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Samstag beti 25. Juli

Giesteneo Anzeiger.

Beklage zu Rr. no. -1891

Feuilleton.

Licht.

Novellette von D. Freiin von Spättgen.

(6. Fortsetzung.)

Ganz seltsam unsicher und besangen hatte Miß North- land am anderen Morgen das Clark'sche Haus betreten und I war viel eiliger als sonst durch die weite Halle der unteren t Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten i bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen, athmete i sie förmlich erleichtert aus, daß ihr heute Niemand begcgnet i war, weil sie sich nach ihrer Idee heute in einer krankhaft erregten Gemüthsstimmung befand. Zu ihrer Schande mußte ? sie auch heute selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende Arbeit zum ersten Male drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen wollte, dachte j das junge Mädchen hochklopfenden Herzens heute würde sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken - und nicht mehr so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Ueber dieses Warum indessen ver- l mochte sich Grace nicht klar zu werden und schob es ausihre ' krankhaft erregte Gemüthsstimmung".

Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeirsraum stand s, alles wie sonst am bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus der mitgebrachten Tasche ; hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu gehen ; da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine \ prachtvolle Marschall-Niel-Rose. Was bedeutete das? Beim i Anblick der Blüthe war Grace dunkle Gluth ins Gesicht ge- , schossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich über die weiße J Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, i der Butler des Hauses, gethan haben, welcher ihr beim ; Kommen und Gehen stets den Mantel an- und ausziehen hals und sie dabei immer so keck anstierte oder seine wulstigen j Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das! ; Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe - Blüthe an das entgegengesetzte Ende des großes Tisches- allein ebenso schnell ergriff sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend. Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er Anthony

Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gär fest ein­gelebt hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das Gemüth klang, daß er jene Blume hier aus diesen Tisch gelegt? Ein Zittern überfiel die hohe Mädchengestalt und wenn rr es wirklich gethan, mußte sie es dann nicht eher als Demüthigung und Beleidigung an­sehen, die er, der reiche, hochgestellte Mann, dem armen, schutzlosen Mädchen damit angethan? Durfte sie die Blüthe, ohne erröthen zu müssen, auch wirklich annehmen? WaS würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar!

Mit fliegenden Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete Grace Northland an diesem verhängnißvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark sei aus­gangen, bedeutete sie der auswartende Butler, als sie sich zur Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verriethen die Züge des Schwarzen heute nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank^ endlich konnte sie dem sie heute so eigenthümlich beengenden Hause den Rücken wenden, flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem traulichen Häuschen Nr. 9 aus Dolly Ward hinan.

Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber jener Rose gewesen sein.

* * *

Es war ein zauberisch schöner Juliabend. Gleich Dia­manten strahlten die Sterne am Himmel und wer nie eine amerikanische Sommernacht durchlebte, der hätte denken können, ein Theil der Gestirne wäre zur Erde herabgefallen, so glitzerten und funkelten die zahlreichen glow worms (Leucht­käfer) allenthalben im thauigen Grase und duftigen Gesträuch. In traulicher Eintracht saßen Mutter und Tochter aus der kleinen Veranda, während Polly, eine junge Negerin, welche Grace, seitdem sie so guten Verdienst erzielte, zum Beistand der Mutter in-* Hauswesen genommen, geräuschlos hin und her glitt und en Theetisch abräumte.

Du bist heute so still, mein Kind, was ist Dir? Zu­weilen scheint es mir, als ob Deine Gedanken ganz wo anders weilen als zu Hause?" fragte Mrs. Northland, nach­

dem'sie schon einigemal nach der prächtigen Rose geschaut hatte, die an des jungen Mädchens Busen prangte.

Ich denke darüber nach, daß wir doch jetzt sehr glück­lich sein können, Mama," entgegnete die Angeredete mit halb abgewandtem Gesicht.

Du, mein Engelskind! Wie sorgst und plagst Du Dich für mich das zu vergelten vermag nur Gott," flüsterte die ältere Dame in tiefer Bewegung.

Ich ernte ja auch reiche Früchte. Die Mühe ist so gering in Anbetracht, daß ich Deine Stirn wieder ohne Sorgenfalten erblicke," lautete die heitere Erwiderung.

Du wolltest mir ja längst einmal etwas über die ver- schiedenen Häuser erzählen, in denen Du ein- und ausgehst, Grace. Ich hoffe, man begegnet Dir mit Achtung."

Sei außer Sorge, Mama. Noch niemals habe ich die geringste Zurücksetzung erfahren. Vor Allen ist es--"

(Grace zögerte ein wenig)ist es Mrs. Clark, die stets in sehr liebreicher Weise zu mir spricht."

Mrs. Clark, eine noch junge Frau?"

Etwa in Deinem Alter. Sie ist eine große, volle Blondine mit selten schönen blauen Augen und"

Und einem kleinen rothen Male an der Oberlippe?" fiel Mrs. Northland der Tochter hastig ins Wort.

Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?"

Die'Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und athmete tief und schwer.

O, Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus gerathen? Gerade sie ist die Frau, um derentwillen Dein armer Vater einen Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er be­reits verlobt war, vorzog. Einst waren wir beide uns als Mädchen in beinahe mehr als schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir die Thür ge­wiesen, sich gänzlich von mir losgesagt mich verflucht. Ein Unsegen ruhte seitdem aus dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und nun lebt sie im Ueberfluß in Newyork. So viel ich weiß, hat Clark auch einen Sohn aus erster Ehe, Annie hatte keine Kinder."

(Schluß folgt.)

Bekanntmachung.

Die Schlosserarbeiten (Thür- beschläge re.) zur Stadtknaben­schule hier sollen im Wege öffent­licher Ausschreibung vergeben werden. Zeichnungen und Angebotsformulare liegen während der Dienststunden aus dem Geschäftszimmer Nr. 3 auf und werden daselbst unentgeltlich abgegeben.

Versiegelte Angebote sind mit ent­sprechender Aufschrift versehen bis

Donnerstag dön 30. Juli,

Bormittags 10 Uhr, ebendorthin einzusenden, woselbst die Eröffnung der Angebote in Gegen­wart der etwa erschienenen Bieter erfolgt.

Gießen, den 23. Juli 1891.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

_________Gnauth.______6706

Verdingung.

Die Abfuhr der Latrinen- und Müllgrubenstoffe aus den G/rnison- anstalten wird am

Samstag den 1. August 1891,

Vormittags 10 Uhr, von der Garnisonverwaltung, bei welcher auch die Bedingungen aus­liegen, verdungen.

Wegen der Zeitdauer des Geschäftes werden die Wünsche der Unternehmer berücksichtigt. 6345

Garnisonverwaltung zu Gießen.

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