Aerlrag nicht Brechen, sondern nur tu8 Roth, denn er sei ft daS unglückliche Opfer der capttolistischen ProduettonSwetse. Und da »olle man ihm noch ein Recht entliehen, daS jeder Andere habe, und ihm daS Nolhwendigfte, einen vollen Wochenlohn einbehaltrn. Redner bemängelt lodann die Enquete über die Coutractdrüchigkett der Arbeiter. In den meisten ASllen liege in Wirklichkeit kein Contract- ärnch vor, vielmehr hätten die Arbeitgeber ihre Verpflichtungen gegen Über de» Arbeitern nicht eingehalten. Wollte man S Md noch auf die HauSinvustriellen auSdehnen, so würde man die Rechtsverletzung noch verschärfen. Der Haß sei die Triebfeder der Unternehmer, welche fic veranlasse, unter der falschen Flagge eine« Arbeiterschutz tz ; ■eie Waffen gegen die Arbeiter -u schmieden. E» sei der hohe | HanibaltsmuS bett UnternehmerthumS, der solche Gesetze fördere.
K 119b wird angenommen.
S 120 handelt vom Besuch der Fortbildungsschule.
Die CommifflonSfassung besagt u. A.. „Der Unterricht das ■icht am Sonntage vor Beendigung deS HauptaottesoiensteS statt- fbtben.'* Ein Antrag der Abgg. Dr. Hartmann, Letocha, Möller und i. Stumm will dafür fetzen: „Am Sonntage darf der Unterricht »ur stattsinden, wenn die Unterrichtsstunden fo gelegt werden, daß die Schüler nicht am Besuche des HauptgotteSdiensteS ihrer Eonfesston gehindert werden. Ausnahmen von dieser Bestimmung kann .die Zentralbehörde für bestehende Fortbildungsschulen, zu deren Besuch ktiie Verpflichtung besteht, bitt zum 1. October 1894 gestatten."
Abg. v. DziembowSki-Pomtan begründet einen von den Polen gestellten Antrag, wonach der FortbtldunaSschulunterrtcht in denjenigen LandeStheilen, in welchen die Bevölkerung eine andere Sprache als die deutsche als ihre Muttersprache betrachtet, den Schülern i» ihrer Muttersprache ertheilt werden soll.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) begründet den Antrag Hartmann ». Gen. und spricht sich dabei im Prtncip gegen die Zwangtt-Fort- dtldungSschule aus.
Abg. Dr. SchLdler (Etr.) würde es als wünschenSwerth «achten, daß der FortbtldungSunterrickt nicht tn dte Admde, sondern i» die Arbeitsstunden gelegt werde. Sehr entschieden spreche er sich boa'gen au8, daß der FortbildungtzschulzMang auf Anstalten autt- Jedel)»l werde, in denen Unterricht in weiblichen Hand- und Haus arbesten ertheilt wird. Derartige Anstalten könnten gut wirken, der beste Lehrer sei hier aber die Mutter. Er beantragt in den Antrag Hartmann einzuschalten: „oder einen für sie besonders eingerichteten Gott Sdienst."
Abg. Wbllmer (dfr.) vertheidigt die obligatorische FortbildungS schule gegen Vorwürfe, die in der Commission ausgesprochen worden leint. Der Sonntag Vormittag sei für den FortbtidungSunterricht Unerläßlich. Dem religiösen Gefühl der Eltern und Kinder solle kein Zwang angethan werden. DieS werde erreicht, wenn man sich darum beschränke, auS-usprechen, daß kein jugendlicher Arbeiter gezwungen werden kann, während deS Gottesdienstes seiner Confefsion tzie Fortbildungsschule zu besuchen. Der Antrag Hattmann lasse befürchten, daß der Sonntag-Vormittag überhaupt verloren geht. DaS weibliche Geschlecht möge man nicht von der Wohllhat deS Gesetzes «uSnehmen. Endlich erklärt sich Redner gegen die Gleich berechttgung der Innungü- mit communalen FottbildungSschulen.
Abg. v. Münch (wilddem.) beantragt: „Der Unterricht muß an Gönn- und Festtagen so gelegt werden, daß die Arbeiter nicht am Bes»ch deS in die ortsübliche Zeit fallenden HauptgotteSdtenstes ihrer Goiseffion gehindert werden. Die zum Besuch dett Unterrichts ver-- pstichteten Arbeiter sind berechtigt, in die Zeit desselben fallende Gottesdienste ihrer Eonfesston zu besuchen."
Handelsmtnister Frhr. v. Berlepsch: Die Bestimmung über die obligatorische Fortbildungsschule sei ausgenommen, weil infolge etme« Erkenntnisses deü Kammergerichts der gesammte FortbildungS- toulunterritbt in Preußen in Frage gestellt sei. Um den früheren RechtSruftand wieder herzustellen, sei gesetzliche Regelung nöthig. Ohme Zwang sei hier nichts zu machen. Seitdem das Kammcrgertcht »»Sgesprochen, daß Niemand zum Besuch deS FortbildungSunterrtchtS Jezwungen werden könne, würden einige Fortbildungsschulen über; aupt nicht mehr besucht. Am richtigsten wäre es, den Fortbildungs- Unterricht aus zwei Nachmittage in der Woche zu verlegen; leider sei baß Nicht durchführbar; auch den sogen. HauöhaltungSschulen lege er Großen Werth bet.
Abg. Eberty (dfr.) tritt lebhaft für die obligatorische Durch- flbmng der Fortbildungsschulen ein. Man sollte die Frage regeln •b»e Verquickung mit kirchlichen Bestimmungen und deshalb empsiehlt Htbeer ben Antrag Gutfletsch (dfr) zur Annahme, wonach die Bestimmung, daß der FortbildingSunterrtcht nicht während deS Gottesdienstes stattfinden darf, gestrichen werde.
Ibg. Dr. Buhl (natl.) bekämpft einen von dem Abg. Auer «stellte» Antrag, wonach an Werktagen der Fortbildungsunterricht tot die Arbeitszeit zu verlegen ist; dieser Antrag wurde zur Folae haben, daß auch an den Orten, wo heute der Unterricht in der Woche stattfindet, er in Zukunft auf den Sonntag verlegt wird. Dagegen empfiehlt Redner einen Antrag Gutfleisch, die Beschränkung der Ve- LimmungdeSParagraphen auf die männlichen Arbeiter durch Streichung eel Wortes „männlichen" zu beseitigen.
Abg. Klemm-Sachsen (conf) bekämpft den Antrag Gutfletsch; ftr junge Mädchen set der Fortbtldungsunterrtcht entbehrlich; dieselben legten auch auf diesen Unterricht keinen Werth; es wird ihnen viel wichtiger erscheinen, fich zu verhetrathen (Heiterkeit) und da ist der FortbildungSunterricht nicht so sehr nöthig.
Hieraus vertagt sich daS HauS.
Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr. Tagesordnung: Fortsetzung bet soeben abgebrochenen Berathung.
Schluß 5>/4 Uhr.
Tb. Plenarsitzung. Donnerstag. 26. Februar 1891.
DaS Hauö setzt die zweite Berathung der Arbeiter schutzoorlage fort mit den Bestimmungen über die Fortbildungsschulen (S 120 der Vorlage.
Abg. Bebel (Soc) schildert die lange Arbeitszeit der Lehrlinge, Namentlich der Bäckerlehrlinge; wenn man die Schulzeit nicht In die Arbeitsstunden verlegte, fo werde der Unterricht nichts nützen, weil die jungen Leute abgefpannt zur Schule kommen. ES wäre nur in der Ordnung, wenn staatliche Fortbildungsschulen gegründet werden, wie sie in Sachsen und Württemberg bestehen. Der Sonntogtz- unterricht ist zu verwerfen. Dem Antrag Gutfletsch wird Redner zustimmer«, wonach der Unterricht nicht während des Gottesdienstes stattsinden soll.
BundeS-Eommtssar Geh. Reg.-Rath Lüders bekämpft die Verlegung der Unrerrtchtsstunden in die Arbeitszeit, da die Gemeinden in dieser Zett keine UnlenichtSlocale disponibel haben dürften.
Abg. Szm ula ((Mr.) bekämpft den obligatorischen Fortbtldunaö- unterrtcht; derselbe zeige schon jetzt bedenkliche Erschetnungen; die Schüler respecttren weder Lehrer noch Meister, besudeln die Schulbänke und versehen diese mit den gemeinsten Zeichnungen. In keinem Falle dürfte die Fortbildungsschule dem Gottesdienste vorangestellt werden. Die Kirche befchästtge sich mit den zukünftigen Dingen, die Schule nur mit den gegenwärtigen.
Butides-Eommissar Geh. Rath LüderS bestreitet dem Vorredner gegenüber, daß der Fortdildungsunterricht namentlich in Schlesien so mangelhaft fei.
Abg. v. Unruh-Bomst (RchSp.): Daß die Fortbildungsschule bei der national polnisch gesinnten Bevölkerung in der Heimath deS Abg. Szmula nicht sonderlich beliebt ist, sei zwar richtig; trotzdem wirken diese Schulen auch dort segensreich; die jungen Leute lernen Deutsch sprechen, schreiben und empfinden. Da« sei ein großer Vortheil für sie.
Abg. Dr. Gutfletsch (dfr.) hält den socialdemokratischen Antrag für unannehmbar. Der obligatorischen Durchführung der Fortbildungsschulen kann ntan nur zustimmen. Unannehmbar sei auch der Antrug Hirtmann (cons). welcher die für den Besuch deS Gottesdienstes nöihige Zeit freUuffen will. Der Eonflict zwischen Kirchen- und Schulzeit könne allein dadurch beseitigt werden, daß man de« Schüler die Wahl überläßt, ob er während der Stunden deS HauptgotteSdiensteS die Schule besuchen wrll ober nicht. Im
Klebrige» kann «an diese ganzen Bestimmungen über die F ellaffung der Gattesdienststundm völlig entbehren. Redner empfiehlt seinen in diesem Sinne gestellten Antrag.
Abg. Stöcker (cons.) nimmt die Innungsschulen in Schutz gegen die Angriffe der Socialdemokraten; der Verfasser des Buche« „Die Frau und der SoctaliSmuS" habe mit diesem BuchejedeSRecht verwirkt, ein UrtheU über die HaushaltrmgSschulen für Mädchen zu haben. Während des Gottesdienstes soll fein Schulunterricht gegeben werden, denn daS heißt: Unterricht und Wtffen ist wichtiger als Religion. Die Kinder, welche bet der Einsegnung geloben, die Ordnung der Kirche zrr halten, müffen am nächsten Sonntag in die Fortbildungsschule und werden irre an ihrer religröseN Empfindung. Wir stehen hier vor einem wichtigen Prtncip, nämlich ob am Sonntag die Kirche ober die Schule bet Vorrang haben soll. Sic haben für die Schule sechs Tage. Lassen Sie den fiebenten Tag für die Kirche frei.
Abg. Heine (Soc): Die Kirche hat bisher für die Arbeiter nichts gethan; sie schützt dm Arbeiter nicht vor der Ausbeutung. Wtffen gehe über Religion und Wtffen werde die Kirche, namentlich die des Herrn Stöcker, tobt machen. (Lachen rechts!) ES handelt sich hier um die Frage, ob der junge Mann ein Ausbeutungsobject für seinen Meister ist. Diese Frage wird in den zahlreichen Peti> Honen bejaht, welche die Fortbildungsschule beseitigen. Man verweist aus Frankreich, wo fein Zwang bestehe. DaS ist richtig; aber dort bestehen Prämien; in Deutschland Haden wir Ptämtm blos für die Zuckersabrikanten»und Brenner; für Arbeiter gibt es nur den Zwang. Woher kommt e«, daß unser Kunstgewerbe mit dem französischen nicht concurriren kann? Einfach daher, weil wir unsere jungen Leute nicht so ausbtlden können, wie in Arankreich die jungen Leute auSgebtldet werden. Will man für die Schulen etwas thun, so lasse man den Unterricht in der Woche und am besten in den Arbeitsstunden stattfinden.
Abg. o. DziembowSki-Pomtan (Pole) befürwortet den Antrag der Polen, daß der Fortbildungsunterricht in Gegenden, wo nicht deutsch gesprochen wirb, in der Muttersprache der Bevölkerung ertheilt werden soll.
Abg. Dr. Drterer (Etr.): Das Fortbildungsschulwesen in Süddeu'.schland hat fich sehr gut entwickel! und steht dem der französischen Schulen nicht nach. Wir sollen nur nicht vergesse», daß mit dem Wtffen das Erziehungöwerk bei dm jungen Leuten nicht beendet ist, sondern daß Wissen unb Religion sich gegenseitig durchdringm müssen unb baß die Liebe zu Religion unb Kirche in ihnen geweckt werben muß. Der soctalbemokratrsche Antrag ist dem Redner sehr sympathisch, scheint ihm aber praktisch nicht durchführbar. Den jungen Mädchen schadet der Fortdildungsunterricht nicht; er ist später, wenn sie zur Ehe schreiten, von Wichtigkeit, Vermindert die Ursachen, welche Unfrieden in der Ehe erzeugen. Daß Herr Bebel fich zum Ber- theidiger Der Ehe aufwirft, ist ein Beweis, daß die Herren ihre Stellung je nach ben Verhältnissen zu ändern wissen.
Abg. Dr. Eberty (bfi.) ist verwundert, daß diese Debatte über die staatliche Regelung des Fortbilbungsschulwesens sich auf daS religiöse Gebiet hinüberzuspielen droht. (Widerspruch!) Die Fürsorge für die Arbeiter kann keine Partei alS Monopol für sich in Anspruch nehmen. Wenn die Innungen einmal im Stande fein werden, aus eigenen Mitteln etwas Gemeinnütziges zu schaffe», so wird ihnen die Anerkennung nirgend vorenthalten werden. Der kirchliche Sinn schützt die Massen nicht vor Aberglauben, Intoleranz und Verhetzung, wie wir das erfahren haben. Es empsiehlt sich die Annahme des Antrages Gutfletsch.
Abg. Dr. Hartmann (cons.) präcistrt kurz SiN», Ztel unb Zweck bett unter seinem Namen gestellten conseroattoen Antrages.
Hierauf wird die Debatte geschloffen.
Bet der Abstimmung des Paragraphen werden angenommen der Antrag Hartmann (cons.) mit dem Unterantrag vr. Schädl er (Etr.). Danach müssen beim Fortbtldungsunterrtcht die Schulstunden so gelegt werden, daß bie Schüler nicht gehindert werden, den Haupt- gotteSdienst ober ben für sie eingerichteten besonberen Gottesdtenst ihrer Eonfesston zu besuchen. Ausnahmen von dieser Bestimmung kann die Eeniralbehörde für bestehende Fortbildungsschulen, zu deren Besuch keine Verpflichtung besteht, bis zum 1. October 1894 gestatten.
Ferner wird angenommen ein neuer Absatz nach dem Anträge Hartmann, welcher die Besucher von anerkannten Fach- und Jnnungs- schulen vom Besuch der Fortbildungsschule entbindet. — Mit diesen Zusätzen wird $ 120 genehmigt.
Hieraus vertagt sich daS Hau«.
Nächste Sitzung Freitag 12 Uhr: Etat.
Schluß 58/< Uhr.
Neunte Nachrichten.
Wolffs «^graphisches Lorrespovdmz-BuremL.
Berlin, 26. Februar. Der „Kreuzzeitung" zufolge ist der UnterstaatSsecretär im CultuSministerium, Barkhausen, zum Nachfolger des am 1. Mai in den Ruhestand treteuben Präsidenten des evangelischen Oberkirchcnraths, HermeS, ernannt worden.
Hamburg, 26. Februar. Die strikendett Heizer und Trimmer von Hamburg und Umgegend hielten gestern Abend eine Versammlung ab, in der sie beschlossen, den Lohn- kamps fortzusetzen und die Direction der Packetsahrtgesellschast zu ersuchen, bei den Anmusterungen von Feuerleuten „befahrene" zu bevorzugen. Wenn in drei Tagen keine Antwort eintrifft, soll der frühere Generalstrike wieder an die Stelle der pailtcden Arbeitseinstellung treten.
Hamburg, 26. Februar. Dem „Hamburger Cvrresp." zufolge hatten einige Matrosen der „Augusta Victoria" im Hafen Konstantinopels heimlich das Schiff verlassen, um sich zu amüsiren. DaS Boot kenterte, wobei der Stewart Sing (Berlin) ertrank. Ein ausgesetztes Boot rettete die Uebrigen, darunter vier Matrosen des Dampfers „Loreley".
Strasjburg, 26. Februar. Gestern Abend sand bei dem Statthalter Fürsten Hohenlohe ein parlamentarisches Festessen statt, an welchem die Spitzen der Eivil- und Militärbehörden und die Mitglieder des LandeSausschusseü — im Ganzen ungefähr 90 Personen — theilnahmen. Bei der Tafel brachte der Statthalter das erste, mit Begeisterung ausgenommene Hoch aus Seine Majestät den Kaiser aus und hielt sodann eine längere Ansprache, in welcher er der Freude Über das Vertrauen und die loyale Gesinnung der Bevölkerung Ausdruck gab; auch das Vertrauen zu den besseren Absichten unseres westlichen Nachbarn sei gesteigert, das srüher gestört und Maßregeln veranlaßt habe, die theilweise noch auf dem Lande lasteten. Auf beiden Seiten sei Hoffnung vorhanden, zu normalen Zuständen znrückzukehren. Zum Schluffe bemerkte der Statthalter gegenüber den über seinen Rücktritt verbreiteten Gerüchten, er werde auf dem Posten bleiben, solange er daö Vertrauen Sr. Majestät des Kaisers besitze. Die Ansprache schloß mit einem Hoch aus Elsaß^Lothringen und die Vertreter im LandeSausschUsse. Der Präsident deS AuSschuffes Dr. Schlumberger toastete hieraus aus den Statthalter.
Klauseuburg, 26. Februar. Eine Versammlung der Rumänen nahm einen Protest gegen das Gesetz, betreffend
die Kinderbew«hranftalten, an. Aus der Straße harte fich eine größere Menschenmenge angesammelt, welche von der Polizei am Eindringen in den Saal verhindert wurde.
Pari«, 26. Februar. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich besuchte heute früh mit I. K. Hoheit der Prinzessin Margarethe in Begleitung der Eomtesse Marie Münster und des Grafen Seckendorff die Notredarne-Kirche, das Cluny Maseum und den Luxembourg - Garten und nahm hieraus bei de« Militärattache der englischen Botschaft, Oberst Talbot, das Frühstück ein.
Paris, 26. Februar. Mehrere Boulangiften sind nach Brüssel abgereist, um mit Rochefort und dem dort ein» getroffenen Boulanger zu conferiren.
Lyon, 26. Februar. Die Glasfabrikanten weigern sich entschieden, die Forderungen der Arbeiter zu erfüllen,- sie sind entschlossen, die Fabrikation hierorts ganz auszugebea. Es verlautet, sie würden für den Schaden von etwa zwei Millionen von dem Syndicat der französischen Glasfabrikanten entschädigt werden. Die Zahl der Strikenden beträgt gegenwärtig etwa 2000.
Londan, 26. Februar. Auf den Gruben von Silkswort h fanden heute erneute Unruhen statt. Eine zahlreiche Menge stürmte gegen die Häuser der Aufseher, zerschlug Thüren und Fenster und lief bei Ankunft der Polizei auseinander.
Loudo«, 26. Februar. „Daily News" meldet aus Liffa- bon, daß die portugiesische Regierung in den ostafrikanischen Colonien völlige Religionsfreiheit gewährleistet; in de» Vertrag mit der Mozambiquegesellschaft ist eine diesbezügliche Clausel eingesetzt worden.
Portsmouth, 26. Februar. In Gegenwart der Königin sand heute die Taufe und der Stapel lauf zweier neuer Panzerschiffe, des „Royal Arthur" und des „Royal Sovereign" statt, von denen das letztere das größte Panzerschiff der Welt ist. Der Feierlichkeit wohnten ferner der Prinz von Wales und alle übrigen königlichen Prinzen, sowie eine überaus große Menge Zuschauer bei. Die Stadt hatte Flaggen schmuck angelegt und es herrschte überall große Begeisterung.
Rom, 26. Februar. Gestern begann der Prozeß gegen die Anarchisten Calzoni, Pedroni und Penacor, die an« geklagt sind, den König im Januar 1889 durch ein Schreiben auf gefordert zu haben, vor dem 21. März abzudanken, widrigenfalls er durch Dynamit in die Lust gesprengt wärde. Die Angeklagten leugnen.
Rom, 26. Februar. Der König ernannte zu Unter« staatssecretären die Abgeordneten Frola (Schatz- ministerium), Salandra (Finanzministerium), Pulle (Unterrichtsministerium), Pascolata (Postministerium). — In Florenz theilte der Sindaco dem Munizipalrath mit, der öffentliche Gesundheitszustand sei wieder ein normaler. Die eingesetzte Specialcommission fand nunmehr das Trink,wasser gut.
Konstantinopel, 26. Februar. Beim Sultan fand geftern Abend zu Ehren des Prinzen Schaumburg und der Prinzefsin Victoria ein großes Galadiner statt. Der Sultan verlieh der Prinzessin den Großcordon des Schesekat- ordens in Brillanten, dem Prinzen den Großcordon bett OsmanieordenS. Der Prinz und die Prinzessin reisen Abends über Wien zurück. — Der Schnelldampfer „Augusta Victoria" ist mit den Paffagieren heute früh nach dem Piräus ab- gedampft.
Washington, 26. Februar. Ueberschwemmungen und Unwetter werden von überallher gemeldet. Biele Menschen find im Wasser umgekommen. Großer Schaden ist in der Stüdt Tuma (Arizona) verursacht worden, indem der Damm, welcher gegen den Fluß Gila errichtet wurde, fort- gerissen wurde. Die Bewohner sind obdachlos. Die Flüffe Gila und Colorado steigen beständig.
Rio de Janeiro, 26. Februar. (Meldung des Bureau Reuter.) Marschall Deodoro da Fonseca ist mit geringer Majorität zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Brasilien für vier Jahre gewählt worden.
Rio de Janeiro, 26. Februar. Der Präsident Fo n seka leistete heute vor dem (Songreffe den Eid und hielt später eine Revue ab.
Rio de Janeiro, 26. Februar. Zum Vicepräsiden- ten der Republik wurde General Floriono Peixoto gewählt.
Locale» and provinzielle».
Gießen, 27. Februar.
— Samstag den 28. Februar l. I., Nachmittags 3 Uhr, findet eine öffentliche Sitzung des Kreisausfchnße- deS Kreises Gießen im Regierungsgebäude statt, in welcher eine Reclamatio» gegen den Voranschlag der Gemeinde TreiS an der Lumda zur Verhandlung gelangen wird.
— Unter den im Staatsvoranschlag für das Groß- herzogthum Heffen vorgesehenen Straßenbauteu befinden fich u. A. folgende Bauten: Verbreiterung der Wiefeckbrücke in Gießen (Neuenwegerthor) mit 7000 Mk., Erneuerung der Trottoirplatten der Lahnbrücke mit 5500 Mk.
w. Theater. Die letzte Abonnementsvorstellung war nicht gerade das, was man als glänzenden Abschluß zu bezeichnen pflegt. Ein so seines Schauspiel, wie eS die — übrigens nicht durchweg glückliche — dramatische Bearbeitung von O h n e t S „H ü 11 e n b e s i tz e r" ist, muß sehr fein gegeben werden, um zu wirken. Und daran fehlte es gestern nur zu sehr. Schön und ergreifend, wie zum ersten Male, war das Spiel von Frl. Elisabeth Bischofs als Claire, und ebenso dasjenige des Herrn Rudolf Bicbrach (Derblay) wahr und treffend. Sonst füllten noch in ihren kleineren Partien Frau Anni Reiners (Susanne), Frl. Unger, Herr Goull on (Octave) und Frl. Antonie Roland (wenigstens dem Spiele nach) ihren Platz entsprechend auS. Alle übrigen Mitwirkenden konnten dagegen nicht befriedigen- bei ihnen macht sich schon in der mangelhaften äußeren Beherrschung ihrer Rollen eine gewisse Ferienstimmung geltend. Dazu kam bei Herrn Winolt noch, daß er seinen Herjog


