Ausgabe 
23.6.1892 Erstes Blatt
 
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Nr. 143 Erstes Blatt Donnerstag den 23. Juni

1892

Der frit|tnrr >n|dg<r erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

Die Gießener Msmitie«ßtLti«r merden dem Anzeiger WSchentlich dreimal deigelegt.

Gießener Anzeiger

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Amtlicher? Tberl.

Bekanntmachung,

betreffend die Schafräude zu Münster.

Nachdem die in einem Gehöft zu Münster ausgebrochen gewesene Schafräude erloschen ist und der Verdacht auf Räude bei der übrigen Herde sich nicht bestätigt hat, haben wir die unter dem 25. März l. I. verfügten Sperrmaßregeln heute wieder aufgehoben.

Gießen, den 21. Juni 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

_______v. Gagern._________________________

Gießen, den 20. Juni 1892.

Betr. Die Unterstützung von Familien der zu Friedens­übungen einberufenen Mannschaften.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

O« die Grotzh. Vürgermeiftereierr M «reise-.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 11. Juni 1892 (Anzeigeblatt vom 14. Juni l. I. Nr. 135) benach­richtigen wir Sie, daß nach Beschluß des Reichstages die Unterstützung der Familien der zu Friedensübungen einbe­rufenen Mannschaften auf Verlangen auch dann zu gewähren ist, wenn der Einberufene nicht hilfsbedürftig ist.

__________________v. Gagern.__________

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Hebamme Margaretha Nuhn zu Gießen, nachdem sie die Prüfung mit der Notesehr gut" bestanden hat, heute verpflichtet worden ist.

Gießen, den 17. Juni 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 21. Juni. Aus Deutsch-Ostafrika liegt wieder einmal eine Unglücksbotschaft vor, die allerdings noch der Bestätigung bedarf. Chef v. Bülow soll nach einem unglücklichen Gefechte gegen feindliche Eingeborene die von ihm befehligte Kilimandjaro-Station aufgegeben haben, der Gouverneur v. Soden habe sofort Verstärkungen an Herrn v. Bülow abgehen lassen. Da diese Nachricht aus englischer Quelle stammt, so kann sie nur mit Vorsicht ausgenommen werden. Hoffentlich erweist sie sich als unbegründet, denn ein wenn auch nur vorübergehender Verlust der Kilimandjaro- Station würde das deutsche Ansehen im Innern der ost­afrikanischen Colonie immerhin bedenklich schädigen.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Potsdam, 21. Juni. Heute Vormittag fand anläßlich der Anwesenheit des Königs und der Königin von Italien im Lustgarten eine glänzende Parade der ganzen Garnison statt. Kurz vor 10 Uhr fuhr Ihre Majestät die Kaiserin mit den Prinzen im Stadtschlosse ein; Se. Kaiserl. und Königl. Hoheit der Kronprinz stand bereits in der Front des ersten Garde-Regiments z. F. Bald daraus traf Se. Majestät der Kaiser zu Pferde in der Uniform des Regiments der Gardes du Corps im Lustgarten ein. Gegen IO1/* Uhr kamen der König und die Königin von Italien im offenen vierspännigen Wagen, von einem Zuge der Leibgendarmerie escortirt, aus dem Paradeplatze an. Ucberall in der Stadt wurden die Majestäten mit lebhaften sympathischen Kund­gebungen begrüßt; König Humbert trug die Uniform seines Husaren-Regiments. Vor der Rampe des Stadtschlosses stieg der König von Italien zu Pferde. Als die Majestäten die Truppen begrüßten, spielten die MusikcorpS den italienischen Königsmarsch. Se. Majestät der Kaiser setzte sich bei Beginn der Parade an die Spitze der Truppen, führte diese, gefolgt von einer glänzenden Suite, vor seinem königlichen Gaste vorüber und nahm sodann ihm zur Seite Ausstellung. Se. Königl. Hoheit der Feldmarschall Prinz Albrecht von Preußen, Regent von Braunschweig, hielt ebenfalls zur Seite des Königs Humbert. Bei dem Vorbeimarsch des Regiments der Gardes du Corps setzte sich Se. Majestät der Kaiser an die Spitze desselben und führte es seinem erlauchten Gaste vor. Der Vorbeimarsch der Garnison erfolgte zweimal, zuerst in Zügen, sodann in Compagnie- bezw. Schwadronsfront. Ihre Maje­stäten die Kaiserin und die Königin Margherita wohnten, umgeben von den kaiserlichen Prinzen, von den Fenstern des '

Stadtschlosses dem militärischen Schauspiel bei, dasselbe war um U3/4 Uhr zu Ende. Die Parade war von dem Com- mandeur der 1. Garde-Jnfanterie-Division, Generallieutenant v. Holleben, commandirt. Nach der Parade nahmen die Aller­höchsten Herrschaften im Marmorsaale des Sradtschlosses das Frühstück ein. Gegen 1 Uhr begaben sich die Majestäten nach dem Neuen Palais zurück, in dem ersten offenen Vierspänner fuhren Ihre Majestäten die Kaiserin und die Königin, als­dann folgten die beiden Monarchen gleichfalls im offenen Vierspänner; beide Wagen wurden von einem Zuge der Leib- gensdarmerie begleitet. Unausgesetzt begleitete die Majestäten vieltausendstimmiger Jubel, der auf allen Wegen, an allen Fenstern und auf den Zinnen der Gebäude dicht geschaarten Bevölkerung.

Potsdam, 21. Juni. Heute Abend fand zu Ehren des italienischen Königspaares Galatafel im Marmor­säule des Neuen Palais statt, zu der etwa 150 Einladungen ergangen waren. Der Kaiser führte die Königin, der König die Kaiserin zur Tafel. Der Kaiser saß rechts von der Königin, der König links von der Kaiserin, gegenüber der Reichskanzler Caprivi, der italienische Minister des Aeußeren Brin, Generaladjutant Pallavicini und Staatssecretär Frhr. v. Marschall. Im Anschluß an die Galatasel sand großer Zapfenstreich der Musikcorps sämmtlicher Garderegimenter statt. Auf der Fahrt zum Neuen Palais besuchten der Kaiser mit dem Könige Humbert und die Kaiserin mit der Königin Margherita das Mausoleum der Friedenskirche und verweilten etwa eine halbe Stunde am Sarge Kaiser Friedrichs.

Wildpark, 21. Juni. Der Kaiser gedachte in seinem Toast im Neuen Pal^'s der innigen Beziehungen zwischen dem Hohenzollernscheu und Savoyenschen Königshause und drückte seine Freude darüber aus, daß das italienische Königs­paar bei dem morgigen Empfange auch die Freude der Berliner über den Besuch erfahren würden. König Humbert er­widerte mit einem warm empfundenen Hoch auf den Kaiser und die Kaiserin. Der Zapfenstreich nahm bei günstigem Wetter den eindrucksvollsten Verlaus. Die Herrschaften ver­folgten vom Balkon das interessante Programm. Die ge- sammte Umgebung des Neuen Palais ist prachtvoll decorirt. Ganz außerordentlich ist der Andrang des Publikums, das wiederholt Hurrah, Hoch und Evviva rief. Der Zapfenstreich endete gegen 10 Uhr.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 21. Juni. DieNordd. Allgem. Ztg." meldet aus Potsdam, daß die Verlobung der Prinzessin Margarethe von Preußen mit dem Prinzen Fried­rich Carl von Hessen, Sohn des Landgrafen Friedrich, heute nach der Parade proclamirt wurde.

Berlin, 21. Juni. Der Bundesraths-Ausschuß soll in seiner heutigen Sitzung beschlossen haben, die unveränderte Annahme des Entwurfs, betreffend Einführung einer ein­heitlichen Zeitbestimmung, dem Bundesrathe zu empfehlen.

Bamberg, 21. Juni. Die Verhandlung wegen des Eggolsheimer Bahnunglücks hat soeben begonnen. Der Generaldirectionsrath Henle aus München wohnt den Verhandlungen bei.

München, 21. Juni. Bismarck wird erst übermorgen hier erwartet. Nähere Bestimmungen fehlen noch.

Wien, 21. Juni. Die deutsch-nationalen Studenten feierten gestern die Anwesenheit Bismarcks durch einen ohne Störung verlaufenen Commers. Bismarck empfing den akademischen Gesangverein und trank auf die deutsche Kunst und Wissenschaft. Er sagte:Wir werden die alte Stammesbruderschaft immer Pflegen. Etwaige Irrungen werden schnell vorübergehen. Gott schütze unsere Freund­schaft." Die Studenten riefen:Hoch dem Baumeister des Deutschen Reiches!"

Wien, 21. Juni. Punkt 11 Uhr verließ Bismarck ' nebst seinem Sohne das Palais, um in die reformirte Kirche zu fahren. Die dichtgedrängte Volksmenge begrüßte den Fürsten auf dem ganzen Wege mit Hochrufen. An der Kirche wurde er von dem Curatorium empfangen und zum Pres- byterialsitze geleitet.

Wien, 21. Juni. Während der Fahrt Bismarcks zur Kirche ereignete sich ein eigenthümlicher Zwischenfall. Ein angeblicher Schlossergeselle warf ein Packet Schriften in den Wagen. Der Fürst beugte sich zurück, während Graf Herbert das Packet aushob und hinauswarf.

Wien, 21. Juni. Die Trauung des Grafen Her­bert Bismarck begann um 11 Uhr und dauerte nahezu eine Stunde. Graf Andrassy und der Botschafter Schuwalow waren anwesend, Kalnoky fehlte. Den Trauact eröffnete und schloß Gesang. Der Fürst war sichtlich gerührt. Er küßte

die Braut und umarmte seinen Sohn. Sowohl auf dem Hin­wege als aus der Rückfahrt wurde der Fürst von der dicht­gedrängten Volksmenge mit Jubel begrüßt.

Darmstadt, 22. Juni. Die zweite Kammer wählte Weber- Offenbach zum ersten Präsidenten.

Die Bedeutung Chicagos für den Welt­handel.

Die im nächsten Jahre stattfindende großartige Welt­ausstellung in Chicago hat das Interesse weitester Kreise auf diese Metropole des amerikanischen Westens gelenkt. Aber wenn man auch in commerciellen und industriellen Kreisen schon lange die regen geschäftlichen Beziehungen kennt, welche die Riesenstadt Chicago mit vielen Städten Amerikas und Europas unterhält, so haben doch wohl sehr viele Interessenten des Handels und der Industrie noch nicht die richtige Vorstellung von der wahren Bedeutung Chicagos für den Welthandel int Allgemeinen und von der großartigen Entwickelung, welche diese Stadt in den letzten drei Jahr­zehnten zum Erstaunen aller Beobachter genommen hat. Chicago hat als Welthandelsplatz eine Reihe der glänzendsten Vorzüge. Ziemlich in der Mitte der Unionsstaaten, im Staate Illinois, und am Ufer des Michigansees gelegen, ist Chicago zunächst der große Stapelplatz für den riesigen Getreidehandel des amerikanischen Westens. Die centrale Lage dieser Stadt in Nordamerika macht dieselbe aber gleich­zeitig zur größten Handelsstadt für den Transitverkehr Amerikas, denn sowohl das amerikanische Getreide, Vieh, dann Häute, Wolle und sonstige Rohproducte, als auch eine Menge Artikel der Jndustriebranchen müssen ihren Weg über Chicago nehmen. Dadurch erlangt Chicago nicht nur eine große Bedeutung für den Handel Amerikas, sondern auch für denjenigen Europas, und alle europäischen Exporteure handeln klug, wenn sie den Versuch machen, direct mit Chicagoer Handlungshäusern in Verbindung zu treten, wozu natürlich die bevorstehende großartige Weltausstellung die beste Gelegenheit bietet.

Die riesig anwachsende und jetzt schon weit über eine Million Einwohner zählende Hauptstadt des amerikanischen Westens hat natürlich selbst schon ungeheueren Bedarf an den mannigfachsten Artikeln und gewährt hierdurch den auf eine Handelsverbindung mit ihr gerichteten kaufmännischen Speculationen doppelte Vortheile. Die für den Handel so ungemein günstige Lage Chicagos wird durch zahlreiche Eisenbahnen, welche die Millionenstadt am Michigansee mit allen Theilen der Union verbinden, in entsprechender Weise zur Geltung gebracht, denn über dreißig Eisenbahnlinien gehen direct von ihr aus, infolge dessen der Eisenbahnverkehr Chicagos als der gewaltigste vielleicht ganz Amerikas bezeichnet werden kann. Lebhaft ist auch die Schifffahrt Chicagos, was sich schon daraus ersehen läßt, daß die Rheder der Stadt zusammen etwa 250 Dampfer und 1000 Segelschiffe besitzen. Auch beschränkt sich die Schifffahrt Chicagos durchaus nicht allein aus den Michigansee und die hiermit in Verbindung stehenden anderen Seen, sondern sie wird auch direct mit Europa unterhalten. Man schätzt den durchschnittlichen jährlichen Handelsumsatz Chicagos im Jahr­zehnt von 1880 bis 1890 aus circa 850 Millionen Dollars, was selbst für eine Stadt von der Größe Chicagos eine gewaltige, imponirende Ziffer ist.

Localer and provinzieller.

Gießen, 22. Juni 1892.

Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberheffen am 21. Juni 1892. Zur Verhandlung kommt die Strafsache gegen Ludwig Saam von Frankfurt a. M. wegen Raubs und Diebstahls. Staatsanwalt: Erster Staatsanwalt Joeckel, Vertheidiger: Rechtsanwalt Dr. Rosenberg, Ge­schworene : Heinrich Schadeck IIL, Martin Jehuer, Johann Peter Wagner, Heinrich Ganß IX., Johannes Jung, Georg Ohly V., Johann Georg Görlach, Georg Faber IV., Gustav Müller, Adolf Schlosser, Karl Müller, Conrad Malkomesius. Der schon vielfach vorbestrafte Metzger Ludwig Saam von Frankfurt a. M. ist angeklagt, daß er am 24. April l. I. zu Friedberg 1) dem Dienstknecht Adam Frick daselbst 3 Mk. 20 Pf., etwa ll/2 Pfund Wurst, sowie ein QuittungS- buch entwendet und diesen Diebstahl im strafrechtlichen Rück­fall begangen habe, 2) dem Wagner Friedrich Haustein zu Friedberg mit Gewalt gegen dessen Person eine demselben gehörige silberne Cylinderuhr mit Haarkette und goldenem Haken, mit Uhrschlüssel und goldenem Medaillon aus einem öffentlichen Platze zu Friedberg in der Absicht rechtswidriger