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1891

Freitag den 22. Mai

Nr. 115

Der

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«chcheütt täglich, ÄuSuohmr bei föontapB.

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amten dem Suzeißa «r-^enelich dreimal fceiStftgL

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

viertNjichri^n Alt**remtfwrte.< 2 Mark 20 Pfg. vringrrloha.

Durch die Post drz»-«L 2 Mark 50 Pftz.

«cbaction, LxpeddSiav uad Druckerei:

FchukstrateWr^ Ferulprecher 6L

Amts- tmb Anzeigeblatt für den Neris Gieren.

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SrÄ'CKK i Hratisöcilagc! Kich-ver KamiklmöKtter.

Alle Ännonem-Vureaur bei In- und LuskandrS uäp*ft Lnzetgea für denGießener Anzeiger* entgeg«. «SreSBRSflBVBÄMHHMRMHee»

AnrtUchev Theil.

Bekanntmachung.

Der Obstbautechniker Metz von Friedberg wird Freitag den 22. Mai l. I. nach Lollar, Samstag den 23. Mai L I. nach Daubringen, Sonntag den 24. Mai l. I. nach Treis a. d. Lda., Montag den 25. Mai l. I. nach Allendorf a. d. Lda, Dienstag den 26. Mai l. I. nach Londorf, Mittwoch den 27. Mai l. I. nach Odenhausen, Donnerstag den 28. Mai l. I. nach Rüddingshausen, Freitag den 29. Mai I. I. nach Geilshausen, Samstag den 30. Mai l. I. nach Lumda, Sonntag den 31. Mai l. I. nach Beltershain kommen, um den Landwirthen in den Baumftücken Anleitungen über Pflanzen, Schneiden, Behandeln der Obstbäume zu geben und im Anschluß hieran Vorträge über Obstbau halten. Die Anleitungen in den Baumstücken finden zu noch näher zu be­stimmenden Stunden statt, die Vorträge find mit Ausnahme derjenigen zu Treis und Beltershain, welche um 3 Uhr Nach­mittags abgehalten werden, auf Abends 8V2 Uhr anberaumt.

Alle Mitglieder des Obstbanvereins, alle Landwirthe und Freunde des Obstbaues sind zu diesen Versammlungen freund­lich und dringend eingeladen.

Gießen, den 21. Mai 1891.

Der Vorsitzende der Section Gießen des Wetterauer Obstbauvereins:

___ Nebels Amtmanm

Bekanntmachung.

Amtsgerichtsdiener Friedrich Nicolai hat seit 1. d. Mts. seinen Dienst bei unterzeichnetem Gericht ange- treten, was man hiermit zur öffentlichen Kenntniß bringt.

Gießen, den 20. Mai 1891.

Großherzogliches Amtsgericht.

Fresenius.

Ausland.

Rom, 18. Mai. In der heute erschienenen Encyclica nimmt die sehr lebhaft geführte Widerlegung der socialiftischen Lehren 15 Seiten ein. Das Eigemhumsrecht und das Erb­recht werden als natürliche göttliche Rechte vertheidigt. Als Grundlage des Eigenthums stellt die Encyclica die Arbeit aus und gelangt zum Schluffe, daß der Collectivismus des Eigenthums gerade Denjenigen schaden würde, um deren Unter­

stützung es sich handle. Durch Bestreiten der natürlichen Rechte jedes Einzelnen werde die Thätigkeit der Gesellschaft und die öffentliche Ruhe gestört. Von Seite 15 bis 28 giebt die Encyclica eine Darlegung der Mitwirkung der Kirche an der Lösung der socialen Frage. Auf den darausfolgenden 13 Seiten werden die Pflichten des Staates definirt und die allgemeinen Pflichten desselben gegenüber den Arbeitern, wie folgt, dar­gelegt: Der Staat habe darauf zu sehen, daß in den Werk­stätten die Religion beobachtet werde, daß in denselben Rein­heit der Sitten herrsche, und gegenseitige Gerechtigkeit ob­walte. Der Staat habe daraus zu sehen, ob die Verwendung der Arbeiter beiderlei Geschlechts die Moralität beeinträchtige, ob die Arbeiter über ihre Kräfte angestrengt würden, und ob die Arbeit der Gesundheit schädlich oder dem Geschlecht und Alter der Arbeiter angepaßt sei. Hinsichtlich all' dieser Punkte solle durch die Behörden und Gesetze innerhalb ge­wisser Grenzen vorgesorgt werden. Die Encyclica weist ferner auf die Nachtheile hin, die aus den Ausständen hervorgehen, uno ruft die Intervention des Gesetzes an, damit die Ursache der Ausstände beseitigt und verhindert werde, daß dieselben sich ausbreiten und Conflicte zwischen den Arbeitgebern und Arbeitern Hervorrufen. Im weiteren Verlaufe empfiehlt die Encyclica die Beobachtung der Sonntagsruhe. Die Lohnsrage anlangend, so ist der Papst dafür, daß die Differenzen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitern durch gemischte Collegien ge­löst werden. Sodann empfiehlt die Encyclica den Arbeitern Sparsamkeit, btren große Vortheile für die Letzteren aus­einandergesetzt werden. Aus den Seiten 41 bis 52 behandelt die Encyclica die Frage der Arbeitervereine, Arbeiterver­sicherungen, Arbeiterpatronate, Arbeitersyndicate u. s. w. und gelangt zu dem Schluffe, es müsse mit größter Beschleunigung vorgesorgt werden, damit nicht die sociale Frage zu einem unheilbaren Uebel werde. Die Regierungen sollen zu diesem Ende die Gesetze und die bestehenden Einrichtungen handhaben, die Reichen und Patronate sollen ihrer Pflichten eingedenk sein, und die Arbeiter sollen auf die Stimmen der Vernunft hören. Da die Religion allein das Uebel gründlich zu heilen im Stande sei, sollen Alle, namentlich aber die Bischöfe und der Clerus, ihren wohlthätigen Einfluß geltend machen und die Nächstenliebe als Grundlage aller Tugenden lehren und in größtem Umfange üben.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Torrespondenz-Bureau.

Hannover, 20. Mai. Allgemeiner deutscher Sprachverein. Nach satzungsmäßigem Ausscheiden von 12 Vorstandsmitgliedern sind wieder- resp. neugewählt: Pro­

fessor Hildebrand-Leipzig, Erbprinz Hohenlohe-Slawentzitz, Geheimer Justizrath Keller-Heidelberg, Archivrath Dr. Keller- Münster, Professor Launhardt-Hannover, Bankier Magnus- Braunschweig, Geheimer Finanzrath von Mühlenfels-Berlin, Professor Dr. Riegel-Braunschweig, Gymnasial-Oberlehrer Dr. Saalfeld-Blankenburg, Professor Dr. Sanders-Alt-Strelitz, Geheimer Baurath Sarrazin-Berlin, Wirklicher Geheimer Rath Dr. von Wardenburg'Kiel.

München, 20. Mai. Die 41. Versammlung der deutschen Philologen und Schulmänner wurde heute in Gegenwart des Prinzen Rupprecht und der Spitzen der Behörden eröffnet. Die Versammlung ist von etwa 700 Mitgliedern besucht. Professor Christ hielt die Be­grüßungsansprache, in welcher er das Wesen und die Bedeu­tung der Philologie darlegte. Cultusminister Dr. v. Müller begrüßte die Anwesenden Namens der Regierung und be­zeichnete als Aufgabe der Philologie, an den Universitäten die Wissenschaft und Pädagogik gleichmäßig zu pflegen. Namens der Stadt begrüßte der Bürgermeister Dr. 0. Widenmayer die Versammlung und Namens der Akademie Geheimrath v. Pettenkofer.

München, 20. Mai. Dem heutigen Festmahl des Philologentages im alten Rathhaussaale wohnten 400 Teilnehmer bei. Der Präsident Professor Christ brachte einen Toast aus Se. Majestät den Kaiser und den Prinz­regenten, Oberstudienrath Planck aus Stuttgart einen Toast auf den Kaiser von Oesterreich und Director Jäger aus Köln einen Toast aus das deutsche Vaterland aus.

Wien, 20. Mai. Der Weltpost-Congreß wurde heute Mittag von dem Handelsminister mit einer Ansprache eröffnet, in der er die Theilnehmer des Congresses Namens der Regierung begrüßte und des Berner Vertrages, sowie der früheren Congresse in Paris und Lissabon gedachte. Die besonderen zwei großen Aufgaben des Congresses seien die Schaffung einer möglichst unveränderlichen Grundlage des Vereins und Verwirklichung des Gedankens, aus allen civili- sirten Ländern ein einziges Postgebiet zu bilden. Der deutsche Vertreter, Staatssecretär Stephan, dankte Namens der Ver­sammlung für den herzlichen Empfang. Das Werk des Welt­postvereins fei ein Werk des Friedens und der Civilisation.

Wien, 20. Mai. Die deutsch-österreichisch-schweizerischen Unterhandlungen betreffs des Handelsvertrages beginnen morgen.

Budapest, 20. Mai. In der heutigen Schlußsitzung des internationalenOrnithologencongresses, welcher der Unterrichtsminister beiwohnte, wurde ein ständiger Aus­schuß des Congresses constituirt, zu dessen Vorsitzenden Oustalet (Paris) gewählt wurde.

Feuilleton.

Bsngemachen gilt nicht!

Humoreske von Fritz Gotthold.

(Nachdruck verboten.)

Es giebt im Menschenleben Augenblicke"

Es giebt Glückliche, die als geborene Diplomaten sich nicht und niemals verblüffen lassen. Aber sie sind selten. Nochschöner raus" sinö solche, die in kritischen Momenten gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge" außerdem noch im Stande sind, jeden beliebigen anderen Erdenbürger, wenn er nicht sehrgerieben" ist, ihrerseits zu verblüffen und so sich selbst aus der Affaire zu ziehen, wobei sich diese Geistes­gegenwart meist noch mit einem köstlichen Humor zu ver­binden pflegt.

Zn diesen wenigen Auserlesenen gehörte unser Freund Fritz, ein angehender Jünger der edlen Rechtswissenschaft, dessen tolle Streiche, nie schwindende rosige Laune und gelinde gesagt unerhörte Ruhmredigkeit, die selbst den ehrenwerthen Sir John Falstaff in den Schatten stellte, ihn zu dem viel belachten, oft bewunderten Mittelpunkte unseres kleinen Kreises machte, der aus mehreren feuchtfröhlichen Studiosen aller Facultäten zusammengesetzt war und in dem altberühmten H. seinen Studien, Späßen und Geldverlegen­heiten oblag.

Ich sehe ihn noch sitzen in unserem Kreise, den höchst Wohlgenährten, mit dem immer strahlenden Gesicht, aus dem kleine, listige Aeuglein verwegen in die Welt schauten! Ich höre ihn noch, unter nicht enden wollender Heiterkeit von unserer Seite, erzählen von seinen unglaublichsten, zahl­losen Heldenthaten, von den Patschen, in denen er gesessen, und den ingeniösen Erfindungen, mit denen er sich daraus befreit. Er war in der That mit einer Geistesgegenwart und Findigkeit begabt, die ebenso staunenswerth wie er­heiternd war.

Und eines schönen Tages sollten wir das Gaudium er­leben, einmal Zeugen zu sein von seinerSchneid".

Fritz liebte, liebte mit der ganzen sprichwörtlichen Treue eines Studentenherzens:

Und ein Studentenberz ist wie das Meer, Ebben und Fluthen drin wechseln gar sehr!"

Aber diesmal, behauptete er, hatte erfürs Leben ge­wählt" (was er schon öfter gethan hatte) und zwar eine reizende Landsmännin, gleich ihm aus Schwaben gebürtig. In einem großen Handschuhladen an der Hauptstraße des Städtchens hatte er sie als Verkäuferin einmal kennen gelernt, als er selbstredend auf Credit ein Dutzend Paar Glaces entnahm- sie hatten sich gleich am Dialect als Lands­leute erkannt, und hier in der Fremde mußten sie da natür­lich treu zu einander halten. Freilich konnten Grethchen und Fritzchen sich allerhöchstens in vierzehn Tagen einmal allein im Laden sprechen, denn der griesgrämige Philister, der Besitzer des Geschäfts war unbegreiflich! auf die Herren Studirenden zu sprechen ungefähr wie der Hund auf die Katzen. Sein Jähzorn, seine Scandalsucht und seine Launen machten ihn für Grethchen zu einem wandelnden Schrecken, einem gefürchteten Gespenst. Wenn er gewußt hätte, daß alle vierzehn Tage zu der Zeit, wo er als Stadt­verordneter mächtig dröhnende, wuchtige Reden schwang auf dem geduldig lauschenden Rathhaus, in seinem Laden allemal ein solcher ^Schdudende" mit dem holden Gretchen leise plau­derte, er wäre geborsten vor Grimm und noch dazuso ein Juriste", so ein Kerl, der immer alleine wissen will, was Recht ist, und ehrliche Leute in Schrecken setzt vor dem er jederzeit ein gewisses Grauen fühlte. O, wie gut, daß er nichts wußte von jenen kurzen, harmlosen und glück­lichen Stelldicheins: es wäre furchtbar gewesen! So dachte auch das Liebespärchen, aber

Der hat nie das Glück gekostet, Der die Frucht des Himmels nicht Raubend von des Höllenflusses Schaueroollem Rande bricht!"--

Heute war wieder Stadtverordnetensitzung und somit war Fritz von der Frühkneipe weg auf ein Stündchen zu seinem Engelchen geeilt- der dicke Herr Lotze war in seiner ganzen Stadtverordnetenwürde aus seiner Wohnung fortgegangen, feierlich mit Cylinder und schwarzem Rock wenn die Katze aus ist, tanzen die Mäuse. Erst ein halbes Stündchen war vorbei, die glücklichen Kinder aus Schwaben hatten sich also höchstens erst dreißig ordentliche Küsse (a eine Minute lang) geben können, da sahen wir von unserem Locale aus, wo wir eben versammelt saßen, plötzlich mit Entsetzen, wie Herr Lotze schon eilfertig zurückkam, nach seinem Hause zuschreitend.

Seht dort, um Himmels willen, was soll das werden? das ist ja gräßlich, wenn der unseren Fritz erwischt!"

Wir griffen nach unseren Mützen und eilten hinaus aus die Straße. Dort unten trat eben der Schreckliche in seinen Laden. Nichts Gutes ahnend, schritten wir von ungefähr auch dorthin, um irgendwie vielleicht den Schwerbedrängten zu helfen.Herr Lotze, halt, Herr Lotze!" schrie einer noch, aber vergebens, es war zu spät, er war schon drin.

O, Fritz, was wird nun Witz und Schneid helfen, jetzt wirst Du Dich doch wohl§verblüffen lassen, denn der versteht keinen Spaß! Dein Ruhm der nie versagenden Geistes­gegenwart eilt zum schnöden Grabe!

Na, wir wollen wenigstens warten, bis er heraus­geflogen kommt!"

Fritz? Da kennst Du ihn schlecht. Er wird schon was finden."

So tönte inzwischen unsere bange Rede und Gegenrede - er kam aber immer noch nicht geflogen.

Derweilen hatte Fritz lustig in dem hinter dem Laden gelegenen Arbeitszimmer gesessen und lachte und war über die Maßen vergnügt, daß der alte Philister endlich wieder einmal auf eine Weile das Feld geräumt hatte. Da klingelte draußen die Ladenthür- Gretchen geht nach vorn, um den vermeintlichen Kunden rasch zu bedienen.

Bleich wie der Tod kam sie zurückgestürzt.