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Nr. 207
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Die Giehener
Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deißklegt.
__Drittes Blatt. Sonntag den 3. September ________________
Gießener Anzeige
Kenerat-Anzeiger.
1893
vierieljLbrigrr Akon»,ment5PretB> 2 Mark 20 Psg. nrit Bringerlobn. Durch die Post bezoße» 2 Mark 50 Pi,.
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politifdye Wochenschau.
Hießen, den 2. September 1893.
lieber die geplante Organisation von Handwerker- Vertretungen sind in der letzten Woche weitere Einzelheiten bekannt geworden, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten dürfen. Wie wir bereits das letzte Mal mitgetheilt haben, sollen die Meister in den einzelnen Bezirken zu Fach- genossenschasten vereinigt werden, deren jede immer nur die Handwerker einer und derselben Branche zu umfassen hätte und diese verschiedenen Fachgenossenschaften eine gemeinsame Vertretung für ihren Bezirk, die sogenannten Handwerker- kammern, wählen. Neben diesen beiden Meistervereinigungen würde endlich ein Gehilsenausschuß stehen, der in allen Angelegenheiten mitzusprechen hätte, die ein gewisses Interesse für die Gehilfen haben. Die Aufgaben der Handwerkerkammern/ die im Wesentlichen nur eine den Fachgenossen- schajten übergeordnete Instanz darstellen würden, haben wir bereits das letzte Mal genügend skizziert. Dagegen müssen wir heute noch mit einigen Worten auf die Pflichten und Rechte der Fachgenossenschaften eingehen. Die Fachgenossenschaften als solche würden nach den Berlepsch'schen Plänen nur selten tn Thätigkeit treten. In der Regel würde die Fachgenosienichaft kaum mehr als einmal im Jahre zu- sammentreien und ihre Befugnisse hätten sich in der Hauptsache aus die Wahl der Mitglieder der Handwerkerkammern, aus die Festsetzung der Beiträge und der Ausgaben und die Wahl ihres Vorstandes zu beschränken. Dieser Vorstand der Fachgenossenschaften hätte dann alle diejenigen Obliegenheiten zu erledigen, welche zur Comperenz der Fach- genofsenjchaften gehören sollen. In wirthschaftlicher Beziehung hätte er das HerbergSwesen zu ordnen und zu beaufsichtigen unb den Arbeitsnachweis zu besorgen. Auf dem Gebiete deS Schulwesens würde er die Erlaubniß besitzen, Fachschulen — wie sie seither vielfach von den Gemeindebehörden eingerichtet und unterhalten worden sind — herzuftellen und zu leiten. Bei Streitigkelten über das Lehrlingswesen soll den Fachgenossenschaflen eine Art obrigkeitlicher Fimciion zu stehen, indem aus ihren Mitgliedern gebildete Schiedsgerichte in solchen Fällen die Entscheidung zu treffen hätten. Damit würden die Fachgrnoffenschaften in Eoncuirenz mit den 1890 eingesührteu Gewerbegertchten treten und tiefen einen beträchtlichen Theü ihrer Aufgaben abnehmen. Sodain
fiele dem Vorstande der Fachgenossenschafken die Abhaltung von Gesellen- und Meisterprüfungen zu. Wer aber keine Gesellenprüfung abgelegt hat, muß mindestens drei Jahre selbstständig thätig gewesen sein, wenn er berechtigt fein will, Lehrlinge au halten. Ebenso darf nach den Berlepsch'schen Plänen künftig nur Derjenige sich als Meister bezeichnen, welcher eine Gesellen- und eine Meisterprüfung abgelegt hat, wie ja auch seither Niemand den Titel „Jnnungsmeister" führen konnte, ohne wirklich einer Innung anzugehören. Die Prüfungen sollen möglichst milde gehandhabt werden. In der Gesellenprüfung soll der Examinand nur nachweisen, daß er die in seinem Handwerk „allgemein gebräuchlichen Handgriffe kennt und mit genügender Sicherheit auszuüben versteht, und über das Wesen und den Werth des zu verwendenden Rohmaterials unterrichtet ist." In der Meisterprüfung hat der Candidat nur den Nachweis zu erbringen, daß er „zur selbstständigen Ausführung der gewöhnlich vorkommenden Arbeiten deS Gewerbes befähigt ist und die für sein Geschäft nöthigen gewerblichen Kenntniffe (Buch- und Rechnungsführung)" sich erworben hat. Endlich soll der Fachgenossenschaft, d. h. ihrem Vorstände die Regelung des Lehrlingswesens zukommen, d. h. das Recht, zu bestimmen, wie groß die Zahl der Lehrlinge bei einem Meister sein darf, wie lange ihre Lehrzeit dauern soll und welchen Gang die Ausbildung der Lehrlinge nehmen soll. Was schließlich dte K o st e n aller dieser Einrichtungen anbelangt, so hat der Handelsminister noch keine genaueren Festsetzungen vorgenommen. Selbstverständlich würden die bezeichneten ziemlich weitschichtigen Organisationen nicht unbeträchtliche Ausgaben nöthig machen und ebenso selbstverständlich sollen diese, soweit sie Handwerkerkammern und Fachgenossenschaften betreffen, von den Handwerksmeistern aufgebracht werden. Dagegen ist es noch zweifelhaft, ob man die Aufwendungen für die GehilfenauSschüffe ebenfalls von den Meistern oder in irgend einer Form von den Gehilfen bestreiten laffen soll.
In Preußen wird der Wahlkampf in aller Kürze beginnen, ein Geplänkel findet in der preußischen Presse bereits auf allen Seiten statt. Die ersten auf dem Kampfplätze sind dies Mal die freisinnigen Volksparteiler, die ihre schwere Niederlage im letzten Wahlkampfe nach Möglichkeit wett zu machen bestrebt sind. Bereits sind die Bezirksparteitage für Noidhausen und die anliegenden Wahlkreise, für Pofen und die Oberlausitz, für die nächsten Wochen
angekündigt. Man darf gespannt fein, welches Wahlprogramm diese Parteitage, an denen auch Richter sich betheiligen wird, formulieren werden.
Der franzöfifch-italienifche Konflikt zieht noch immer feine Streife. In Italien will die öffentliche Meinung hauptsächlich deshalb nicht zur Ruhe kommen, weil der Bürgermeister von Aigue - MorteS nicht, wie Minister Develle zuerst in Aussicht gestellt hatte, von seinem Poften entlaffen worden ist.
In Siam gehen die Franzosen offenbar darauf aus, bei der Ausführung des abgeschloffenen Vertrages weitere Vortheile, so namentlich ein förmliches Protectorat über Siam zu erlangen. Dies Mal werden aber wohl die Engländer nicht alles so ruhig geschehen laffen.
♦ Wie aus Partenkirchen berichtet wird, beginnt in der dortigen Gebirgsgegend eine sehr empsehlenSwerthe Begrüßungsformel seitens der Touristenwelt auf dem Marsche sich einzubürgern. Einige Sommergäste hatten zuerst diese schöne Neuerung eingeführt, zunächst unter sich im Bekanntenkreise. Schn ll wurde d:e gegenseitige Bewillkommnungsformel auch von Fremden angenommen, so daß schon vielfach aus Wegen und Stegen der Ruf hörbar wird: „Gut Weg !" „Gut Rast!" Das Letztere gilt als Antwort. Bisher liefen bekanntlich alle Stadtleute kalt und theilnahmölos, stumm wie sprachlose Wesen, an einander, selbst auf den höchsten Gipfeln, vorüber, was zwar große gegenseitige Mißachtung, aber wenig Gefühl bewies.
* Wer hat den Capeilmeisterstock erfunden? Einem Pariser Blatte zufolge wäre Lulli der Erfinder. Früher leiteten die Dirigenten ihre Musiker, indem sie mit dem Fuße oder den Händen den Tact angaben. Lullt soll eS für die Dirigenten zu sehr ermüdend gehalten hqben, daß sie fortwährend mit dem Fuße aus den Boden treten sollten, und statt dessen zuerst mit einem nicht weniger als sechs Fuß langen Stock auf dem Fußboden den Tact geschlagen haben.
5 88] Stetig steigender Absatz seit 1880 verbürgt dte Güte des Hoüänd. Tabak bet B. Becker in Ceefetta. Iv Psd.fco. S Mk.
Feuilleton.
Wochenbriefe aus der Residenz.
(Ortgtnalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 31. August 1893.
Da8 Ludwigsfest. — Bienenausstellung. — Radfahrfeste.
Im Allgemeinen sind die Darmstädter zu nüchtern, um ein eigentliches Volksfest zu feiern, so wie man es in den Städten' am Rheine gewohnt ist. Die uns oft von Fremden vorgeworjene Behauptung, wir schlöffen uns nach Kasten ab, mag doch immerhin einige Berechtigung haben, wenn auch nicht in dem Maße, wie man das oft zu hören bekommt, wenn man mit Reisenden zusammentrifft, die vielleicht einmal hier durchgekommen sind. Ein einziges Volksfest gibt es, an dem sich wirklich alle Stände betheiligen, das jedoch auch wieder ganz characteristisch ist für die „Beamtenstadt" Darmstadt. Niemals wird man hier jener oft sogar zügellosen Ausgelassenheit begegnen, die den Volksfesten der Rheinländer ureigen ist und ohne die eS dort einmal nicht geht, wenn es „schön" sein soll.
Das Ludwigsfest datirt aus dem Jahre 1827. In jenen Tagen beging man dahier die Jubelfeier der fünfzigjährigen Vermählung unseres unvergeßlichen Landesvaters Ludwigs I. und seiner Gemahlin Luise K. K. H. H. Als man nun unter sich berieth, wie dieser Tag am würdigsten gefeiert werden könne, kam man bald zur Ueberzeugung, daß dies nur durch die Begründung eines gemeinnützigen Unternehmens geschähe, das ganz im Geiste und nach der Gesinnung unserer hohen Fürstensamtlie der arbeitenden Klaffe der Bevölkerung zu Gute komme. Damals also gründete man dahier eine Anstalt, in der Kindern armer Eltern nach Beendigung ihres täglichen Schulunterrichtes Gelegenheit geboten wurde, sich durch leichte Hand« und Gartenarbeiten etwas zu verdienen, und so nicht nur die Eltern der. Last der Beaufsichtigung zu entheben, sondern auch sich schon frühe an Arbeitsamkeit, Ordnungsliebe und anständiges Betragen zu gewöhnen. Diese Anstalt hat nun seit ihrer Gründung immer den Ludwigstag mit besonderem Pompe gefeiert, indem dabei nicht nur die Knaben derselben
durch paffende Veranstaltungen, Geschenke usw. zu neuem Fleiße und Arbeitsfreudigkeit ermuntert wurden, sondern auch dadurch, daß man dem großen Publikum Gelegenheit bot, jenen Veranstaltungen beizuwohnen, sich zu erquicken an den gebotenen Erfrischungen und vor Allem dadurch, daß man alljährlich eine große Blumenverloosung arrangirte, die dazu noch den sehr angenehmen Vorzug hatte, daß „jedes Loos gewinnt". Auf diese Weise ist daß Ludwigsfest durch die Knaben-ArbeitSanstalt zu einem äußerst beliebten Volksfeste geworden, wohin sich Alt und Jung, Hoch und Niedrig jedes Jahr drängt, wie der vergangene Freitag zur Genüge bewiesen hat.
Im Weiteren will ich Ihnen heute berichten von einer Ausstellung sehr interessanter Natur, welche am letzten Samstag in dem uralten Gasthof zum Chauffeehause dahier eröffnet wurde. ES ist dies eine Ausstellung von allem zur Hontg- gewinnung Nöthigem. Der Starkenburger Bienenzüchter- Verein nämlich, welcher sich zur Aufgabe gemacht hat, die Imkerei unter unseren Landwirthen zu der ihr gebührenden Stellung empor zu bringen, hat nun auch im weiteren Kreise die VorurtheUe, welche man gegen die Bienenzucht oft findet, zu beseitigen gesucht und derselben neue Freunde zuzuführen, in unserer Stadt mit Aufwendung bedeutender Kosten und großer Umsicht dem hiesigen Publikum Gelegenheit geboten, das Leben und Treiben des arbeitsamsten Thieres, das die Natur hat, aus nächster Nahe zu beobachten.
Die Mehrzahl der Aussteller war mit dem Hauptproduct der Bienenzucht, mit dem Honig, vertreten. Dieser Theil nahm drei große Räume des Arrangements in Anspruch. Alle möglichen Farben waren zu sehen, die durch die oft ganz reizenden Packungen ein ungemein anziehendes Bild boten. In einem anderen Theile der Ausstellung waren die verschiedenen zur rationellen Honiggewinnung nöthigen Utensilien, wie Kunstwaben, Maschinen rc. geschmackvoll vereinigt. Im Hose des Etabliffements hatte man dann eine Anzahl bevölkerter Bienenstücke untergebracht, welche einen genauen Einblick in die Honigbereitungsweise der Bienen ermöglichte, ohne daß man dabei irgend welchen Belästigungen von Seiten der Jnsecten ausgesetzt gewesen wäre. Ueberhaupt bot die ganze Ausstellung ungemein viel Interessantes und Lehrreiches nicht nur für den Imker, sondern auch für den Laien- so
konnte es auch gar nicht fehlen, daß der Besuch derselben ein recht lebhafter wurde. Auch die Großh. Regierung hatte einen Vertreter in Herrn Regierungsrach Nover geschickt, welcher den gleichzeitig stattfindenden sachwiffenschastlichen Verhandlungen beiwohnte. Ferner bemerkten wir unter der großen Anzahl der Preise, welche von Freunden deS Vereins und der Bienenzucht für die besten ausgestellten Objecte gestiftet waren, auch eine prächtige Majolika, Ehrenpreis Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs, die dem derzeitigen Secretär des Vereins, Herrn Lehrer Dickel, zugesprochen wurde.^
Im Uebrigen steht Darmstadt momentan unter dem Zeichen des Radfahrsportes. Am verfloffenen Sonntag nämlich veranstaltete die freie Radfahrer Vereinigung ein großes Straßenrennen — eine Veranstaltung, die hier noch selten gesehen wurde — auf der Staatsstraße Eberftadt-Bickenbach. Sind auch diese Rennen an sich vielleicht schwieriger, da selbstverständlich dabei eine viel schwerere Pace vorherrscht, als bei den „Bummelrennen" auf Rennbahnen, so bieten sie doch nicht das Interesse für den Zuschauer, wie jene, wobei sich der Wettkampf in allen Einzelheiten überblicken läßt. Rein sportlich betrachtet sind sic natürlich höchst bedeutungsvoll, was auch die Zahl der Nenvmigen zeigte, die so beträchtlich war, daß für einzelne Nummern Vorrennen abgehalten werden mußten.
Der kommende Sonntag nun bringt uns das große Jubiläums-Wettfahren des Darmstädter Bicycle Elubs auf seiner Rennbahn am Karlshof. Die Vorbereitungen dazu sind schon lange im Gange und allabendlich kann man die einzelnen hiesigen und auswärtigen Fahrer beim Trainiren beobachten. Auch bei diesem Feste wird dem Darmstädter Publikum ein neues sportliches Ereigniß geboten werden, nämlich das Jubiläums-Wettfahren, dessen Strecke 10000 Meter beträgt, eine Renn-Distance, wie sie hier noch nicht gefahren wurde. Unter den fremden Gästen, die den Darmstädter Club besuchen, werden vor Allem viele Frankfurter Fahrer fein, dessen Internationalem Rennen am vorigen Sonntag die Darmstädter in corpore beiwohnten und zwar mit verhältniß- mäßig ganz gutem Erfolg. Ueber den Verlauf der bevorstehenden Festivität, der der Himmel günftiges Wetter schicken möge, werde ich Ihnen im nächsten Briefe berichten. Z.


