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1893
Nr. 126
Amts- und Anzeigeblatt für den Tkreis Gietzen
chratisbeikage: chießener Aamitienökätter.
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Zweites Blatt. Donnerstag den 1. Juni
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In jenen Pserdestall setzten sie den großen Liebig. DaS heißt, dem Herrn Professor und der schönen Agnes errichtete man eine zierliche Wohnung im zweiten Stock. Der Herr Naturforscher zog grüne Reben um das Haus und Schön Agnes pflanzte Rosen, Veilchen und Aurikel in das Gärtlein. So ward es ein trauliches Heim, das an die ursprüngliche Bedeutung des Hauses nur noch erinnerte, wenn unten stampfend und trampfend die Mäuler tobten, — will sagen, wenn die Herrnn Studiosi mit Lötheisen, Kolben und Retorten „Encheiresin natnrae“ inS Deutsche übersetzten.
Liebigs Zeit war die „Hochgezit" der Universität, denn er zog sehr bald die Jünger der neuen, nach der Welt- beherrschung ringenden Wissenschaft aus ganz .Deutschland, aus Europa, auS Amerika, aus der ganzen gebildeten Welt nach Gießen. Es kamen Leute von Boston und von Mexiko, von Santa Fe und der Capstadt, von Kalkutta, von Peking von Jeddo. Sie alle wußten nichts von Gießen, nichts
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1. Mi 1833.
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lleilbahn am „Brand") und stellte auch 1723 einen Professor >cr Chemie an, den ersten in Deutschland.
Der Reitplatz davor scheint auch aus jener Zeit zu tammen. Die alten Pappeln, die ihn umschatteten, hätten wohl erzählen können, wie viel Gäule hier tobt geritten und dann nebenan secirt wurden. Ich kann mir die Sache recht lebhaft vorstellen- denn ich erinnere mich noch aus meiner Gym- nasialzeit, wie Proseffor Bischof einst auf diesem Reitplatz einen Bären und einen Wolf vergiftete. Dem einen spritzte er Strychnin in den Rachen, den anderen erstach er mit vergiftetem Dolche, um der lernbegierigen Jugend zu demon- striren: „Seht, so stirbt ein Tyrann!" I
Hundert Jahre nach der Erbauung des anatomischen Theaters (1821) bekamen die Mediciner ein Krankenhaus und hundert Jahre nach dem Einzug des ersten Chemikers (1824) zog Deutschlands größter Chemiker, Darmstadts großer Sohn, Justus Liebig, in Gießen ein. Nämlich die Studenten und Soldaten tranken allabendlich ihr Bier miteinander- die Soldaten aber befolgten des Feldwebels Spruch („Er trinkt ruhig fein Glas auS") in Eulenspiegels Manier- darob mußten sie von Gießen scheiden und nach Worms wandern. Die Studenten aber ergriffen Besitz von Kaserne und Pferde« stall und legten in jene die Kranken und die Bibliothek, in diesen aber setzten sie den großen Chemiker.
Es war dies eine der ersten Copien von Berliner Diplomatie, auS der ein Culturforscher die oberhessische Hinneigung zu Preußen schon prädiviniren konnte. Der alte Fritz ließ nämlich fünfzig Jahre zuvor in Berlin einen Akademie-Saal bauen und — damit die Akademiker, meist ältere Herren, nicht an Rheumatismus litten — in dem unteren Stock den Marstall, in dem oberen den Saal für die Akademiker einrichten. Damit die Jdeen-Verwandtschast von beiden Instituten auch äußerlich hinfällig sei, setzte er — ein Muster von Stabreim — die Inschrift darauf: „Musis et Mulis“, was ein Schüler von Voß verdeutschte: „Den
Feuilleton.
Aus der Jugkndskit der Gießener Aul».
Don Heinrich Becker, Frankfurt a. M.
(Nachdruck untersagt.)
Im Jahre 1604, nach dem Tode des Landgrafen Ludwig IX., führte Landgraf Moritz von Hessen-Caffel, entgegen der Bestimmung deS Testamentes, auf der Marburger Universität das reformirte Bekenntniß ein. Ludwig V, von Heffen-Darmstadt beanspruchte darauf die ganze Erbschaft ton Cassel und führte 19 Jahre lang (bis 1623) mit Moritz einen Rechtsstreit vor dem Reichshofrath. Die lutherischen Theologen in Marburg wollten aber diesen Proceß nicht abwarten. Um deS Glaubens Willen zogen sie auS und bedrängten den Landgrafen Ludwig so lange, bis dieser ihnen eine Universität in Gießen gründete und der Kaiser Rudolf II. 1607 das allergnädigste Privilegium gab.
Den Theologen zu Liebe ward bestimmt, daß nichts ^ider die Augsburgische Confession gelehrt werden solle- den Bürgern zu Liebe sollten Mehl, Bier und Wein zollfrei fein; die Studenten sollten die Bücher gleichfalls zollfrei haben- doch schien daS nicht genug der Lockspeisen, darum gab man den Studenten noch das Privilegium, an „Spiel- und Feiertagen" sich an dem edlen Waidwerk zu ergötzen. Daher wird der Gießener Markwald noch heute der „Philosophen- »alb" benannt.
Um die Studenten noch mehr anzulocken, errichtete man 'hinter der Stadtkirche wider die Stadtmauer, in dem Hause eines alten Burghofes, eine „Aula", in der herrschte ,/Fürsorge für Leib und Seele". Im unteren Stock, wo der Verwalter wohnte, war zugleich ein Speisesaal eingerichtet. Im zweiten Stock waren zwei Hörsäle für Theologen und Mediciner. Im dritten wohnte der Herr Rector magmficus.
Leider dauerte die Freude nur so lange, wie der Pro- zeß. Der ward '.1623 für Darmstadt gewonnen- Marburg wurde annecttrt und Ludwig ließ die Studenten, anstatt der Speisung auf seine Kosten, aus den Universitätsgütern von Marburg speisen. r _ c
Das währte nach mehrfachem Wechsel zwischen Gießen und Caffel bis 1650, wo Gießen definitiv von Marburg «getrennt ward als selbstständige Universität für Hessen- Darmstadt. _
Die nach dem 30jährigen Kriege noch übrige Hälfte deS 17. Jahrhunderts wurde daun mit der Erörterung der Frage auSgesüllt: 'Welches sind die Grundlagen des wahren kirchlichen Friedens?" und der anderen : „Welches sind die wahren Grundlagen des kirchlichen Friedens?' )
Dies währte bis ins 18. Jahrhundert hinein, bis die Mediciner und Theologen sich nicht mehr an Einem Ofen wärmen wollten, und die Mediciner eS durchsetzten, daß ihnen ein besonderer gesetzt wurde. Man erbaute ihnen 1720 ein „anatomisches Theater" (das alte Bauwerk hinter der
•) 3um 200jährigen Jubiläum haben 1868 der Herr Bischof Ketteler, der Herr Prälat Zimmermann und Dekan Eich in Worms jene Streitschriften von Neuem reproducirt.
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Unzeiger.
Hafenstadt: „Wo wohnt der große Naturforscher?" Sie kamen nach Gießen, umlagerten — wie die Mohamedaner die Kaaba — den „SelterS-Berg", zu gering es achtend, die schmutzige Stadt zu betreten, und zogen von dannen, wenn sie ihren CultuS geübt, von deutscher Cultur ost nur da» einzige mitnehmend, was sie in LiebigS Hörsaal fanden.
Liebig schied von Gießen, nach fast dreißigjährigem Wirken. Mit ihm zogen die fremden Gäste, denen Gießen und München nur zwei Punkte aus der Landkarte bedeuteten. Mit ihm zogen auch die Professoren, die in Gießen kein Heim mehr erkannten. Der Anatom Bischof wanderte nach München, der Technologe Knapp und der Aesthettker Moritz Carttöre gleichfalls — letzterer durch Schön Agnes zur „(Saniere gebracht. Ein Hauptanlaß für Liebig, wie für die anderen Naturforscher war die mangelhafte Fürsorge für die technischen Wissenschaften. Weder bet der damaligen Regierung, noch bei den Ständen war ein Derständniß für diese Wiffenschaften zu finden. Man steckte noch zu viel in der Theologie und Juristerei, von denen die eine die Naturwiffenschast für gefährlich, die andere sie für überflüssig hielt.*)
Seit zehn, zwölf Jahren ist endlich das Jntereffe für diese Wiffenschast wieder stärker erwacht. Man hat inzwischen sogar die Gründung einer eigenen technischen Hochschule in Darmstadt für nöthig gefunden und damit — gleich jenem Marburg-Gießener Streit — die Eifersucht der Gießener Professoren, wie der Bürger und Studenten entsacht. Diese Eifersucht zu tilgen, entschlossen sich Regierung und Stmide im Jahre 1872, der Gießener Universität einen neuen Bau für die technischen Fächer herzustellen. Im Jahre 1876 brachte es Herr Minister v. Starck dahin, daß die Kammern noch einen Mehrbedarf genehmigten, so daß eine Bausumme von 400,000 Mk. zur Verfügung stand. Mit dieser wurde der neue Bau hergestellt und zur Zufriedenheit der Bethei- ligten von Baurath Holzapfel vollführt.
Der Großherzog stiftete zur Erinnerung an jenen Tag eine Medaille an goldener Kette, welche die Rectoren künftig an festlichen Tagen tragen sollten. Es war das schönste Symbol zur Ausgleichung der Eifersucht der beiden rivalisirenden Städte Darmstadt und Gießen und der in denselben herrschenden Factoren. Den Sängern, den Künstlern ließ er zu Darmstadt ein HauS bauen, darinnen sie sollten wohnen und fingen, das schöne Hoftheater. Den Gelehrten baute er eins an der „Lahne grünem Strande , für die Hegung und Pflegung der Dinge, die man nicht ' singen kann, für die ernste Wiffenschast. Die Sänger begnügten sich mit dem Lorbeer, gedenkend der Dichterworte:
„Da« Lied, das au8 der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet."
Die Gelehrten verlangten außer ihrem Standesbewußt- sein noch ein äußeres Symbol der Würde. Drum vollsührte der Regent den zweiten Theil von des Dichters Weisung •
„Gib sie dem Kanzler, den Du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten ttagen."
*) Weil 20,000 Gulden für Erweiterung de» chemischen Laboratoriums nicht ausjutreiben waren, gingen Liebig, Knapp und Bischof weg nach München; man ließ sie ziehen, trotzdem der Der,all der Universität vorauszusehen war.
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