Nr. 300 Zweites Blatt. Donnerstag Leu 24. December 1891
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Weihnachten und die Kinder.
Die Feier des Weihnachtsfestes, schlicht und heilig, hat deshalb einen sittenmildernden Einfluß auf das Volk, weil dabei das Herz austhaut, das Mitleid für die weniger glücklichen Mitmenschen rege wird, die Nächstenliebe einen neuen Antrieb bekommt und namentlich die Bande in der Familie, die sich im sorgenden Alltagsleben nach und nach allzusehr lockern, wieder fester geknüpft werden.
Ein Hauch von Religion, nicht jener menschlichen Religion, welche sich um äußerer Formeln willen die Köpfe blutig schlagen läßt, sondern jener tiefen und wahren Religion, welche sich unbewußt in den Herzen aller Menschen regt, und ein Hauch von echter Poesie umwehen den Weihnachtstisch, das Fest verschönernd, die Menschen veredelnd.
Der Kernpunkt des Festes ist, den Kindern durch Geschenke Freude zu machen und dadurch die Tugenden, den Trieb zum Fleiß, zur Artigkeit und Folgsamkeit zu wecken.
Die Frage ist nur, ob wir die Mittel zu diesem Zweck such weise anwenden.
Jedes Jahr machen die Bazars mehr Anstrengungen, um immer neues, prachtvolleres und theueres auf den Markt zu bringen. Kostspielige Schaustellungen verführen das Auge, wecken das Verlangen. Bei diesen Schaustellungen wird eine Raffinirtheit entwickelt, welcher der Besucher nur schwer widerstehen kann. Es ist erstaunlich, welcher Erfindungsgeist La arbeitet, wie viel unnöthiges, unbrauchbares Zeug da zur Verlockung aufgestellt ist.
In der Regel sind diese mannigfaltigen Sachen sehr schön und geschmackvoll, aber nicht von Dauer. Kinder haben nicht sehr lange Freude an einem und demselben Spielstück, bricht es aber'bald, so ist die Freude nur um so kürzer.
Eine einfache billige Puppe, ein roth angestrichenes Schaukelpferd, ein Helm von Pappe und ein hölzernes Gewehr mit einem Lauf von Blech hat uns in unseren jungen Tagen dieselben Dienste gethan, wie heute die großen sprechenden Puppen mit beweglichen Augen und Gliedern, zu 60 Mark das Stück, die theuren Eisenbahnen und Dampfschiffe, das Knabenvelociped und andere kostspielige Dinge. Man könnte nun freilich sagen, wer wohlhabend genug ist, seinen Kindern theuren Luxus aus den Weihnachtstisch zu legen, soll's thun, er hilft damit einer Industrie aus. Thatsache ist aber, daß es gerade die weniger Bemittelten sind, welche es um jeden Preis dem wohlhabenden oder^vohlhabend erscheinenden Nachbarn gleichthun, vielleicht sogar ihn übertreffen wollen. Es scheint der kranke Zug unserer Zeit zu sein, über die Schnur zu hauen. , .
Wie in der Geschäftswelt, so macht sich auch em immer
Ferrill-Lon.
Dss Glück in der Mieth-kssrrne.
Eine Weihnachtsgeschichte von Jul. Bruck.
(Schluß.)
Aus allen Wohnräumen, an denen er vorüberschritt, klana das Jauchzen glückseliger Kinder. Nur da oben, unter dem^Dache, wo seine Liebesgaben die Festfreude erhöhen sollten, rührte sich nichts.
Ohne den Hereinruf abzuwartcn, betrat er nach wteder- boltem Pochen an die halbgeöffnete Thür ein dürftig aus- gestattetes, aber sauberes Zimmer. Hier entließ er das iyn bealeitende Mädchen und legte seine Waarenbundel neben den Weihnachtsbaum. Dann blickte er um sich und sah eine tm Ahnstuhl schlummernde Frau. Bei seinem Gruße erwachte sie, hieß ihn willkommen und bot ihm einen Sessel an.
Sie sind gewiß der Herr aus der Münzstraße, der uns Ll b-such-n wollt-/ !°gtc ff-, und nls ihr Gast dies b-iadte fuhr sie fort: „Mein Mann hat nur idjon viel van Ihnen «Mt' und wird sich freuen, daß Sie uns gerade heute beehren."
Dabei schielte sie wie von ungefähr nach seinen Packeten fjmuber. Mefer begehrliche Blick nicht entgangen
war erwiderte lächelnd: „Und gerade heute durste ich doch nidit mit leeren Händen kommen. Ich bringe Ihnen keine o fiten hoffentlich aber lauter verwendbare Sachen. Nu'n Sie weL ja sehen, ob ich das Richtige getroffen
Die Frau stammelte einige Worte des Dankes und
schärferer Wettbewerb im Familienleben breit. Man darbt heimlich, um öffentlich etwas zu gelten.
Hat es eine Mutter glücklich fertig gebracht, sich zu Weihnachten prächtige Sachen für, ihre Kinder abzuhungern und die ganze Familie für Monate aus Schmalkost gesetzt, dann wird den Kindern recht eindringlich vorgesagt, um wie viel reicher sie beschenkt worden sind, als die Nachbarskinder oder die Schulfreunde. Das weckt in den Kleinen Stolz, Eifersucht und schließlich Prahlsucht. Es ist nicht die unschuldige Kinderfreude am Gegenstände selbst, es ist der Werthunterschied, der das junge Volk beschäftigt. Und mit dem Bewußtsein des Werthunterschiedes kommt das Kind auch zum Bewußtsein des Rangunterschiedes!
Das Bedürfniß bei den Kleinen, zu prahlen, wirkt auch wieder zurück. Findet ein solches Kind, daß einer seiner kleinen Freunde noch reicher beschenkt worden ist, als es selbst, so wird es unzufrieden, grollt, verliert die Freude und glaubt sich zurückgesetzt. Dann tröstet man es damit, daß der nächstjährige Weihnachtsmann sich besser ausführen wird, und er führt sich besser auf, denn die Eltern machen dann um so größere Anstrengungen.
Ist das der Zweck der Weihnachtsbescheerung?
Die Liebe zur Einfachheit ist uns abhanden gekommen, und wir impfen unfern Kindern das süße, aber verderbliche Gift des Luxus ein. Wachsen die Kinder auf diese Weise heran, dann fühlen sie sich hilflos und feige gegenüber harten Prüfungen des Lebens und dann gehen sie entweder schmählich zu Grunde oder sie gerathen auf unrechte Wege, um die gewohnten hohen Anforderungen an das Leben zu befriedigen. Für sie ist schon bittere Armuth, was für härter Erzogene noch mäßiger Wohlstand ist.
Mancher Bauer oder Handwerker hat bis in sein hohes Alter hinein unermüdlich geschafft und sich dann mit dem Bewußtsein zum ewigen Schlaf gelegt, seine Kinder weich gebettet zu haben. Aber diese vermehrten das Capital nicht, das sie geerbt, sondern zehrten davon, bis es verflüchtigt war. Und aus diesen Kreisen rekrutirt sich unser vornehmes Proletariat, das schon sehr zahlreich geworden ist. AuS diesen Kreisen kommen unsere waghalsigen Speculanteu, Jndustrieritter, Fälscher und Schwindler.
Mancher zuchthausreife Lump würde heute ein ehrlicher Mann sein, wenn die Eltern so klug gewesen wären, ihm in seiner Kindheit Liebe zu einfacher Lebensweise und zur Arbeit beizubringen.
vermischtes.
* Hebet den Character der Schußwunden in einem künftigen Feldzuge äußert sich dem „B. T." zufolge auch Pro
fessor v. Bardeleben in Berlin in seiner Vorlesung i . ;r Chirurgie dahin, daß das, was die Theorie voraussehen ließ, sich bestätigt habe, nämlich daß das moderne Geschoß wegen seiner verschwindend kleinen Deformation, die es erleidet, und wegen seiner großen Durchschlagskraft einen einfachen runden Schußkanal ohne Verletzung der Weichthetle mache. Der berühmte Gelehrte berichtete über zwei Fälle von Verwundungen, die durch das neue Geschoß unseres Jnfanterie- gewehrs herbeigefühlt waren, und die demselben zur Beobachtung Vorgelegen haben. In dem einen Falle hatte der Posten vor der Reichsdruckerei in der Oranienstraße auf einen Mann geschossen. Das Geschoß war durch das Kniegelenk ' desselben gegangen. Der Mann ist antiseptisch behandelt : und so geheilt worden, daß die Beweglichkeit seines Kniegelenkes keinen Schaden genommen hat. In dem anderen Falle, der beobachtet worden ist, hatte die Kugel den Knochen nicht getroffen, in einem solchen Falle ist nun die Verletzung noch unschuldiger als eine Stichwunde. Der Posten vor dem Museum schoß auf davonlaufende Leute. Die Kugel ging aber über diese hinweg und traf eine an der Ecke des Rothen Schlosses stehende junge Dame, die in Unterhaltung mit einem jungen Herrn war, in den Oberschenkel, ohne den Knochen zu verletzen. Nach Anlegung eines antiseptischen : Verbandes hat die Wunde keine Behandlung weiter gebraucht.
Als der Verband nach einiger Zeit abgenommen wurde, war die Dame vollständig geheilt.
Citeratur rind TLrrnht.
- Ein prächtiges illustrirteS Buch fftt die Mrrder vo« 4—10 Jahren. G. Christ. Dieffenbach (Oberpfarrer z» Schlitz) gibt in vem Verlage von Friedr. Andreas Perthes zu Gotha seit 7 Jahren ein allerliebstes „Bilderbuch" für jüngere Kinder heraus, von dem für das heilige Chr-stfest der siebente Band (gebunden für 3 Ml., in monatlichen Lieferungen pro Jahr 1892: die Lieferung in drei Heften Quartal 50 Pfg.) vorliegt. Auch in diesem neueste» vollendeten Bande (Jahrgang 1891) ist uns von Dieffenbachs geschickter Hand und aus seinem warmen Herzen und ltederreichen Munde et» Buch zu Weihnachten oder für die Geburtstage unserer lieben Kleinen geschenkt, das so recht mit gutem Gewissen empfohlen werden kann. Wem die Pflege eines sittlich christlichen Geistes bei der Jugend am Herzen liegt, der freut sich herzlich auch dieses Geschenkes seitens eines Verfassers, der es wie wenige versteht, auf Sinn und Gemüth des Kindes einzugehen und ihm in Lied. Erzählung und kleinen musikalischen Darbietungen gerecht zu werden.
Die sehr zahlreichen guten Holzschnitte, theilweise nach englisch« Clichös, machen den K-ndern, wie wir wissen, viele Freude; ihrer viele find groh ausgeführt und leuchten durch Größe wie gute Ausführung den Kleinen wie Großen ins Auge. Auch der Text ist sehr deutlich und klar gedruckt und das gerade Gegentheil von einem „Augenpulver".
Wir können nur viele Eltern dringlich einladen, Dieffenbachs neuestes „Bilderbuch für unsere Kleinen", der Jugend zur Freude, fich zu beschaffen. Man bewundert die Vielseitigkeit des Autors.
Lindenborn.
wollte sich bann entfernen, um, wie sie sagte, den Papa und die Jöhren heraufzuholen.
„Die sind jetzt drunten im zweiten Stock bei unserer alten Mamsell," erklärte sie, und immer redseliger werdend, fügte sie hinzu: „Das ist nämlich eine kreuzbrave Person, die jedem rechtschaffenen Menschen gefällt. Seit vier Jahren wohnt sie hier im Hause und läßt keinen heiligen Abend vorübergehen, ohne meinen Kindern etwas zu bescheeren. Und doch ist sie selber so arm wie eine Kirchenmaus und arbeitet an der Nähmaschine fürs tägliche Brod. Immer zeigt sie den Lernen ein heiteres Gesicht, obgleich sie, wie man wissen will, schon in ihrer Jugend viel Trübes erlebte. Vor vierzehn ober fünfzehn Jahren soll sie in Folge einer unglücklichen Liebschaft aus ber Provinz nach Berlin gekommen sein. Ihre Mutter hat sie kaum gekannt, unb ihr Vater, der auch schon längst tobt ist, war ein Clavier- spieler ohne Schüler, ber ihr nichts als Noth unb Schulben hinterließ."
„Frieberike Wenb!" schrie Rösing auf, ber in stetig wachsender Erregung ihren Worten gefolgt war unb jetzt an allen ©liebem zitternd vor ihr stand.
„Nach ihrem Familiennamen habe ich nie gefragt," versetzte die Frau, die sich diese unerwartete Wirkung ihres Berichts nicht zu beuten vermochte. „Mir und meinen Kindern war sie immer nur das liebe und gute Fräulein Riekchen."
Staunend sah sie in bas fieberhaft geröthete Antlitz ihres Gastes, ber schon im nächsten Augenblicke von bannen schritt unb ohne ihres zur Vorsicht mabnenben Rathes zu achten, die dunklen steilen Treppen hinabstürmte. Unverzüglich eilte sie ihm nach, doch erreichte sie ihn erst, als er vor Friederikens Kämmerchen athemlos zusammengebrochen war, und vergebens noch Fassung ringend, dem ihm entgegen« tönenden Sange lauschte:
„Bring Erquickung, Nacht der ©naben, „Den Bedrängten dieser Welt, „Allen, die, mit Weh beladen, „Seufzen an ter m Sternenzelt!"
Seine Begleiterin öffnete die Thür unb ihr auf de« Fuße folgend, trat er ein.
Starr wie eine Bildsäule stand Riekchen da, während ihre kleinen Gäste lautjubelnd der Mutter nahten unb ber Kohlenmann mit ehrerbietigem Gruße Rösings Hanb ergriff. Der aber riß fich von ihm los und meberfnteenb vor ber Auserwählten seines Herzens,, sprach er mit bebenber Stimme: „Die Nacht ber ©naben, die ich einst entweihte, ende jetzt der Reue Qual! Ich habe gefehlt, ich habe gebüßt. Laß die Sühne meiner Schuld vollendet sein und eingedenk des Schwures ber Treue, dessen ich nie vergaß, verzeihe mir und nimm mich wieder liebend aus!"
Thränenumflort hing bas Auge bes alternben Mädchens an seinen Zügen. Wohl sah er die vom Zahn der Zeit zurückgelassenen Spuren in dem noch immer holden Angesicht und dennoch erschien es ihm schöner als je zuvor.
Keines Wortes mächtig, beugte Riekchen sich zu ihm herab und küßte ihn. Dann aber fühlte sie sich von einem eisigen Schauer durchrieselt und schluchzend stieß sie hervor: „Der Segen — meines Vaters — fehlt!"
„Nicht mehr?" tröstete Rösing. „Dieser Abend gab ihn uns zurück. Er zog hernieder aus den lichten Räumen der verklärten Geister, die frei von Zorn und jeder sündigen Regung find. Vergieb auch Du! Erkenne in ber Zufalls- fügung, die mich hierher geführt, ben Finger Gottes und laß uns jetzt im Kreise zufriedener armer Menschen das Glück erneuern, ohne bas ich inmitten meiner ausgehäuste» Schätze unsagbar elend war. Vergieb — vergieb! Der Himmel wills!"
„Der Himmel wills!" wiederholte Riekchen unb lag in den Armen ihres Bräutigams.


