1893
Sonntag den 3. December
Nr. 285 Erstes Blatt
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2(ntts« «nd Zlnzeigeblatt für den 1C«U Gissten.
Advent
Lin, zwar
■eneljme von Anzeigen zu der Nachmittag- für dm faßenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borw. 10 Uhr
®ie »ietzmer
»erden dem Anzeiger .'»»chnttlich dreimal d«gelegt.
„ohne Sccpter, ohne Kron', ohne Land und ohne Thron, ohne Purpur, ohne Pracht, doch ein König aller Macht!"
Neujahrstag ist heute, Neujahrstag in der christlichen Kirche. Aber während in der Sylvesternacht sich in das feiernde Geläute der Glocken der Lärm der Straße mischt, fa es oft übertönt, bricht daö kirchliche Neujahr meist in tiefer Stille an und bleibt von der Menge unbeachtet. Wurde es doch einem vielgenannten Geistlichen selbst von seinen Freunden immer als Wunderlichkeit angerechnet, daß er die Neujahrs- wünsche lieber zum ersten Advent als zum ersten Januar empfangen wollte!
Der allererste Advent war kein Tag der Stille. Unter dem Jubel einer frohbewegten Volksmenge, die den Weg zum Stadtthor mit Grün bedeckte und die Luft mit ihren Hetlrufen erfüllte, zog ein junger Herrscher in seine Hauptstadt
Deutscher Reichstag.
10. Sitzung. Freitag den 1. December 1893.
Die erste Lesung des Jesuiten-Antrags hat die Centrumsfractton, die Polen und Elsässer fast vollzählig herbeigeführt
Graf Hompesch (Ctr.) tritt für die Annahme des Antrags ein der ein Recht des Volkes und der katholischen Kirche sei. Ein Wtedererwecken des alten Culturkawpfes liege ihm fern. Die Jesuiten, welche man grundlos verleumde, würden verfolgt, während Atheisten und Anarchisten frei predigen könnten, was sie wollten. _
Frhr. v. Manteuffel (conf) verliest eine Erklärung, der zufolge die Mehrzahl der Conservattven gegen den Antrag stimmen wird Die Austreibung der Jesuiten fei nicht als ein Culturkampf- gesetz anzuskhen und im Interesse des confessionellm Friedens aufrecht zu erhalten. Die Aushebung des Gesetzes würde in weiten Kreisen der evangelischen Bevölkerung große Beunruhigung chervorrusm. (Widerspruch im Cmtrum.) „ r ,, . m
Eine ähnliche Erklärung verliest Mer bach-Freiburg im Namm der Reichspartet und spricht den Wunsch aus, im Interesse des con- fessionellm Friedms von einer Debatte Abstand zu nehmen.
Auch Marquardsen gibt im Namm der Nationalliberalm eine scharsgehattene Erklärung desselben Inhalts.
v Holleuffer (conf.) erklärt, er wie einige seiner Freunde würden im Interesse des religiösen Friedens für dm Antrag stimmen.
Lotze ^Antis.) macht die Eröffnung, daß seine Partei die Abstimmung dem Einzelnen überlaste.
Schröder (Fri. Verein., Führer des Protestantmvereins) polemisirt in scharfer Weise gegen Graf Hompesch und empfiehlt die Ablehnung des Antrags. . „ . . ..
Lieber (Ctr.) wendet fick gegen den Vorredner, der cultur- kämpserisch gesprochm habe. Nichtsdestowmiger bankt er für die knappe Abgabe der Erklärungen Seitens der Conservativm und Nationalliberalm. Redner verlangt nochmals Aufhebung des Gesetzes.
BloS (Soc.) erklärt sich aus Gerechtigkeitsgefühl für dm Antrag. Au« diesem Grunde werde seine Partei dafür stimmen, indem fie auch annebme, daß das Centrum keinen Handel mit dem Antrag treiben wolle. Die Partei ändere deswegen keineswegs ihre Meinung über die jetzige Gefellfchaft.
v. Hodenberg (wild) fuhrt aus, die Welfm wurdm für dm Antrag ftimmen. Sehnlich fpricht Fürst Radztwtll Namms der d^Richter (Frf. Volksp.) glaubt, mit der Annahme des Antrags fei doch nichts erreicht, da d-8 ihm mtgegmstehmde preußische Landesgesetz die Jesuiten unter den Ausnahmm nicht auszähle. Es sei jedenfalls bester, dm Antrag darauf zu beschränken, daß die Frei- zügigkett der inländischm Jesuiten von den Verfügungen der Behördm abhängen.
Der Gtchruer Anzeiger «zcheivt täglich, ■tt Ausnahme d«S Montag«
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. December. Zu den ÄttentatSversuchen gegen Kaiser und Kanzler liegen einstweilen keine neueren Nachrichten von Belang vor. Was die Blättermeldungen anbelangt, wonach in dieser Angelegenheit ein Austausch amtlicher Noten zwischen Berlin und Paris stattgefunden haben soll, so werden sie von unterrichteter Seite als durchaus unbegründet erklärt. Ueberhaupt scheint man in Berliner maßgebenden Kreisen auf die Bubenstücke kein besonderes Gewicht zu legen, es heißt u. A., im Berliner Auswärtigen Amte glaube man noch nicht recht an den anarchistischen Ursprung der unheimlichen Sendungen von Orleans und halte dieselben eher für die ganz auf eigene Faust be> gangene That eines Verrückten.
— Die Reichstags-Commission für die Handelsverträge begann am Donnerstag ihre Berathungen. Zuerst wurde der Vertrag mit Spanien erörtert, doch förderte die DiScussion noch kein bemerkenswerthereS Ergebniß zu Tage. — Ueber die Handelsvertrags-Unterhandlungen zwischen Deutschland und Rußland gehen die Nachrichten weiter denn je auseinander. Auf der einen Seite wird immer wieder behauptet, der erstrebte Vertrag sei im Wesentlichen tatsächlich bereits zum Abschlüsse gelangt, auf der anderen versichert man, es sei noch lange nicht an eine Beendigung der Unterhandlungen zu denken. Jndesten kann kaum bezweifelt werden, daß die beiderseitigen Delegirten noch immer miteinander herumfeilschen und es wüsten daher die Mittheilungen über eine angeblich schon erfolgte Verständigung bezüglich der Hauptpunkte lediglich als Phantasiegebilde dieses oder jenes ZeitungScorrespondenten betrachte! werden.
An diese Ankunft Christi in Jerusalem erinnert sich die christliche Kirche alljährlich wieder in den Wochen vor Weihnachten und fragt mit dem brandenburgischen Sänger:
Wie soll ich Dich empfangen Und wie begeg'n ich Dir?
In manchen deutschen Häufern wird schon ein Tannen- bäumchen aufgestellt mit einem Lichte am ersten Advent, mit zwei Lichtern am zweiten und so fort, bis dann in stiller heiliger Nacht eine Fülle von Kerzen am Bäumchen strahlt. In andern Hausern prangt eine Advents-Rose, hell erleuchtet, die auf das Weihnachtslted deutet:
„ES ist ein’ Ros' entsprungen aus einer Wurzel zart."
Die Adoentsbräuche sind sehr verschieden, aber sie beweisen, daß in unserm gemüthstiefen Volke das Gedächtniß an den allerersten Advent noch nicht völlig erloschen ist.
Doch gilt es heute mehr als eine bloße Gedächtnißfeier,- es gilt die Feier einer neuen Ankunft Christi. Sein Kommen inS arme, nach Gott dürstende Menschenherz — das ist die tiefste Bedeutung unserer Adventsfeier.
Dieses Kommen Christi ist keine poetische Phantasie der Theologen, sondern eine Thatsache, die ein aufmerksamer Menschenkenner unzählige Male beobachtet — falls er sie zunächst an seinem eigenen Herzen erlebt hat. Zuweilen vollzieht sie sich in TrÜbsalen, und wenn der Mensch sein TheuerfteS begraben muß, zuweilen im still gewinnenden Zuge des göttlichen Geistes- cs geschieht das besonders häufig in heiliger Jugendzeit, wenn noch das Morgenroth deS Lebens leuchtet. Doch ist nickt das die Hauptsache, wie, auch nicht wann, sondern daß es Advent wird, darauf kommt es an.
Wer nie in tiefster Seele Advent gefeiert hat, kann nicht von Neuem geboren werden. Es gibt ein Bild des großen Adventkönigs, wie er anklopfend und bittend vor einer Thür steht, harrend, daß sie 'hm geöffnet werde. „Siehe, ich stehe vor der Thür und klopfe an." Die Einen rufen:
„Herein, herein! Du sollst mir hoch willkommen sein!" Die Andern rufen: „Hinaus, hinaus! Für dich bin ich nicht zu Haus!"
Durch unsere Zeit geht ein kaltes und erbittertes Hinaus! Aber der Adventskönig kommt immer wieder und wartet, ob wir ihm nicht endlich Einlaß gewähren. O könnten wir mit Friedrich Rückert, dem deutschen Sänger, in dieser Zeit der Friedlosigkeit für uns und unser Volk beten:
„O Herr, von großer Huld und Treue, O komme Du auch jetzt aufs Neue Zu unS, die wir find uchr verstört! Noth ist es, daß Du selbst hienteden Kommst, zu erneuern Deinen Frieden, Dagegen sich die Welt empört!"
«gk Amroucen-Bureaux de« In- und Au-lande- nch«« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Gesunden: 1 Kinder-Boa, 2 Thürbänder, 1 Schirm, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Pelzkragen, 1 Kriegeroereins, abzeichen, 1 Taschenuhr, 1 Spannkette, 1 Peitsche und 1 Schirmgriff.
Gießen, den 2. December 1893. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Gießener Anzeiger
Kenemt-Mnzeiger.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz- Bureau.
Berlin, 1. December. Ein der hiesigen brasilianischen Gesandtschaft zugegangenes Telegramm des Gouverneurs des Staates Pernambuco berichtet, es sei dort eine Verschwörung gegen die Regierung entdeckt, die Verschwörer aber seien verhaftet, der Belagerungszustand und die Suspension der Habeas corpus-Acte decretirt wordeu. Die Aufständischen haben keine Waffen und kein Geld und keinen Rückhalt in der öffentlichen Meinung. Die Kaufleute setzen ihre Geschäfte fort.
Hannover, I. December. Der Kaiser nahm Vormittags auf dem Waterlooplatz die Parade der gejammten G.arnison ab. Die Kaiserin besuchte Wohlthätigkeitsanstalten und die Gartenkirche.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 1. December. Der Seniorenconvent des Reichstags wird heute den nächfttägigen Arbeitsplan besprechen. Am Dienstag beginnt die Berathung über die Steuergesetze. Zuerst wird das Börsensteuergesetzt dttcutirt werden. Die Majorität ist dafür, die Steuergesetze einer Commission zu überweisen.
Berlin, 1. December. Die deutsche Reformpartei brachte im deutschen Reichstag Gesetzentwürfe ein gegest die Einwanderung ausländischer Juden und auf Verbot des Schachtens.
Berlin, 1. December. Anton Anno, Director des Lessingtheaters, früher Director des Schauspielhauses, ist an der Influenza gestorben.
Berlin, 1. December. Wie aus Berichten, welche der „Kreuzzeitung" von verschiedenen Seiten zugegangen find, ersichtlich ist, scheint der Boden für ein internationales Zu-
Amtlichem Theil.
Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums, hier aus Anlaß des Frühjahrspferdemarkts zu Friedberg.
Der Ortsvorstand zu Friedberg beabsichtigt mit dem am 6. Februar kommenden Jahres zu Friedberg stattsindenden Frühjahrspferdemarkt eine Verloofung von Pferden, Fohlen und sonstigen Gegenständen zu verbinden.
Großh. Ministerium d. I. u. d. I. hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloofung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 12000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 65% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose int Großherzogthum gestattet worden.
Gießen, den 1. December 1893. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Nach einigen Bemerkungen RickkrtS (Frs. Verein.) unfr Heermanns (Ctr.) wird der Antrag auf Aushebung deS Jesuiten- gesetzeS mit 173 gegen 136 Stimmen angenommen.
Morgen: Kleinere Vorlagen.
Von der gesummten Preffe wird Caprivis scharfe Replik gegen den antisemitischen Abgeordneten Zimmermann auf» ebhafteste besprochen. Hatte der erste Beamte des deutschen Reiches schon in der vorigen Session unverblümt zum AuS- druck gebracht, wie widerlich ihm das Treiben der anttsemittschen Hetzer fei, so läßt feine gestrige Rede in dieser £)tnfid)t zweifelsohne an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrtg. Graf Caprivi sagte wörtlich:
Ich komme nun zu der Rede des Adg. Zimmermann. Er glaubt wohl selber schwerlich, daß auS dieser Rede Jemand Belehrung lchöpsen könnte. Ich glaube, es ist noch fetten eine Rede gehalten worden, roo dec Aufwind physischer Kraft in einem solchen Mtßoerhättniß zum Aufwand geisttger Kraft stand. Ich habe nur ein paar Punkte gefunden, von denen ich glaube, daß es zweckmäßig sein könnte, darauf einzugeben. Der Abgeordnete scheint nicht zu wissen, daß man dieselben Dinge demagogisch betterbm kann und nicht demagogisch. Es kann einer sehr wohl ein Republikaner sein, ohne deswegen demagogisch zu werden; aber die Art, wie die »ntu femiten ihre Ideen im Lande oertheid'gm, ist demagogiA, sie M gefährlich. Ich habe im vorigen Winter mir erlaubt, der rechten Sette des Hauses die Betrachtung anzuregm, ob nicht die Benutzung, die sie vom Bimetallismus und Antise >>ttismus machte, bedenklich wäre, und ich glaube, ein nicht unerheblicher Theil der Herren ist inzwischen zu meiner Ansicht gelangt. Der Antisemitismus fangt an. Ihnen (nach rechts) unbequem zu werden, und Sie .rkennen fetne sährlichkeit. Mit Fug und Recht! Denn wohin führt dieser Weg- Man hat mit vollem Recht behauptet, der Antisemitismus fei eine Vorfrucht der Socialdemokratte. (Lachen bei dm Antisemiten) Er erzeugt Unzufriedenheit, und alle Unzufriedenheit kommt der Sociar- bemotratte zu Gute. Sie hat dm breiten Sttom der Unzufriedenheit, und alle die kleinen Bächlein, die von Jhnm (zu den Antisemiten) ausgehm, fließen in den breiten Sttom. (Sehr richtig! links.) Sie sind nicht die Männer, um die geweckte Bewegung aufzuhatten, sie geht weiter, bis sie in daS große Sarnrnelbasstn der Unzusriedm- heit, in die Soctaldernokratie, mündet. Bei der Agitation gegen die Juden find Sie nicht stehen geblieben, Sie verfolgen nicht nur die Juden, sondern auch solche, die einen jüdischen Vater ober eine jübische Frau hatten, bis in das dritte ober vierte Glied zurück. Die Bewegung fängt an, sich zu verwischen. Nebm den ReligionS- ttat der Rassen-Antisemitismus, und waS Übrig blieb, war der capitalistische Antisemitismus, und das ist eben daS Gefährliche der Agitation, daß sie zuletzt nicht mehr unterschieden wird. Denn die Kreise, an die sie sich wendet, sind nicht geneigt, Unterschiede zu machen, sie laufen blindlings Sturm gegen den Capitalismus. Die antisemitische Bewegung wird nicht vor dem jüdischen Capital Halt mach«, sondern gegen das Capital überhaupt vorgehen. (Lebhafte Zustimmung ltnkS und bei dm Socialdemokratm. Oho! bei den Antisemiten.) Herr Zimmermann fordert die Reichsregierung auf, mit beddben Schärfe gegen bie Juben vorzugehen wie gegen bie Lanbwttthschaftt Wo hat er mich scharf gegen bie Lanbwirthschaft vorgehen sehen? (Zuruf bei ben Antisemiten: Hier!) Er mag behauptm, baß ich die Lanbwirthschaft nicht forbeie, wie ich sie förbern sollte, aber eine Schärfe kann er mir nicht nachweisen. Er wirb mir auch keine Schärfe gegen bie Juben nachweifen können; ich thue meine Pflicht gegenüber meinen Mitbürgern, einem wie bem anbetn, unb ich werde in bem amtlichen Verkehr — unb ber kommt ja nur für mich in Frage — meine jübifchm Mitbürger nicht anbers behanbeln als anbere-
, Sprotten, Sardellen, etc. M
Daviar.
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9 ist eine Wöhrs!
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