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Mittwoch den 29. April

(Siebener Anzeiger.

Beilage zu Rr. 98. - 1891;

Fenilleton.

Aller guten Dinge.

Nooellette von Conr. Tel mann.

(Schluß.)

Ewald führte seinen Vorsatz, ohne einen Augenblick wankend zu werden, aus. Er wunderte sich selber darüber, daß er während der nächsten zwei Tage keine Minute lang in Versuchung gerieth, Tilly aufzusuchen, ja, er war nicht einmal besonders gespannt oder neugierig aus die Entscheidung, die sie treffen würde, und ertappte sich sogar einmal über dem Gedanken, daß er, selbst wenn sie Herrn v. Osten eine Absage zu Theil werden ließ, sich doch die Sache sehr reiflich werde überlegen müssen, ob er wirklich seine Werbung um sie fortsetzen solle. Und als ihm das einigermaßen beschämend vorkam, rechtfertigte er seine Bedenken vor sich selber damit, daß ein Mädchen, welches auch nur vorübergehend auf die Idee gerathen könne, einem Herrn von Osten ihre Hand zu reichen, welches eine solche Möglichkeit auch nur erwäge, da­durch schon von vornherein sich der Liebe und Werbung eines Mannes, wie er, unwürdig, total unwürdig gemacht habe. Und dann sah er mit ruhiger Heiterkeit der Ent­scheidung entgegen.

Am Abend des zweiten Tages nach seinem Besuche bei Martha erhielt er von dieser ein Billet mit den Zeilen:

Tilly Molinaro theilt mir soeben mit, daß sie Herrn von Osten ihre Zusage geschickt habe. Morgen wird die Ver­lobung imTageblatt" publicirt. Ich beeile mich deßhalb, Dich vorzubereiten. Armer Ewald! Deine Taetik war doch nicht die rechte. Martha."

Derarme Ewald", der diese Zeilen las, ließ einen langgedehnten Pfiff hören und machte ein Gesicht, das keines­wegs Verzweiflung, sondern eher Erleichterung ausdrückte und jedenfalls als eine Versinnbildlichung der Empfindung erschien: Fahr hin' Es ist auch am besten so." Dann zog er seinen Ueberrock an und ging zu Martha.

Du willst Dir wohl Trost bei mir holen?" fragte ihn diese, als er mit merkwürdig feierlicher Miene bei ihr ein­trat. Aber ich habe wirklich keinen für Dich. Du hast es ja verschmäht, zu kämpfen. Nun trage Deine Niederlage?"

Ich fühle mich merkwürdig wenig trostbedürstig und merlwürdig wenig niedergeschmettert," versicherte Ewald mit einer Art von Humor, den sie noch gar nicht an ihm kannte. Ich schwöre Dir zu, daß ich Tilly Herrn von Osten und hr ihn gönne und daß gar keine Bitterkeit in meinem

Herzen zurückgeblieben ist, sondern nur die Ueberzeugung darin wohnt, daß ich ein ungeheuerlich großer Narr ge­wesen bin."

Und dabei sah er sie; sich behaglich in seinen Sessel zurücklehnend, unverwandt an mit einem Lächeln, das ihr das Blut in die Schläfe hinauftrieb.

Das ist das Stadium der Selbstverhöhnung," sagte sie, das einer schweren Enttäuschung zu folgen pflegt."

Nein," erwiderte er,das jede Selbsterkenntniß vor­bereitet. Es wird sich nun also nur noch fragen, Martha, ob Du einen so completten Narren würdig befinden willst" 1

Um Gotteswillen!" unterbrach sie ihn ausspringend, doch keine Liebeserklärung? Mir? Und jetzt? Ich flehe Dich an!"

Aller guten Dinge sind drei," versetzte er mit un­gerührter Festigkeit.Wenn Du aber willst, kann ich ja mit meiner Erklärung auch noch warten. Kommen muß sie, das siehst Du doch wohl selber ein. Und wenn sie Dir jetzt noch zu verfrüht, zu compromittirend erscheint"

Nein, sie muß durchaus nicht kommen," fiel Martha trotzig ein und warf den Kopf auf.Ich danke dafür, als Nothbehels zu fungiren. Du willst natürlich nur Deine Blamage bei Tilly hinter einer Verlobung verdecken und zu­gleich Anny Tandler beweisen, daß"

Hm," machte Ewald Warner,dieser Verdacht liegt eigentlich nahe, das heißt, er läge nahe bei einer minder feinfühligen und edelsinnigen Dame, wie Du es bist, Martha. Und ich will auch gar nicht ganz in Abrede stellen, daß ich es verdient hätte, jetzt von Dir mit Schimpf und Spott davon­gejagt zu werden um meiner unglaublichen, ungeheuerlichen Dummheit willen und weil ich viel zu spät gekommen bin. Aber aus der anderen Seite kann ich von einem so klugen und verständigen Mädchen wie Du"

Das Schmeicheln wird Dir wenig Helsen, lieber Ewald?"

Soll es auch gar nicht. Ist die einfache, nackte Wahr­heit. Also: von solch einem Mädchen kann ich nicht annehmen, daß sie blos aus Stolz und Trotz und beleidigtem Ehrgefühl nun einen Mann abweisen sollte, der ihr eine ernste und ehr­liche Herzensneigung entgegenbringt, wenn sie im Uebrigen hiervon überzeugt ist und an ein Glück für sich und ihn glauben könnte. Das wäre denn doch zuromanhaft" ge­handelt für solch ein Mädchen und sähe ihr^gar nicht ähnlich. Es kommt also wohl nur daraus an, ob sie hiervon überzeugt ist und hieran glaubt."

Er hatte mit einer gewissen, überlegenen Ruhe gesprochen, vor der sie, es wollend oder nicht, den Kopf hatte senken müssen. Ueberhaupt schienen sie beide ihre Rollen getauscht zu haben und mit ihm war eine seltsame Veränderung vor­

gegangen. Er nahm ihr die Worte, mit berrtn sie ihn hätte demüthigen können, von den Lippen fort, ohne sich im Ge­ringsten zu schonen, und gewann durch dies offene Spiel ihr einen nicht wieder einzubringenden Vorsprung ab.

Du bist Dir wenigstens über Dich selber nicht im Unklaren," murmelte sie ausweichend, ohne auf seine Worte eigentlich einzugehen.

Nein, gar nicht," versetzte er.Es gibt im Grunde kein epitheton ornans, schmückendes Beiwort, mein ich das für mich zu drastisch wäre, und ich gestatte Dir hierdurch, mir jedes nach Verdienst zu Theil werden zu lassen. Ich war thöricht genug, mich zuerst zu entschließen, überhaupt zu heirathen und mir dann eine passende Frau zu diesem Zwecke zu suchen wobei ich natürlich an zwei ganz unpassende gerieth statt daß ich durch meine Neigung zu irgend einem weiblichen Wesen mich hätte naturgemäß erst auf die Idee, ja, aus die Notwendigkeit führen lassen müssen, eben dieses und nur dieses zu heirathen oder gar keins. Da lag der Cardinalfehler; die Prämisse fehlte und also war das Facit unlogisch. Und wenn ich nicht viel zu lange überhaupt mich als Junggeselle eingewöhnt hätte"

Und mich viel zu oft verliebt hätte," fiel Martha ein.

Er aber vollendete ruhig:So hätte ich längst darüber klar sein müssen, daß ich Dich lieb hatte, Martha, daß Du unweigerlich zu meinem Leben gehörtest und daß ich in Dir alles fand, was ich bei einem weiblichen Wesen an meiner Seite überhaupt suchte. Ich war zu bequem geworden, zu verwöhnt, Martha. Ich wollte es noch besser haben und hätte doch wissen sollen, daß es Besseres für mich aus der Welt überhaupt nicht geben konnte. Wenn Du mich also lieb hast, Martha, wenn Du es mit mir versuchen möchtest trotz aller meiner Fehler weil doch aller guten Dinge drei sind, Martha, und nun sicherlich, ganz sicherlich kein weiterer Jrrthum meinerseits"

Er hatte ihr die beiden Hände hingestreckt und sie ließ die ihren von ihm ergreifen und halten.

Immer noch die Stirn gesenkt haltend, sagte sie, während er sie leise an sich zog, verschämt:

Ich muß Dir etwas bekennen, Ewald, aber eigentlich ists schrecklich. Du hast mich neulich gefragt, warum ich nicht geheirathet habe. Weißt Du, warum? Weil ich auf Dich gewartet habe, eitler, thörichter, verblendeter Mensch? Und deßhalb eine alte Jungfer geworden!"

Und wirst nun meine junge, herrliche, geliebte Frau!" rief er jubelnd und sie lag in seinen Armen.

* Marburg, 24. April. Das Hauptcomite für den am 11.z 12. und 13. Juli hierfelbst stattfindendeu achten Ver­bandstag der kurhesfischen Feuerwehren hielt gestern Abend unter dem Vorsitze des Herrn Bürgerausschuß- Vorstehers Siebert eine Sitzung im Restaurant Dörr ab. Die Verhandlungen desselben erstreckten sich in erster Linie aus die Feststellung der den Einzel- oder Untercomites zuzu­weisenden Aufgaben. Auch wurde von dem Vorsitzenden des Bauausschusses, Herrn L. Müller, bereits ein Plan des Fest­platzes unterbreitet. Für letzteren ist nunmehr der Kämps- rasen nebst der auf demselben stehenden Exercierhalle, welche beide von dem Commando des hiesigen Jägerbataillons in entgegenkommenster Weise zur Verfügung gestellt wurden, vorgesehen und wird der Umfang desselben (120 Meter lang und 80 Meter breit) etwa den Größenverhältniffen des 1889er Sängerfestplatzes entsprechen. Die Exercierhalle wird theils zu Ausstellungszwecken, theils zur Abhaltung des Ver­bandstags in derselben eingerichtet werden. Platz und Halle werden electrisch beleuchtet.

* Berlin, 24. April. In den weiten Sälen der Inter­nationalen Kunst-Ausstellung am Lehrter Bahnhof hierfelbst herrscht das regste Leben. Die Delegirten der ver­schiedenen Nationen wetteifern, ihre Kunstfchätze fo schnell als möglich zu ordnen und zu placiren. Die Kunstgenossenschaften von Karlsruhe und Weimar haben ihre Anordnungen nahezu vollendet, ebenso Belgien und Italien. In dem großen inter­nationalen Mittelsaale placiren die Pariser Amerikaner eine hervorragende Collection ihrer besten Werke. Die spanischen Bilder, zum Theil sehr großen Formats, machen einige Schwierigkeiten- hier werden auch noch verschtedene Werke, besonders von Barcelona, erwartet. Die englischen Kunst­schätze werden gerade den Kisten entnommen und eingeretht. Die ungarischen Delegirten trafen ein, um ihre Abteilungen zu ordnen. Ueberall, wohin man blickt, herrscht fieberhafte Thätigkeit- bis spät in die Nacht wird gearbeitet, um die letzte Hand an die Jnnendecorationen zu legen, Gerüste zu entfernen rc. Die Berliner Jury ist sozusagen fertig mit ihrem Urtheilsspruch. Entgegen manchen Nachrichten jet erwähnt, daß der für die Berliner Künstler fpeciell reservirte Raum vollkommen für die von der Jury angenommenen Werke ausreicht. Eine gute Neuerung ist beim Eingang von der Stadtbahn geschaffen- derselbe wird reich decorirt und mit einer Bedachung versehen, sodaß die an die dortige Kasse Herantretenden vor den Unbilden des Wetters geschützt Md. Von der Stadtbahn kann man gleich in den großen Berliner Ausstellungssaal des Hauptgebäudes gelangen. Auch hier sind die Eingänge monumental ausgeführt.

* Welche staunenswerthe Rüstigkeit den Grafen Moltte noch kurz vor feinem Tode auszeichnete, davon hat derselbe am 18. April in Berlin wieder eine bezeichnende

Probe abgelegt Nachdem die Weihe und Nagelung der neuen Feldzeichen in der Bildergalerie vollzogen, stand der Einund­neunzigjährige länger als eine Stunde unten im Lustgarten, um im Gefolge des Kaisers der Parade beizuwohnen- um 3/43 Uhr erschien der rüstige Greis wieder in voller Gala­uniform bei der Grundsteinlegung der Lutherkirche, um der­selben ebenfalls stehenden Fußes bis nach der gegen 4 Uhr erfolgten Beendigung der Feier beizuwohnen, und schon um 5 Uhr saß Graf Moltke wieder an der Tafel im Weißen Saale des königlichen Schlosses, dort dem Festdiner beiwohnend. Während jüngere Militärs den Mantel angelegt, stand der greise Marschall während der Feier der Grund­steinlegung trotz des kalten, feuchten Wetters ohne Mantel da, als ob Grippe und Influenza, mit welchen so viele andere Menschen geplagt sind, für ihn nicht vorhanden feien. Das ganze Aussehen Moltkes zeugte vom besten Wohlbefinden.

* Ein Mann in Stockach kaufte von feinem Schwager, der ein Schmied ist, das ganze Anwesen um 18,OOO Mk. Der Verkäufer machte die Bedingung, daß er sich alles Vor­behalte, was er im Schlafzimmer an Fahrnissen unterbringen könne. Und was brachte er unter ? Sämmrliche Schmiedwerk­zeuge, Bohrmaschinen, Ambos, Speck, Schinken, Rauchfleisch und 5 Stück Vieh. Der Stall war völlig entleert. Nun gibt's einen Prozeß.

Die fatalen Fremdwörter.

Zu welchen comischen Intermezzos häufig die Sucht, die in der deutschen Sprache eingebürgerten Fremdwörter mit aller Gewalt auszumerzen, führt, das hat ein Zwischenfall bewiesen, der dieser Tage in einer Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses sich ereignete. Dort hatte der Abgeord­nete Bohtz den Antrag gestellt, bei dem in Berathung befind­lichen § 80 der Landgemeindeordnung das Wortabsolute" inunbedingte" umzuwandetn. Und dabei ereignete sich nun folgende Scene: -

Um das Wort habe ich gebeten", sagte der Abgeordnete, weil ich mir auf Nr. 252 der Drucksachen unter Nr. 4 den Antrag zu stellen erlaubt habe, in § 80 das Wortabsolute" vor Stimmenmehrheit umzuwandeln inunbedingte". Das klingt vielleicht lächerlich, aber wir sind bestrebt, da wo es irgend geht, Fremdwörter zu eliminiren.

(Ruse: Eliminiren!) (Heiterkeit.)

Dieser Lapsus,

(Rufe: Lapsus!) (Große Heiterkeit.) der mir eben begegnet ist, beweist nur, wie sehr wir noch gewöhnt sind, mit Fremdwörtern . . .

(Ruse: zu operiren!) (Stürmische Heiterkeit.)

Mißbrauch zu treiben, sodaß es wirklich angezeigt ist,

da, wo es angängig erscheint, derartige Fremdwörter zu be­seitigen. Nun habe ich bei meiner Erfahrung in der Praxis (Heiterkeit.)

häufig gefunden, daß bei der Feststellung der Mehrheit bei Wahlen die Gemeindevorsteher in Verlegenheit gerathen. Sie verstehen die Begriffeabsolute" undrelative" Mehrheit nicht auseinander zu halten und ich habe es deshalb für angezeigt gehalten, den Antrag zu stellen, an Stelle des Wortesabsolute" hier das deutsche Wortunbedingte" zu fetzen.

Die Sache hat ja nun hier einen lächerlichen Anstrich genommen, aber sie ist wirklich nicht so lächerlich, wie es scheint. Ich habe es ernst gemeint und möchte Sie bitten, den von mir zu § 80 gestellten Antrag hier schon bei § 60 anzunehmen, woraus dann als Consequenz

(Heiterkeit.)

folgt, daß er auch bei § 80 als angenommen gilt."

Verkehr, Land- un6 Volkswirthschcrft.

Werth des Setsenwaffers als Düngemittel. Häufig wird das Seifenwasser als gute Dungflüfsigkett empfohlen; sein Werth ist jedoch ein geringer, denn es enthält der Hauptsache nach nur einen Pflanzennährstoff, das Kalt, welches nur in den wenigsten, den leichten Bodenarten mangelt, in Gartenboden, namentlich wenn dieselben thonhaltig sind, aber kaum fehlt. Außerdem wird durch Setfenwasser durch zu concentrirtc Verwendung für Blumen und Gemüse oft großer Schaden angerichtet. Steht es in großer Menge zur Verfügung, so sammele man es in Bassins und bringe es im Herbst aufs Land. Für Zimmerblumen darf es nicht verwendet werden.

Lplelplan der vereinigten Frankfurter Ltadttheater.

Opernhaus.

Mittwoch den 29. April: Vorstellung bei ermäßigten Preisen. Faust (I. Theil). Außer Abonnement.

Donnerstag den 30. April: Der Prophet. Gewöhnliche Preise.

Freitag dm 1. Mai geschlossen.

Samstag den 2. Mai: Oberon. Gewöhnliche Preise.

Sonntag den 3. Mat: Lohengrin. Große Preise.

Montag den 4. Mai geschlossen.

Dienstag den 5. Mai: Lucrezia Borgia. Hierauf: Schmetterltngsjagd. Gewöhnliche Preise.

Schauspielhaus.

Mittwoch den 29. April geschlossen.

Donnerstag den 30. April: Abonnements-Vorstellung für den ausgefallenen Mittwoch: Der Huttenbesitzer. Gewöhnliche Preise.

Freitag den 1. Mai: Die gemeinschaftliche Hochzeits­reise. Gewöhnliche Preise.

Samstag den 2. Mai: Neu einstudirt: Der Probepfeil. (Hortense von Walnack: Fräulein Malten vom Stadltheater in Hamburg als Gast.) Gewöhnliche Preise.

Sonntag den 3. Mai, Nachmittags 3»/2 Uhr: Die gemein­schaftliche Hochzeitsreise. Außer Abonnement. Kleine Preise. Abends 7 Uhr: Der Probepf eil. (Hortense von Walnack: Fräulein Malten vom Stadt-Theater in Hamburg.als Gast.) Gewöhnliche Preise. _____