Dienstag den 25. August
Gietzenev Anzeiger.
Beilage ,u Rr. 196. - 1891
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Locales und provinzielles.
Gießen, 24. August.
— Die Tage beginnen bereits recht merklich kürzer zu werden und wird nunmehr die Lampe Abends wieder gebraucht. Da ist es denn wohl am Platze, daran zu erinnern, daß Lampen, welche längere Zeit nicht im Gebrauch waren, einer gründlichen Reinigung und insbesondere auch einer Erneuerung des Dochtes bedürfen. Bei Petroleumlampen bildet sich in den Glasbehältern für das Oel auch leicht Gas, so daß es unter Umständen gefährlich ist, eine längere Zeit nicht benutzte Petroleumlampe anzuzünden, bevor dieselbe gereinigt und der Oelbehälter geöffnet worden.
— Vom Griesheimer Schießplatz, 13. August, wird der „St. Pr." geschrieben: Einen des Diebstahls verdächtigen Dragoner, der seinen Nebenkameraden die Löhnung in der Nacht vom 11. auf den 12. l. Mts. gestohlen haben soll, brachte man gestern Morgen vor seinen Wachtmeister. Allein vor der Thür entsprang er den Begleitern mit dem Ruse: „In einer Viertelstunde lebe ich nicht mehr?" Direct lief er durch das Lager aus den Uebungsplatz und hier auf das Ziel der zu derselben Zeit mit scharfen Geschossen übenden Artillerie, wohl mit der Absicht, in der Feuerlinie den Tod zu suchen. Nur durch die Aufmerksamkett der Posten, welche, als sie die Gefahr bemerkten, alsbald die rothe Flage niederließen und so die Schießübung eine Unterbrechung erlitt, ist das nahe Unglück verhütet worden. Durch aus ihren Pferden nacheilende Dragoner wurde der Flüchtling eingeholt.
— Der soeben in Kassel versammelte deutsche Tischlertag beschloß eine Petition an den Bundesrath und den Reichstag, die gesetzliche Unsallversicherungspflicht aus das gesammte Tischlergewerbe Deutschlands auszudehnen. — Auch wurde ein Antrag angenommen, nach welchem der Verbandsvorstand ersucht wird, sich mit dem Centralverband deutscher Innungen in Verbindung zu setzen, um dahin zu wirken, daß staatliche Centralstellen zur Erzeugung billiger Betriebskraft, besserer, und nutzbringenderer Gestaltung der klein» gewerblichen Betriebsweisen errichtet werden. Ferner gab man seine Zustimmung dazu, daß die Angelegenheit der Errichtung einer eigenen Tischler-Feuerversicherung von Seiten des Vorstandes weiter der Verwirklichung entgegen gebracht werde.
— Ein Bild von dem riesigen Apparat, den die Verwaltung der Alters- und Invalidit'ätsverficheruug erfordert, giebt eine von der „Saale-Zeitung" veröffentlichte Beschreibung des im Neubau begriffenen Verwaltungsgebäudes für die Versicherungsanstalt „Sachsen-Anhalt" in Merseburg. Zur Aufbewahrung der Karten sind dort in drei Etagen 1700 Schränke aufgestellt, deren jeder 720 Fächer enthält, so daß für 1700x720 — 1224000 Versicherte je ein besonderes Kartenfach besteht, das den Namen des Inhabers der betreffenden Versicherungskarte trägt. Die Schränke sind von besonderer Construction - sie sind auf Schienen beweglich, lausen in verschiedenen Reihen hintereinander, so daß eine zweckmäßige Raumausnützung ermöglicht, trotzdem aber jeder Schrank leicht zugänglich ist. Die Schränke bestehen aus Eisenrahmen mit aus Blech hergestellten Fächern.
□ Vom Vogelsberg, 21. August. Die sonnigen Tage sind von kurzer Dauer gewesen und haben nicht der Erwartung entsprochen, die man an sie geknüpft, daß sie die Einleitung zu beständigem, besseren Wetter bilden würden. Seit vorgestern Nacht ist wieder das alte, regnerische Wetter aufgetreten. Der Kornschnitt ist vorüber, es hat eben doch viel rascher gegangen durch die Umpflügung einer großen Zahl Kornacker im Frühling. Hätten unsere Landwirthe
geahnt — das Barometer war allerdings erheblich gefallen —, daß auf den sehr heiteren, Morgens sogar wolkenlosen Himmel des Mittwochs noch in der Nacht Regen folgen würde, so wäre eben an diesem Tag der größte Theil des Kornes in die Scheune gebracht worden. So aber liegt das Korn theil- weise ungebunden in Garben auf den Aeckern. Eine eigen- thümliche Erscheinung zeigt sich bet dem Ergebniß der Kornernte, nämlich, daß die Aecker mit schlechtem Boden eine vielfach bessere Ernte abgeben als die mit gutem und sehr gutem Boden. Wo das Korn dünn gestanden, hat das Gras so überhand genommen, daß man die Aecker wie eine Wiese mähen muß und nicht recht weiß, ob hier Roggen oder Heu geerntet werden soll. Ueberhaupt hat der nasse Sommer eine sehr starke Vergrasung der Ackerfelder zur Folge, die sich bei einem ungünstigen Herbste bei der Bebauung als sehr nachtheilig erweisen würde. So wird auch die Gerste, mit der vielfach zugleich Klee gesäet wird, nicht selten von dem üppig wachsenden Klee überwuchert und geschädigt. Eine Kalkung der vergrasten Ackerfelder dürste sich in diesem Jahre sehr empfehlen, wie überhaupt die Anwendung der künstlichen Dünger, die sich auch bei der Kornernte in glänzendem Lichte zeigte,- denn mit künstlichen Düngern bestreute Acker liefern bei weitem den besten Ertrag. — In den Rheingegenden muß man es sehr eilig mit dem Ausdrusch des Getreides zu thun haben, da die Drescher aus hiesigen Gegenden vielfach telegraphisch zur Arbeit berufen werden.
von -en deutschen Universitäten.
(Nachdruck verboten.)
G. Erlangen,! 22. August. Den Studirenden, sowie den cives academici, welche andere Universitäten beziehen, dürste es von Interesse sein und werden es gerne entgegennehmen, wenn sie über Wohnungen, Lebensmittel und sonst dergleichen Bedingnisse Kenntniß erhalten. Berlin: Ueber leerstehende Studentenwohnungen wendet man sich an den Universitäts-Pedell. Mediciner wohnen besonders in der Louisen-, Karl- und Philtppstratze. Monatlich eine Stube 15—30 Minuten von der Universität 24—36 Mk., Bedienung 3 Mk., Morgenkaffe 6—7 Mk., Heizung im Wintersemester täglich 20—30Pfg. Eine Anzahl Theologen und Philologen können im Melanchthoneum Wohnungen von 13 Mk. an bis 27 Mk. monatlich haben, auch im Johanneum zu monatlich 3—6Mk. — Bonn: Studentenwohnungen weist der Universitäts-Castellan an; man mtethet auf ein ganzes Semester und bezahlt monatlich 15—18 Mk. für eine Stube, für eine Stube mit Cabinet 18—24 Mk., Bedienung 1.50 Mk. monatlich. Wohnungen mit vollständiger Beköstigung 50—70 Mk. Morgenkaffee 7 Mk., Heizung 12 Mk. — Breslau: Wohnungen weist der Untversitäts-Secretär nach, monatlich eine Stube ca. 15 Minuten von der Universität entfernt 20 Mk., Bedienung 3 Mk., Morgenkaffee 5 Mk., Heizung 6 Mk., Mittagstisch 20 Mk. — Erlangen: Wohnungen weist der Pedell Thurn nach; pro Semester 50—70 Mk. in der Nähe der Universität. Beim Ein- und Auszug und zu Neujahr pflegt man je 4.25 Mk. zu bezahlen, wofür man Bedienung erhielt, incl. Stiefelreinigung. Morgenkaffee 12—20 Pfg. täglich, Mittagstisch 16—30 Mk. monatlich. Zur Heizung kaust man 1 Klafter Holz, dasselbe kostet 22—27 Mk. — Freiburg: Studentenwohnungen zeigen Anschläge am schwarzen Brette an, auch sind solche im Woh- nungscommissariat zu erfragen. Preis 8.50—34 Mk. monatlich, Morgenkaffee bis 50 Pfg. täglich; für die Heizung kauft der Student V4—V2 Klafter Holz, die Klafter gespaltenes Holz kostet 47 Mk. — Gießen: Leerstehende Wohnungen weist der „Gießener Anzeiger" nach. Eine Stube, 5 Minuten von der Universität entfernt, miethet man zu 65—100 Mk., gewöhnlich zu 80 Mk. für vas Semester, die Bedienung kostet außerdem noch 7—9 Mk., der Morgenkaffee täglich 15-30 Pfg., die Heizung im Winter 27 Mk., Mtttagstlsch zu 70 bis 85 Pfg. Ueberhaupt ist der „Gießener Anzeiger" in Universitäts- Nachrichten dem akademisch gebildeten Publikum als sehr nützliches Organ zu empfehlm. — Göttingen: Auskunft über Wohnung ertheilt der Universitäts-Pedell, welcher auch Bestellungen im Voraus annimmt. Stube und Kammer pro Semester 50—100 Mk., dazu für Bedienung 6—10 Mk., Heizung im Winter 24- 30 Mk., Morgenkaffee monatlich 4—8 Mk., Mittagstifch 15—30 Mk. — Greifswald: Wohnungen bringt der „Greifswalder Kretsanzeiger". Wohnungen pro Semester 55—80 Mk. incl. der Bedienung. Heizung für das
Wintersemester 30 Mk. Den Morgenkaffee bereiten die Studirenden sich meistens selbst. Mittagstifch 15-18 Mk. monatlich. - Halle: Wohnungen weist der Universttäts-Actuar nach. Preis derselben 60-120 Mk. pro Semester, Bedienung 6-8 Mk., Heizung 24-36 Mk. Mtttagstlsch monatlich 21-30 Mk. Die Rechnungen der Wirthe pflegt man vierteljährlich nachzahlend auszugleichen. — Heidelberg: Wohnungen weist das akademische Wohnungscommiffariat im Universitäts-Gebäude nach. Stube mit Kammer 50—140 Mk. für das Semester. Den Studirenden wird dringend empfohlen, sich direct ohne Vermittler an das akademische Wohnungscommiffariat zu wenden. Wohnungen, welche an Studirende abgegeben werden, gelten als auf ein Semester vermiethet. Soll die Miethe auf ein weiteres Semester ausgedehnt werden, so hat eine neue Vereinbarung vor Schluß des begonnenen zu 'geschehen. Morgenkaffee täglich 20 bis 30 Pfg. Mittagstisch von 70 Pfg. — Jena: Wohnungen werden durch ausgehängte weiße Täfelchen angezeigt. Stube, ^Kammer incl. Bedienung für das Semester 60 bis 100 Mk. Morgenkaffee monatlich 4—6 Mk., Mittagstifch von 60 Pfg. an. — Kiel: Auskunft über Wohnungen u. dergl. ertheilt der Pedell. — Königsberg: Wohnungen zeigen die Localblätter an. — Leipzig: Ueber Wohnungen erhält man in der Universitäts-Canzlei Aufschluß. In Betreff der Lage der Wohnungen ist nicht außer Acht zu lassen, daß während der Meßzeit, die zum Theil in das Semester fällt, die Wirthe der Grimmaifchen und ihrer Nebenstraßen die Wohnungen gewöhnlich zu fehr hohen Preisen zu vermtethen pflegen, die weiter von der Universität (10—15 Minuten) ab wohnenden Studenten haben diese Unannehmlichkeiten nicht zu befürchten. — Marburg: Wohnungen werden im Universitäts-Secretariate nachgewiesen. — München: Wohnungen sind in dem monatlich erscheinenden Quartiergeber an- gezetgt. Monatlich 12—36 Mk. Bedienung monatlich 2—3 Mk., jede Heizung 30 Pfg., Kaffee täglich 20 Pfg., Mittagstisch monatlich 24 Mk. — Münster: Wohnungen sind am schwarzen Brette angezeigt. — Rostock: Ueber leerstehende Wohnungen il dergl. erhält man bei dem Universitäts-Pedell Auskunft. — Straßburg: lieber Wohnungen und sonstige Angelegenheiten gibt ankommenden Studenten das Universttäts-Secretariat (Zimmer Nr. 39) Anweisung. — Tübingen: Man wendet sich an das Wohnungsbureau, welches unter Oberleitung des Universitäts-Amtmannes steht. — Würzburg: Leerstehende Wohnungen werden durch an den Häusern ausgehängte Täfelchen angezeigt, die Medictner wohnen in der Nähe der Julius- Promenade.
vermischtes.
* Bafel, 18. August. Das kürzlich erschienene „Jahrbuch des schweizerischen Alpenclubs" bringt eine Zusammenstellung der im verflossenen Jahre zu weiterer Kenntniß gekommenen alpinen Unglücksfälle,- es sind deren 13, denen im Ganzen 23 Personen zum Opfer fielen. Die Zusammenstellung ist so lehrreich als warnend, denn in der Mehrzahl der Fälle waren die Verunglückten trotz aller Warnungen ohne Führer oder mit unzulänglicher Führerschaft an das gefährliche Werk gegangen. Bei mehreren Fällen ist con- statirt, daß die vom Unglück Betroffenen durchaus unkundige, ungeübte Leute waren- Doctor Mayer in Wien, der am Watzmann in Oberbayern stürzte, war notorisch kurzathmig und kurzsichtig. Ein Fall ist aus entschiedenen Schwindel basirt. Zwei schwere Katastrophen am Marter-Horn waren die Folgen plötzlich ausgebrochener Orkane. Wie unver- verantwortlich leichtsinnig es ist, gefährliche Passagen führerlos zu beschreiten, zeigt der Fall von Mr. Macnamara, der 150 Meter in die Tiefe stürzte, so daß dem ihn begleitenden Engländer Cornisch nichts übrig blieb, als, die Leiche aus der Ferne beobachtend, die Felsenwüste mit Hilferufen zu erfüllen. Noch sind die Leichen des Grafen Umberto di Villanova und zwei seiner Führer, die vom Montblanc verschwanden, nicht zum Vorschein gekommen. Unter den Verunglückten der Gesammtzahl sind 8 Führer zu verzeichnen, die zu den tüchtigsten Männern ihres Berufes gehörten.
* Bierbaukpolitik. Hinz: „Du, in der Zeitung steht: Entweder gibts Krieg oder es gibt kein Krieg." — Kunz (nach langem Nachdenken): „Da kann mer net drus gehn, das ist Zeitungsgeschwätz."
Fcrrilleton.
In der vierten Klasse.
Humoreske von Robert v. Hagen. (Schluß.)
Ein hübsches Dienstmädchen aus der Provinz, welches in einer Ecke aus ihrem schwarzen Koffer saß, betrachtete den Referendar eine Weile, dann schien sie Vertrauen zu fassen, erhob sich und stellte an ihn die Frage:
„Glaube Sie, daß is werth eine Mark? Hab ich in Berlin ein Verwandter beis Militär, möcht ich gern schenken Uhrkett."
Der Referendar gab ihr den Rath, nicht zu kaufen.
„Sie sind wohl aus Polen?" fragte er sie dann.
„Ja, woher wiffen Sie?" erwiderte das Mädchen erstaunt. „Ja, ich bin aus Mirislawkowczinitzasky und geh ich nach Berlin auf Dienst bei Restaurateur. Bitt ich schön — haben Sie auch schon Dienst in Berlin?"
„Ja, gottlob," erwiderte der Referendar lächelnd, „den hab ich, wenn er auch vorläufig nicht viel einträgt."
„Also auch schlechte Zeiten in Berlin? Ja, ja, is bei uns zu Haus auch schlechte Verdienst."
Die Erlösung nahte. Der Zug lief in diesem Moment in den Schlesischen Bahnhof ein. Behutsam lugte der Referendar zum Fenster hinaus, ob nicht etwa unglücklicher Weise gerade ein Bekannter an dem Perron sei, der ihn der gehaßten vierten Klasse entsteigen sehe. Gottlob, es war Niemand da.
„Komm ich zu Restaurateur zum Prälat in Dienst," wisperte die Pollakin ihm noch zu, als er den Wagen eiligst verließ.
Der Referendar athmete hoch auf, als er endlich aus
der Straße war. Der Kops wurde wieder in seine natürliche Höhe gebracht, der Klemmer wieder aus die Nase gesetzt und das Selbstbewußtsein „ich bin ich" trat wieder deutlich bervor.
„Na, an den heutigen Tag werde ich denken," sagte er sich, als er in seine Wohnung trat. Und „Bier her, Bier her, Fritz, — oder ich fall um!" ries er, als er nach einer Stunde in seiner Stammkneipe erschien.
*
Einige Wochen später sand im Zoologischen Garten großes Monstre-Concert statt. Es war an einem Wochentage, daher so ziemlich das ganze fashionable Berlin vertreten. Zu dem sashionablen Berlin gehörte natürlich auch unser Referendar Oscar Pröller, desgleichen ein Freund desselben, der Assessor v. Schütz, welcher ihn dahin begleitet hatte. In einer einsameren Nebenallee stießen die beiden Freunde auf eine dem Assessor wohlbekannte Familie.
„Ei, welcher Zufall," sagte der letztere, „da kommt ja der Commerzienrath L. mit Frau und Töchtern! Du mußt ja die Familie vom Bad Liebenstein her kennen, mindestens weiß ich, daß Du dem Commerzienrath vorgestellt wurdest."
„Allerdings, aus der Promenade', daran erinnere ich mich — aber es ergab sich keine Gelegenheit, die anderen Familienmitglieder näher kennen zu lernen, nur so en passant sah ich mal die Töchter--doch halt! — da sind ja
meine Damen vom Perron der Eisenbahnstation Köpnick — darum kamen sie mir auch damals gleich so bekannt vor, nur wußte ich nicht wie, was, woher? Ist mir eigentlich gar nicht lieb, sie zu treffen. Ich habe meine Gründe —"
An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken. Der Assessor begrüßte die Herrschaften und stellte dann seinen Freund vor.
„Das heißt," sagte der Commerzienrath, „wir sind uns, wenn ich nicht sehr irre, bereits im vorigen Jahre in
Thüringen vorgestellt worden. Hier meine Frau — meine beiden Töchter."
„O, ich glaube, wir haben den Herrn Referendar schon öfter gesehen — erstlich in Liebenstein und vor Kurzem — in Köpnick auf der Station — nicht wahr, Mama?"
„Ja, ich glaube, der Herr Referendar fuhr damals nach Berlin."
„Allerdings," erwiderte Herr Pröller, „ich erinnere mich, die Herrschaften gesehen zu haben."
Schnell leitete er das Gespräch auf ein anderes Thema und die Commerzienrathsfamilie, nunmehr um zwei Mann verstärkt, setzte sich wieder m Bewegung. Der Nachmittag, gemeinsam zugebracht, verlief aufs Angenehmste und Abends trat man die Rückfahrt per Eisenbahn an. Der Reserendar erbot sich, die Billets für alle sechs Personen — gegen Verrechnung — zu lösen. Bevor er zum Billetschalter ging, rief ihm jedoch Ottilie, die jüngere der beiden Mädchen, vielsagend zu:
„Aber bitte, wir fahren nicht vierter Klasse!"
Aus der Rückfahrt gab nun der Reserendar in recht drastischer Weise die Geschichte und was es für ein Bewandt- niß mit der vierten Klasse hatte, zum Besten, und schien das Abenteuer ganz besonders das bereits erwähnte Fräulein Ottilie amüsirt zu haben, — denn sie wurde nicht müde, den Referendar um immer neue Einzelheiten zu befragen. --
*
Ein Jahr ist seitdem verflossen. Commerzienraths Ottilchen ist kürzlich des Herrn Assessors Pröllers liebes Frauchen geworden und haben sie neulich erst ihre Hochzeitsreise angetreten. „Aber, Oscar," rief sie ihrem Gatten zu, als er sich zum Schalter begab, „nicht wahr, wir fahren nicht vierter Klaffe?!"


