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Nr. 69. Erstes Blatt. Sonntag den 22. März
1891
Der
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Die Gießener »««itteuvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Giehener Anzeiger
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Gefunden: 1 Tischtuch, 1 Vorstecknadel, 2 Geldstücke, 1 Heckenscheere, 1 Stellscheere und 1 Geldbeutel mit Inhalt- Gießen, den 21. März 1891.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Neueste Nachrichten.
WolfiS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 20. März. Der „Reichsanzeiger" meldet: Der Kaiser verlieh dem Feldprobst Richter und dem Feld- probft Aßmann den Rang der Räthe erster Klasse.
Berlin, 20. März. Zu der gestrigen Meldung, wonach vom 1. März ab der Waffen- und Munitions-Verkauf im deutschen Schutzgebiet in Ostafrika lediglich aus öffentlichen Magazinen gestattet sei, bemerkt der „Reichsanzeiger" : Die Berichte Emins betonen wiederholt, daß die an der Küste ankommenden Carawanen aus dem Innern nur mit wenigen Waffen und geringer Munition versehen seien, während sie, von der Küste zurückkehrend, große Mengen an Waffen und Munition mit sich führen. Diese Waffenzusuhr diene nur den arabischen Räubern und Wegelagerern und nähre die Kriege unter den Eingeborenen. Emin beantragte daher schon früher die Confiscation sämmtlicher Waffen an der Küste.
Esten, 20. März. Laut der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung" beschloß die letzte Versammlung der ausständigen Bergarbeiter der Zeche „Vereinigte Trappe" in geheimer Abstimmung mit 123 gegen 13 Stimmen, die Abkehr in Empfang zu nehmen und die Zechenverwaltungen um Wiederanlegung zu ersuchen, sowie an einem etwaigen allgemeinen Bergarbeiterstrike nicht theilzunehmen und aus dem Berg- arbeiterverbande auszuscheiden. Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung, drückt daraufhin die Hoffnung aus, der Grubenvorstand werde nun auch „vergeben und vergessen".
Helfingfors, 20. März. Unter den Landtagsvorlagen befinden sich eine Str afge setznov elle und eine Wehrpflichtgesetznovelle für das Großfürstenthum Finnland.
Paris, 20. März. Die am Dienstag im Ambigu-Theater von Deroulede veranstalteten Kundgebungen gaben der Staatsanwaltschaft zu der Annahme Anlaß, daß die Patriotenliga forrbestehe. In Folge dessen wurden Haussuchungen im fünften und im dreizehnten Arrondissement vorgenommen. Verhaftungen haben jedoch nicht stattgesunden.
London, 20. März. In der deutschen Bonifatius- kirch e im Osten Londons wurde ein Todtenact für Windt- horst abgehalten. Verres hielt die Gedächtnißrede, in welcher er die staatsmännischen Verdienste Windthorsts pries. Der Herzog von Norfolk sandte ein Schreiben, in welchem er sein Bedauern aussprach, daß er verhindert sei, an der Feier theilzunehmen.
London, 20. März. Die vor zwei Jahren von Kamerun unter Führung des Lieutenants Morgen nach dem Benue abgegangene deutsche Expedition ist zurückgekehrt. Die Expedition zählte 250 Mann, von denen 100 starben. Nach langem Marsche traf die Expedition am Benue ein und wurde nach Akassa befördert. Ein zur Beförderung der Expedition nach Kamerun von Lagos ausgesandter deutscher Dampfer scheiterte, die Besatzung wurde jedoch durch einen englischen Dampfer gerettet. Morgen soll mit mehreren Häuptlingen Verträge abgeschlossen haben.
Rom, 20. März. Die Deputirtenkammer nahm den Gesetzentwurf, betreffend den Beitritt Italiens zum Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen Deutschland und Marokko, debattelos an.
Turin, 20. März. Die Leiche des Prinzen Napoleon wurde nach einer kurzen religiösen Feier in der Superga in Gegenwart der Prinzessinnen Clotilde und Laetitia, des Prinzen Victor und des Herzogs von Genua beigesetzt. Nach der Beendigung der Feier reisten Prinzessin Clotilde und Prinz Victor nach Moncalieri ab.
Petersburg, 20. März. In der katholischen Kirche fand heute ein Requiem für Windthorst statt. — Baron U exküll, der frühere Gouverneur von Livland, ist nunmehr zum Präsidenten des lutherischen Generalconsistoriums ernannt worden. — Das Eis des Don bei Rostow und im Dniepr Lei Kiew ist aufgegangen.
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Gießen, 21. März.
— Sitzung Großh. Handelskammer vom 13. März 1891. Anwesend waren die Herren Koch, Scheel, Gail, Heichelheim, Katz, Kraatz, Wortmann.
Der schweizerische Nationalrath hat vor kurzer Zeit den Entwurf eines neuen Zolltarifs berathen, welcher gegenüber dem seitherigen Tarif vielfach Erhöhungen enthält. Insbesondere gilt dies für Leder, für welches statt des seitherigen einheitlichen Zollsatzes von 8 Francs für 100 Klgr. zwei Zollsätze beschlossen sind und zwar:
1. von 16 Francs fiir Sohlenleder, Zeugleder, sowie für Kalbleder, braun und gewichst.
2. von 8 Francs für die übrigen Ledersorten.
Die Scheidung und Erhöhung würde bei dem bedeutenden Export nach der Schweiz für die deutsche Lederindustrie eine schwere Schädigung zur Folge haben und beschließt deshalb die Kammer, eine ihr zu dieser Frage von der Handelskammer Mainz zur Unterstützung übersandte an den Reichskanzler gerichtete Eingabe um Beibehaltung des seitherigen Zustandes durch eine entsprechende Eingabe zu unterstützen.
Am 3. und 4. März l. I. haben Plenarversammlungen der Bezirkseisenbahnräthe zu Frankfurt a. M. und Köln stattgefunden. Hauptgegenstand der Tagesordnung derselben bildete die Frage der Reform der Personentarife. Definitive Beschlüsse über diese Frage wurden nicht gefaßt, dieselben vielmehr zur Vorberathung dem ständigen Ausschuß überwiesen. Die Kammer war durch Herrn Koch vertreten.
Am 18. März findet eine Sitzung des Bezirkseisenbahn- rathes Hannover statt, bei welcher diese Frage ebenfalls einen Gegenstand der Tagesordnung bildet und die Kammer gleichfalls durch Herrn Koch vertreten sein wird.
Es wird beschlossen, der Frage der Errichtung einer kaufmännischen Fortbildungsschule in Gießen näher zu treten und deshalb zunächst eine aus den Herren Koch, Gail und Heichelheim bestehende Commission zur Vorberathung dieses Gegenstandes erwählt.
K. C. Gießener Theatervereia. Das dritte Gastspiel der Frankfurter brachte uns Goethes Iphigenie aus Tauris. Das gut besetzte Haus folgte der Darstellung mit gespannter Aufmerksamkeit. Das sooft geäußerte Urtheil, die „Iphigenie" sei nur ein Buchdrama, ohne rechte Handlung, für die Bühne wenig geeignet, wurde hier gründlich widerlegt. Im Gegen- theil, die dramatische Gewalt des Stückes riß bald auch diejenigen Zuschauer mit sich fort, denen es im Anfang schwer fiel, sich in den hohen Stil der Goethe'schen Verse zu finden und sich in die klassische Welt zu versetzen. Und wer die „Iphigenie" als „Buchdrama" genau zu kennen meinte, war überrascht, wie viel mächtiger der Eindruck so mancher Scene war, nun, wo sie auf der Bühne ihm sichtbar vor Augen geführt wurde- ich nenne hier vor allen die Scene, in der sich Orestes seiner Schwester zu erkennen gibt. Die Aufführung war mustergültig. Fräulein Frank spielte die Iphigenie edel und hoheitvoll. Ein leiser Zug von Leidenschaft in ihrem Spiele erinnerte daran, daß eine Frau „aus Tantalus Geschlecht" vor uns stand. Herrlich klangen die wundervollen Verse Goethes von ihren Lippen- am schönsten wohl das Parzenlied und die Abschiedsworte an Thoas. Wenn man diese Abschiedsworte hörte, begriff man den Thoas wohl, daß er Iphigenie in Frieden von Tauris ziehen liefe; diese Überredungskunst war von zwingender Gewalt. Herr Hofmann brachte das edle von Seelenqual umdüsterte Wesen des Orestes trefflich zum Ausdruck- sein Spiels war kraftvoll und feurig, aber auch die milderen Stellen seiner Rolle gelangen ihm wohl, wie der Monolog des dritten Aufzugs: „welch ein Gelispel hör' ich in den Zweigen". Ein ausgezeichneter Pylades war Herr Wallner- sein frisches, bewegtes Spiel brachte den Gegensatz seiner Person zu der des Orest zum lebendigsten Ausdruck- vor allem verstand er es, den Pylades uns sympathisch zu machen- nicht den unruhigen Ränkeschmied, nicht das Ebenbild des Ulysses stellte er in den Vordergrund seines Spiels, sondern den treuesten der Freunde. Nicht minder Anerkennung verdienen endlich Herr Diegelmann als Thoas, Herr Hermann als Arkas. Ersterer war namentlich in der Abschiedsscene vortrefflich- er ist, während Iphigenie spricht, auf ein stummes Spiel beschränkt, welches in dem tiefen Eindruck, den Iphigeniens Worte auf ihn machen, eine völlige Sinnesänderung erkennen lassen soll- dieses stumme Spiel gelang ihm ausgezeichnet. Herr Hermann brachte das schlichte redliche Wesen des Arkas sehr gut zum Ausdruck. Beide gaben sich, des Dichters Absicht gemäß, in Erscheinung und Spiel als Skythen, als Barbaren, durchaus verschieden von dem lichten,
sonnigen Wesen der Hellenen, wie es allmählich selbst bei Orestes zum Durchbruch kommt. Wir können den Frankfurter Gästen und insbesondere ihrem Leiter, Herrn Intendanten Claar nur den lebhaftesten Dank für den großen, erhebenden Genuß aussprechen, welchen der Abend uns gebracht hat.
— Se. Majestät der Kaiser hat auf den Vortrag des Ministers der öffentlichen Arbeiten genehmigt, daß mittellosen Kranken sowie nöthigensalls je einem Begleiter zum Zwecke der Ausnahme in öffentliche Kliniken und öffentliche Krankenhäuser bei den Reisen nach und von den Heilanstalten eine Fahrpreisermäßigung auf den preuß. Staatsbahne» dadurch gewährt werde, daß bei der Benutzung der dritten Wagenklasse der Militärsahrpreis erhoben wird. Die Königlichen Eisenbahn-Directionen sind angewiesen worden, demgemäß zu verfahren und hiervon den Verwaltungen der öffentlichen Heilanstalten Kenntniß zu geben. Diese Einrichtung tritt am 1. April d. I. aus den Staatseisenbahnen in Geltung.
— Wie schwer schon vor säst 50 Jahren die Berufswahl der Herren Söhne war, geht aus einem Schreiben unseres berühmten Landsmannes Justus v. Liebig hervor, das derselbe im Jahre 1845 an seinen Onkel in Darmstadt richtete und das nach den „N. Hess. Volksbl." wie solgt lautet:
„Gießen, den 3. Januar 1845. Lieber Onkel!
Ich beeile mich, Ihnen die erfreuliche Nachricht mit- zutheilen, daß meine Frau vor wenigen Minuten von eine« gesunden, kräftigen Mädchen aufs glücklichste entbunden worden. — Es ist mir besonders lieb, daß es ein Mädchen ist, denn die Jungen machen in unserer Zeit gar viel Sorgen. Ich darf Sie wohl bitten, diese Nachricht an CH ... . in F.....und E. . . mitzutheilen.
Ihr Sie liebender Neffe Justus."
— Kaiser-Panorama. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, wird das Panorama heute Sonntag geschlossen. Werfen wir bei dieser Gelegenheit einen Rückblick aus da- bisher in dem Kunstinstitut Gebotene, so können wir nur unserer vollen Befriedigung über das Gesehene Ausdruck verleihen. Es ist in dem Zeitraum seines Hierseins ,wohl bald die ganze Welt an uns vorübergegangen, trotzdem ist die Verwaltung noch im Besitze von ca. 20 Serien. Es ist nicht allein die Mannigfaltigkeit und Abwechselung, welche dieses Panorama vor vielen oft ähnlichen Schaustellungen dieser Art auszeichnet, sondern es ist die prachtvolle, naturwahre Darstellung, sowie die eigenartige Farbenbeleuchtung dieses Panoramas. Wer den Zauber der Ansichten noch einmal aus sich einwirken lassen will, dem bietet sich heute die letzte Gelegenheit. Wir wünschen Herrn Schmidt bei seiner Abreise nach Coblenz in dieser Stadt denselben Erfolg und versichern, daß seine Wiederkehr im nächsten Jahre, wie wir vernommen, hier allgemein erfreuen wird.
— Die erste Abtheilung der Landwehrleute, welche behufs Einübung mit dem neuen Gewehr aus zehn Tage ein- berusen gewesen, ist gestern wieder entlassen worden. Die Landwehrleute wurden von der Regimentsmusik nach dem Bahnhofe begleitet.
— Der Geselle eines hiesigen Metzgermeisters, welcher seit vorigem Jahre bei einem Kunden in hiesiger Stadt das Fleischgeld im Betrage von 81 Mk. unterschlagen hatte, wurde gestern Vormittag verhaftet.
— Ein Fechtbruder, der schon mehrere Tage aus den Straßen und in Häusern hiesiger Stadt bettelte, wurde gestern Abend in der Wallthorstraße von einem Schutzmann verhaftet, weil er in frecher Weise zwei Mal in Häuser« gebettelt und sich einem Manne, der ihn aus seinem Hause entfernen wollte, mit dem offenen Messer widersetzte. Bei der Arretirung leistete er auch dem Schutzmann hartnäckigen Widerstand, indem er sich aus die Erde legte, nach demselben schlug, trat und schimpfte.
Es wird uns zu diesem Vorgang mitgetheilt, daß es zu bedauern sei, wenn sich bei solchen Gelegenheiten immer mitleidige Seelen fänden, die der Polizei den Dienst dadurch erschweren, datz sie Partei für Arretirte ergreifen, dieselben bedauern, wodurch letztere sich gestützt fühlten und sich von Neuem dem Transportanten widersetzten. In der Regel kennten die Bemitleider den Hergang der Sache nicht, weshalb es angemessen wäre, wenn sich solche Leute jeder derartigen Einmischung enthielten.
-r Huugeu, 20. März. Die Prüsung an der hiesigen erweiterten Volksschule findet Montag den 23. März statt.


