Sonntag dm 29. November
Giestener Anzeiger.
Beilage zu Rr. 279.-1891
Feuilleton.
Ein Dsll.
Scizze von Wilhelm Fischer.
(Nachdruck verboten)
Ob sie schön war, ich weiß es nicht) aber sie gefiel mir, denn damals, als sie mir zuerst begegnete, schienen mir ihre lieben, treuen Augen wie der Spiegel einer reinen Seele.
Uud doch hatte ich mich getäuscht. Ein Ball war die Ursache. Ein Ball, wird man mich erstaunt fragen, ein Ball, auf dem man sich zu vergnügen pflegt, auf dem die Lust Liebe athmet, und bei den verführerischen Klängen der Musik das Herz erbebt, die Brust vor Freude schwillt? Wie ist das möglich?
Seltsam, daß im größten Glücke das herbste Leid schlummert,- seltsam, daß der Mann das Herz des Weibes erkämpft, um es niemals zu verstehen. Ist es so Bestimmung, ich weiß es nicht, aber ich fühle es. Wir kennen das Weib nimmer, es zu verstehen, fehlt uns die Quelle der Forschung) kennt sich das Weib doch nicht selbst. Ich lernte sie eben aus einem Balle kennen, um sie auf einem Balle zu verlieren.
Ein Zufall? Mein Gott, ist nicht alles Zufall? Ein Zufall gibt uns das Leben, ein Zufall gründet uns die Familie, nur das Grab ist uns bestimmt. Eine grausame Bestimmung, und doch eilen wir dem Ende lebensfroh entgegen, das nur der Weise als Erlösung preist. Die knorrige, kräftige Eiche fällt der Sturm, die tobende, gurgelnde See stürzt Felsen, die Sündfluth vernichtet Welten, ein Hauch jedoch vernichtet Menschen. Pah, nach uns die Sündfluth, wozu das finstere Brüten des Gehirns, die philosophische Selbftmarter Hamlets!
* * *
Ich tanzte zuerst mit ihr einen Walzer. Wie sie den schönen Körper in meinen Armen wiegte, wie sie dahinglitt, einer Sylphide gleich! Jede Zuckung ihres Körpers, ihres Blutes meinte ich zu spüren. Ihr langes, goldblondes Haar schlang sich um meinen Nacken. „Loreley auf dem Balle," flüsterten meine Lippen, und unwillkürlich preßte ich sie an mich. Ein räthselhafter Blick der seelenvollen, unergründ
lichen Augen traf mich, Loreley, ich bete dich an, rief es in mir, und mit Gewalt hielten mich Erziehung und Sitte zurück, sonst wäre ich, ein willenloser Sclave, zu ihren Füßen gesunken und hätte sie angebetet, wie der Ziegenhirt in der Campagna die heilige Madonna. Ihr Haar verwickelte sich an meiner Brust und mit einem leisen, süßen Schrei lehnte sie an meiner Wange, während ich zitternd das weiche Haar befreite. Sie dankte mir leise, dann geleitete ich sie an ihren Platz. Ein Blick lud mich ein, ihr Gesellschaft zu leisten. Ich weiß nicht, was ich sprach, nicht, wie ich sprach) ich glaube, ich erzählte ihr von einem neuen Buche, von einem berühmten Sänger, ich sprach von allem und hatte dennoch das Gefühl, als spräche ich von nichts. Nicht jeder versteht es, Frauen zu unterhalten. Es schien mir, als lausche sie aufmerksam meinen Worten.
„Mein Herr," sagte sie plötzlich, leicht erröthend, „Sie tanzen sehr gut."
Ich verbeugte mich verwirrt . . . Tanzt man denn nur, um zu tanzen? Fast scheint es so, aber dann beraubt sich ja der, der nicht tanzen kann, eines eigenartigen Genusses. Dann wäre der Tanz ästhetischer, als er mir scheint. Der Mann tanzt nur mit einem Weibe, junge Mädchen tanzen gern miteinander. Sonderbar, sehr sonderbar . . .
„Tanzen Sie gern, mein Fräulein?"
„Für mein Leben gern," antwortete sie. Ihre Augen strahlten und ihre Wangen glühten,- sie war erregt wie eine Bajadere, die sich mit Opium berauscht hat.
Ich habe Zigeuner tanzen sehen, in Spanien, und dort tanzen sie, bis sie bewußtlos zusammenbrechen.
Das Orchester intonirte eine Saisonpolka. Die feurigen Weisen electrisirten meine Nachbarin förmlich. Sie wartete meine Bitte um den Tanz kaum ab, schwer, eine süße Last, hing sie an meinem Arme, dann umfaßte ich sie zu einem Tanz, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde.
Wieder schlang sich ihr Haar um meinen Nacken, ich war wie electrisirt, aus ihren Adern zuckte ein magnetischer Strom in mein Blut über, ich war meiner Sinne kaum mächtig. So tanzt der Opiumtrunkene in seinen Träumen mit den schönsten Huris des Paradieses. Ihr Haar duftete nach Ambra, die Lust war sinnberückend und berauschend. Mir schlugen die Pulse wie im Fieber) ich preßte sie an mich und im tollen Reigen, halb kosend, halb hingebend tanzten wir dahin. Das war kein Tanzen mehr, das war
tolles Rasen, das war dürstende Gluth. Als das Orchester erstarb, führte ich die Glühende in das Palmenhaus. Bald ruhte sie an meiner Brust und heiße Küsse bedeckten ihre Lippen.
Dem Rausche folgt die Erschlaffung . . . „Sie tanzen gut!" Wie oft mag sie dies nicpt, hingerissen von ihrer Leidenschaft, anderen zugeflüstert haben, die ebenso gut tanzten wie ich. Dieser Gedanke durchbebte mich, als ich ihre Tanzkarte prüfte.
„Der nächste Tanz ist leider vergeben . . entschuldigen Sie!" flüsterte sie.
Die Eifersucht ist ein Nebel, aber wer vermag dem Nebel zu wehren? Ich führte sie wortlos in den Saal zurück.
Er kam, sie um den gewährten Tanz zu bitten. Er tanzte nicht schlecht, vielleicht tanzte er sogar besser als ich. Der Gedanke machte mich rasend. Bei Gott, er tanzte gut, sie wie eine Göttin!
Wie sie sich im Kreise wiegten! Er tanzte bester al8 ich. Eine Stunde früher, und ich hätte darüber gelächelt. Was liegt daran, daß der eine besser tanzt wie der andere? Nichts, und manchmal doch so viel, mehr, als wir ahnen! Der gute Tilnzer ist der König des Ballsaales, ein paar
Phrasen, und er ist der König der Herzen. Ich blickte
schärfer hin. Ihr goldblondes Haar war um seinen Nacken geschlungen. Himmel und Hölle, jetzt preßte er sie an sich
und sie duldete es! Ich stampfte mit dem Fuße auf, stürzte dann ein Glas Sect hinunter und lachte plötzlich so laut, daß mich die Umstehenden erstaunt anblickten. Die Loreley! Niemals sah ich sie wieder.
♦ * *
Wir schüttelten den Kopf, als der Erzähler geendet, denn wir verstanden ihn nicht. Er lachte still vor sich hin. „Nicht wahr, meine Ballgeschichte ist Euch unverständlich. Glaubs schon. Jede Geschichte hat ihre Moral, auch die meine. Als ich den Sect trank, dachte ich an einen seltsamen Spruch, und der lautet: „Du sollst dir dein Weib nicht auf dem Tanzboden wählen, wähle sie dir in der Küche und im Hause. Prüfe ihre Mutter und nicht ihre Ballschuhe."
Jetzt verstanden wir ihn.
Spar-u. Leihkasse Giessen.
Im Monat December l. I. werden die folgenden Zahltage abgehalten:
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2. December 1891
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19. 22. 23. 24. 29. 30. , ,
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Diejenigen Einleger, welche ihre Zinsen tiaar in Empfang nehmen wollen, werden ersucht, an einem der vorstehenden Tage zu diesem Zwecke bei der Kaffe zu erscheinen und die Einlagebücher vorzulegen. Zinsen, welche bis 1 Januar 1892 weder erhoben noch beige^chrielien sind, werden den Einlegern in den Büchern der Kaste ohne weiteres zvgeschrieben und vom 1; Januar 1892 an verzinst. Es ist hier nach nicht nothwmdig daß diejenigen Einleger, welche «urZinsen blifchreiben lassen wollen, an den obigen Zah tagen erscheinen, die Wahrung in den Einlagebüchern kann vielmehr ganz gelegentlich im Laufe des Jahres 1892 erfolgen.
Gießen, den 27. November 1891. Der Rechner:
Doering.
Versteigerung von Woll-, Kurz-, Spiel- und Galanteriewaaren.
Montag »r« 30. »e» , Dt.nlta« »en 1. $«., «. ,v. »te folgenden Lage,
Nachmittags 2 Uhr,
versteigere ich im Gasthof Adler" (Marktplatz Nr. 20), die nachstehend verzeichneten Maaren:
25 Dtzd. Unterhosen für Frauen und Mädchen,
25 v Unterhosen f. Herren u Knaben, 50 , Unterröcke verschied. Qualität, 25 „ Herren- und Frauenhemden in Flanell und Baumwolle,
50 w gestrickte und gehäkelte Tücher, 50 „ Herren Foulards u ShawlS, 50 „ CostümeS (Tricotagen),
15 „ Herrenwesten,
1500 Meter reinwollene Kleiderstoffe, sowie eine große Parthie Strick, Häkel« und Stickwlille, eine große Parthie Zwirn und Nähgarne u. s. w., eine große Parthie Spielwaaren und Schlittschuhe, sow. eine Parthie Tisch- und Hä grlampen, eine । Parthie ächte« Kölnische« Wasser, 150 Fl. Cognac u s. w., und schließlich eine | Parthie Messer und Gabeln. [10483 ।
H. C. Werner. I
Bekanntmachung.
Die verehrlichen Mitglieder der hiesigen Spar- und Leihkasse werden zu einer Hauptversammlung auf Montag den 30. November I. I, Nachmittags 3 Uhr, in den Saal des alten Rathhauses auf hiesigem Marktplätze eingeladen mit folgender
Tagesordnung:
1) Vorlage der vorgeprüsten Rechnung für das Jahr 1890.
2) Erstattung des Verwaltungsberichts für dasselbe Jahr.
3 ) Wahl des Stellvertreters des Directors.
4) Wahl in den Ausschuß.
5) Herstellung der Directorswohnung und Weitervermiethung der- derselben.
6) Neuanschaffung eines Sparherdes in der Rechnerswohnung.
7) Gehaltserhöhungen.
8) Unterstützungen.
Gießen, den 9. November 1891.
Die Direction der Spar- und Leihkasse.
Langsdorfs.
Bekanntmachung.
Der Voranschlag der Gemeinde Garbenteich für 1892/93 liegt vom 29. d. M. an 8 Tage lang zur Einsicht aller Betheiligten auf dem Bürgermeisterei-Bureau dahier offen.
Garbenteich, am 27. November 1891.
Versteigerung.
Dienstag den 1. December, Nachmittags 2 Uhr, werden im „Pfau", Neustadt:
4 ganz neue Verticows,
2 do. Küchenschränke m. Glasaufsatz, 9 Fußschemel,
1 Stoßkarren für Möbeltransport, 1 Hobelbank
gegen Baarzahlung versteigert. Im Auftrag:
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