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1891

Dienstag den 28. April

Ntr. 97

Gießener Anzeiger

Keneral-Wnzeiger

Rebaction, ExpcdNiv» »nd Druckerei:

-q«tfir«teAr.A.

Ferusprecher 51.

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Der

Wetze»« -»Zeiger erscheint täglich, mit LuSuahme bei Moutag«.

Die Gießener W»«itte»ßktiter Serben dem Anzeiger BLchmtlich drei mal h eigelegt.

AnrtS- und Anzeigeblntt für den Kreis Gieren*

ÄnnaNmt von Anzeige» zu der Nachmittags für bat sLixenden Toy erscheinenden Nummer bti Norm. 10 Uhr.

Grattsöeitage: Gießener KamilienKlätter.

Alle Armoncen-Sureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen. U __L. JLIULL11JL1118BHBBWI

Arntlrehsv Thsil.

Bekanntmachung, Errichtung eines chemischen Untersuchungs - Amtes für die Provinz Oberhessen betreffend.

Unter dem Namenchemisches Untersuchungs-Amt für die Provinz Oberheffeu" ist in Gießen (Liebigstraße 12) eine Provinzial - Anstalt zur technischen Untersuchung, namentlich von Nahrungs- und Gennßmitteln, sowie Gebrauchsgegen­ständen, errichtet worden. Sowohl den Staats- und Gemeinde- Behörden als auch Privatpersonen steht die Inanspruchnahme dieser Anstalt gegen Bezahlung der tarifmäßigen Gebühren frei.

Für Untersuchungen, welche im Auftrage der Kreisämter oder Gemeinden der Provinz in amtlicher Eigenschaft oder für amtliche Zwecke veranlaßt werden, wird nur die Hälfte der Tarifsätze berechnet. Der Tarif kann von den Großh. Kreisämtern oder direct von dem Untersuchungs-Amte bezogen werden und ist in demselben auch angegeben, welches Quan­tum von den einzelnen Untersuchungsgegenständen einzusenden ist.

Die Einsendung von Untersuchungsgegenständen kann oom 15. Mai d. Z. an erfolgen und har portofrei an das chemische Untersuchungs-Amt in Gießen zu geschehen- für persönliche Einlieferung derselben seitens des Publikums find die Stunden von 1012 Uhr Vormittags und 35 Uhr Nachmittags (mit Ausnahme der Sonn- und Festtage) bestimmt.

Gießen, den 25. April 1891.

Großherzogliche Provinzialdireetion Oberhessen, v. Gag er n.

Bekanntmachung.

Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß der practische Betermärarzt Herr Gerhardt zu Büdingen zum Kreisveterinär­arzt des Kreisveterinäramts Grünberg mit dem Wohnsitz in Grünberg ernannt worden ist, und daß derselbe spätestens am 29. l. M. sein Amt antreten wird.

Gießen, den 24. April 1891. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutsüyes Aeia-.

Berlin, 25. April. Das Plötzliche Scheiden unseres g r o ß e n M o l t k e hat, wie alle schmerzlichen Ueberraschungen, fast betäubend auf die Hauptstadt gewirkt. Nur allmählig wird sich der Einzelne, der die Nachricht hört und weiter trägt, des großen Verlustes bewußt, und langsam senkt sich der Schmerz immer tiefer in's Gemüth. Beim Erwachen des Tages durcheilten die Extrablattboten die Straßen, riefen die Nachricht aus, vertheilten vielfach das Extrablatt ohne Entgelt zu nehmen: man wollte eben keine Geschäfte mit der Trauerbotschaft machen. Nach und nach erwachte die Haupt­stadt und die Zeichen besonderer Erregung tauchen in den Tagesstrom hinunter; nur mit dem Leben der großen Stadt Eingeweihten sind die Anzeichen einer besonderen Stimmung bemerkbar. Sonst brachten nur wenige Morgenblätter die Todesnachricht. Daß der Kaiser von seinem Eisenacher Jagd­ausfluge zurückkehren werde, vermuthete Jeder, im Lause des Tages fand die Vermuthung Bestätigung, der Kaiser reiste 11 Uhr in Eisenach ab, trifft hier nach 5 Uhr ein und be- giebt sich sofort zu seinem großen Todten. Vormittags 93/< Uhr fuhr die Kaiserin vor und legte einen prachtvollen Kranz von Rosen und Lorbeer am Todtenbette nieder, wo sie eine Viertelstunde im Kreise der Moltke'schen Familie, der des Neffen Majors von Moltke verweilte. Gleich darauf erschien der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen, welche zu Fuß von ihrer nahen Thiergarten-Villa herüberkamen. Auch der Reichskanzler v. Caprivi, der Kriegsminister v. Kalten­born, General Oberst v. Pape, Herzöge, Fürsten, die Präsi­denten der Parlamente und zahlreiche distinguirte Personen statteten Besuche ab. Der Lauf des letzten Tages war, wie alle anderen streng geregelt, der Feldmarschall fühlte sich seit Tagen besonders wohl, was er auch seinem Hausarzte gegen­über äußerte. Gestern früh erhob sich Graf Moltke etwas zeitiger, als gewöhnlich, da er sich noch vor der Schwester der Frau seines Neffen, auch einer Comtesse Moltke, verab­schieden wollte, welche früh abreiste. Mittags 12 Uhr fuhr der Feldmarschall zur Sitzung nach dem Herrenhaus, ver­säumte er doch selbst Sitzungen nicht, welche weniger wichtigen Materien galten als dem Einkommensteuergesetz. Um 3 Uhr ist Graf Moltke dann zu Fuß nach dem etwa 20 Minuten jenseits des Thiergarten entfernt liegenden Generalstabsgebäude gegangen, was er nur that, wenn er sich ganz wohl fühlte. Um 5 Uhr speiste er, wie gewöhnlich, im Kreise seiner Familie,

und trank um 7 Uhr ebenso seinen Thee- beide Mahlzeiten nahm er mit dem besten Appetit ein, und setzte sich um 8 Uhr mit seinem Neffen, dem Major von Moltke, dessen Gemahlin und einem Freunde des Neffen zur üblichen Partie Whist. Mit Vergnügen spielte der große Stratege die Robber aller Touren durch, doch zeigte er plötzlich gegen Ende Spuren von Unbehagen. Auf die besorgte Frage, was ihm fehle, er­widerte er, er habe Asthma, (der Marschall litt hin und wieder daran). Doch wolle er das Spiel durchspielen. Zum Schluß machte er seine Gegner Groß-Schlemm, was ihn sehr belustigte. Da das Unbehagen nicht wich, so schlug man vor, ein junger Künstler, der in der Familie viel ver­kehrte, Herr Dreßler, solle Musik machen. Gras Moltke war deß gern zufrieden, ließ sich in seinem Sessel nieder und Herr Dreßler spielte ein kleines polnisches Lied eigener Composition. Doch der Feldmarschall zeigte wieder Unbehagen, erhob sich bald, um sich in ein Nebengemach zu begeben. Besorgt folgte ihm sein Neffe nach kurzer Zeit und fand nun den Onkel sitzend, das Haupt leicht vorgebeugt, die Hände leicht auf den Knieen liegend. Aus die besorgte Frage, was ihm fehle, wollte Graf Moltke antworten, sein Neffe hat ihn jedoch nicht verstanden,' in der Meinung, der Onkel wolle sich durch Er­brechen Erleichterung verschaffen, legte er die Hand an die Stirn, da sank ihm der Kops entgegen, der Körper brach zu­sammen. Schnell eilte auf den Ruf der Freund herbei, und beide Herren trugen den Marschall auf sein Bett- da athmete er noch einmal tief, dann war der große Geist entflohen. Gras Moltke ruhte heute noch auf seinem Bett, in tiefem Frieden Augen und Lippen leicht geschlossen. Da hat kein Kampf vorher stattgesunden. Gott hat dem Marschall den Tod geschenkt, den er sich oft gewünscht, wenn er sagte: Welch' schönen Tod müssen doch die Menschen haben, welche am Herzschlage sterben!" So ist es ihm geworden. Frieden seiner Asche. Ein Denkmal unvergänglicher denn aus Erz hat er sich errichtet!

Berlin, 25. April. Seine Majestät der Kaiser ist um ö1^ Uhr hierher zurückgekehrt und wurde aus dem Bahn­hofe von Ihrer Majestät der Kaiserin und dem Reichskanzler v. Caprivi empfangen.

Im Reichstage machte die Rede des Präsidenten v. Levetzows einen tiefen Eindruck. Auch die Soeialdemo- kraten hörten die Rede stehend an.

Berlin, 25. April. Herrenhaus. Auf dem Platze Moltkes hängt ein Lorbeerkranz mit schwarz-weißer Atlas- schleife. Der Präsident verliest ein Schreiben des Majors v. Moltke mit der Meldung vom Tode des General-Feld­marschalls Grasen Moltke und schloß hieran eine Ansprache, worin er die allgemeinen Verdienste Moltkes würdigte, beson­ders als Mitglied des Herrenhauses, wo der Verstorbene noch gestern weilte. Der Vorschlag auf Aussetzung der Sitzung bis Montag wurde hierauf angenommen.

Berlin, 25. April. Die heutige Herrenhaussitzung war voll besetzt. Graf Waldersee entnahm dem Lorbeer­kranze, welcher aus dem Platze des Grafen Moltke lag, ein Blatt und legte es als Erinnerung in sein Portefeuille.

Berlin, 25. April. Abgeordnetenhaus. Präsident v. Köller theilte dem Hause die Todesnachricht vom Grafen Moltke mit und sagte: Bei der hohen Bedeutung dieses Mannes für unser Vaterland und bei der allgemeinen Trauer, die in Deutschland herrschen wird, wird das Haus nicht ge­neigt sein, heute die Tagesordnung zu berathen. Er schlage vor, die nächste Sitzung für Montag anzuberaumen. Hieraus wurde die Sitzung sofort aufgehoben.

Berlin, 25. April. DerReichsanzeiger" veröffentlicht einen tief empfundenen Nachruf an Graf Moltke, der nach dem Hinscheiden der Kaffer Wilhelm I. und Friedrich III. wie ein lebendiges Denkmal der großen Zeit des nationalen Aufschwungs in die Gegenwart hineinragte. Nur Verehrung, Dankbarkeit und Liebe empfanden alle Glieder der Nation für diesen Paladin des großen Kaisers, selbst diejenigen Nationen, die er im blutigen Kampfe besiegte, konnten ihm nicht die schuldige Ehrfurcht und Bewunderung vorenthalten. Un­getrübt wird sein Bild in der Geschichte, wie in den Herzen des deutschen Volkes bis in die fernsten Zeiten strahlen. So lange es ein preußisches und ein deutsches Heer gibt, wird das Andenken an den größten aller seiner Heerführer nicht verlöschen.

Berlin, 25. April. Ueber die Bestattungsfeier- lichkeit des verstorbenen Feldmarschalls Grafen v. Moltke erwartet die Familie desselben die Befehle Seiner Majestät des Kaisers. Von Seiner Majestät war noch Nachts ein sehr herzliches Beileidstelegramm eingegangen. Die Familie ge­denkt die vorgeschlagene Aufbahrung in demselben Saale vor­zunehmen, wo die Jubilüumsdeputation inmitten der Fahnen

empfangen worden ist. Vormittags 9 Uhr wurde ein schlichter Eiserffarg in das Generabstabsgebciude gebracht.

Berlin, 25. April. Sämmtliche königlichen Theater find anläßlich des Todes Moltkes heute Abend aus An­ordnung des Kaisers geschlossen.

Berlin, 25. April. DerReichsanzeiger" bezeichnet die Nachricht über die bevorstehende Aushebung des deutschen Einfuhrverbots gegen amerikanisches Schweinefleisch als nicht zutreffend. Bevor die Organisation des FleischschaudiensteS in Nordamerika sich nicht näher übersehen lasse und bevor das neue System in Praxis nicht die Probe bestanden, fei keine Entscheidung zu erwarten.

Berlin, 24. April. DerReichsanzeiger" veröffentlicht in seinem nichtamtlichen Theil den Wortlaut der in der Haupt­sache bereits bekannten Verfügung des CultusMinisters vom 11. April an die Regierungen zu Posen und Bromberg über den Privatunterricht an polnische Kinder in polnischem Lesen und Schreiben.

Köln, 25. April. DerKöln. Ztg." wird aus Duisburg gemeldet: Die hiesigen größeren Werke beschlossen bei ein­tretendem Kohlenmangel Betriebseinstellung. Die Rheinischen Stahlwerke in Meiderich haben ihre Arbeiter theilweise vorläufig entlassen. DerPhönix" in Laar beabsichtigt ein Gleiches.

Bochum, 25. April. DerBochumer Verein" hat infolge des Ausstandes seiner Zechen das Schienenwerk still­gelegt, zahlt aber den Arbeitern Lohn. Die Effenbahndireetion Magdeburg bot 9.50 Mk. für westfälische Kohlen- die Zechen, find aber nicht geneigt, unter 10.50 Mk. zu liefern. Die- kaiserliche Marine hat ihren Mehrbedarf für das laufende Jahr für beste westfälische Stückkohlen auf 13 Mk. ab Zeche gedeckt. Den ganzen Bedarf für 1892/93 mit 13.50. Sie zahlt für Landkesselkohlen Mk. 10.50 ab Zeche.

Wen, 25. April. DerRhein.-Weftf. Ztg." zufolge versandte der Vorstand des Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund ein Rund- schreiben, in dem den Vereinszechen empfohlen wird, die Namen der strikenden Bergarbeiter dritter Klasse der Knapp­schaft, welche nach Ablauf der gestellten Frist die Arbeit nicht ausnehmen, aufzugeben, zwecks Streichung der Namen aus den Listen der Knappschaft, um die betreffenden Ausständigen der Vortheile der bisherigen Beitragsjahre, nämlich Berech­tigung des eventuellen Jnvalidengeldbezuges nach 15 Arbeits­jahren, verlustig zu erklären. Sollte die Wiederannahme der jetzt entlassenen Bergarbeiter später in Frage kommen, so hat dieselbe nur nach Beibringung eines neuen Gesund­heitsattestes zu erfolgen.

Wen, 25. April. DieRh.-W. Ztg." theilt mit, daß der Strike auch das Wittener Revier ergriffen habe. An­gefahren sind auf ZecheHelene Nachtigall" bei Witten heute früh 39 von 250, Nachmittags 14 von 139, aufChristian Levin" vom Essener BergwerkoereinKönig Wilhelm" 16 von 410. AufCentrum" bei Wattenscheid strikcn Nach­mittags 494. Die Gesammtzahl der Strikenden übersteigt Nachmittags 15,000.

Graudenz, 25. April. Bei der Reichstagsersatz- wahl in Stuhm-Marienwerder erhielten aus 133 Bezirken Wessel (eons.) 5967, Ossowski (Pole) 4428. Auf Hobrecht (natl.) und Jochem (Soe.) zersplitterten sich zusammen 365 Stimmen. 15 Bezirke sind noch unbekannt. Der Sieg Wessels ist bis jetzt wahrscheinlich.

Hamburg, 24. April. DieHamburgische Börsenhalle" veröffentlicht bereits die Statistik über Hamburgs Maaren- ein fuhr und -Ausfuhr. Die Einfuhr seewärts betrug 1890 Mk. 1,376,728,760 gegen Mk. 1,245,580,760 in 1889. Die Ausfuhr betrug in 1890 Mk. 1,260,475,900 gegen Mk. 1,206,414,930. Sowohl dem Werthe als dem Gewicht nach ist abermals eine Steigerung eingetreten.

Ausland.

Wien, 25. April. Eine Deputation des Infanterie- Regiments Nr. 71 begibt sich zur Leichenfeier seines In­habers, Grafen Moltke, nach Berlin.

Wien, 25. April. DieWiener Abendpost" leitet die Meldung vom Ableben Moltkes mit den Worten ein: Das deutsche Reich verlor gestern Abend seinen berühmtesten, verdientesten Heerführer" und gibt sodann eine ausführltche Biographie des Verstorbenen.

Rom, 25. April. Sämmtliche militärischen Journale bringen sympathische und anerkennende Neerologe für Moltke.

Pittsburg, 25. April. Der hiesigen Polizei ging eine Mittheilung zu, daß gegen das Leben des Besitzers der Cokssabrtken von Frick ein Complott geplant werden