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Mr. 171. Zweites Blatt. Sonntag den 26. Juli 1891
Der tdltut >»|dg<€ erscheint täglich, Mit Ausnahme de- Montags.
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2lmilid?er Theil.
Nr. 23 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben den 20. t). M., enthält:
(Nr. 1969.) Verordnung zur Ausführung des Patent- gesetzes vom 7. April 1891 und des Gesetzes, betreffend den Schutz von Gebrauchsmustern, vom 1. Juli 1891. Vom 11. Juli 1891.
(Nr. 1970). Uebereinkommen zwischen dem Deutschen Reich und den Niederlanden zum Schutze verkuppelter weiblicher Personen. Vom 15. November 1889.
Gießen, den 24. Juli 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Zu den Versöhnnngsvorschlägen zwischen Deutschland und Frankreich.
In der seltsamsten Weise sind in den letzten Tagen erst Don französischen, dann von englischen und zuletzt sogar von einigen deutschen Blättern Versöhnungsvorschläge zwischen Deutschland und Frankreich gemacht worden. Daß eine Verhöhnung zwischen Deutschland und Frankreich an sich ein höchst löbliches Ziel sein würde, darüber kann ja nicht der geringste Zweisel herrschen, aber eine solche Versöhnung kann doch nur durch die Einsicht der Franzosen stattfinden und niemals dadurch, daß man die bekannten Wünsche Frankreichs in Bezug aus Elsaß-Lothringen erfüllt. Von den genannten Seiten geht man nun von der wunderbaren Anschauung aus, ■ daß Deutschland nur Lothringen an Frankreich abzutreten brauche, um die Franzosen zu befriedigen, während das Elsaß ganz ruhig bei Deutschland bleiben könne. Zeitungsstimmen, welche solche Anschauungen kundgeben, scheinen keine blasse Ahnung von den historischen Vorgängen zu haben, welche dem deutsch-französischen Kriege vorhergegangen sind. Schon im Jahre 1866 hat Frankreich, wie es Fürst Bismarck durch die Veröffentlichung französischer Vorschläge im Sommer 1870 bewiesen hat, an Deutschland, bez. an Preußen die Zumuthung gestellt, daß das ganze oder doch ein guter Theil des linken Rheinufers an Frankreich abgetreten werden möchte. Im Jahre 1867 fing dann Frankreich wegen Luxemburg, welches damals noch eine deutsche Bundesfestung mit preußischer Besatzung war, Händel an und Preußen gab damals nach, indem es seine Besatzung aus Luxemburg zurückzog und darein
willigte, daß Luxemburg neutral erklärt wurde. Im Jahre 1870 hat dann Frankreich in der ausgesprochenen Absicht, Deutschland zu demüthigen und die bayerische Rheinpfalz nebst Rheinpreußen zu annectiren, den Krieg erklärt und nichts konnte natürlicher sein, daß der Sieger bei dem Friedensschlüsse seine Bedingungen vorschrieb. Federfuchser und intrigante Frauen wie seiner Zeit auf dem Wiener Congreß 1815 durften allerdings die deutsche Abrechnung 1871 nicht verderben, dafür hatte der geniale Kanzler Fürst Bismarck Sorge getragen. Das übermüthige Frankreich mußte eben Elsaß und Lothringen an Deutschland abtreten, womit wir zwei alte deutsche Provinzen Wiedergewannen und den französischen Kriegsgelüsten einen Riegel vorschoben. Vielleicht wäre auch Metz bei Frankreich geblieben, wenn die Franzosen nach Sedan Frieden geschlossen hätten oder wenn sie 1867 den norddeutschen Bund nicht zur Aufgabe der Grenzsestung Luxemburg genöthigt hätten. Von Frankreich selbst verschuldet und durch die eisernen Würfel entschieden ist also das Schicksal Elsaß-Lothringens und über alle Maßen müßig ist es, wenn auswärtige oder gar vereinzelte deutsche Blätter meinen, man könnte die Franzosen durch die Zurückgabe von Lothringen versöhnen, das Elsaß würden die Franzosen dann schon Deutschland gönnen. Wer bürgt denn uns dann dafür, daß nicht nach fünf Jahren die Franzosen auch das Elsaß begehren und nach zehn Jahren das ganze linke Rheinufer?! Mit Ländercompensationen läßt sich zwischen Frankreich und Deutschland keine Versöhnung stiften, dazu sind die Verhältnisse nicht angethan, sondern nur durch Einsicht und Gerechtigkeitssinn ließe sich ein derartiges Ziel erreichen.
Univerfitäts - Nachrichten.
— Dr. Francois Heymans vom Physiologischen Institut der Berliner Universität hat die Professur für Arzneimittellehre an der Universität Gent übernommen.
— Prof. Heinrich Hottzinger in Tübingen ist als Ordinarius für Kunstwissenschaft on die technische Hochschule zu Hannover berufen worden.
Schisfsnachrichten.
Bremen, 23. Juli. sPer transatlantischen Telegraph! Der Schnelldampfer Werra, Eapt. E. Pohle, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 14. Juli von Bremen und am 15. Juli von Southampton abgegangen war, ist gestern 8 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.
Bremen, 23. Juli. (Per transatlantischen Telegraph.!
Der Postdampfer America, Capt. A. Kohlmann, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 9. Juli von Bremen abgegangen war, ist gestern 6 Uhr Morgens wohlbehalten in Baltimore angekommen.
Landwirthschafiliche Minke und Rathschläge.
A A«S Oberhefle«, in der zweiten Halste des Juli.
Beiträge zur Einbringung der Getreideernte. — Ber- haltungSmatzregeln bei Einbringung des Kleeheues. In unserem letzten Berichte wurde nachgewtesen, daß die Art und Weise, wie bei uns die Garben gebunden werden, unrichtig ist. Aber nicht blos dieses ist es, auch das auf Haufen setzen oder in Puppen bringen ist unrichtig und es sind In Molge dieser unrichtigen Erntemethoden während nasser Sommer tausend und abermals tausend Centner Getreide und Stroh verdorben und ausgewachsen.
Tadeln ist leicht, aber Bessermachen ist schwer, sagt vielleicht mancher freundliche Leser, indem er bedenklich den Kopf schüttelt. Es gibt aber eine bessere, billigere und einfachere Methode, die kurz angedeutet und besonders auch den kleinen Landwirthen empfohlen werden kann und soll.
Das Seilstroh ist heutzutage theuer. weil nur das beste Kornstroh dazu genommen werden kann. Aus diesem Grunde nimmt der kleine Landwirth gar kein Seilstroh mehr, sondern bindet das eingeerntete Getreide in sein eigenes Stroh. Dies geschieht in der Weise, daß der Garbenbinder eine Parthte Getreidehalme, 10 bis 15, in jede Hand nimmt, einen Knoten macht, genau io, wie es bei dem Seilstroh auch gemacht wird, um alsdann sofort das Getreide aufzusammeln und in dieses Seil zu binden.
Die Garbe wird in diesem Seile viel weniger dick, weil zu demselben nicht die ausgeschüttelten längsten Halme verwandt werden können; sie darf auch nicht zu fest zusammen geknebelt werden; sie ist also wesentlich weniger schwer, als unsere un'ärmlichen Garben und das Ausgabeln aus den Wagen und das Ablade« in der Scheuer ist bei weitem nicht so anstrengend und ausreibend.
Sind die Garben gebunden, so werden sie, entweder weil in der Scheuer kein Platz ist, ober damit die Früchte Nachreifen sollen, auf Haufen ober Pupven gesetzt. Das Auspuppe« ist zeitraubend und bietet doch die Sicherheit nicht, die man von ihm erwartet, denn der vorige Sommer 1890 bat bewiesen, daß das Getreide auf den Puppen nach wochenlangem Regen ausgewachsen ist.
Die einfachere Methode ist: Die Garben werden auf die Köpfe, also mit den Achren in die Luft gestellt und leicht gegen einander geneigt, so daß sie sich gegenseitig etwas Halt bieten. Bei dieser Stellung muß der Regen stets aus den Aehren nach unten in die Halme ziehen und wenn die Lust nur wenig streicht, ist die locker gebundene Garbe in kurzer Zeit trocken. Bei der Puppe ist die Sache anders. Der über die Garbe gestülpte Hut schützt allerdings längere Zeit vor dem Eindringen des Regens. Wenn die Nässe aber wochenlang anhält, wie es im vorigen Jahre der Fall war und wie wir im Juni und Juli dieses Jabres Proben hatten, dann durchdringt die Feuchtigkeit die ganze Poppe; der Hut, der sie anfangs von außen zm ückbielt, halt sie jetzt im Inner« zurück, es entsteht sehr bald Fäulniß und Gähruna, weil die Nässe keinen Weg zum Abziehen und Verdunsten hat, die Puppe kann unmöglich wieder
Feuilleton.
Neber die Anfänge des Eisenbahnwesens giebt das erste Heft des dritten Jahrganges der illustrirten Wiener Halbmonatsschrift „Der Stein der Weisen" eine ebenso lehrreiche wie ergötzliche Uebersicht. Einen Tunnel von 1,6 Kilometer Länge versah man in den dreißiger Jahren mit acht Luftschächten, damit die Passagiere nicht erstickten; die Geleise wagte man zuerst nur streng horizontal zu führen; die Wagen waren noch um das Jahr 1840 förmliche Kutschen und der Schaffner saß aus einem Bock. Der vortreffliche Lisi, der sich für die Einführung der Eisenbahnen in Deutschland ein so großes Verdienst erwarb, dachte sich einen Eisenbahnzug mit einer Fahne auf der Locomotive. Der Loco- Aiotive folgten Kohlenwagen, in welchen die Kohle wie ein Postpacket 'zusammengebunden liegt, dann kommt ein zweistöckiger Omnibus, auf den Seiten offen. Dem Omnibus folgen Kaleschen mit Rädern (!), in welchen die Passagiere mit Sonnen- oder Regenschirmen sitzen. Die erste Fahrt von Leipzig über Wurzen nach Dahlen (43 Kilometer) und zurück dauerte von Morgens 7 Uhr bis Nachmittags halb 2 Uhr und wird von einem Mitreisenden folgendermaßen beschrieben: Wir fuhren im zweiten Wagenzuge um 7 Uhr Morgens von Leipzig ab und erreichten Wurzen ungefähr in dreiviertel Stunden. Hier sollten die Locomotiven neue Füllung erhalten, was bei der des ersten Wagenzuges in einer halben Stunde bewerkstelligt wurde. Nachdem wir hierauf gewartet hatten, sahen wir den ersten Wagenzug weiterfahren und den Anfang mit der Füllung unserer Locomotive machen. Hierzu war ebenfalls ungefähr eine halbe Stunde erforderlich und wir brachten auf diese Weise ungefähr eine Stunde in Wurzen zu und zwar im Wagen, La wir nicht aussteigen dursten, weil durch das Aus- und Einsteigen zu viel Zeit verloren geht. Nach diesem Aufenthalte langten wir nach 9 Uhr 15 Min. in Dahlen an; um H Uhr 45 Min. läutete die Glocke wieder zur Rückfahrt.
Nachdem alle Fahrgäste ihre Plätze eingenommen hatten und die Wagenthüren sorgfältig verschlossen waren, kam unsre Locomotive, die bisher müßig dagestanden, an unsere Seite und begann kaltes Wasser einzunehmen, was — inbegriffen mit der Zeit, die zur Entwicklung der Dämpfe von kaltem Wasser nöthig war — ungefähr dreiviertel Stunden dauerte. Obgleich die Locomotive, so wie bei der Füllung in Wurzen, nicht vor dem Wagenzuge stand, sondern auf der Seitenbahn, so war den Fahrgästen dennoch auch diesmal nicht gestattet, auszusteigen, wir verbrachten daher wieder ein Stündchen wartend im Wagen. 10 Uhr 30 Min. bewegte sich der Zug endlich in mittelmäßiger Schnelle bis Wurzen, wo die Locomotive durch falsche Weichenstellung in den Sand fuhr. Während des Herauswindens wurde es uns erlaubt, die Wagen zu verlassen, und bei unserer Rückkehr fanden wir eine andere Locomotive, den „Columbus", vorgespannt, der uns ungefähr in der Schnelle eines mäßigen Schritts bis zum Macherner Einschnitt führte, dort aber seine Thätigkeit gänzlich einstellte. Wir ruhten hier ein Viertelstündchen und fuhren dann wieder langsam weiter, bis uns eine andere Locomotive entgegenkam, die uns rasch nach Leipzig ftihrte, so daß wir um 1 Uhr 30 Min. Nachmittags daselbst eintrafen."
Eine „rührende Geschichte"
spielte sich letzthin am Pferdebahnhaltepunkt vor dem Criminal- gerichtsgebäude zu Berlin ab. Ein junges Mädchen, das, worauf der an ihrem Arm hängende umfangreiche Carton hindeutete, in irgend einem Geschäfte bedienstet war, wartete an der genannten Stelle auf den Pferdebahnwagen, der sie nach dem Innern der Stadt führen sollte. Der Andrang der Fahrgäste war gerade ein sehr starker, die ankommenden Wagen waren vollständig besetzt, und das Mädchen entschloß sich endlich, ihren Weg zu Fuß sortzusetzen. Ihr Schicksal schien ein Herr theilen zu sollen, der vor einigen Minuten aus dem Gerichtsgebäude gekommen war und ebenfalls am Halteplatz wartete. Nachdem er das junge Mädchen auf
merksam betrachtet hatte, schloß er sich ihm, als es weiter ging, an, indem er unter höflicher Verbeugung seinen Namen nannte. Das bleiche Gesicht der Angeredeten bedeckte im Nu tiefes Roth; sie starrte den Herrn an und sagte tonlos: „Sic sind es, Alfred?" — „Ja", rief er in freudiger Erregung, ergriff die freigebliebene Hand des Mädchens, „ich bin Alfred, ein Arzt mit reichlicher Praxis, und Du?" — „Ich stehe auch aus eigenen Füßen, seit — des Vaters Tod," erwiderte sie mit zitternder Stimme. Des Doctors Blick streifte den Carton. „Armes Kind, ich versiehe", sprach erweich, „das Schicksal ist Dir rauh geworden. Hast Du noch meiner gedacht, als Dein Vater dem armen Studenten das aristokratische Haus verboten hatte?" Das Mädchen schwieg. „Hast Du meiner noch gedacht?" wiederholte er dringlich, und sie versetzte leise: „Ich war stets unterrichtet, wie es Dir ging, und wie Du immer unbändiger geworden seist. Seit zwei Jahren aber hörte ich nichts mehr von Dir. „Ja", bestätigte er, „ich wurde noch unbändiger, als ich — Dich verloren hatte." Das junge Paar ging schweigend weiter über die Moltkebrücke nach dem Königsplatz. Vor der Siegessäule blieb der Doctor stehen. „Helene", sagte er, „ich möchte Dich recht bald wiedersehen." Sie nickte. „Aber", fuhr er fort, „schwöre mir diesen Augenblick, daß Du mein Weib werden willst. Schwöre sofort! Wenn nicht, so gehe ich nach Afrika." Sie lächelte, wie über einen Scherz; als sie aber in das Antlitz Alfreds sah und den feierlichen Ernst in den Mienen gewahrte, stürzten die Thränen hervor; sie erfaßte seine Hand und hauchte: „Ich darf nicht!" „Bindet Dich ein gegebenes Wort an einen Andern?" rief er so laut, daß der Invalide an der Säule aufmerksam wurde. „Nein", entgegnete sie, „aber — meine Dürftigkeit — nein, ich darf nicht!" „Dann bist Du mein! mein!" jubelte der Doctor. „Dieser Kuß verlobt uns, und er riß das junge Mädchen an sich." „Der Himmel ist Zeuge und dies erhabene Denkmal so herrlicher Siege!" fügte er hinzu. „Und ick ooch, zu Be-^ fehl!" schnarrte der Invalide, der gutmüthig lachte.


