Nr. 152. Zweites Blatt. Sonntag den 3. Juli
1892
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, eit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
M««1ttea0tälter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Kichenet Anzeiger
Henerat-Mnzeiger.
Vierteljähriger Avannementspreiö r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringer lohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Kchntßrntze Hir.I.
Fernsprecher 51.
Amts- und Auzeigedlutt für den 'Kreis Gieren.
Annahm e von Anzeige« zu der Nachmittags für tai folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vor«. 10 Uh«.
Hratisöeitage: Hießmer Iamitienötatter.
Amtlichem Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1892.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1892 stattsind enden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgesordert, ihre deßsallsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschlusses von dieser Prüfung
spätestens bis zum 1. August 1892
bei der unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- ciellen das Folgende bemerkt:
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs«Com« Mission nur daun anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthalts« ort hat.
2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.
3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adreffe angegeben wird.
4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein-
c. ein Unbescholteuheitszeugniß, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist-
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegen.
Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur
Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 — Regierungs-Blatt Nr. 5 von 1889) Aufschluß.
Bezüglich des Prüsungstermius, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt ev. weitere Bekanntmachung- auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 10. Juni 1892.
Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende: Dr. Zeller.
Bekanntmachung,
betreffend die Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach.
Mittwoch den 6. Juli 1892, Nachmittags von 2—3 Uhr, findet im Rathhaus zu Steinbach die Entgegennahme der Wünsche bezüglich der Zutheilung der neuen Grundstücke vom zweiten Feldbereinigungsbezirk statt.
Die Wunschzettel müssen Flur und Nummer der zusammenzulegenden Grundstücke enthalten und vom Eigen- thümer unterschrieben sein.
Gießen, den 29. Juni 1892.
Der Vollzugs - Commissär:
Nebel, Amtmann.
politifcfye Wochenschau.
Gießen, 2. Juli 1892.
Wer sich durch die gegenwärtig im Reich herrschende äußerliche Stille zu der Meinung verleiten ließe, daß im Augenblicke die gesetzgeberische Thätigkeit im Reiche vollkommen ruhe, der würde sehr irren. Die gesetzgebenden Körperschaften und ihre Commissionen haben allerdings bereits vor längerer Zeit ihre Sitzungen geschlossen. Aber eine Reihe ander- weitiger Commissionen arbeitet auch jetzt ^noch rüstig weiter, um das Material für gewisse beabsichtigte Gesetzentwürfe zu beschaffen und unsere Kenntniß bestimmter socialer und wirth- schastlicher Verhältniffe zu erweitern. Wiederholt haben wir an dieser Stelle aus die Börsenenquetecommission hingewiesen. Dieselbe hat in der kurzen Zeit ihres Tagens schon 25 Sitzungen abgehalten. Abgesehen von Vertretern des Bankgeschäftes sind bereits Mitglieder der Gerichte, Vertreter der Presse und der Rechtsanwaltschaft abgehört worden. Es ist die Absicht der Commission, die Erhebungen über das Bankgeschäft im engeren Sinne in der gegenwärtigen Session zu Ende zu bringen, um im Herbst sogleich mit den Vernehmungen über das Productengeschäft anfangen zu können. — Kürzlich erst zusammengetreten ist die Commission für Arbeit erst atistik. Dieselbe besteht aus Mitgliedern des Reichstages und Regierungsvertretern und hat am letzten
Alle Lanoacen-Bureaux der In- und Ausländer nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Donnerstag ihre Arbeiten ausgenommen. Zunächst will sie eine Enquete über die Arbeitszeit der Gesellen und Lehrlinge im Bäckerei- und Conditoreigewerbe veranstalten. Zu diesem Behuse sollen u. A. solgende Fragen beantwortet werden: An wieviel Tagen der Woche werden Backwaaren hergestellt? Wird täglich ein- oder zweimal srisch gebacken? Wieviel regelmäßige Ruhezeiten von mindestens 24 Stunden Dauer werden den Arbeitern gewährt? usw. Demnächst beabsichtigt man, die Verhältnisse im Müllereigewerbe zu studiren. Auch für die Erhebungen bezüglich des Handelsgewerbes ist ein Fragebogen schon sestgestellt. Vorläufig beschränkt sich die Commission aus fünf Zweige des Handelsgewerbes, nämlich den Colonial-, Eß- und Trinkwaarenhandel, den Handel mit Tabak und Cigarren, den Manufactur- und Schnittwaaren- handel und den Handel mit gemischten Maaren. Die Fragebogen sollen in gleicher Zahl an Arbeitgeber und Arbeitnehmer versandt werden, damit die einschlägigen Verhältniffe eine möglichst allseitige Beleuchtung erhalten. — Endlich ist eine Neuregelung der Ernte statistik ins Auge gesaßt. Unsere Leser werden sich erinnern, daß vor etwa einem Jahre anläßlich der Getreide- und Brodtheuerung aus die Unzulänglichkeit der damals vorhandenen Erntestatistik wiederholt aufmerksam gemacht wurde. Namentlich war es der Abgeordnete Eugen Richter, der genauere und regelmäßige Angaben wünschte. Diesem Verlangen schickt sich die Regierung jetzt an, nachzukommen. Vom Jahre 1893 an sollen künftig in allen Bundesstaaten über den Saatenstand und den Stand der Wiesen in der Zeit zwischen April und November Erkundigungen eingezogen werden. Außerdem sollen über den Ausfall der Ernte für Roggen im September, für Weizen im October, für die übrigen Fruchtarien im November vorläufige Erhebungen stattfinden. Endlich soll die Ermittelung der land- wirthschastlichen Bodenbenutzung künftig alle 10 Jahre bewerkstelligt werden. — Im Gegensatz zu den ruhigen Arbeiten der genannten Commissionen verlies die Reise des Fürsten Bismarck nach Wien zur Vermählungsfeier seines Sohnes und nach Kissingen nicht ohne schwerere Erschütterungen. Namentlich haben die Aeußerungen des Fürsten über die gegenwärtige deutsche Regierung lebhaftes Aufsehen erregt. Zweierlei wirst Fürst Bismarck der Regierung vor: einmal, daß sie sich bei dem jüngst vom Reichstag angenommenen Handelsvertrag mit Oesterreich-Ungarn habe Übervortheilen lassen und dann, daß sie keinen genügenden Einfluß auf Rußland besitze, so wie er ihn seiner Zeit ausgeübt hätte. Aus diese scharfen Angriffe des Fürsten Bismarck hat die Regierung bereits wiederholt in ihrem osficiösen Organe scharf geantwortet. Es ist möglich, daß die Angelegenheit noch ein längeres Nachspiel finden wird.
Im Auslände interessirt uns besonders der englische
Feuilleton.
„Im Bade liegt Heil und Gesundheit !" haben die alten Römer schon gesagt, und auch unsere Vorväter, die alten Germanen, erkannten diesen Weisheitsspruch als wahr und richtig an und stählten und stärkten ihre kraftvollen Glieder in den kühlen Fluthen. — Auch das romantische Mittelalter blieb der Anschauung getreu! — „Gott gab uns sin Gnad und jeden Samstag ein gut Bad! Amen!" — hieß es dazumal, und zwar war damit ein warmes Bad gemeint, welches — das Angenehme mit dem Nützlichen vereinend — im Interesse der Gesundheit und Reinlichkeit zugleich zu dienen hatte. Dieser „Luxus" eines warmen Bades stammte aber nicht etwa von den abgehärteten Urdeutschen her, die „zur Abhärtung" ihre Säuglinge sogar schon in das kalte Flußwasser zu tauchen liebten, sondern von den „weichlicheren", „verwöhnten" Römern, und wurde von diesen erst nach Deutschland importirt. — So tauchen denn im Mittelalter mehr und mehr die sogenannten „Badestuben" aus — öffentlich und privatim — überall in Städten, Klöstern, Burgen, als ein Theil des allgemeinen und häuslichen Lebens, weil gehegt und gepflegt von Jedermann, wie eine Nothwendigkeit für Leib und Seele, wie eine Art von Symbol und eine gute, fromme Sitte, um Gastfreundschaft und Wohlthätigkeit dadurch auszuüben und damit zu verbinden. — Die Kreuzzüge vermehrten noch die Ausbreitung des Badewesens durch den Verkehr mit dem bäderreichen Orient und veranlaßten auch Anno 1200 die Gründung eines ersten „Dampf- oder Schwitzbades" in Deutschland/ als Kur gegen den aus dem Morgenlande eingcschleppten schrecklichen „Aussatz". — Das Mittelalter ging zu Ende, mit ihm die alte Art zu baden, | renn schon im 16. Jahrhundert tauchten die ersten Mineral- |
bäder aus, und im vorigen die Badehäuser für Flußbäder, gemäß der guten, alten Ansicht: „Jrn Bade liegt Heil und Gesundheit!" — Freilich sind auch bei uns die Ansichten über den Werth des Badens im Flusse sehr verschieden, gerade so verschieden wie die Regeln, die man vor, während und nach dem Baden beobachten soll. Es gibt Leute, die Gicht, Kopsweh, Leibweh, Zahn- und sonst was für Weh all davonzutragen fürchten, wenn sie nur in die Nähe eines Flusses kommen, während andere jeden Tag für verlogen bezeichnen, an welchem sie nicht mindestens einmal im Wasser waren. So verschiedenartig die Menschen in ihren Ansichten über das kalte Wasser sind, so verschieden ist die Art und Weise, wie gebadet wird. Es sind noch lange nicht die uninteressantesten Studien, die man in einer Schwimm- und Badeanstalt an- stellt- alle Badenden, vom kühnsten Kopsspringer bis zum zimperlichsten Vorsichtsmenschen, der erst mit den Zehen die Wärmegrade des Wassers zu erforschen sucht, ehe er sein werthes Ich Zoll für Zoll den kühlen Fluthen anvertraut, sind mehr oder weniger interessante, vielfach der Komik nicht entbehrende Beobachtungsobjecte. Während der Eine erst eine Tusche nimmt, stürzt sich der Andere ungetuscht mit wahrer Todesverachtung in das Wasser- ein Anderer zieht vor, sich erst Brust und Arme zu befeuchten, ein Dritter legt sich so zu sagen gemächlich in das Wasser u. s. w. Im Allgemeinen sind unter den Badenden „die Schwimmer oben", die sich wieder in Schwimmkünstler, Schwimmdilettanten und Anfänger theilen - es ist ein ehrliches Stück Arbeit, was von den letzteren geleistet werden muß, ehe sie es zu Dilettanten und Künstlern bringen, aber die Sache macht Spaß und lohnt bei Ausdauer mit dem Erfolg. Das Schwimmen verleiht dem Bade überhaupt erst die nöthige Würze - leider läßt es sich nur im Wasser lernen, weßhalb es vielfach ungelernt bleibt. Wie alles, was Körperkraft erfordert, sportmäßig betrieben wird, so hat auch derDchwimmsport seine Verehrer
bis zur höchsten Potenz, zum Schwimmsex. — Im Allgemeinen ist die Voreingenommenheit gegen das Wasser größer als man glaubt, es gibt viele Menschen, die es als Thorheit betrachten, sich in ein Element zu begeben, in welchem nur die Fische, Frösche und Gänse ihr Dasein zu fristen berechtigt sind- auch die Furcht vor dem balkenlosen Wasser ist so gut wie unausrottbar, es wird schon als gewagt betrachtet, sich einem Dampfschiff auf einem Strome anzuvertrauen, ganz zu schweigen von einer Fahrt über den Ocean. — Hoffentlich wird der Werth des Badens immer mehr erkannt. Unsere Gießener Badeanstalten sind so vortrefflich eingerichtet, daß sie sich denjenigen in den Großstädten an die Seite stellen können, es ist dort für Alle, Schwimmer und Nichtschwimmer, Groß und Klein gesorgt, so daß jeder nach seiner Fatzon hübsch sauber werden kann, mag er mit gleichen Füßen oder kopfüber hineinspringen oder auch zollweise sich in die Fluth versenken.
* Die Unsitte, an hervorragend schönen und viel besuchten Orten nicht blos Waarenanpreisungen, sondern auch Hotelempfehlungen, „in die Augen springen" zu lassen, greift immer mehr überhand. So zeigt ein bekanntes Berliner Hotel seine 700 Betten aus der Strecke Vitznau bis Rigi- Kulm an zwei schroffen Felswänden mit größtmöglichen Lettern an. Die Anzeigen schließen mit dem Vermerk in großen lateinischen Initialen:
MAESSIGE PREISE.
Ein paar Spaßvögel haben sich nun kürzlich den „Scherz" geleistet, aus dem ersten Wort die ersten beiden und den letzten Buchstaben fortzunehmen, so daß hiedurch die Lesart ESSIG PREISE
hergestcllt ist. Daß diese Variation icdes Mal das Gaudium der Vorübersahrenden erregt, braucht wohl nicht besonders versichert zu werden.


