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Nr. 204. Zweites Blatt.

Freitag den 2. September

(892

Gichenek Anzeiger

Henerat-Mnzeiger

F<rnsprechn 51

Aints- un- Anzeigsdlutt für -en Keck Gieren

HratisLeitage: Hießener Kamilienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für bm lalgenden Tag erscheinenden Nummer bi- 8orw. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Vureaux de- In- und Auslandes nehme»; Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger^ entgegen

Redaktion, Exp.'diNo,- und I)rudcrei:

Die Gießener PamittenSkülter »erden dem Anzeiger »öchenlUch dreimal beigelegt.

Der

Oie-ener Anzeiger erschein! lägt ich, Kit Ausnahme deS MonlagS.

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Vermischtes.

* Kohlsurt, 30. August. Zwischen hier und Waldau brennen seit Mittags 400 Morgen Wald.

* Sommerfeld (Schlesien), 30. August. In Groß­teuchel und Duber wurden neun Besitzungen durch Feuer zerstört. Zwei Kinder sind verbrannt, viel Vieh ist umgekommen.

* Paris, 30. August. In der Ausstellung für Frauen­kunst wurden von den Angestellten Juwelen im Werrhe von 250,000 Francs gestohlen.

* Die Gerber und die Cholera. DieDeutsche Gerber­zeitung" hat in letzter Zeit einige bemerkenswerthe aus die Cholera bezügliche Mittheilungen gemacht. Darin wird von verschiedenen Gerbern sestgestellt, daß von den vorher­gegangenen Choleraepidemieen die Lohgerber verschont ge­blieben seien. Es wird u. A. darauf hingewiesen, daß unter der in den 50er Jahren in Lüttich in erschreckender Weise aufgetretenen Cholera kein Gerber gelitten habe, daß ferner in Constantinopel das ganze Gerberviertel von der Pest unbehelligt geblieben sei. Ueber die Ursache dieser merk­würdigen Erscheinung ist man in Gerberkreisen, wie leicht erklärlich, keiner übereinstimmenden Meinung. Es wird einmal auf die desinficirende Wirkung des bei der Gerberei verwandten Kalkes hingewiesen, ein besonderer Werth aber auch dem Sauerloh beigemessen, der die Luft erfrische und reinige. Es dürfte angebracht sein, wenn von ärztlicher Seite dieser merkwürdigen Erscheinung einige Aufmerksamkeit zugewendet würde. Zuerst müßte natürlich ermittelt werden, ob jene thatsächlichen Angaben erwiesen sind.

Citeratur und Kuitfi.

2an»lale«»<t für das «rohherzogthum H«ff«n. 163. Jahrgang 1893. Darmstadt, Verlag der Grohh. Jnvaltden- Anstalt. Preis undurchschossen 20 Psg., mit Schreibpapier durch­schossen 25 Psg. Es ist ein aller Bekannter, den wir in vorliegendem Jahrgang wieder begrüßen ein Bekannter, der auch Heuer bestrebt ist, im gewohnten schlichten Gewände mancherlei Belehrendes und Unterhaltendes den Lesern zu dielen und sich in ihrer Gunst weiter -u befestigen.

- HübnerS geographisch-statistische Tabellen, Ausgabe 1892. HerauSgegeben von Reg.-Rath Prof. F. v. Jurafchek. Dieses Buch, ein Ergebniß mühevoller Arbeit, ist ein Bedürfnitz für Alle geworden, die Studien oder Geschäfte betreiben, und jede neue Auf­lage erscheint als ein neues Werk durch die in sie aufgenommenen Veränderungen und Zusätze. Die außerordentliche stets zunehmende Verbreitung beweist, baß das Schriftchen jedem Gebildeten als un­

Fenillcton.

Der Vetter aus Californien.

Novelle von E. Rudorfs, Verfasserin des preisgekrönten Romans:Durch Leid zum Licht".

(Nachdruck verboten.)

Jedermann in der Petristraße zu D. kannte den Steuer­erheber Rechnungsrath Zorn. Denn mit derselben unwandel­baren Pünktlichkeit, mit welcher die Sonne am Morgen erscheint, um Licht und Wärme zu verbreiten, schritt Zorn nun achtzehn Jahre hindurch von seinem Häuschen am Petri- rhore die lange Straße hinab bis zu dem Grasmarkt, in dessen Mitte sich das Steuerbureau befindet.

Schulkinder, deren Eltern keine richtig gehende Uhr be­saßen, warteten an den Fenstern, bis Zorn sichtbar wurde, und ostmals folgte ein ganzer Trupp kleiner Mädchen und Knaben fröhlich scherzend dem Steuererheber, wie dereinst dem Rattenfänger von Hameln. Zorn, ein wettergebräunter, hagerer Mann, trug den Kops hoch und hielt sich kerzen­gerade- das erste geschah, weil er eine sehr große Meinung von sich hatte, das zweite, weil er eine Reihe von Jahren Soldat gewesen war. Christoph Zorn war von seinem Vater einem braven Schuhmacher für den Stand bestimmt worden, in welchem dieser selbst ein knappes Durchkommen gesunden hatte. Der an Gehorsam gewöhnte Sohn wider­sprach diesem Plane nicht und beugte seinen steifen Nacken aus den Schusterschemel. In redlicher gethaner Arbeit hatte er dann mit neunzehn Jahren seine Lehrzeit beendet.

Als er jedoch, um seiner Militärpflicht zu genügen, in ein Regiment eingestellt wurde, sagte ihm der Stand eines rldaten so außerordentlich zu, daß er seinen Vater dringend v ihn als Unteroffizier weiterdienen zu lassen, um dann 4er zu einer Anstellung im Civildienst zu gelangen. Es chah und der Mann sühlte sich als Exerciermeister über e Maßen glücklich. Seine Pünktlichkeit und pedantische dnungSliebe sanden dabei ihr volles Genügen.

entbehrlicher Berather zur raschen Orientirung über alle Theile der i civilisirten Welt geworben ist. Gerade jetzt, wo so manche Frage über Statistik der Bevölkerung, der Heere, der Kriegsschiffe, der I Staatsschulden rc. in Gast- und Kaffeehäusern im Gespräche auf­geworfen wird, wird man dieses schätzbare Aufklärungsmittel gern bei der Hand haben. Als besonderer Vorzug vor den früheren Aus­gaben sei noch der größere und deutlichere Druck erwähnt. Preis der elegant gebundenen Buchausgabe 1.20 Mk., der Wandtafel- Ausgabe 60 Psg.

Katechismus des Guten TouS und der feinen Sitte. Von Eufemia v. Adlersfeld, geb. GräfinBalleftrem. 167(Setten. In Oiiginal-Leinenband Preis 2 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Die Literatur über denguten Ton" ist, fett Knigges Umgang mit Menschen" erschien, mehr und mehr angewachsen und viele Meier Werke sind in ihrer An meisterhaft und gereichen jeder Bibliothek zur Zierde. Aber sie haben fast alle denselben Fehler, daß sie durch zu viel Beiwerk den Lernenden verwirren und dadurch unsicher machen, ihn der Natürlichkeit bei der Anwendung des Ge­lernten berauben. Denn wir dürfen nie vergessen, daß ein Lehrbuch über denGuten Ton und die feine Sitte" nicht für Die geschrieben ist, denen dieselben schon in der Kinderstube zur zweiten Natur an­erzogen, sondern für Die bestimmt ist, welche sich durch Talent und Fleiß hinaufgerungen haben in die Kreise der Gebildeten und diesen nun auch in Bezug auf die feine Sitte ebenbürtig werden wollen. In diesem Sinne entstand dieses Büchlein, das in der klaren und leicht faßlichen Form des Katechismus eine Anleitung gibt, sich die in den Kreisen der Gebildeten unerläßlichen Formen anzueignen.

verkehr, Land« unb volkswirthschaft.

3«r Gtwinnung vorzüglichen Saatgutes. In Hinblick daram, daß die Thatsache, daß vorzügliches Samengut auch schweres, mehlreiches Getreide giebt, immer noch nicht genug bei der Aussaal gewürdigt wird, erwähnen wir nachstehend eine Reihe von Mitteln für die Gewinnung vorzüglichen Saatgutes. Versuche verschiedener Forscher haben ergeben, daß Pflanzen aus großen Körnern bei Getreide und anderen Culturpflanzen bedeutendere und bessere Erträge gegeben haben, als solche aus kleinen Körnern. Ueber den Sitz der schwersten Körner war man zunächst nicht unterrichtet. Wollny fand, daß die schwersten Körner nur im mittleren Theile der Aehre enthalten sind, und schlägt dieser Forscher vor, nur die Körner der Aehrenmitte zum Weiterbau zu benutzen. Liebscher beschäftigte sich neuerdings nur mit Weizen. Hier fand er, daß schwere Aehren auch schwere Körner enthielten. Dieselbe Beobachtung wurde für ©erfte von L. Frühwirth und von Rümker nachgewiefen. Letzterer schließt aus seinen Versuchen, daß die großen Körner productiver waren als die kleinen und daß die Productivität mit der Größe des Fruchtstandes zunimmt. Aehnliche Versuche wurden von Elafsin angestellt. Als Resultat wurde festgestellt, daß die Enräge der Korner der größeren Aehren in der Mehrzahl der Versuche größer waren, old jene von gleich schweren Körnern aus kleineren Aehren und daß diese Versuche geeignet sind, die Vererbung der Productions- kraft gewisser Aehren zu beweisen. Frühwirth glaubt daher behaupten )u können, daß die Aussonderung großer Körner aus der Ernte zu I gewöhnlichen Saatzwecken vortheilhaft fei, und empfiehlt zu diesem |

Zwecke die Eentrifugal-Sortirmaschine. Ferner sei erwähnt, daß das bayerische Kornkammer-Korn unter allen bisher gezüchteten Roggenarten unübertroffen dasteht, sowohl im Ertrage als auch in der Feinschaligkeit und Qualität der Körner. Dasselbe hat sich auch im letzten abnorm striNgen Winter vorzüglich bewährt. Es versendet schon von jetzt an prachtvoll eingeerntete Prima-Qualität des Korn- kammerkorns 50 Kilogramm für 17 Mark lein Postcolli von 5 Kilogramm zu Versuchen für 2 Mark) diePractische Gartenbau- Gesellschaft in Bayern" zu Frauendorf, Poft Vilshofen in Nieder­bayern, Gutsbesitzer W. Fürst, Vorstand. Außerdem kann den Landwirtben angerathen werden, durch sorgfältige Auswahl großer und schwerer Getreidekörner in kleinen Quantitäten Versuchsfelder auszusäen.

Scbiffsnadmcbtctu

Hamburg, 27. August. sHamburg-Amerikanische Packetsahrt- Actien-Gesellschaft.j Das Hamburg - Newyorker Post - Dampfschiff Gellert", Eapitän Winkler, ist am 27. Auaust, 6 Uhr Morgens, wohlbehalten in Newyork angekommen.

Hamburg, 27.August. sHamburg-Amerikanische Packetfahrt- Actien-Gesellschaft.j Das Hamburg - Newyorker Post - Dampfschiff Russia", Eapitän Schmidt, ist am 27. August, 12 Uhr Mittags, wohlbehalten in Newyork angekommen.

Hamburg, 28. August. sHamburg-Amerikanische Packetfahr t- Actien-Gesellschaft.j Der Hamburger Doppelschrauben-Schnelldampser Augusta Victoria", Eapitän Barends, welcher am 20. August von Southampton abgegangen, ist am 27. August, 2 Uhr Nachmittags, wohlbehalten in Newyork angekommen. Reisedauer von Hamburg bis Newyork 8 Tage 6 Stunden 55 Min. Qceanfahrt von Southampton 7 Tage 5 Stunden 10 Minuten, von Queenstown aus gerechnet 6 Tage 14 Stunde 10 Minuten.

3648] Tausendfaches Lob, notariell bestätigt, über HollLnd. Tabak von B. Becker in Seesen a. Harz 10 Pfd. lose L Beutel fco. 8 Mk hat d. Exp. d. Bl. eingesehen.

Verfälschte schwarze Seide.

Man oerbrenne ein Müfterchen des Stoffes, von dem man kaufen will, und die etwaige Verfälschung tritt sofort zu Tage: Aechte, rein gefärbte Seide kräuselt sofort zusammen, verlöscht bald und hinterläßt wenig Asche von ganz hellbräunlicher Farbe. Ver­fälschte Seide (die leicht speckig wird und bricht) brennt langsam fort, namentlich glimmen dieSchußfäden" weiter (wenn sehr mit Farbstoff erschwert), und hinterläßt eine dunkelbraune Asche, die sich im Gegensatz zur ächten Seide nicht kräuselt, sondern krümmt. Zerdrückt man die Asche der ächten Seide, so zerstäubt sie, die der verfälschten nicht. G. Henneberg. Seidenfabrikant <K. u. K. Hoflieferant) Zürich versendet gern Muster von feinen ächten Seidenstoffen an Jedermann, und liefert einzelne Roben und ganze Stücke porto- und zollfrei ins Haus. Doppeltes Briefporto nach der Schweiz. 1953

Nachdem Zorn zwölf Jahre Unteroffizier gewesen, wurde er bei einer Kasse als Hilfsarbeiter angestellt. Er begann jetzt Zahlen zu schreiben und zu gruppiren. Bei dieser Arbeit dem übermäßigen Aneinanderreihen von Colonnen konnte er wiederum das Ideal seiner Bestrebungen: äußerste Regelmäßigkeit, vollkommenstes Gleichmaß, verwirklichen. Solch eine Reihe von Zahlen in fünf bis zehn Gliedern erschien ihm wie ein ausgestellter Truppenkörper und hier wie dort durste kein Glied sich außerhalb der vorschriftsmäßigen Ord­nung bewegen, sondern stand mit einer Bewunderung er- regenden Accurateffe auf dem ihm gebührenden Platze. Zorn liebte die Zahlen, er schrieb sie mit einer Genugthuung nieder, welche diese wohl jedem anderen Menschen langweilige Arbeit ihm zu einem Genüsse schuf. Eine Rechnung von Christoph Zorn abgeschrieben, war für jeden Revisor ein Augen­trost, so etwas hatte man bisher niemals gesehen.

Da Zorn außerdem vorzüglich rechnete und seinen Vor­gesetzten als ein zuverlässiger Mann bekannt war, so machte er in seinem bescheidenen Berufe (Saniere, wurde bald als Steuererheber angestellt und erhielt den TitelRendant". Zehn Jahre später durfte er sich sogarHerr Rechnungsrath" tituliren lassen. Zorns braver Vater erlebte diese Aus­zeichnung seines Sohnes leider nicht mehr, doch die betagte Mutter durste sich daran erfreuen. Diese Freude war ihr um so mehr zu gönnen, als ihre einzige Tochter Ursula weit entfernt von ihr wohnte. Ursula hatte nach Christoph Zorns Auffassung eine Mesalliance geschloffen, indem sie einen früheren Trompeter Namens Berg mit ihrer Hand beglückte. Dem ehemaligen Trompeter war bald nach seiner Heirat eine kleine Erbschaft zugefallen und er ging mit seiner Gattin nach Amerika, um sich dort anznsiedeln.

Ab und zu waren Briese an die Mutter gekommen, welche von dem guten Gesundheitszustände des Ehepaares Kunde gaben, auch mittheilten, daß ihnen ein Knabe den sie Wilhelm genannt geboren sei. lieber ihre pccuniaren Verhältnisse hatten sie niemals etwas verlautbart. Beide

Eheleute waren keine gewandten Briefschreiber, die Kürze und Seltenheit ihrer Berichte hätte darum nicht auffallen dürfen. Zorn schloß jedoch aus dem Umstande, daß Bergs ostmals ihr-m Wohnsitz wechselten, daß sie schwer ihr Durch­kommen fänden und Scheu trügen, dies den Verwandten ein­zugestehen.

Bald nachdem die alte Frau Zorn gestorben, ging auch Urfuta Berg heim und ihr Gatte meldete, daß er mit seinem Sohne Wilhelm nach San Franzisco gezogen sei. Hier blieb er eine Reihe von Jahren. Dies brachte Zorn zu der Meinung, daß Berg in dem Goldlande ein sehr reicher Mann geworden sei. Wilhelm Berg zählte erst vierzehn Jahre, als auch sein Vater starb, und nach dieser Zeit waren nur zwei­mal kurze Schreiben an die Verwandten eingetroffen. Seit fünf Jahren hatte man von dem Jünglinge nichts mehr vernommen.

Im Gegensatz zu seinem kühlen, steifen Wesen besaß Zorn ein warmes, mitfühlendes Herz und es ging ihm wirk' lief) nahe, über das Geschick eines so nahen Verwandten vollständig im Unklaren zu sein. Auch waren mit dem Rechnungsrathe inzwischen merkwürdige Veränderungen vor­gegangen.

Nach dem Tode seiner Mutter hatte er bei einer Familie Rodmann gewohnt, welche ein bescheidenes Geschäft mit Eisen« waaren betrieb. Rodmanns hatten ein einziges Töchterchen, Auguste, das schon in jungen Jahren tüchtig in der Wirth- schast sich tummeln mußte.Die Kleine", so nannte Zorn das Mädchen, war oftmals von ihm durch ein Theaterbillct erfreut worden, oder er hatte Sonntags einen Wagen gc nommen und war mit der Familie vor daö Thor gefahren, Genüsse, welche Auguste bis dahin nicht gekannt. Der Ren­dant wurde für das dreizehnjährige Mädchen der gute Genius, der Freudenbringer, und ihr heiterstes Lächeln ' empfing ihn stets, sobald er in daö Zimmer der Eltern trat.

(Fortsetzung folgt.)