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Mttwoch dm 30. December
Erestener Anzeiger.
Beilage zu Rr. 303. -1891
Feuilleton.
D i e blaue Hand.
Neujahrs-Humoreske von Heinrich Heinrich.
(Nachdruck verboten.)
Griesgrämliche Hypochondrie ist häufig eine Mitgift des Alters. Wenn der wehmüthige Verfall der Kräfte den Körper beschleicht, sind viele zu dem Glauben geneigt, es verfiele alles, wenigstens war das in einem höchst fatalen Maße bei dem Handschuhfabrikanten Fritz Lohmeyer der Fall. Herr Lohmeyer besaß in einer der frequentesten Straßen der guten Stadt Leipzig einen Handschuhladen, in dem er seit etwa dreißig Jahren sein Geschäft betrieb und wo er in dieser Zeit ein recht ansehnliches Vermögen angesammelt hatte. Seine Frau war schon seit einer Reihe von Jahren gestorben und hatte ihm nur ein Töchterchen hinterlassen, das seit einiger Zeit den Kleinverkauf leitete. Lieschen Lohmeyer war ganz im Gegensatz zu ihrem Papa ein frisches, munteres und lebenslustiges Geschöpfchen von kaum einundzwanzig Jahren, das eine hübsche Anlage zu einer gewissen rundlichen Fülle hatte, die man bei jungen Mädchen besonders gern hat und schätzt. Aber auch sie hatte unter der mürrischen und mißtrauischen Griesgrämlichkeit ihres Vaters viel zu leiden. Sprach sie im Laden mit Jemanden, so kam er aus seinem kleinen, unmittelbar hinter dem Laden gelegenen Comptoir hervorgestürzt und fragte:
„Wer war das, Lieschen?"
„Es war der und der, Papa!"
„Nimm Dich in Acht vor ihm. Sei nicht so vertraut mit den Leuten. Du kennst die Welt nicht. Die Welt wird jeden Tag schlechter und ruchloser. Die neue Zeit ist ein Schrecken. Nimm Dich in Acht. Hörst Du?"
„Ja, Papa!"
„Ich wills nicht haben, daß Dir jeder Hausnarr fade Complimente sagt. Die jungen Leute taugen alle nichts, sind alle Lumpen und Schufte. Hüte Dich wohl. Hörst Du, Lieschen?"
„Ja, Papa!"
Tag für Tag ereigneten sich mit kleinen Abweichungen solche Scenen, nach denen dann Papa Lohmeyer mühsam und hinkend — er war häufig von der Gicht geplagt — nach seinem Comptoir zurückging, und Fräulein Lieschen mit recht gemischten Gefühlen, manchmal sogar mit thränenseuchten Augen hinter ihm herblickte. Und es waren doch nicht alle Lumpen und Schufte- sie wußte es ganz genau. Der junge Oswald Nehring von Nehring und Walter mochte etwas zu lustig, etwas gar zu übermüthig und muthwillig sein, im Uebrigen aber war er eine Seele von einem Menschen und Fräulein Lieschen hätte auf sein gutes braves Herz einen Eid abgelegt. Wie sie aber ihrem Papa diese Ueberzeugung beibringen sollte, das war ihr ein unlösbares Räthsel, das ihr schon manchen schweren Seufzer abgepreßt hatte.
Da geschah eines Tages oder vielmehr in einer Nacht etwas Unerhörtes, etwas Beispielloses, das Herrn Fritz Lohmeyer mit dem Gedanken vertraut machte, daß der Welt Ende nun da sei, daß alles zu Grunde gehen, alles von dem furchtbar drohenden Geist der schrecklichen neuen Zeit verschlungen werden müsse. Die große, schön blau mit einem Goldrande 'angestrichene Holzhand, die über dem Lohmeyer- schen Laden als Zeichen des Gewerbes hing, war in der Nacht gestohlen, eine Beute marodirender Sylvesterstrolche geworden. Und das konnte geschehen in der ehrsamen Stadt Leipzig, trotz Schutzmannschaft und Polizei, in einer der belebtesten Straßen der Stadt, die Tag und Nacht nicht leer wurde! Das war der Gipfelpunkt der Niedertracht und der Verkommenheit. Herr Fritz Lohmeyer war überzeugt, daß nun alles, alles, nicht blos er selbst, zu Grunde gehen müsse.
Es waren seit diesem erschütternden Ereigniß schon einige Tage vergangen, als Herr Nehring junior, ganz als ob gar nichts geschehen wäre, in den Laden trat.
„Ach, Fräulein Lieschen! Guten Morgen, Fräulein Lieschen! Wie gehts Ihnen? Gut? Natürlich, wie sollte es Ihnen denn nicht gut gehen? Sie sehen ja aus wie die Engelchen im Paradiese! Oder nein! Wahrhaftig, ich bezweifle, daß die Engelchen im Paradiese so nett aussehen und so kleine, verschämt blinkende Schelmaugen haben, wie Sie."
Dabei hielt er ihr lächelnd und sie mit seinen fast zu ausdrucksvollen, beinahe stechenden Augen gemüthlich ansehend die Hand zum Gruße hin, in die Fräulein Lieschen ihre kleine weiche, sammtzarte Patschhand legte. Warum hätte sie es denn nicht thun sollen? War das eine Sünde? Herr Nehring war ja ein — guter Kunde.
„Und so kleine, süße, kurzfingerige Händchen haben die Engelchen im Paradiese gewiß auch nicht, Fräulein Lieschen, und Sie haben wahrhaftig nicht nöthig, dabei zu erröthen, denn Sie sehen auch ohnedies hübsch genug, fast zu hübsch, unerträglich hübsch aus, Fräulein Lieschen!"
„Um Gotteswillen, Herr Nehring, lassen Sie doch wieder los, Papa kommt ja."
„Was wünschen Sie, Herr Nehring?" fragte Herr Lohmeyer schon von Weitem mürrisch und geschäftsmäßig. Er glaubte seinem hübschen Töchterchen zu Hilfe kommen, es gegen die faden Lobhudeleien und Weitschweifigkeiten in Schutz nehmen zu müssen.
„Ah, Herr Lohmeyer," fuhr der junge Herr Nehring mit einer sehr stürmischen und etwas verdächtigen Freundschaftlichkeit auf den alten Herrn los, „was ich wünsche? Nun, zunächst wünsche ich Ihnen guten Morgen; zunächst wünsche ich, daß es Ihnen wohlgehen möge und alle Ihre Unternehmungen, wie in dem vergangenen, so auch in diesem Jahre, zu Ihrem Wohle ausfallen mögen. Das wünsche ich, Herr Lohmeyer, und zwar von Herzen."
Herr Lohmeyer sah sich den jungen, herzlichen Gratulanten mißtrauisch von oben bis unten an. Er war offenbar der Meinung, daß er die Miethe für seinen Handschuhladen nicht dafür bezahle, daß er darin die Gratulationen junger und offenbar speculativer Laffen entgegennehme. Da Herr Nehring aber sonst ein guter Kunde war, so blieb er in den Grenzen des Anstandes und sagte nur: „Ich meinte, was Sie zu haben wünschen, Herr Nehring."
„Je nun, Herr Lohmeyer, da gerathen wir auf ein sehr umfängliches Thema, denn es gibt sehr vieles, was ich zu haben wünschte und leider nicht besitze. Zunächst —"
„Herr Nehring," unterbrach ihn Herr Lohmeyer in seinem vermuthlich sehr langen Wunschzettel. „Sie sind wahrscheinlich gekommen, um sich ein Paar Handschuhe zu kaufen, nicht aber mich um meine Zeit zu bringen."
„Ah, richtig- ja natürlich, Herr Lohmeyer, ein Paar Handschuhe und zwar von den besten. Das hätte ich wahrhaftig beinahe vergessen. Mein Gott, was vergißt man nicht alles in Ihrem Laden —"
„Ich will nicht hoffen —"
„Nein, nein, Herr Lohmeyer, hoffen Sie nicht und fürchten Sie auch nicht, daß ich etwas reclamire. Aber wenn ich bei dieser Gelegenheit die Hoffnung ausdrücke, daß es Ihnen gut geht und Sie mit Ihrer Gesundheit zufrieden sind, so haben Sie hoffentlich nichts dagegen."
„Nein, Herr Nehring, ich danke sogar der gütigen Nachfrage. Leider geht es mir nicht so gut, wie Sie hoffen."
„Wieso das, Herr Lohmeyer? Wieso das? Wo fehlt es?"
„Ich habe einen großen Verdruß gehabt, der mich mehr alterirt, als ich sagen kann, der meine Gesundheit untergräbt."
„Nicht möglich! Nicht möglich! Und welchen Verdruß, Herr Lohmeyer? Und welchen Verdruß? Nein, Fräulein Lieschen, nicht braun, sondern dunkelgrau, wenn Sie sie haben ?!"
„Haben Sie nicht bemerkt, daß meine blaue Hand vor dem Laden fort ist?"
„Was Sie sagen, Herr Lohmeyer, was Sie sagen. Und wo ist sie?"
„Gestohlen ist sic. Von ruchlosen Sylvesterbummlern entwendet!"
„O, unerhörte Frechheit, o entsetzliche Rohheit! Sie müssen die Polizei benachrichtigen."
„Das ist schon geschehen. Haben Sie nur keine Sorge. Ich ruhe nicht, bis ich meine Hand wieder habe und der Dieb bestraft ist. Hundert Thaler Belohnung habe ich darauf ausgeboten. Morgen früh steht das Plakat mit fußlangen Buchstaben an allen Ecken der Stadt. Und wenn es tausend Thäler kostet — ich will meine Hand."
(Schluß folgt.)
Lieferung
an Chaussee-Deckmaterial in ungeschlagenem Zustand.
Die Lieferung der für die Jahre 1892/93 und 1893/94 für Unterhaltung der Staatsstraßen:
Gießen-Gelnhausen, Abtheilung 23—108 und
Lich-Butzbach, Abtheilung 55—70 und 80—105
erforderlichen Basaltbruchsteine soll im Wege öffentlichen Angebots vergeben werden.
Die ganze Quantität für dre beiden Jahre beträgt circa 1500 cbm und kann zusammen an einen oder in Loose getrennt an verschiedene Ueber- nehmer vergeben werden.
Die Bedingungen sind bei unterzeichneter Behörde von Montag den 28. December d. I., während der Dienststunden einzusehen, woselbst auch die Angebotschreiben bis zum ^ub- mifsionstermine
Samstag d. 9. Januar 1892,
Bormittags 11 Uhr, einzureichen sind.
Gießen, den 22. December 1891.
Großh. Kreisbauamt Gießen.
Neuling. 11169
Donnerstag, 31. Beehr., Bormittags IO Uhr und Nachmittags 2 Uhr,
werden Neuenweg 1 im Hinterhaus die zum Nachlaß des Schreiners Wilh. Diehl gehörigen Werkzeuge und ttUtott, wobn zwei Hobelbänke, Leim, Werkholz, Nourniere, einige Bücher über Schreinerei nnd Holz- berechnung, eine angefangene Bettlade, eine silberne Remontoiruhr u. f w- verfteigert- Die Kleider und Uhr kommen Mittags zum Ausgebot. t11 27
I. A.: F. Hoffmann.
11258
11102
Daniel Heil
Lindenplatz 3.
werden.
Gießen, den 28. December 1891.
Der Stadtrechner: Doep fer.
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Enthebung von Neujahrs - Gratulationsbesuchen.
Der Wunsch, die Neujahrs-Gratulationsbesuche zu beschränken, hat seit Jahren viele Einwohner unserer Stadt dazu bewogen, durch em Geld- qeschenk an die hiesige Kleinkinder-Bcwahranstalt sich gleichsam von Abstattung solcher Besuch- loszukausen. Dadurch ist zugleich dieser Anstalt eine beträchliche Unterstützung zu Theil geworden.
Auch bei dem bevorstehenden Jahreswechsel bitten wir, zur <ynt= bebuna von Neujahrs-Gratulationsbesuchen der Kleinkinder- Bewabranstalt eine Gabe zuwenden und einem der Unterzeichneten übermitteln zu wollen. Die Namen der Geber werden noch vor Jahresschluß in diesem Blatte veröffentlicht werden, und es möge dadurch, wie in anderen Städten, so auch bei uns immer mehr zur Geltung kommen, daß Alle, die auf solche Weise ihren Namen veröffentlichen laffen, von Abstattung der Neujahrsbesuche befreit smd und ihrerseits solche nicht beanspruchen.
Gießen, den 28. December 1891.
Fabrikant Emil Schmall. Pfarrer Dingeldey.
Fabrikant E. Äanffmann. Rentamtmann Lynker.
Pfarrer Dr. Naumann.
Bekanntmachung. ••••••••••••••••••••••••
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Tagen bei Meldung des Beitreibungsverfahrens zur hiesigen Stadtkasie zu bezahlen. Die in Folge von Reclamationen erlassenen Gemeindesteuern können gegen Quittung dahier in Empfang genommen bezw. verrechnet


