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Nr. 105

Freitag den 6. Mai

Kiehener Anzeiger

Henerat-Anzeiger.

Die Gießener

M««rtien-tLiter werden dem Anzeiger »Achentlich dreimal beigelcgt.

Der

Kietzeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

1892

Vierteljähriger AvonnementspretBr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kch»tSr«tze Hlr.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Hratisbeikage: Hießener Kamitienötätter,

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Lu-landeS nehmm Anzeigen für denGießener Anzeiger^ mtqeqen.

Annahme von Anzeige» zu der Nachmittag» für de» folgenden Dog erscheinenden Nuiumer bi» Corrn. 10 Uhr.

Amtlicher Therl.

Gießen, den 3. Mai 1892. Betr.: Die Vertilgung der Maikäfer.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a« die Orotzh. Bürgermeiftereie« de- Kreises.

Für den Fall, daß die Maikäfer im laufenden Jahr in Ihren Gemarkungen in stärkerem Maß auftreten, weisen wir Sie hierdurch an, dieses Jnsect auf Gemeindekosten sammeln und vernichten zu lasten. Das Sammeln erfolgt am geeig­netsten durch Schütteln der Aeste und Anprallen der Bäume in den frühen Morgenstunden, die Tödtung durch Zerstampfen der Käser oder Begießen mit heißem Master. Nicht zweckmäßig ist das Vergraben, da die Käfer dann wieder an die Oberfläche kriechen oder doch in der Erde ihre Eier ablegen können. Wenn auch in den laufenden Voranschlägen Mittel zur Ver­tilgung der Maikäfer nicht vorgesehen sind, so werden Sie die entstehenden Kosten aus zu erwartenden Ueberschüssen bezw. aus dem Reservefonds bestreiten können.

Wir bemerken, daß die Großh. Oberförstereien in den staatlichen Waldungen in gleicher Weise gegen den Maikäfer vorgehen werden.

__________________v. Gagern.___________

Bekanntmachung, betreffend die Maul- und Klauenseuche unter den Schafen zu Watzenborn.

Nachdem unter der Herde des Schäfers Heinrich Junker zu Watzenborn die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden ist und nachdem auch die zweite Schafherde zu Watzenborn als der Ansteckung verdächtig erscheinen muß, haben wir die Sperre über beide Herden verfügt.

Gießen, den 3. Mai 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Leich.

Berlin, 4. Mai. Das preußische Staats­ministerium hielt am Dienstag unter dem Vorsitze des Ministerpräsidenten Grasen Eulenburg eine Sitzung ab. In derselben ist, wie man in Berliner parlamentarischen Kreisen wissen will, die Stellung der Regierung zu dem im Abgeord­netenhause eingebrachten Anträge der Freisinnigen, betr. die Umgestaltung des Schloßplatzes in Berlin, erörtert

worden, wobei sich schließlich das Staatsministerium einstimmig gegen jedes mit dieser Angelegenheit in Verbindung zu bringende Lotterieproject erklärt haben soll. Ein solcher Beschluß würde von der öffentlichen Meinung gewiß nur mit größter Genug- thuung ausgenommen werden, nachdem sich schon die Tages­presse aller Parteirichtungen übereinstimmend mißbilligend über den Plan einer abermaligen Berliner Schloßlotterie ausgesprochen hat.

In Sachen der angekündigten Militär- Vorlage läßt sich dieNordd. Allg. Ztg." erneut in einem anscheinendinspirirten" Artikel vernehmen. In demselben heißt es, die Pläne für eine neue Militär-Vorlage hätten noch keine bestimmte Gestalt angenommen, sie befänden sich vielmehr noch im Stadium vorbereitender Erwägungen, deren Abschluß noch nicht sobald zu erwarten stehe. Sollte die Regierung indessen die Maßnahmen zu einer weittragenden militärischen Reform als unerläßlich erkennen, so würde sie, auf sachliche Gründe gestützt, an den Patriotismus und die Einsicht der Volksvertretung appelliren, jedoch nicht mit Drohungen hervortreten, zu denen kein Anlaß gegeben sei und deren Wirkung nur eine höchst nachtheilige sein würde.

Die goldene Hochzeit des Herzogs Ernst und der Herzogin Alexandrine von Coburg ist am Dienstag im gesammten Herzogthume von der Bevölkerung durch Festgottesdienste in den Kirchen, Festacte in den Schulen und festliche Veranstaltungen von Vereinen, Korporationen usw. freudig mitgefeiert worden. In der Residenzstadt Coburg fand die große officielle Feier des Tages durch ein Festmahl, an dem sich die Hof- und obersten Staatsbeamten, das Ossiziercorps des 3. Bataillons 6. Thür. Infanterie-Regiments 9?r. 95, die Mitglieder der beiden städtischen Collegien und zahlreiche angesehene Einwohner betheiligten, sowie durch Galavorstellung im Hostheater statt. Zahlreiche Glückwunsch- Telegramme und Glückwunsch-Adressen gingen aus 'allen Theilen des Landes an das zur Zeit iu Cannes weilende herzogliche Jubelpaar ab.

Neueste Had?rid?fen,

Wclfi» CorrttyonbctijpCuccw:

Berlin, 4. Mai. Abgeordnetenhaus. In heutiger Sitzung wurde der Nachtragsetat ohne weitere Debatte in ( dritter Lesung angenommen. Darauf folgte die Weiter- : berathung über die Berggesetznovelle, von welcher § 80f un- \ verändert, 80 k nach Beschlüffen der Commission, §§ 81 { bis 84 ohne wesentliche Erörterung und § 85 nach kurzer Debatte genehmigt wurden. Die nächste Sitzung findet Donnerstag den 5. Mai 11 Uhr statt. Fortsetzung der

Berathung und Gesetz, betreffend Verlegung des Buß und Bettages.

Berlin, 4. Mai. DieNordd. Allgem. Ztg." erfährt: Bei den aus Paris gemeldeten angeblichen Cholera- sällen habe es sich nur um choleraartige nicht ansteckende Erkrankung älterer Leute gehandelt, welche durch den Genuß schlechten Wassers herbeigeführt wurde. Die Gerüchte über daß Auftreten der asiatischen Cholera seien aber unbegründet.

Breslau, 4. Mai. DerBreslauer Ztg." zufolge dauert ! der Bergarbeiter st rike in Oberschlesien fort. Wie ver- ' lautet, ist wenig Aussicht auf eine baldige Beilegung deS Strikes.

Wien, 4. Mai. Eine VersammluMg der Einspänner- Fiaker beschloß, falls bis zum 5. d. Mts. Mittags die in einem Memorandum an die Regierung aufgestellten Beschwerde­punkte nicht erledigt seien, vom 5. d. Mts. Mitternachts ab allgemein zu striken.

Paris, 4. Mai. Laut Erlaß des Arbeitsministers dürfen vom 1. Juni an als Maschinisten, Heizer und Konbucieure der Eisenbahnen nur französische Staatsangehörige angestellt werden.

Paris, 4. Mai. Ein Decret ordnet die Bildung eines Corps der Eingeborenen-Jnsanterie zu Diego Suarez an, um mit der Verteidigung zugleich die Sicherheit der französischen Niederlassungen an der Küste Madagascars zu erreichen.

Lyon, 4. Mai. Heute wurde der vierte internatio­nale Congreß der Bolkscreditge sellschaften eröffnet. Unter den gewählten Ehrenpräsidenten befindet sich auch Raiffeisen, Vertreter des allgemeinen Verbandes der deutschen Darlehns-Genossenschasten.

Lüttich, 4. Mai. Bei Beaujeau, einem wegen der Dynamit-Attentate Verhafteten, wurde eine Bombe mit Dynamit-Patronen vorgefunden, deren Papierumhüllung der­jenigen der am Sonntag auf dem Fensterbrett an dem Boulevard Sauveniere gefundenen Patrone gleicht. Bei Stoumont, einem anderen Verhafteten, wurden Dynamit­patronen in einem Blumentöpfe vorgefunden. Beaujeau legte dem Vernehmen nach ein Geständniß ab und gab seine Mit­helfer an, deren Verhaftung angeordnet wurde.

Lüttich, 4. Mai. Die bei dem Maler Beaujeau gefundene Bombe war leer. Bei dem Vater Beaujeau wurde Dynamit gesunden, welches der Sohn hingeschafft. Die Erplosionen hat nach seinem Geständnisse Lacroix durch Patronen herbei- gesührt, die Dynamit mit anderen Sprengstoffen gemischt enthielten. Beide Stoffe wurden im Vorjahre in Flemalle von Moineau und Beaujeau gestohlen. Lacroix, der Maler-

Feuilleton.

Die Waldrente des Dichters.

Von E. Laris.

(Fortsetzung.)

So flüchtet der Dichter immer und immer in den grünen Wald hinaus, um die Stimmung für sein Lied sich zu holen, mag sie eine freudige ober düstere fein; denn der Wald ist es wiederum, in den und Horn führt, um ihm unser Leid zu klagen und in seinen Armen Trost zu finden: O Herz, wenn dir die Erde nicht hält, was sie versprach, wenn Lieb' und Treu', die Schwüre in arger Falschheit brach, dann komm, rufts aus dem Wald, komm her in meine Ruh., mein leises, kühles Rauschen küßt DeineWunden zu." Und ferner:O Herz, wenn Dich die Menschen verwunden bis zum Tod, dann klage du dem Walde vertrauend deine Noth. Dann wird aus seinem Dunkel, aus seinem Wundergrün, be­seligend zum Herzen des Trostes Engel zieh'n!"

Auch das Lob der gefiederten Waldsänger bietet häufig Anregung zu Waldliedern:Welch ein Rcichthum in den Weisen, die in dem kühlen Waldeszelt bald in Accorden, milden, leisen, und bald in vollerer Macht preisen die reicye wunderbare Welt!" Gelten ja die sangesfrohen Waldvöglein den Dichtern als liebwerthe Sangesbrüder sehr viel und werden dieselben ja als ebenbürtige Genossen der sanges- munteren Künstlergilde geliebt und geschätzt. Wer dächte da nicht des prächtigen Vergleiches von Uhland zwischen Dichter und Wald:Singe wem Gesang gegeben in dem deutschen Dichterwald! Das ist Freude, das ist Leben, wenns von ollen Zweigen schallt!" Heine natürlich gedenkt in seinen Liebesnöthen dec Frau Nachtigall und der anderen Wald- Jänger des Oesteren. Die zwei hübschesten Stellen aber

unter diesen vielen sind wohl folgende:Mein zärtlichstes Geheimniß weiß schon der ganze Wald, denn die Gedanken all, die mir im Herzen seufzen, singt laut die Nachtigall" ; und ferner:Es erklingen alle Bäume und es fingen alle Nester, wer ist der Capellmeister in dem grünen Wald­orchester? Ich glaube, Amor heißt er." Der Wald hat aber außer dem Gesänge der Vögel eine noch viel ergreifendere Musik, die kunstloser zwar als jene, aber doch viel tiefer und mächtiger das Gemüth ergreift. Es ist das wunderbar er­greifende Waldesrauschen, von dem die Dichter mit Recht so häufig und so entzückt singen:Wie mich sein Rauschen mächtig faßt! Stets mächtiger bannts die Seele mir: dies tief geheimnißvolle Rauschen, als möcht es mir was an- vertrauen, das noch mein Herz nicht wissen soll, als möcht es heimlich mir entdecken, was Gottes Liebe sinnt und will,! Doch schien es plötzlich zu erschrecken vor Gottes Nähe und wurde still!" Mit letzteren Worten deutete Lenau einen tief poetischen Gedanken gleichsam zaghaft nur an, den Andere aber voll und laut aussprechen: es ist der Ge­danke an die Nähe Gottes im Walde.Sonntag! Sonntag! Horch, der Glocken lieblich lockender Ton erschallt! Wie sie Dich zur Kirche locken, locken sie mich zum Wald? Den Ewigen, Einzigen, Einen suchen wir beide. Mir erscheint er im Säuseln des Waldes, Dir im wogenden Orgelspiel." Nicht minder wahr und schön heißt es anderswo:Wunder­volles Wipfelrauschen! Dars ich wieder dich belauschen, lieber Waldeslaut? In dieser sel'gen Stille versenkt in Gott mein Geist sich zum Gebet." Sehr verwandt mit diesen Wald­liedern sind die vielen, vielen Gedichte über Waldträumerei. So gelegen den Dichtern der Reim vonbald" aufWald" ist, ebenso nahe liegt der vonWaldesraum" oderBaum" aufTraum". Ich will damit den Dichtern nicht nahe treten, aber jedenfalls läßt sich nicht leugnen, daß nicht immer das Gedicht den Reim bedingt und verursacht, sondern oft auch dieser jenes. Soträumen" denn die Dichter sehr viel in des Waldes grünen Räumen:Mir träumte einst ein schöner

Traum. Es war im grünen Waldesraum."Natur, in dein Leben, kühl und still, liege ich selig versunken; ein süßes Kindermärchengefühl macht mir die Sinne trunken."

Unter diesen Träumen verstehen die Dichter selbstredend das Spielen ihrer Phantasie, das Treiben ihrer Gedanken, welche aus den Erscheinungen der Natur so lebendige Be­ziehungen zum Menschen herauszudeuten wissen. Wie im deutschen Märchen Jung Siegfried den Gesang der Vögel verstand, so offenbaren sich den Dichtern alle Stimmen des Waldes, die uns Werkeltagsmenschen dunkel oder räthselhaft bleiben:Wenn ich an festlich stillem Morgen den Wald durchschreite, tönt mir, was ich in mir geborgen, zurück in tausend Sprachen." Aehnlich singt Heinrich Leuthold in dem herrlichenLiederfrühling":Was die Vögel gewußt, die voll Wanderlust aus dem Süden erst gekommen, was im Walde tief an Märchen schlief, hab ich Alles, Alles ver­nommen, hab es abgelauscht .... kann es deuten."

In erhabener Weise preist Geibel Gottes Allmacht als Schöpfer in feiner Frühlingsoffenbarung und seinem Sonntags­morgen im Walde:Kommt her zum Frühlingswald, ihr Glaubenslosen! Das ist der Dom, drinn predigen tausend Zungen," und:Ich fühls, ich hab em Heiligthum betreten, und all mein Wesen wird ein wortlos Beten."

Diese reflectirenben Waldlieder zählen zweifellos zu den schönsten und kostbarsten Perlen der Gedankenlyrik deutscher Dichter.

Neben dem außerordentlichen Reiz, den der Wald allezeit auf das empfängliche Gemüth auszuüben vermag, liegt im ganzen Wesen des Waldes offenbar ein gewisser harter und ernster Zug, der sich häufig zum Melancholischen und Düsteren steigert. Bist Du, schöne Leserin, schon jemals an stürmischen Herbsttagen im Walde gewesen und hast daö Aechzen, Stöhnen und Seufzen der vom Sturme gepeitschten Gipfel der alten kernigen Eichen und Buchen vernommen? Und so kommt es denn, daß in mehreren Waldliedern oft ein elegischer, melancholischer Character zum Ausdruck gelangt, denn der