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Freitag dm 25. December (Stegner Anzeigen. Beilage zu Rr

Feuilleton.

Der Ball ; u Teterow.

Humoreske von A. C. M.

(Schluß.)

Endlich lag derblaue Engel" in mäßiger Entfernung vor mir.

Nicht weit vomblauen Engel" wohnte ein guter Freund von mir, dem ich vor dem Balle einen kurzen Besuch abzu­statten gedachte.

Wir kamen ins Plaudern, die Zeit verging, die Thurm­uhr schlug ein Viertel nach Acht. Der Ball mußte schon begonnen haben, und ich war zur Polonaise engagirt. Ich ergriff meinen Hut und stürzte in rasender Eile die schmale ' Treppe hinunter, über den Markt, in denblauen Engel".

Todtenstille herrschte im Hause.

Ich kam also richtig zu spät!

Ich eilte in das Zimmer, durch welches man seinen Weg zum Saale nehmen mutzte. Der Erste, dem ich hier begeg­nete, war der Amtmann.

Sie sind nicht im Ballsaal?" ries ich ihm entgegen, um doch etwas zu sagen, denn mein Herz zagte in Erwartung der drohenden Blicke, die mich im nächsten Moment im Saale treffen mußten.

Ich warte auf meine Frau," entgegnete er.

Sie ist noch nicht da?"

Sie wird später kommen - sie hat Gründe, sehr wich« tige Gründe dazu."

Gleich daraus trat der Bürgermeister aus dem Saale zu uns.

Weiß der Himmel, daß meine Frau noch nicht kommt!" sagte er mürrisch.

Auch der Arzt gesellte sich zu uns. Seine Frau, die ihn sonst nie in eine Gesellschaft allein gehen ließ, war nicht an seiner Seite. Ich fragte nach ihr.

Nun, meine Frau will auch nicht die Erste sein, die hierher kommt. Und sie braucht sich auch nicht wegzuwerfen!"

So sagte meine Lina auch," warf Pieseke, der hinzu- Lrat, ein.Es ist nur schade, daß damit die Zeit verloren geht. Wir haben bereits halb Neun."

Wir traten in den Ballsaal. Gütiger Himmel, welch ein Anblick! Da standen fast sämmtliche Honoratioren von Teterow in Balltoilette, wie ein Regiment Ausrufungs­zeichen! Bestürzung, Zorn, Aerger war auf manchen Ge­sichtern zu lesen,- sie gehörten Männern an, die das Aus­bleiben ihrer Ehehälften, Schwestern, Cousinen, Geliebten nur noch mit Ungeduld ertrugen.

Doctorchen," rief der Assessor, sich durch die Menge zu mir drängend,weißt Du, was dies zu bedeuten hat."

Keine Ahnung!" rief ich erstaunt.

Nun denn, keine von den Damen wollte die Erste auf dem Balle sein, um nicht Anlaß zu spöttischem Gerede zu geben. Nun haben sie fast alle ihre Männer ober Brüder hergeschickt, um nachzusehen, ob schon Damen da sind, und warten nun darüber auf Bericht, um dann gleichfalls zu erscheinen."

Ein schreckliches Licht begann mir auszugehen. Ich er­innerte mich der Abendgesellschaft bei der^Frau Kreisrichter. Ich, ich war der Urheber dieses Unheils!

Ich möchte nur wissen, welcher Esel den Weibern die T°Uheit in den Kopf gesetzt hat," sagte Pieseke.Meine Frau unb meine Lina waren sonst immer allen voran, und nun s^he ich r«tib anderthalb Stunden hier und sehe mir die Augen nach ihnen aus!"

Wie sehr mich derEsel" kränkte- aber ich schwieg, ich litt, ich duldete ach! ich hatte ja nicht,frei von Schuld und Fehle bewahrt die kindlich reine Seele", ich war ja Schuld an Allem, wenn auch gegen meine Absicht.

Auch den Musikern war inzwischen die lange Zeit ge­worden- sie begannen zu spielen, die Klänge rauschten jubelnd, anregend, aber alles umsonst. Die Männer wußten nicht, was sie thun sollten- sie hatten strengen Befehl, die Ihrigen erft dann zu holen, wenn schon Damen da wären. Gruppen bildeten sich, Vorschläge wurden gemacht und verworfen.

(Sin Kellner trat aus dem nebenanliegenden Speifefaal und ein Gedanke schoß mir blitzschnell durch den Kopf. Etwas wußte ich doch thun, um wenigstens die armen Herren zu entschädigen. Ich schlug vor, in den Speisesaal zu gehen und bei einem Glase Wein weitere Entschlüsse zu fassen. Es ge­schah. Der Wein war gut, die Speisen, die zum Theile schon auf dem Tische standen, reizten - man trank sich wacker zu- die Kellner liefen dienstfertig hin und her- kurz, in wenigen Minuten soupirten wir vortrefflich - das undankbare Männer­geschlecht hatte die daheim harrenden Damen bald vergessen, und Zorn und Liebe, Aerger und Sehnsucht ertranken im goldenen Naß des Weins.

Wohl eine Stunde war so vergangen. Immer lebhafter tönte aus dem Ballsaale die Musik, während Trinklieder be­reits aus den weinbefeuchteten Kehlen an unserem Tische erschallten. Lustiges Kreischen und Jauchzen drang, anfangs kaum hörbar, bann stärker und stärker zu uns herein, Ge­räusch von Tanzenden. Was war das? Waren die Damen endlich doch gekommen? Hatten sie, entrüstet über die Ver­nachlässigung der Männer, unter sich den Ball eröffnet? Waren das Rufe verzweifelter Lustigkeit, womit sie den Schmerz ihrer Seelen übertäuben wollten? Ich schauderte und vom Muthe der Verzweiflung getrieben, stürzte ich in den Saal.

Welch ein Schauspiel!

Tänzer waren da und Tänzerinnen! Aber das waren nicht unsere Damen, nicht die Erwarteten! Da waren keine Fächer, keine Kränze, keine Schärpen und Handschuhe- da flogen nicht die Schöße der schwarzen Fracks nein, Haus­knechte, Diener, Köchinnen, Hausmäochen schwangen sich munter umher, unbekümmert um die trauernden Herrinnen und die pflichtvergessenen Männer.

Die Sache klärte sich bald auf. Lange hatten die Damen ZN Hause auf die abgeschickten Männer vergebens gewartet. Endlich hatten sie die Geduld verloren - eine nach der andern schickte die Dienerschaft in denblauen Engel", nach den Männern unb dem Balle zu sehen. Die Leute, durch die lustige Musik gelockt, feine von den Herrschaften in dem weiten Raume erblickend, benutzten die Gelegenheit zum Tanz, und überrascht, verwundert, erstaunt, sahen wir, was da vorging.

Was beginnen? Die Meinungen waren getheilt, die Köpfe zum Theile erhitzt. Einige wollten in Zorn und Wuth die Tanzenden von bannen jagen - andere wollten nicht über­eilen, erst benutzen- die jungen Leute hatten große Lust, sich unter die Tanzenden zu mischen. Der Oberamtmann gab

endlich den Ausschlag. Es fei am besten, die Leute gewähren ZU lassen und die Sache möglichst zu vertuschen, inzwischen aber die angeschänkten Flaschen zu leeren eine Auffor­derung, der inzwischen schon einige Unverheirathete zuvor­gekommen waren. Das gute Beispiel fand Nachahmung und bald saß alles wieder, trotz des Widerstrebens Einzelner, am Tische und poculirte weiter.

Dochmit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund ZU flechten und das Unglück schreitet schnell!" Plötzlich ver­stummte die Musik und der Lärm nebenan. Todtenstille! Da rüttelt es an den Thüren zum Speisesaal- wir springen ängstlich auf, der Schwarm der Tänzer war zerstoben und die Frau Brauereibesitzerin und die Frau Apotheker, die Frau Amtmann und die Frau Bürgermeister stellten sich unseren Blicken dar, zum Theil mit verweinten Augen, mit gerötheten Wangen, mit drohenden Blicken, hinter ihnen ein Dutzend Damen, Gattinnen, Mütter, Schwestern, Cousinen. Sie waren gekommen, um selbst zu sehen, selbst zu hören.

Welch ein Ocean von Vorwürfen, welch eine Fluth von Thränen, welch ein verzweifeltes Känderingen! Absichtlich hätten wir diesen Spectakel veranlaßt, sie beleidigt, gekränkt! Was half alles Protestiren unsererseits? Das Hebet ward nur ärger, Entschuldigungen, Bitten, Mahnungen Alles umsonst! Es war eine tolle, tragikomische Scene. Ich wünschte, die Erde möchte mich verschlingen - aber sie hatte kein Mitleid mit mir. Da gab es ein Dämon den Musikanten ein: sie spielten einen Galopp, schnell, schneller, das war kaum noch Spielen, sie rasten gleichsam auf den Instrumenten, bald ohne Tact- dazwischen Schreien, Weinen, Schluchzen ver­zweifelte Ehemänner entflohen ihren zornigen Frauen, ge­kränkte Frauen wandten sich kalt von ihren Männern, die wirre Gesellschaft begann sich zu lösen es war ein Kehraus, wie er selten einen Ball geschlossen haben mag.

Aber wer, zum Teufel," schrie der Brauer mit Stentor­stimme seine Frau und fünf Töchter an,wer hieß Euch auch, nicht die Ersten auf dem Ball fein zu wollen? Davon kommt all das Unheil her!"

Da sprach sie das verhängnißvolle Wort, sie, die Frau Kreisphysikus, den Händedruck unter dem Tisch vergessend:

//Der war es, der, der Doctor! Er sagte, daß es in der Residenz so"

Man erlasse mir das Weitere. Der Blitzableiter für das Gewitter war gefunden, falte unb warme Schläge natürlich nur bildlich schlagen auf mich ein. Ich war der Schuldbeladene unter Teterows Nation! Man wandte sich von mir, der ich betäubt, vernichtet, zerfnirscht dastand. Höhnisch verließen sie mich Alle, Alle nur der Assessor ergriff mich mitleidig am Arm und izog mich mühsam mit sich fort.

Feindschaft und Zwist herrschte seit dieser Stunde in den Mauern Teterows. Fansilienbande waren zerrissen, uralte Freundschaften gingen zu Grunde, Mütter enterbten ihre Söhne, Gattinnen ließen sich scheiden, Männer verließen die Heimath, Braute den Bräutigam, Linchen Pieseke fang am Klavier acht Tage lang:Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer!"

Vierundzwanzig Stunden später saß ich in dem alten Postwagen und rumpelte der Residenz zu.

In Teterow war ich unmöglich geworden.

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