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Donnerstag den 26. Febr.
Giehenev Anzergev.
Beilage zu Rr. 48. - 1891.
Feuilleton.
fier einzige Sohn.
Novelle von I. Bonnet.
(8. Fortsetzung.)
US Fant zu Scenen, doch hatte sie den Triumph, zu bemerke«, daß er vor der Gerechtigkeit ihrer Sache mit einer ungewohnten Aengstlichkeit zurückwich und sich größerer Aufrichtigkeit zu befleißigen suchte, wenigstens wo er sich sürchten mußte, von ihr durchschaut zu werden.
Dies ermunterte sie, und wie bei allem, was sie sich vornahm, setzte sie in edlem Eifer für ihn das Werk unentwegt fort. Darüber ward ihr auch das Herz wärmer gegen ihn. Der, für den man ernstlich sorgt, bleibt einem nicht fremd und gleichgiltig. Mit der wachsenden Theilnahme en seinem Wohle quillt gleich dem Born aus verborgenen Liefen die Liebe hervor, nicht gleich die, deren Wonnen die Dichter preisen, sondern die Liebe, welche ihrer selbst vergessend, alles glaubt und hofft und duldet.
Ein wärmender Sonnenschein strömte ihm von ihr aus und warf sein goldiges Licht über jeden seiner Tage, ob er ihn gut oder übel verlebte. Wenn sie seiner habhaft ward, was je länger desto seltener geschah, sah er sich gebannt durch ihr Geplauder über die gemeinsamen täglichen Interessen. Hätte ihn nicht eine innere Schwerkraft stets wieder hinabgezogen von ihrer lichten Höhe, so würde er unter ihrem veredelndem Einflüsse ein wundersames neues Leben in sich haben spüren müffen.j
Einmal gewann sie ihm unter der Mitwirkung Tante Jettchens, die zum Besuche da war, den Entschluß ab, mit ihve« den ersten Sonntag des Beisammenseins durch einen Kirchgang zu feiern. Nachmittags kamen Gäste aus der Stadt. Man saß in dem Saale, dessen offene Thüren nach dem Garten und darüber hinweg nach der ferne dämmernden Stadt die Aussicht frei gaben. Er, der sich gerne selbst reden hörte, führte das große Wort. Auch des Gottesdienstes gedachte er und bot als pikanten Ohrenschmaus eine angebliche Stelle der Predigt dar.
„Ich war wie angedonnert!" rief er mit künstlicher Erregtheit.
„Er war wie angedonnert!" entfuhr es seiner kleinen Frau, und unwillkürlich hielt sie das Gelächter des Beifalls zurück. „Er war wie angedonnert! Und er hat geschlafen! Geschlafen, daß mir angst und bange ward."
Arthur wollte verletzt auffahren. Aber sie hatte das nicht blos ärgerlich, sondern zugleich mit solcher Komik herauS- gestoßen, daß nun ein allgemeines, lustiges Auflachen seinen Zornausbruch verschlang und ihr Beifall gab. Auch schmeichelte ihm die steigende Achtung, die ihr als seiner Frau zufiel. Sie wußte sich unvermerkt eine Geltung zu verschaffen, die ihn mit ihr erhob.
Die Gäste blieben spät. Eine herrliche Mondnacht ruhte über Garten und Gefilde. Da es draußen anfing, kühl zu werden, glimmte und summte das Feuer im Kamin. Die Gläser klangen Jin fröhlichster Stimmung zusammen. Alles war just, wie er es liebte, und als man endlich allein war, zeigte er sich zärtlicher als seit Langem.
Alle schliefen bis in die Tag hinein. Als am anderen Vormittag Arthur aus seinem Zimmer auf den fliesenbelegten Flur hinaustrat, trippelte eben Tante Jettchen die Treppe herab.
Frohgelaunt eilte er ihr entgegen.
„Wie geruht, Tantchen? Fehlt Dir auch gar nichts auf Deinem Zimmer, bist Du mit allem gut versorgt?"
„Ja, lieber Junge," sagte sie zögernd, während jetzt auch Mariechen zum Vorschein kam, „wenn ich offen sein soll, ein Kleiderständer wäre recht erwünscht. Man weiß nicht, wo man mit allen Sachen hinsoll."
Er schlug sich vor den Kopf.
„Ach, noch vor ein paar Tagen wollte ich den Tischler danach fragen. Ich habe schon so oft nach dem Kleiderständer geschickt."
„Du irrst wohl, Männchen," platzte die junge Frau heraus. „Du hast wahrscheinlich hinschicken wollen."-
Der Jnspector rief ihn in diesem Augenblicke eilig ab. Tante Jettchen, die erschrocken dreinschaute, zog die muthige Verfechterin der Wahrheit rasch an sich und flüsterte:
„Aber sage nur, liebes Kind, wie kannst Du Deinen Mann immer so verbessern wollen?"
„Weil es meine Pflicht ist, Tantchen. Wir sollen uns gegenseitig Gehilfen zum Guten sein."
„Aber nicht vor Fremden darfst Du ihm in die Rede fahren. Ja nicht! Das bessert nicht, sondern verletzt und beschränkt Deinen segensreichen Einfluß."
„Es ist unangenehm für den Zurechtgewiesenen. Aber desto sicherer und schneller wird er von schlimmer Gewohnheit lassen."
„Oder er wird verbittert und unzugänglich auf solche Weise. Nein, Herz, die Art ist nicht richtig. Du mußt es
mit ihm allein ausmachen und seine Fehler keinen anderen Augen preisgeben, auch mir nicht."
Sie küßte Mariechen herzlich auf die Wange.
„Versprich mir, liebes, edles Kind, um Deiner- imb seinetwillen anders zu verfahren. Mit Freude und Staunen sehe ich, welche segensreiche Macht hier von Dir ausgeht. Stint), ich danke Dir wahrhaftig, auch im Namen der Eltern. Gott lohne es Dir!"
Die geplanten Bauten und Neuerungen wurden in Angriff genommen. Um die bedeutenden Geldsummen, welche wie immer in solchem Falle die Kostenanschläge weit überstiegen, herbeizuschaffen, hatte Arthur immer wieder Geschäfte in der Stadt, und je öfter er in der Stadt war, desto länger blieb er dort hängen, wie der Vogel an der Leimruthe. Es vergingen manchmal Tage, ehe er wieder kam, und bann geschah es oft mit so verdorbener Laune, daß Mariechen ver- muthete, er habe im Spiel verloren.
Eine süße Hoffnung belebte sie. Sie fühlte sich Mutter und vertraute, ihr Kind werde vermögen, was ihr je länger, desto weniger gelang: den unstäten, wie von geheimen Mächten umgetriebenen Vater daheim festzuhalten.
Die Stunde kam, wo ein liebes kleines Wesen das HauS mit seinem Stimmchen, der holdesten Musik für Elternohren und -herzen, durchtönte. In süßer Schwäche und seligem Glücke lag die junge Mutter da, ihr Kleinod unter wonnigen Thränen ans Herz drückend. Es war ein Junge.
„Ein Junge!" rief der Vater in selbstvergessenem Glück. Er war wie vertauscht, als hätte er jetzt gewissermaßen ei« Recht auf sein häusliches Glück.
, Ein Sonnenstrahl für zwei Herzen, der als ein wundersamer Lichtglanz durch beider Augen schimmerte, war das Kindlein an der Mutterbrust.
Mariechen konnte lange Zeit nicht zu Kraft kommen. Der kleine Weltbürger hingegen, der einer Knospe glich, um deren Zukunft Frost und Gluth sich streiten, gedieh sichtlich und erfüllte alles mit immer neuem Entzücken.
Was Mariechen von seinem Dasein gehofft, schien in Erfüllung zu gehen. Arthur verweilte von jetzt an nicht lange mehr in der Stadt. Einmal sprach er es den Zech- genossen, die ihn festzuhalten suchten, geradewegs aus: „Mein Junge ruft mich. Es liegt auf mir, als könnte ein Unglück geschehen, wenn ich länger als nöthig ausbleibe." Da nannten sie ihn einen Kindernarren und Weiberknecht; er aber schlug heftig die Thüre zu, schwang sich aufs Pferd und jagte heim.
(Fortsetzung folgt.)
Dermtfctpte».
* «l,eq, 20. Februar. Eine auswärtige Conservensabrik läßt durch ihre Agenten mit den Landwirthen unserer Umgebung gegenwärtig Verträge abschließen wegen Anpflanzung von Erbsen. Die Fabrik will die letzteren in großer Menge zur Conservirung halbreif beziehen und den Centner mit 7 Mk. bezahlen. Das Saatgut soll von der Fabrik kostenfrei geliefert werden.
♦ Berlin, 20. Februar. Die Emancipations-Be- st re düngen der Frauen, wie sie in den Petitionen an die Parlamente zum Ausdruck kommen, nehmen einen immer weiteren Umfang an. Nachdem vor einiger Zeit der Reichstag um die Zulassung der Frauen zum Studium der Medicin und das preußische Abgeordnetenhaus um eine solche zum pharmaceutischen Studium ersucht worden waren, liegt jetzt dem letzteren eine Eingabe vor, in welcher die Errichtung eines Mädchenghmnasiums oder die Zulassung des weiblichen Geschlechts zur Ablegung des an den bestehenden Gymnasien eingeführten Maturitätsexamens in Antrag gebracht wird.
* Ein Bürger in Kirchheim, der während des nord- amerikanischen Krieges drei Jahre lang auf einem Kriegsschiffe Dienste that, hörte, daß Amerika den noch lebenden Kriegern oder deren Hinterbliebenen Pension bezahle. Er wandte sich an die Behörden und erhielt die Nachricht, daß er vom Tage der Anmeldung an jährlich 600 Mk. Pension erhalten werde.
* Als jüngst in Würzburg der Bürgermeister Vierheilig von Hain vom Schwurgericht von der Anklage des Meineids freigesprochen wurde, hat das Publikum nach der Verhandlung den Deuuneianten verfolgt, verhöhnt und ordentlich durchgebläut.
* Canth (Schlesien), 20. Februar. Die Kinder eines Arbeiters in Sachwitz, ein Mädchen von 14 und ein Knabe von 12 Jahren erkrankten in Folge Genusses von Hunde- sleisch an der Tollwuth. Bei drei anderen Personen, die von demselben Fleische gegessen haben, sind bis jetzt Anzeichen der Tollwuth nicht bemerkt worden.
Universität» > Nachrichten.
- Wik bas„L-ipz.T-gebI." mit,heilt, ist Geh. Rath Pr-s-stor Dr. Brentano, der Nachfolger auf Roschers Lehrstuhl, unter glänzenden Bedingungen nach München berufen. Es steht zu erwarten, daß alles aufgeboten werde, um Professor Brentano der Leipziger Universität zu erhalten.
— Aus Göttingen wird berichtet: Geh.Rath Professor Ferdinand Wüstenfeld, welcher mehr als 50 Jahre an unserer Universität als Bibliothekar thätig gewesen, beging am 10. d. M. unter allgemeiner Theilnahme sein 60jähriges Doctorjubtläum. Der Jubilar, geistig und körperlich frisch, ist 82 Jahre alt.
Literat«» «nö Kauft.
— Mehr Herz für- Volk! Von Lic. Paul Drews (1. Heft der evang. socialen Zeitfragen). Leipzig. Grünow. Preis 50 4-
Die unter obigem Titel erschienene Broschüre sei allen Lesern dieses Blattes angelegentlichst empfohlen. Diese Schrift bespricht die Frage, die heute alle denkenden Menschen bewegt, die Frage: wie kann der Riß entfernt werden, der breite Volksschichten in einem größeren Abstande trennt; wie läßt sich der Haß besiegen, der zweifelsohne Tausende unseres Volkes gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und gegen die „besitzenden Klassen" erfüllt? Der Verfasser beantwortet diese Frage nicht so, daß er irgend ein neues social- politisches Programm aufstellt. Vielmehr bekennt er, daß keine wie immer geartete Gesetzgebung jene Frage lösen wird, wenn wir nicht das zeigen, was der Verfasser an die Spitze seiner Ausführungen stellt: Mehr Herz fürs Volk! Es sind mannhafte Worte aus einem warmen Herzen, die eine reiche Erfahrung und eine scharfe
Beobachtungsgabe zeigen. Sie wollen uns vor Allem das Verständ- niß für die Nöthe des (hand-)arbeitenden Volkes, für seine Bedürfnisse, seine Ideale aufweifen und darthun, wie jeder Einzelne hier mtt- helfen kann, Wunden zu heilen und Segen zu stiften. Wie eS der Verfasser meint, mögen die Kapitelüberschriften der kleinen Schrift andeuten: 1. Die Liebe auch ein soziales Programm. 2. ES fehlt an Liebe! 3. Verkehrt mit dem Volk! 4. Gerechtigkeit gegen die Sünden des Volkes. 5. Achtung vor der Arbeit des Volkes! 6. Achtung vor dem Ehrgefühl des Volkes! — Die Schrift ist der weitesten Verbreitung uno Beachtung werth. Solche Mahnrufe sind uns noth! Niemand wird sie ohne reiche Anregung lesen. Wir möchten das kleine Heftchen gerne in der Hand eine« Jeden sehen, der mit Arbeitern zu verkehren hat. Und wer hätte das nicht, wenn er nur an seine Dienstboten denkt. Ebenso würde die Schrift manchen denkenden Arbeiter überzeugen, daß er noch Freunde hat in Kreisen, wo er sie leider oft am wenigsten sucht, und daß es da auch Leute giebt, die daS vor Allem Nöthigste haben: Ein Herz fürs Volk!
Gießen, 24. Februar. D----y.
S<biff»nad?rid?ten.
Bremen, 23. Februar. sPer transatlantischen Telegraph-! Der Schnelldampfer Saale, Capitän H. Richter, vom Norddeutsche» Lloyd in Bremen, welcher am 11. Februar von Bremen und am 12. Februar von Southampton abgegangen war, ist gestern 6 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.
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