Ausgabe 
20.12.1891 Drittes Blatt
 
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Rr. 297 Drittes Blatt. Sonntag den 20. December 1891

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Lnnabw- tzo» Anzeige« zu der Nachmittags für den fügenden Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Anrtlichev Theil.

Das Gr. Steuer-Commisiariat Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Bezirks.

Zur Wahrung der Besitzwechsel aus dem Jahre 1891, soweit dies nicht inzwischen bereits von uns geschehen, er­suchen wir Sie um baldigste Einsendung der OrtSexem- plare der Brandkataster. Bescheinigungen über etwa im Laufe des Jahres abgebrannte oder niedergelegte und nicht bis jetzt wieder aufgebaute Häuser müßten, solls solche noch Be­rücksichtigung finden sollen, umgehend mit den Katastern anher vorgelegt werden.

Gießen, den 19. December 1891.

Süsfert.

totales und KvOVinzicllss.

Gießen, 19. December 1891.

Sitzung der Stadtverordneten vom 17. December. An­wesend : Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Beigeord­neter Langsdorff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Georgi, Grüneberg, Heyligenstaedt, Homberger, Jug- hardt, Keller, Löber, Br. Ploch, Schmall, Schopbach, Simon, Br. Thaer, Vogt und Wallenfels. Nach einem im Interesse einer gleichmäßigen Düngung der städtischen Wiesen gefaßten Beschlüsse erfolgt diese Düngung nach einem vierjährigen Turnus. Für das im laufenden Jahre zur Düngung vorgesehene Viertel werden die aus Anschaffung von künstlichem Dünger -und Anfuhr von Composterde entstehenden Kosten bewilligt. Herr Maurermeister Strauch hat sich bereit erklärt, den in die Lonystraße fallenden Theil seines Geländes zu dem üblichen Preise und gegen Entschädigung der Geländeauffüllung an die Stadt abzurreten. Es wird beschlossen, für die sHKlafter Gelände 7 Mk. zu bewilligen und die Auffüllung mit 1 Mk. 10 Pfg. pro Kubikmeter zu vergüten. Der von der Göthestraße nach dem Schiffenberger Weg führende sogenannte Stephansweg befindet sich in schlechtem Zu­stande, weshalb um Aufbesserung nachgesucht wurde. Die Baudeputation hat empfohlen, einen Kies-Fußpfad anzulegen, und ein Verbot des Befahrens mit schweren Fuhrwerken zu erlassen. Die Versammlung stimmte dem Erlaß eines Ver­botes insoweit zu, als die Benutzung des-Weges mit Fuhr­werk nur den Anlegern zuzugestehen sei- was die Anlage

eines Fußpfades betrifft, so soll nach nochmaliger Berathung über das hierzu zu verwendende Material die Baudeputation endgiltig darüber entscheiden. lieber die Einfriedigung eines Bauplatzes des Herrn C h r. S p i e ß in der Diezstraße wird nicht verhandelt, da dieser Gegenstand bereits Erledigung in der Baudeputation gefunden hat. Die Lieferung von Podien für die Realschule soll nach Antrag der Baudeputation dem Mindestfordernden übertragen werden. Die nach Jn- kraftreten der Landesfeuerlöschordnung zu erlassende Feuer- \ löschordnung für d i e Stadt Gießen wurde durchberathen und mit einigen von der Feuerlöschcommifsion wie aus der Mitte der Versammlung beantragten Aenderungen angenommen. (Wir werden demnächst die wichtigsten Bestim­mungen der Feuerlöschordnung auszugsweise mittheilen. Red.) Nachdem in Betreff des Ausbaues der berstraße beschlossen wurde, bei Anlage der Quaimauer Rücksicht aus eine fahrbare Brücke über die Wieseck im Zuge der Göthe­straße zu nehmen, ist der Großh. Landesuniversität, welche in Rücksicht auf das noch zu erbauende physikalische Institut gegen eine den durchgehenden Wagenverkehr vermittelnde Brücke vorstellig geworden, davon Kenntniß gegeben worden. Rector und Senat der Universität haben daraus unter ent­sprechender Mittheilung an die Bürgermeisterei an Großh. Ministerium die Bitte gerichtet, die Theile der Straßen für den durchgehenden Verkehr, besonders für Lastfuhrwerke, zu sperren, welche das neu zu erbauende physikalische Institut berühren. Zu der von der Universität erbetenen Mittheilung, bis wann die Brücke zur Ausführung gebracht werden solle, hat die Baudeputation beantragt, daß dies frühestens in drei Jahren zu geschehen habe. Der Beschluß hierüber wird aus­gesetzt, dagegen dem Anträge auf Erlaß eines Verbotes zu­gestimmt, nach welchem die Göthestraße von der Stephanstraße bis zur Ludwigstraße und die Stephanstraße von der Göthe­straße bis zur Bismarckstraße für den durchgehenden Verkehr mit Lastfuhrwerk gesperrt werden sollen. Vor Eintritt in die nichtöffentliche Sitzung wurde noch über das Gesuch des Herrn Carl Loth um Ertheilung der Concession zum Wirthschaftsberrieb imFeldschlößchen" berathen und dasselbe befürwortet.

In nicht öffentlicher Sitzung der Stadtverordneten Versammlung am 17. d. Mts. wurde beschlossen:

1. Die Stelle des städtischen Controleurs für das Jahr 1892 wiederum dem Oeconomen Helfrich zu übertragen.

2. Ausbau der Liebig st raße, von d:r Ludwigstraße bis zur verlängerten Stephanstraße, und Einleitung des Ent­

eignungsverfahrens gegen diejenigen Grundeigenthümer, wc e das erforderliche Straßengelände nicht zum Preis von 7 Mk. pro Quadratklafter abgetreten haben.

Budmgeu, 15. December. Heute fand die General­versammlung der Spar- und Leihkasse dahier statt. Herr Kreisrath Klietsch legte sein Amt als Director derselben mit der Erklärung nieder, daß er eine Wiederwahl nicht an­nehmen werde. An seine Stelle wurde Herr Kammerdirector Korell gewählt. Es wurde noch beschlossen, von Januar 1892 an nur noch Einlagen bis zu 1000 Mk. mit 4 pCt., höhere dagegen mit S1/^ pCt. zu verzinsen, während dieser niedrigere Zinsfuß seither erst von 2000 Mk. an in Ansatz kam. (D. Ztg.)

vermischtes.

* Die Arbeit einer Woche in Birmingham. Man ist wahrhaft überrascht, wenn man erfährt, was in einer be­stimmten Zeit durch Fabriken erzeugt werden kann, wie sie heute dank der industriellen Fortschritte organisirt sind, und wenn man diese Production mit jener vergleicht, die ähnliche Werkstätten vor 50 Jahren zu leisten im Stande waren. Ack. Jll. W. Gew.'Ztg." gibt einige beredte Zahlen über die Arbeit einer Woche in Birmingham. Es ist bekannt, daß diese Stadt in einem der industriereichsten Districte Englands liegt. In dem kurzen Zeiträume einer Woche, das sind sechs Tage, werden in den Fabriken nachstehende Producte ange­häuft: 14 Millionen Stahlfedern ober mehr als hundert­tausend Schachteln voll, 300 Millionen Nägel, 1 Million Knöpfe aller 2(rt, 5 Millionen Stück Münzen jeder Gattung. In den verschiedenen Werkstätten werden fabricirt: Sechs­tausend Eisenbetten für 300000 Personen (?), 7000 Flinten, 1000 Sättel, dazu kommen 20 000 Paar Brillen, das sind ungefähr 1 Million im Jahr. Ferner 6 Tonnen Gegenstände in Papiermasse, 5 Tonnen Haken und Ringe, 500 Tonnen Bolzen, Schraubenmuttern und Schraubenzieher, 40 Tonnen Neusilber (Argentan), 800 Tonnen Ledergegenstände, nicht zu reden von einer unzähligen Menge von Clavieren, Eisen- gegenständen, Kinderwagen, Rädern, Wagenachfen, Geldkisten, Schlössern rc., an Bijouterien wird fabricirt um 750000 Fr., 100 000 Feuergitter, 3500 Blasebälge, 130000 Gros Schrau­ben, 10 Tonnen Stecknadeln (das sind 100 Millionen Steck­nadeln in einer Woche und beiläufig 5 Milliarden per Jahr). Zum Schluffe nennen wir noch zwei seltsame Ziffern. Die

Feuilleton.

Dss Glück in der Mielhslrssrrne.

Eine Weihnachtsgeschichte von Jul. Bruck.

(Nachdruck verboten.)

Es war ein milder Decembertag. Die durch Berlins Straßen ziehenden Wanderer freuten sich des heiteren Himmels und hasteten nicht mit rotgefrorenen Nasen dem Ziele zu. Herr Leopold Rösing aber hütete wie gewöhlich das Zimmer und wärmte die in Filzschuhen steckenden Füße am über- heizten Kachelofen. n .

Seine eben eintretende Auswärterin wollte die Fenster öffnen, um, wie sie sagte, die liebe Sonne hereinzulassen.

Daß ich den Tod davon habe!" schrie er auf.Es ift kalt wie am Nordpol und sie will die liebe Sonne herein- laffen" Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und befahl der geängstigten Frau, das Feuer zu schüren

Ohne Widerrede gehorchte sie und wollte sich dann b^^Doch sie zurückhaltend, begann er von Neuem :Es rieht hier ganz erbärmlich. Schließen Sie die Thüre des Kleiderschranks ! Muß sie denn immer offen stehen? Mein Rheumatismus verträgt das nicht." ..

Die Aermste respectirte auch diesen Besehl des narrischen Mannes und verließ seufzend das Zimmer.

So und ähnlich trieb es Herr Leopold Rösing. Em Sclave feiner hypochondrischen Laune, war er sich und anderen rur Last, obgleich ihn viele beneideten, die seine Vermögens- Verhältnisse kannten, doch der großen Wahrheit vergaßen, daß die begehrenswerthesten Annehmlichkeiten des Lebens nicht fäUfI@dmTin den Tagen rüstigster Thatkrast war er vallaus mit den goldenen Früchten seines Fleißes gesegnet und wähl­ten genug, um sich »an allen Geschäs.en zuruckz.ehen zu können Aber er hatte die Mahnung des liebenden Herzens überhört als er im Banne eines hochrnüthigen Trotzes am »reuzweg- stand. Nunmehr sah er seit drei Jahren aus

seinem mit Argusaugen bewachten Geldsack, der ihm reiche Zinsen, aber keine frohe Stunden brachte.

Wohl war er der Besitzer eines im sashionablen Westen der Reichshauptstadt belegenen Gebäudes- doch die herrschaft­lichen Wohnungen, die es enthielt, überließ er anderen und begnügte sich mit zwei dürftig möblirten Junggesellenstübchen einer in der Münzstraße stehenden Baracke. Auf jede Be­wegung im Freien hatte er längst verzichtet und in noth- gedrungener Berücksichtigung seiner durch die Stubenhockerei zerrütteten Gesundheit mußte er endlich auch den einst mit Vorliebe gesuchten Magenfreuden entsagen und sich auf die vom Arzte angeordnete strenge Diät beschränken. Wenn es zu dunkeln begann, legte er sich nieder, um eine schlaflose Nacht zu verbringen, und bei Sonnenaufgang erhob er sich, um einen langweiligen Tag todtzuschlagen. Zwei bis drei Stunden beschäftigte ihn die mit dem Morgenkaffee ausgetischte Zeitung, die er, soweit die Localnotizen und Politika in Be­tracht famen, sorgfältig durchstudirte. Dagegen würdigte er die Liebesgeschichte unter dem Strich keiner Beachtung und zwar schon seit jenem traurigen Weihnachtsabend vor fünfzehn Jahren, an dem ein unvergeßlicher Roman, dessen Held er selber war, einen jähen Abschluß gesunden hatte.

Kurz zuvor war er noch ein bei magerer Kost über- bürberter Handlungsgehilfe- doch eine innige Herzensneigung verklärte seine in mühevoller Arbeit verlebten Tage. Nur selten gönnte ihm fein Brodherr ein müßiges Stündchen, das sich dem zu neuer Thätigkeit stärkenden Schlummer entziehen ließ. Dann saß er im Kämmerchen seiner Braut, der an- muthigen Friederike Wendt, der einzigen Tochter eines in Ehren ergrauten Pianisten, in deren seelenvollen Augen er den ungetrübten Himmel seiner Zukunft sah.

Oft beklagte sie ihre Armuth, die ihr nicht gestattete, die von ihm angestrebte Begründung seiner geschäftlichen Selbstständigkeit zu erleichtern. Wußte sie doch, daß ihr frühverwittweter Vater, den man schon seit Jahren dem in­validen Clavier-Wendt nannte und der als verbrauchter Musit- lehrer in der ihn zu ihren Bürgern zählenden, mit jungen Tonkünstlern überfluteten Provinzialstadt aus em karges Ein­

kommen angewiesen war, kaum die nothwendigsten Bedürfnisse seines kleinen Haushaltes befriedigen konnte.

Er und ich," sagte sie,das sind nur zwei, die sich sättigen wollen, und doch haben wir beide schon erfahren, wie weh der Hunger tut." Unter Thränen lächelnd, fügte sie dann hinzu:Das Einzige, was ich in die Ehe bringen kann, ist der Segen meines Vaters."

Und häuslichen Sinn und Schönheit und Dich selbst!" tröstete der Bräutigam und küßte sie und schwelgte im wonnigsten Hoffnungstraum, der ihm über den Gedanken an feine eigene finanzielle Bedrängniß hinweghals.

Doch fehlte es auch nicht an unerquicklichen ©eenen, die zumeist durch Rösings irrige Ansicht überdie von der Natur gebotene Unterordnung des Weibes" verschuldet wurden. Es sollte nach seinem Dafürhalten in der Bewunderung des Eheherrn" ausgehen und blind sein für die Vorzüge jedes anderen Mannes. Nur ihn habe es zu achten und bei keinem seiner Befehle nach dem Warum zu fragen.

Gewöhnlich wagte seine Verlobte, den Ernst solcher Be­hauptungen lachend anzuzweifeln- dann aber geriet er in Zorn und schrie mehr als er sprach:Bei Gott, Riekchen, das ist kein Scherz!"

Wie sehr aber auch derartige Vorkommnisse sich häuften, so Verliesen sie doch stets ohne nachhaltige Störung des guten Einvernehmens, bis ein unerwartetes, scheinbar glück­liches Ereigniß den ersten Anlaß zur schmerzlichen Kata­strophe gab.

Durch die letztwillige Verfügung eines in der Schweiz verstorbenen Vetters war Rösing in den Besitz eines kleine« Capitals gelangt, das ihm den Erwerb eines im vvlks- reichsten Stadttheile belegenen Victualienkrams ermöglichte. So wurde er plötzlich sein eigener Herr, und mehr als je zuvor gefiel er sich in der Rolle des angehenden Haus­tyrannen, jetzt aber, unter den wesentlich veränderten Ver­hältnissen, die für fein armes Bräutchen etwas Demüthigendes hatten, mit ungleich schlimmerem Erfolge als ehedem.

(Fortsetzung folgt.)