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Donnerstag den 23. April (Siebener AnzetAev. Beilage zu Str- 93. - 1891.

Fenilleton.

Aller guten Dinge.

Novelletle von Conr. Telmann.

(1. Fortsetzung.)

Hier, wenn irgendwo und irgendwann, wurde zum Er- -eignifc, was in den Dichterwerken aller Völker und Zeiten von dem blitzglcichen Erwachen, von der unwiderstehlichen Gewalt einer echten, himmelentstammten Leidenschaft gesungen worden war, gegen die es keinen Schutz, vor der es kein Entrinnen gab. Ewald Warner fühlte sich wie von allen seinen bisherigen Lebensbedingungen losgeriffen, ihm war, als schwebe er fessellos zwischen Himmel und Erde. Er sagte sich, daß seines Schicksals Tag gekommen sei. Die große lebenausfüllende, lebenbegehrende Leidenschaft, nach der er sich von jeher gesehnt, die er bis jetzt immer nur besungen, aber nie selber gefühlt hatte, da war sie endlich, endlich. Und noch war es Gott sei Dank nicht zu spät, um sich ihr mit allen Kräften des Seins hinzugeben, denn sie kam wie das erlösende Gewitter, das dieser trüben, dumpfen Schwüle seiner Existenz mit einem Schlage ein Ende bereitete und ihn zu rücksichtslosem Handeln zwang.

In einer Vorstellung derJungfrau von Orleans" hatte er sie gesehen. Sie war eine erst unlängst aus der Theater- akademie entlassene Novize, welche die kleine Bühne nur als Versuchsstation benutzte, um ihre Schwingen zu erproben, um von hier aus den Flug in die Welt zu wagen. Mit welchem Feuereifer hatte sie sich in ihre Rolle vertieft, welche Mittel standen ihr zu Gebote, um sie auszuführen! Wahrlich, der Himmel hatte sie reich begnadet. Sie besaß die Zaubermacht, zu rühren und zu entflammen, zu erheben und zu entzücken. Dieser erste Abend hatte über Ewald Warner entschieden. Dieblonde Tilly" hatte im Sturme sein ganzes Herz ge­wonnen. Jetzt erst war ihm der ungeheure Abstand klar geworden, der ihn von Anny Tandler, der ihn überhaupt von Mädchen ihres Schlages trennte. Es gähnte zwischen ihm und ihnen ein Abgrund, den nichts auszufüllen vermochte, und in den er eines Tages rettungslos hätte versinken müssen, wenn ihm gnädige Götter nicht die gesandt hätten, die ihn verstehen, die er zu sich emporheben, mit der er die ideale Ehe schließen würde, von der er lebenslang geträumt. Sie oder keine! Au diesem ersten Abend wußte er es und nun gab es kein Zaudern mehr. Aus Banden, die seiner un­

würdig waren, mußte er sich befreien, um sich voll und ganz der berauschenden Leidenschaft hingeben zu können, mit der die junge Künstlerin ihn bestrickte. Ein wiederholtes Sehen, ein persönliches Kennenlernen führte nur dazu, die Flammen zu schüren, die in seiner Brust für die blonde Tilly, wie ihre Collegen sie nannten, wie sie bald überall in der Stadt hieß, entbrannt waren. Tilly oder Ottilie Molinaro, wie sie auf dem Theaterzettel stand, ihr bürgerlicher Name lautete schlechtweg Müller kam dem glühenden Verehrer mit so anmuthiger Schalkhaftigkeit entgegen, daß er sich für sie als Jungfrau bald noch mehr denn als Künstlerin be­geisterte. Er träumte bereits davon, daß er ihr eines Tages einige seiner Tragödien vorlesen, daß sie eines Tages in ihnen die Heldinnen auf der Bühne verkörpern werde, um ihren und den Ruhm des Mannes, den sie liebte, zugleich aufs Piedestal zu erheben. Es gab nichts mehr, was für Ewald Warner zu verwegen gewesen wäre, um es mit diesem Mädchen zu träumen!

Viel schwieriger, als er es sich anfangs in seinem Liebes­rausch gedacht, fand er es nun jedoch, sich von Anny los­zulösen, da er Ernst damit machen wollte. Wie war das anzustellen, ohne sich als hartherzig und fühllos zu zeigen? Anny hatte ihm im Grunde nie etwas zu Leide gethan. Sie war im Vollbewußtsein dessen, daß sie ihm nicht genügte, so­gar verschüchtert und ängstlich geworden und erregte ein mitleidiges Empfinden in ihm. Er konnte ihr doch nicht sagen, er sei ihrer überdrüssig, habe sich in ihr enttäuscht und liebe überdies eine andere. Das wäre ihm nie über die Lippen gegangen. Er konnte keiner Fliege wehe thun, wie hätte er dies unschuldige Mädchen so bitter kränken sollen, das doch nichts dafür konnte, wenn es ihm geistig uueben- bürtig war. Sie hätte ihn ja fragen können:Weßhalb hast Du denn um mich geworben? Ich habe Dich nicht gerufen." Und überdies war da noch der Rentner Gottlieb Tandler, der Ewald gar nicht geheuer erschien. Dieser brave Mann war früher Vorkosthändler gewesen, machte gar keine Ansprüche auf ideale Gesinnungsart und verstand in manchen Dingen durchaus keinen Spaß. Wenn Ewald seinen Wunsch, die Verlobung gelöst zu sehen, schriftlich sormulirte und be­gründete, so ttniv-e die Erwiderung auf dies Gesuch vielleicht ebenso kurz und bündig ausfallen, wie damals auf seinen Heirathsantrag, aber sie würde aller Wahrscheinlichkeit nach minder ehrenvoll und erfreulich lauten. Und er durfte sich in seiner Stellung um keinen Preis etwas vergeben.

Ehe er aber frei war, konnte er als Ehrenmann nicht ernstlich um eine andere werben. Und diese andere wurde inzwischen so vielfach umschwärmt und gefeiert, daß jeder Tag des Zögerns ihn um das Endziel seiner Wünsche betrügen konnte. Sämmtliche Offiziere der kleinen Garnison waren seine Nebenbuhler. Und es waren junge Herren darunter, die der blonden Tilly den reizenden Kopf schon verdrehen konnten. Von Tag zu Tag wurde Ewald Warner unter solchen Verhältnissen nervöser. Er sah ganz verstört aus, eine treibende Unruhe war in ihm, er schlief keine Nacht mehr. Seine Tertianer hatten böse Tage.

So ging es nicht weiter. Ewald überlegte. Wenn es einen Menschen gab, der ihm in diesem gräuelvollen Dilemna einen Ausweg zeigen konnte, so war es Martha Warner, seine Cousine Martha. Mit ihr verband ihn seit seiner Kindheit die wärmste Freundschaft. Um einige Jahre jünger als er, war sie doch von jeher seine Rathgeberin in allen schwierigen Fällen und eine verständnißvolle Kameradin oder, wie Ewald das selber in sonntäglicher Laune nannte,ein guter Kerl" für ihn gewesen. Seit dem Tode ihrer Eltern, die ihr zu wenig hinterlassen, um berufslos leben zu können, hatte sie begonnen, Musikunterricht zu ertheilen, und da man ihr allseitig verdientes Zutrauen entgegenbrachte, befand sie sich bald in sorgenlosen Verhältnissen, die ihr allmählich so­gar eine bescheidene Behaglichkeit gestatteten. Warum die nun Dreißigjährige nicht geheirathet hatte, wußte eigentlich Niemand. Ohne hübsch zu sein, besaß sie doch genug weib­liche Anmuth, um den Männern zu gefallen und ihre ruhige Klugheit, wie das stille, feine, gleichmäßig heitere Wesen, das sie zur Schau trug, waren von jeder altjüngferlichen Bei­mischung frei. Alle hatten sie gern, aber beworben hatte sich keiner um sie, wenigstens hatte man niemals etwas da­von gehört.

Ewald Warner ging viel bei ihr ein und aus. Seine Tragödien hatten niemals eine eifrigere Zuhörerin gefunden, als sie, und von ihr vertrug er auch mancherlei Einwände und Neckereien darüber, die er einem andern niemals ver­ziehen haben würde- sie hatte eine Art dabei, die es ihm unmöglich machte, ihr böse zu werden. Martha würde jetzt auch Tact und Entschlossenheit genug besitzen, um ihm die Bande lösen zu helfen, die ihm ins Fleisch schnitten.

(Fortsetzung folgt.)

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