaben, durch ihn, auch den Vater zu lieben. Wähxend draußen die ersten federartigen Schneeflocken zur Erde fielen und die herbftfeuchte Erde in winterlichem Frost erstarren ließen, blühte drinnen hinter gefrorenen Fensterscheiben ein verspäteter Liebeslenz auf. Felix als Beider Kind störte ihn nicht mehr.

Und als zwei Jahre später ein Töchterchen geboren ward, legte Hildegard das holde, spitzenumhüllte Rosenknöspchen dem langaufschießenden Bruder mit den Worten auf die Arme: Behüte fie treu wie Du wich behütet hast, und sie wird Dich ebenso lieben lernen, wie ich es gethan habe!"