Mittwoch den 28. October
(Siefeener Anzeiger.
Beilage zu Rr. 251. - 1891
Feuilleton.
Auf einem amerikanischen Eisenbahn?uge.
Am besten fangen wir beim Anfang an und kaufen uns ] zunächst unsere tickets. Das können wir auf mancherlei Art ■ thun. Entweder beim Agenten der betreffenden Bahn, die, wie alle anderen Bahnen es thun, zum Verkauf ihrer Fahrkarten und Fahrpläne, sowie zum Ertheilen von Auskünften an einer der belebtesten Geschäftsstraßen der Stadt ein elegantes Bureau unterhält, oder aber im Gasthofe, wo in einem besonderen Bureau die Fahrkarten aller Eisenbahnen bereit gehalten werden. Am Kassenschalter der Bahn selbst ; werden nur wenige Fahrkarten gelöst und diese meist nur für , kürzere Strecken. Ausgerüstet mit unseren Fahrkarten „erster Klasse" — denn nur diese berechtigen zur Benutzung des J Schlafwagens — gehen wir nun daran, uns unsere „berths“ • (Schlafstellen) im „sleeper“ zu sichern. Der erfahrene - Reisende sichert sich seine Fahrkarte und den Platz im Schlaf- j wagen gern einen oder zwei Tage vorher, weil er dann i sicher ist, eine ,lower berth“ zu erhalten. Der Schlafwagen zerfällt nämlich in „sections“ mit einem unteren und einem oberen Bette. Das untere hat die Hohe eines gewöhnlichen . Bettes, das obere erreicht man mittels einer kleinen Treppe, welche der schwarze „porter“ davor hinstellt. Sein Bett in dieser Weise zu erreichen und zu verlassen, hat nur Reiz für geübte Turner. Auch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß man, z. B. in einem besonders lebhaften Traum über die Möglichkeiten der orientalischen Frage, in seinem „upper berth“ das Gleichgewicht verliert und aus der ziemlich bedeutenden Höhe herabpurzelt.
Ich erwähnte oben, daß nur Fahrkarten erster Klasse zur Benutzung des Schlafwagens berechtigen. Wer ein Billet zweiter Klasse lost, der ist Tag und Nacht auf die Benutzung des „Smoker" angewiesen, des Rauchwagens, der sicy regelmäßig sofort hinter dem Gepäckwagen befindet. Der Preis der Fahrkarte zweiter Klasse ist nur sehr wenig geringer als der für die erste festgesetzte. Der Unterschied in Bezug auf Comfort und sociale Stellung ist aber sehr groß. Der zum Smoker Verurtheilte hat nicht das Recht, die Wagen erster Klasse zu betreten. Das Publikum des Rauchwagens besteht aus Farmern, Negern, Chinesen, Tagelöhnern u. s. w., die alle um die Wette Tabak rauchen und kauen. Ein Realist der neuesten Schule mag es versuchen, die Atmosphäre eines solchen Waggons zu schildern, in welchen dessen Fußboden durch die vereinigten Bemühungen der Tabakraucher und Tabakkauer geräth.
Im Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Klasse spricht sich auch im Paradies der Demokratie der Abstand der „Herrschaften“ von den „gemeinen Leuten" so deutlich aus wie nur irgendwo in der alten Welt. Was auf den Titel „Herr" oder „Dame" — hier Gentleman und Lady — An
spruch macht, das fährt hier so sicher erste Klasse, als es in einem Wiener Gasthause ins „Extrazimmer" und nicht in die „Schwemme" geht. Der Vortheil der ersten Klaffe besteht übrigens nur darin, daß darin nicht geraucht werden darf und daß ihre Closets etwas reinlicher gehalten werden. Gelegenheit, sich zu waschen, hat man nur in der Pullman Car. Die in den Wagen erster und zweiter Klasse gebotene Möglichkeit, sich durch einen Schluck Eiswaffer zu erfrischen, verliert sehr bei näherer Beobachtung des modus operandi. Auf gewissen Stationen wird das Eis nachgefüllt. Schmutzige Kerle packen die Eisstücke mit ungewaschenen Händen, und fällt eins zu Boden, so wird es einfach aufgeklaubt, und wie es ist, in den Behälter geworfen. Das Trinkgefäß ist ein von Jedermann benutzter Weißblechbecher. Der Wagen hat in der Mitte von zwei Sitzreihen einen Durchgang. Die Sitze sind, da der Kopf keine Stütze hat, entschieden unbequem, obwohl sie sich in ihrem rothen Plüschüberzug ganz stattlich ausnehmen. Wer aus einem solchen Sitze einschläst, erwacht mit schmerzenden Knochen.
Die „erste Klasse" ist in Wirklichkeit die Domäne der elegant sein wollenden Armuth, die sich für zu gut hält, um mir dem rauchenden, kauenden und spuckenden Volke zu verkehren. Wer weniger auf Geld zu achten braucht, benutzt für kürzere Strecken die sogenannte Parlor Car, deren bequeme Sessel den technischen Namen redining chairs führen. Für längere Strecken, welche das Fahren zur Nachtzeit nothwendig machen, benutzt das wohlhabende Publikum ohne Ausnahme den Pullmann Sleeper. Dieser ist thatsächlich die erste Klasse des amerikanischen Eisenbahnverkehrs. Lesern, die sich für die finanzielle Seite dieser Einrichtung interessiren, sei mir- getheilt, daß die Benutzung des Sleeper für je 24 Stunden mit fünf Dollars berechnet wird. Will man sparen und den Sleeper nicht bei Tage benutzen, sondern nur darin bei Nacht schlafen, so zahlt man blos zwei Dollars. Unvermeidlich ist das Trinkgeld für den schwarzen Porter, der deinen Sitz des Abends in ein Bett verwandelt und deine Stiefel putzt. Dasselbe beträgt nach allgemeiner Sitte 25 Cents (1 Mk.) für die Nacht. Die Pullmann-Gesellschaft, welche an die Bahnen für das Recht, ihre Wagen den Zügen anzuhäugen, einen festgesetzten Betrag zahlt und ihr Personal selbst anstellt und unterhält, bringt dieses allgemein übliche Trinkgeld in Anschlag, indem sie dem Porter nur 20 Dollars monatlich gibt.
An solider Eleganz, an Stattlichkeit der Erscheinung von außen wie von innen kann so eine Pullmann Car wohl kaum übertroffen werden. Polirtes Mahagoniholz, in prachtvollen Mustern geschnitzt und eingelegt, Bronce, Spiegelglas und Plüsch geben zusammen einen gar feinen, behaglichen Klang. Wesentlich vermehrt wird das Behagen, welches man beim Betreten des Schlafwagens empfindet, durch die „Vestibule"- Vorrichtung, welche eine ganze Reihe von Schlafwagen in einen einzigen Salon verwandelt. Die Plattformen der ein
zelnen Waggons sind nämlich überdacht und seitlich durch elegante, aus Mahagoni und Spiegelglas bestehende Thüren abgeschlossen. Durch fest eingesügte Bretter und darüber gelegte Kautschukteppiche sind die Plattformen so hergerichtet, daß sich der Fuß beim Beschreiten derselben stets sicher und behaglich fühlt. Früher war es, besonders bei starkem Winde, ein kleines Wagestück, aus einem Waggon in den anderen zu gehen. Jetzt ist das so bequem und sicher, wie das Schreiten aus einem Zimmer eines feinen Hauses in ein anderes.
Rechnet man 5 Dollars für den Gebrauch des Schlafwagens in 24 Stunden, ferner 3 Dollars für die drei Mahlzeiten in der Dining Car, 25 Cents für den Porter und ebenso viel für den schwarzen Kellner im Eßwagen — die trinkgeldlosen Zeiten sind, beiläufig bemerkt, im Lande der Freien längst vorüber, und wer gut bedient sein will, muß seinen Weg mit Vierteldollars (quarters) pflastern — gestattet man sich ferner den Luxus von Getränken in der bescheidensten Weise, indem man sich eine Flasche calisornischen Rothweins zu einem Dollar und eine Flasche Bier zu 50 Cents (2 Mk.) geben läßt, so stellt sich das Leben in der ersten Klasse der amerikanischen Eisenbahnen neben dem Fahrpreise auf rund 10 Dollars im Tage. Für amerikanische Verhältnisse ist das nicht viel Geld und der Amerikaner sieht in seiner Pullmann Car den Inbegriff der Eleganz und des Comsorts. Mit besonderer Vorliebe benutzt er sie zur Hochzeitsreise. Er miethet einen der in den meisten Pullmann Cars vorfindlichen „State Rooms", ein den Cajüten erster Klasse aus den großen Ozeandampfern ähnliches Gemach.
Trotz der verblüffenden Eleganz des Pullmann'ichen Schlafwagens und trotz des Umstandes, daß die Betten breit, lang und in jeder Beziehung vortrefflich sind, scheint mir dieser Sleeper doch noch lange nicht das Ideal der vollendeten Schlasmaschine zu sein. Vor Allem ist er, wie ich fürchte, nicht gesund. Man schläft mit zehn oder zwanzig Personen in demselben Raume, in welchem man mit ihnen den ganzen Tag zugebracht hat. Die Beleuchtung erfolgt durch große Petroleumlampen, welche einen beklemmenden Dampf verbreiten. Das Entkleiden hat seine großen Schwierigkeiten, da man es auf dem Bette hinter einem Vorhänge sitzend vollbringen muß. Diebstähle von Werthsachen kommen nicht selten vor, da man keinen Platz hat, dergleichen auszubewahren, sondern sie in den Kleidern auf die Bettdecke legen muß. Die das Bett verhüllende Gardine ist aus schwerem Wollstoff, der wie geschaffen ist, die Keime ansteckender Krankheiten in sich aufzunehmen und an gesunde Schläfer wiederzugeben. Der hartnäckige Husten oder das Schnarchen von Reisegenossen ist ebenso wenig angenehm, als die dumpfe Hitze des Wagens, der den Tag über den Sonnenstrahlen ausgesetzt gewesen und nun während der Nacht die gesammelte Wärme ausstrahlt.
„MESSMER“8
Rueeleohe Mischung r beliebt pro Pfd.M. 3.50, Packeto 80 Pfg. u. 1 Mk.
Kaisen, nonigi. nouienram
FRANKFURT a. ü. — BADEN-BADEN
Uebertrifft Souchongt zu ^viel höheren Preisen.
In Giessen bei: Ed Lind,^Hof-
Conditorei. 9532
Bekanntmachung.
Das 4. Ziel Gemeindesteuer für 1891/92 ist innerhalb 8 Tagen bei Vermeidung des Beitreibungsverfahrens zur hiesigen Stadt-, kaffe zu bezahlen.
Gießen, den 24. October 1891.
Der Stadtrechner: 9511 Doepfer.
Bekanntmachung.
Die Entwässerungsanlage der Knabenschule soll im Wege öffentlicher Ausschreibung vergeben werden. Zeichnungen und Angebotsformulare liegen während der Dienst- stunden aus dem Geschäftszimmer Nr. 5 aus und werden daselbst unentgeltlich abgegeben.
Versiegelte Angebote sind mit entsprechender Aufschrift versehen bis
Samstag den 31. Qctober Vormittags 10 Uhr, ebendorthin einzujenden, woselbst die Eröffnung der Angebote in Gegenwart der etwa erschienenen Bieter erfolgt.
Gießen, den 26. October 1891. Großh. Bürgermeisterei Gießen.
G N a u t h.__9547
Mittwoch den 28. Moder, werden gegen Baarzahlung versteigert: £ I. Norm. 9 Uhr auf dem Viehmarkte 1 Kuh.
II. Nackmr. 2 Uhr im Bieker'schm Saale. Neustadt: 1 Pianino, 1 Sopba, 6 Stühle, 1 Spiegelschrank, 1 Secretar, Commoden, Cansole, Regulateure, Kleiderschränke, Spiegel, Tische, 1 Nahmaschine, 1 vollst. Bett, L Hobelbänke, 1 Stoßkarren, 7 Mille Cigarren, 1 Kuh, 1 Pferd, 1 Lesart« cheur'Flinte, getragene aber noch gut erhaltene Kleider, darunter ein schwarzer Tuchmantel und 1 vollst. Anzug, 1 Wappenftock, 1 Schlietzkorb u. a. m.
HI. Nachm. 3 Ubt ein Ofen fteU». bnandbackstetne. Zusammenkunft beim Thorhäuschen am Wallthor
Geißler, 9510 Gerichtsvollzieher.
HMeSotenes.
W//SSSJ7SS//M> 34 Bahnhofstr. 34 f Aufnahmen finden täglich > und bei jeder "Witterung statt.
Künstlerische, feinste Ausführung. Lieferung innerhalb 5 Tagen.
Specialität:
Momentaufnahmen. Kürzeste Sitzungszeit! < Kein Kopfhalter! y
Steller ßebr.]j|[liller
/ ! Billigste Preise I X
6 Visit-Photogr.....JL 4.50
12 „ n • • • • » 7.
1 Cab. » . . - - » 4.50
Jedes weitere.....„1.50
[8893] Für Studenten!
1 Dzd. Visit-Photogr. JL 6.—
2 „ n t> »11.
Bitten genau auf Firma zu achten!
«Utes Arbeitspferd ß
billig zu verkaufen- Neustadt 48.
Die Gerberei und Lederhandlung
von
Wilhelm Plank, Bahnhofstrasse 18 empfiehlt sämmtli ch e Leders orten für Schuhmacher, Sattler und Riemer. Größte Auswahl in Schäften aller Art, sowie in Schuhmacher-Bedarfsartikeln, Werkzeugen und Schuhleisten rc. zu den billigsten Preisen. [9128
Bei Leder eigener Fabrikation berechne Fabrikpreise.
Ersparnis,. Kaffee Kaffee Kaffee cr-parniss.
Man probire! [8401
In kurzer Zeit gibt es fast keine Hausfrau mehr, welche den überall als sehr wohlschmeckend, recht preiswürdig und wohl empfehlenswerth anerkannten
Haushaltungs-Kaffee
von Wilhelm Eppler nicht verwendet.
Kostet nur pr. Pfd. 1.— Mk, 1 Postziacket 9*/2 Pfd. netto franco 9.50 Mk.
Extra-Qualität „ 1.20 „ 1 „ 9V2 „ „ , U-40 „
Preisliste gratis.
JÄ: Philipp Geihel, Frankfurt a. M.,
Ersparniss.__Alte Schleslngergasse 4a._________Ersparniss.
AIKM-Iiidilstm Glcheillindcn Gießen
UI MJnhaber: Carl Haas jr.
Großer Ringofen-Betrieb. Täglicher Versandt in Marmor-, Weiß- und Hydrant. Stückkalk. Einzelne Fuhren ab Kaliwerk nur gegen baar zu den billigsten Tagespreisen.
4746 Carl Haas Jr.
Gsschäfts-Eröffiaung.
Einem geehrten Publikum von Gießen und Umgegend die ergebene Mittheilung, daß ich unter Heutigem Lindenplatz 1 (Hotel Einhorn) eine Uhrenhandlung nebst Reparaturwerkstätte errichtet habe.
Ich empfehle mein wohlasfortirtes Lager in goldenen und silbernen Herren- und Damen-Uhren, Regulateurs, Wand- Uhren und Weckern, sowie eine große Auswahl in Doublt-, Silber-, Nickelketten u. s. w. 9239
Reparaturen werden prompt und billig unter Garantie ausgeführt.
Gießen, 17. October 1891. Hochachtungsvoll
Louis Hilgardt.
Jeden Abend | Höschen und Sauerkraut im „Löwen".______O. Luft.
Woll. Strickgarne
(Marke M, & W.) 8980 anerkannt beste Qualität, zu haben bei Robert Stuhl, Neustadt 23. Stahlwaaren. Von einer Solinger Stahlwaarenfabrik wurde mir der Verkauf ihres Fabrikats übertragen, und empfehle ich unter Garantie, billiger wie jede Ccmcurrenz, Tisch-, Tafel- und Taschenmesser, sowie alle in dieses Fach einschlagende “ H. C. Werner, 9354___________Lindenplatz 12.
9503] Die der Spar- und Leibkasse zu Lang-Göns gehörige Hosraithe mit Grabgarten links des Wiesecker Wegs — Gemarkung Güßen —, 3156 lüMtr. haltend, ist an eine anständige Familie zu vermiethen und sofort zu beziehen.
Die Besitzung wird auch unter günstigen Bedingungen verkauit- Auskunft ertheilt Geometer Henrich, Asterweg 8.______
Laubsägehvl;
< zu haben bei [8598
;__________Andreas Euler._
> Masserd. Mgen- u.MaWndU
zu Fabrikpreisen. [8624
! Louis Wittich II., Sattler, Neustadt 6.


