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2.3.1893 Zweites Blatt
 
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Wt. 52 Zweites Blatt. Donnerstag nrn 2. März

1893

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Durch die Potz bcpf* 2 Mark 60 «fe

Hefcectie«, tpebtti* Dib Druckerei:

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Aints» und Anzeigeblatt für den Krei* Gietzen.

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Arntlichev Tbeil.

Bekanntmachung,

betreffend Abhaltung von landwirthschaftlichen Vorträgen.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Herr Landwirthschaftslehrer Le'itHiger von Alsfeld

1. Samstag den 4 März 1893, Abends 8 Uhr, in dem Saale des Herrn Gaftwirths Phil. Kreiling zu Heuchelheim einen Vortrag über die Anwendung von künstlichen Düngemitteln und

58. Sonntag den 583. April 1893, Nachmittags 3 Uhr, in demEnglischen Hof" zu Grünberg einen Vortrag über Drainage und Wiesen-Cultur

halten wird.

Zu diesen Vorträgen werden alle Mitglieder des land- wirtbschaftlichen Vereins und alle Freunde der Landwirth- schaft hierdurch freundlichst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister der obengenannten und der benachbarten Gemeinden werden ersucht, auf möglichst zahl­reichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken.

Gießen, den 28. Februar 1893.

Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksoereins Gießen. Jost.

Cocale* ttnö provinzieller.

Sieben, 1. März 1893.

Ehrende Auszeichnung. Dem 70 Jahre alten Privat­diener Fritz Fischer auS Nieder-Modau, welcher über 40 Jahre bei derselben Familie in Darmstadt bedienstet ist, wurde von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog in Aner­kennung dieser langjährigen treuen Dienste dasAllgemeine Ehrenzeichen" verliehen.

Ernannt wurden am 22. Februar der Kreisarzt des Üreisgesundheitsamtes Oppenheim Dr. Paul Weißgerber zum Kreisarzt des Kreisgesundheitsamtes Lauterbach, der Kreisassistenzarzt bei dem Kreisgesundheitsamte Mainz vr. Hermann Stigell zum Kreisarzt des Kreisgesundheits- amtes Alzey und der Kreisassistenzarzt bei dem Kreis­gesundheitsamte Gießen Dr. Wilhelm Gro os zum Kreisarzt des Kreisgesundheitsamtes Oppenheim.

Birstein, 28. Februar. Der hiesige Veteranen-Verein beabsichtigt einen Zusammenschluß aller Krieger und Veteranen

des Vogelsberges herbeizusühren und ladet dieselben zu diesem Zwecke zu einer Versammlung ans Sonntag den 5. März d. I. in den Saal des Gaftwirths Herrn Koch dahier ein. Zweck des zu bildendenVogelsberger Krieger- und Veteranen-Bundes" soll sein: 1. Unterstützung der hülssbedürstigen Kameraden mit Rath und Thal, 2. Errichtung einer Sterbekasse, 3. die Nothlage derjenigen, welche in Folge des Feldzuges invalid geworden und eine Pension nicht be­ziehen, zu lindern und deren Abhülfe zu schaffen, 4. unter den Kameraden ein liebevolles Verhältniß zu unterhalten, die Erinnerung an die gemeinsam verlebte Zeit wachzuhalten und die Liebe zum großen deutschen Vaterlande zu fördern und 5. den Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.

Darmstadt, 28. Februar. Heute Vormittag wurde hinter einer Thoreinfahrt in der Rheinstraße die Leiche eines anscheinend schon vor mehreren Wochen geborenen Kindes weiblichen Geschlechts in einer Schachtel und Tragkorb verpackt aufgefunden.

vermischtes.

* Nürnberg, 24. Februar. Ein ebenso leichtsinniges, wie schlechtes Mittel, ihrem Manne das Schnarchen abzu­gewöhnen, wählte die junge Frau eines hiesigen Kauf­manns. Sie warf ihm, wahrend er heftig schnarchte, plötzlich ein vorher in kaltes Wasser getauchtes Tuch über den Kopf. Der auf diese unvermuthete Weise aufgeschreckte Mann, der sich angegriffen wähnte, sprang auf und schlug um sich, wobei er den neben dem Bett befindlichen Nachttisch umwarf, dessen Marmorplatte der bei dem Appliziren des Mittels anwesenden Schwiegermutter auf den Fuß fiel und ihr dabei zwei Zehen zerquetschte. Außerdem brach sie dabei einen Finger. Die junge Frau aber erhielt, da die Scene sich in voller Finsterniß abspielte, einen Schlag ins Gesicht, der das Einsetzen eines neuen Gebisses zur Folge haben dürfte. Das Schnarchen aber hat der Mann nicht verlernt.

* Ein köstliches Gesuch. Aus Anlaß des imMilitär- Wochenblatt" erschienenen Artikels, in welchem der Ver­wendung von ausgedienten Unteroffizieren zu Lehrern auf dem Lande das Wort geredet wurde, veröffentlicht diePfalz. Lehrerztg." ein Bewerbungsgesuch um eine Verweserftelle, welches folgendermaßen lautet:An das wohllöbliche Bürgermeister-Amt Otterberg. Werthestes Gesuch der zu Erlenbach erledigten Lehrer-Stellen betreffend. Auf Ihr Ausschreiben hin habe Ich vernommen, daß zu

Erlenbach im Kanton Otterberg eine Schulverweser Stelle erledigt ist und somit bemühe ich mich als Bewerber um dieselbe aufzutreten. Da Ich wohl noch kein Lehrer war aber doch in jeder Beziehung die Fähigkeit besitze als Lehrer auftreten zu können und die Schuhl Jugend in Erlenbach fleißig zu unterrichten. Da ich aber der Entfernung halber mich nicht persönlich bei Ihnen vorstellen kann, so will ich Ihnen auf Verlangen Zeugnisse übersenden meines Standes und meiner Aufführung. Ich bin im Alter von zwei und Dreißig Jahren, Familien Vater von zwei Kindern, und darf mich eines Gesunden und kräftigen Körperbaues erfreuen. Wolle nun die Gemeinde-Behörde zu Otterberg die Gewogenheit haben mir dieselbe Stelle übertragen zu wollen. Ich werde mich befleißigen diesem Dienste nachzukommen und sofort nach Pflicht und Gewiffen meine Schuldigkeit zu thun. In der größten Hoffnung werde ich Ihrer gütigen Mittheilung entgegen sehen. Pirmasens den 4. November 1892. in Hochachtung gez.: N. N. Eigene Handschrift des Bewerbers."

* In einer landwirthschaftlichen Versammlung in B e r l i n wurde constatirt, daß auf dem dortigen Viehhof fast gar kein gutes Fleisch gegenwärtig anzutreffen sei, weil keine ent­sprechenden Preise zu erzielen seien. Der Leiter des ViehhofeS mußte das leider bestätigen und fügte hinzu, daß etwa nur 4 oder 6 Schlächter wirklich gutes Fletsch kauften.

Citeratur rind Kanft

Mein liebste- Gebet. Beiträge edler Männer und Frauen der Gegenwart, bestehend in Gebeten, Liedern, Dichtungen, Bibel- und Wahlsprüchen rc. für alle Lagen des Lebens. Gesammelt und herausgegeben von Bertha MathS, geb. Hüffel. Eleg. geb. 5Mk. Schwabacher'iche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart. Frau Bertha Math«, seit Jahrzehnten in deutschen Gauen bekannt, die Verfasserin desJungfrauenbrevters" und des namentlich fürconfirmirte Töchter" bestimmten weitverbreiteten ErziehungsbucheS:Martha- Dienst und Maria-Sinn", hat ein neues Andachtsbuch herausgegeben, worin sie eine ungewöhnlich reiche Auswahl von ihr erbetener Lieb- lingsspruche, -Lieder, -Dichtungen und -Gebete hochgestellter Personen, sowie berühmter Männer und Frauen der Gegenwart zusammen- gefiellt und damit zugleich ein Erbauungsbuch geschaffen hat für Jeden, der wahre, ernste und gedankenttefe Erhebung sucht für sich und fein Haus. Das Buch ist nicht nur sehr schön ausgestattet, sondern es wird namentlich auch dadurch einen großen Leserkreis anziehen, daß es uns eine Antwort darauf gibt, in welchen religiösen Stimmungen, Empfindungen und Gedanken sich die uns mebr oder weniger bekannten oder vertrauten Persönlichkeiten am liebsten be­wegen, und daß es uns erfahren läßt, mit welchen sich wohl unsere eigenen Gedanken am meisten decken.

Fenilleton.

Felix.

Aus dem Leben eines Knaben von Zo8 v. Reuß.

(3. Fortsetzung.)

Aber die Veranda war leer, vermuthlich war Besuch gekommen.Vielleicht wieder Lieutenant Laporte?" Er gefiel Felix eigentlich sehr gut, machte gern Spaß und ver­band ausgezeichnet Ball zu schlagen. Freilich konnte Felix nicht begreifen, warum Lieutenant Laporte Mama so oft zu besuchen kam und nicht lieber auf seinem schönen Schweiß- suchs spazieren ritt. Felix lauschte ins Gartenzimmer hinein, nein, der Lieutenant war es nicht. ... Es war vielleicht die alteCommandeuse", wie er die Obristin nennen gehört hatte? Möglich! Jedenfalls würde Mama jetzt, nicht frmmen. Aber da stand ja ihr Arbeitskorb, eine Strippe ließ sich dort gewiß finden. Und Papier, recht festes, um den Schwanz zu verlängern? Dort in der Schreibmappe!

Der Knabe durchwühlte ungestüm die eilig zusammen- geklappte Schreibmappe. Sie enthielt Briese, Notizen, litten, etwas Besonderes fand sich nicht. Doch da ist ?in Brief auf starkem, gelblichem Papier: der ist gut zum Schwanz des Drachen!

Indem Felix den Brief in der Hand hält, fällt sein Aick auf den Namen seines Vaters. Was ist mit ihm? Neu­gierig und mit plötzlich entfachter heißer Sehnsucht nach Papa beginnt der Knabe ihn zu lesen, sogar laut:

Theuerste, angebetete Hildegard!

Mit heißester Sehnsucht erwarte ich Ihren Entschluß! ler Ausführung des Planes, wie ich ihn darlegte, steht nun nchts mehr entgegen, durch das Bündniß mit meiner ge­liebten, einzigen Schwester. In ihr Haus werde ich Sie bringen, bis das Band gelöst ist, welches Sie mit Herrn Sialling verknüpft. Ihre Mutter wird nicht unversöhnlich svn, auch die sonstigen Schwierigkeiten werde ich überwinden, kenn Herr Stalling wirklich der edelgesinnte Mann ist, den Die- in ihm sehen, wird er sich nicht besinnen, Sie durch Ehcidung freizugeben.

Ich habe einen Tag Urlaub genommen und erwarte Sie morgen Abend an der hinteren Ausgangspforte des Familiengartens. Der Wagen wird uns schnell nach der Eisenbahn bringen, wo wir sofort den Schnellzug nach B. benutzen werden. Uebermorgen früh sind Sie im Hause meiner Schwester und damit in vollständiger Sicherheit. Bis in den Tod Ihr Laporte."

Donnerwetter der Lieutenant will Mama stehlen!" rief Felix, vor Ueberraschung fast sprachlos.Das darf er aber nicht! Ich werde sie beschützen, wie ich Papa versprochen habe. Ob er's schon gewußt hat? Einerlei! . . . Nein, ich lasse Mama nicht stehlen!"

Erregt ließ Felix noch ein halbes Dutzend andere Blätter durch die. Finger gleiten. Darunter war auch ein rosenfarbener Brief, den Mama zu schreiben angefangen hatte. Aber derselbe bestand bis jetzt nur aus kaum drei Zeilen und erinnerte stark an Felix' deutsche Aufsätze, wenn er, an der Feder kauend, stecken blieb.

Sie hat wahrscheinlich auch nichts weiter zu schreiben gewußt," sprach Felix mit Theilnahme und legte den Brief zu dem andern. Er wollte es dem alten Ulrich doch schwarz auf weiß beweisen, daß Lieutenant Laporte Mama stehlen wollte. Zum Schwanz des Drachen nahm er sich schönes, weißes Papier.

Plötzlich kam ihm noch ein besserer Gedanke: Warum brauchte er den alten Ulrich eigentlich? Hatte er denn nicht daS neue Techin, das ihm Papa zum Geburtstage geschenkt hatte, um im Giebelhause Ratten und im Familiengarten Spatzen zu schießen? Damit fürchtete er Niemand, auch keinen Dieb.

Die Briefmappe ungeduldig zuklappend, sprang er in seine Stube hinaus und legte die beiden Briefe in das stark gemißhandelte Diarium, preßte dasselbe wieder in den Tornister und schloß diesen in den Bücherschrank.

Den Schlüssel in der Tasche, Strippe und Papier triumphirend in der Hand haltend, eilte er wieder zu Ulrich und frug:

Wann geht der Schnellzug nach B. ?"

Warum denn? Willst Du mit, Musjechen?"

Sag's! Schnell!"

Nur sachte, 's ist ja keine Eile nich . . . Um elf Uhr pfeift er fort. Hier draußen hört mans freilich nicht. . . Gieb mir die Strippe, ich will Dir mal zeigen, wie das Ding gemacht wird. Den alten Ulrich hast Du nicht immer, kein Teufel bringt mich wieder von meinen Kisten und Fässern fort. Wenn ich nur auch gleich meine Schablonen hier draußen hätte, ich meine die neuen, um die Firma richtig auf das Beest zu schmieren"

ist auch so gut, Hausmann! Wenn der Drache nur ordentlich steigt, so hoch wie der Kirchthurm! Morgen früh soll's losgehen! . . Richtig, da kommt die Guste schon, um mich zur Mama zu holen, zum Thee."

//Ja, ja, ich wasche mir erst die Hände!"----

Anderen Tages stieg der Drache wirklich sohoch wie der Kirchthurm", ja, noch ein bischen höher. Felix und der alte Ulrich waren seelenvergnügt und stolz. Mama wies freilich die Aufforderung, sich das Ungethüm anzusehen, energisch und verdrießlich zurück. Sie sah auch todtenblaß im Gesicht aus und mußte sich Nachmittags zu Bette legen.

Punkt zehn Uhr stand Felix mit Boncoeur an der Hinteren Ausgangspforte des Familiengartens. Es war aber trotz des Hellen Mondscheins durch das Gitterwerk noch nichts zu sehen. Er war in seinem Eifer noch zu früh ge­kommen. Das Gewehr auf der Schulter, scharf nach dem Feinde ausspähend, patrovillirte er als Schildwache im Garten auf und ab.

//Hildegard sind Sie rs?" klang es von drüben durch die Dämmerung.O, geben Sie mir den Schlüssel, damit ich zu Ihnen kommen und Ihre Füße umfassen kann. Ich möchte Ihnen danken!"

Boncoeur begann beim Tone der fremden Stimme stark zu knurren, aber Felix brachte ihn zum Schweigen.' Dann rief er hinüber:

Mama ist's nicht, Lieutenant Laporte! Ich bin es Felix!"

(Fortsetzung folgt.)