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19.7.1891 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 19. Juli

1891

Erstes Blatt

Nr. 165

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

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Die Gießener ^«UieelNHttr tsrrden dem Anzeiger ÄBchrntlich dreimal beige! egc.

Der

HSe-exr -«zei-rr erscheint täglich, Lu-nabme der Montag-.

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rattsöeilage: Gießener IlawikienökaLLer.

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Annahme Boe Anzeigen zu der Nachmittag- für dm fBlgmdm Tag erscheinmden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Alle Amrvnceri-Burcaux de- In» und Auslandes nehm« Anzeigen für bettGießener Anzeiger" entgegne

AnrLlrcher Lheil.

Gefunden: 1 Fingerhut, 1 Heugabel, 1 Eberzahn, 1 Geldstück, 1 Wasserschöpfer, 1 Taschentuch, 1 Handschuh, 1 Strumpfband, 1 Hundehalsband, 1 Kaisermünze, 1 Kinder- tragen, 3 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Rechenbuch, 1 Brod- tasche, 1 Armband, 1 Metermaß, 1 Loos.

Zugeflogen: 1 Kanarienvogel.

Gießen, den 18. Juli 1891.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.:

S ch l i e p h a k e, Regierungsassessor.

j)otttische Wochenschau.

Gießen, 18. Juli 1891.

Von den inneren Reichsangelegeuheiten zieht gegenwärtig der Streit im sozialdemokratischen Lager das Politische Interesse in hohem Grade auf sich. Deutlich be­ginnen sich ein rechter und ein linker Flügel von dem Cen- irum der Partei abzusondern. Der erstere steht unter der Führung eines der bedeutendsten sozialdemokratischen Partei- männer, des Freiherrn v. Vollmar, der vor einiger Zeit offen die Ansicht aussprach, daß man unter den gegebenen Verhältnissen den Dreibund nöthig habe und daß dieser auch keineswegs zu unerhörten Rüstungen zwinge. Ebenso äußerte sich Vollmar in Bezug auf die innere Politik weit versöhn­licher, als es seine Parteigenossen zu thun pflegen. Die Rede erregte begreiflicherweise das größte Aufsehen innerhalb der Partei und Bebel bemerkte in einer Berliner Versammlung geradezu, daß die Aeußerungen des Abgeordneten Vollmar von allen Parteigenossen verurtheilt würden. Die Fraction billige weder seine Ansichten bezüglich der inneren noch die hinsichtlich der äußeren Politik. Der nächste Parteitag werde ihn wegen seines Verhaltens zur Rechenschaft ziehen. Da­gegen erklärte Vollmar, er bleibe auf seinem Standpunkte stehen. Die Sozialdemokratie dürfe sich nicht in die bloße Negation hineintreiben lassen, sie müsse an der Gesetzgebung Mitarbeiten. Wer das nicht wolle, der müsse hinausgehen, bie Revolution vorbereiten und die Messer schleifen. Durch Las Eingreifen Liebknechts wurde sodann eine weitere Ver­schärfung der Gegensätze bewirkt. Dieser äußerte nämlich, Vollmar sei mit seiner Rede passirt, was schon jedem einmal vorgekommen sei: er habe dummes Zeug gesprochen. Hierauf antwortete der Angegriffene in schärfster Weise: Eine der­artige Ausdrucksweise sei bei Liebknecht nichts Ungewöhnliches.

Habe er doch sogar schon Marx und Engels mit zoologischen Redeblumen bedacht. Er wolle auch dem Parteiveteranen eine so lieb gewordene Unart nicht abgewöhnen. Solche Aeußerungen bewiesen nicht nur schlechten Geschmack, sondern auch Mangel an überzeugenden Gründen und sachliche Schwäche. Während sich derart eine Rechtsströmung in der Fraction mit Nachdruck geltend macht, wenden sich auf der anderen Seite auch die Radicalen in der Partei gegen die gegenwärtige Haltung der Parteileitung. Sie behaupten, die sozialdemo- tische Partei sei schon eine Opportunitätspartei geworden, der revolutionäre Geist sei vollkommen geschwunden und seit dem Wegfall des Sozialistengesetzes hafte den Parteibestre­bungen der Fluch der Lächerlichkeit an. Diesen Opponenten gegenüber werden von Seiten der Parteileitung im Wesent­lichen diejenigen Anschauungen ins Feld geführt, mit deren scharfer Betonung v. Vollmar seiner Partei so schweren An­stoß gegeben hat. Zugleich wird dem linken Flügel der Rath ertheilt, aus der Fraction auszuscheiden und eine eigene Partei zu begründen. In Bezug auf die A'frika- lotterie, die Ende Juni durch Ministerialbeschluß genehmigt worden ist, werden weitere Einzelheiten bekannt. Die erste Ziehung soll nach neueren Nachrichten vom 12. bis 15. Oc­tober und die zweite vom 19. Dezember an stattfinden. Im Ganzen sollen 8 Millionen Mark Erlös durch den Verkauf von 400,000 Loosen zu 20 Mark erzielt werden. Von dieser Summe werden 4 Millionen für Gewinne und 2*/2 Millionen für Afrika verwandt werden, sodaß für die Banquiers und Loosehändler iy2 Millionen verbleiben. Im Einzelnen soll der für Afrika bestimmte Betrag zur Beschaffung von Dampfern aus den afrikanischen Seeen, zur Errichtung fester Stationen im Seeengebiete, zur Unterstützung der christlichen Missionäre und zu ähnlichen Zwecken verausgabt werden. Fraglich ist bis jetzt noch, wie es mit der Stempelsteuer, die bekanntlich 5% beträgt, gehalten werden soll. An eine Steuerfreiheit ist nicht wohl zu denken, weit eine solche nur bei Lotterien zu wohlthätigen Zwecken statthast ist. Wahrscheinlich wird der Steuerbetrag von 400,000 Mark in der Weise aufgebracht, daß man auf den Preis jedes Looses noch 1 Mark Stempel­steuer schlägt. Hinsichtlich der Lebensmittel ist eine weitere Preissteigerung im Juni durch die Angaben der Statistischen Correspondenz" des amtlichen statistischen Bureaus wenigstens für Preußen erwiesen. Es betrugen nämlich die Durchschnittspreise für Weizen im Mai 234, im Juni 235 Mk., für Roggen im Mai 201 und im Juni 208 Mk.

Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik stehen noch immer die Erörterungen über den Dreibund im Vorder­grund. Die Frage, in welchem Verhältnisse England sich zu

der Tripelallianz befindet, hat durch eine Erklärung des englischen Unterstaatssecretärs Fergusson eine bündige Be­antwortung erfahren. Derselbe führte aus, daß England keine Verpflichtungen Italien gegenüber eingegangen sei, sondern nur Ansichten mit der italienischen Regierung über die Auf­rechterhaltung des status quo im Mittelmeere ausgetauscht habe. Dem Dreibund sei England also zwar nicht beigetreten, aber seine Sympathieen stünden auf Seite desjenigen, welcher den Frieden zu erhalten trachte. Viel von sich reden macht weiterhin die geplante Reise des jungenKönigs von Serbien. Zuerst glaubte man, daß der König mit seiner Reise lediglich dem Zar von Rußland huldigen wolle und nur, um in Wien nicht allzusehr zu verstimmen, auch den Kaiser von Oesterreich besuchen werde. Nunmehr aber scheint es, als ob der serbische König von vorneherein beab­sichtigt habe, sich den beiden Monarchen in gleicher Weise aufmerksam zu erweisen. Ob der junge König anläßlich seiner Reise mit seinem Vater Milan Zusammentreffen wird, wie zuerst verlautete, ist nach jüngeren Nachrichten ungewiß. In Holland ist eine Ministercrisis ausgebrochen. Das ge- sammte Cabinet hatte schon vor der Ankunft Kaiser Wilhelms seine Demission eingereicht und war nur mit Rücksicht auf die unmittelbar bevorstehende Anwesenheit des deutschen Kaisers auf seinem Posten geblieben. Mit der Bildung eines neuen Ministeriunls ist der frühere Minister Hemskeerk betraut worden. Als künftiger Minister des Innern wird der jetzige Bürgermeister von Amsterdam Tienhowen genannt. In Frankreich ist seit dem 10. Juli der Weizenzoll auf 2.40 Mk. herabgesetzt, während der Roggenzoll schon seither diesen Be­trag nicht überstieg. In Portugal ist das kaum zu Stande gekommene Ministerium schon wieder ins Wanken ge- rathen. Es heißt, daß der Ministerpräsident Abreu de Souja zurücktreten werde.

Deritsches Reich.

Berlin, 17. Juli. Gegen die Berliner Professoren der Medicin, Geh. Rath v. Bergmann und Dr. Hahn, ist von einem Assessor Namens Dr. Leidig die Beschuldigung erhoben worden, sie hätten an unheilbaren Kranken Versuche mit Uebertragung von Krebspartikelchen vorgenommen. In Folge dessen forderte der Cultusminister in seiner Eigenschaft als Minister der Medicinalangelegenheiten die beiden Pro­fessoren auf, ihm ungesäumt Antwort auf die wider sie er­hobene Anklage zu ertheilen. Herr v. Bergmann entsprach dieser Aufforderung sofort und auch Herr Professor Hahn dürfte sich inzwischen zu der Anklage geäußert haben. Es

Fernlletoir.

Licht.

Novellette von D. Fretin von Spättgen.

(1. Fortsetzung.)

Dessen ungeachtet hatten die Fremden es verstanden, sich bald die Achtung und Theilnahme der Bewohner von Dolly Ward zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wie dem bezaubernden Augenausschlagen der Tochter zu widerstehen vermocht? So schroff und ab­sprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurtheilt worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Dame zu liegen schien.

Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advocaten, welcher in Goldsmiths Office in Brooklyn arbeitete und hier bei der albten Miß Colnay Pensionär war, außer diesem hatte noch ieufdr der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands Schwelle überschritten und auch sein Verkehr mit den beiden Damen beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly der neuen Mietherin als Verwalter des Hol- stein'schen Grundstückes zu machen hatte. Es schien auch durchaus nicht'in deren Absicht zu liegen, mit irgend Jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das war alles.

Im Allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der feinen Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northlaud und deren Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging. Durch ihn wußte es auch bald Jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen befaßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem Körbchen

am Arme die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte, die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der fünften Avenue von Newyork gleichgestellt werden konnte.

An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abend­stunde, trat Miß Grace, eine schlank gewachsene Brünette mit kühn geschwungenen Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien sowohl starke Willens­kraft, wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach einem Aus­gange durch die Berandathür in das vordere der beiden Parlours und schaute sich sichtlich befremdet darin um:

M'a! Mama!"

Keine Antwort erfolgte das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine schwere, moos­grüne Portiere getrennt war.

M'a!"

Auch hier zeigte sich Niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag für Tag an dem nach der Straße ge­legenen Fenster saß und die Tochter, wenn sie von ihren kurzen Ausgängen hcimkehrte, regelmäßig an diesem Plätzchen erwartete. So lange man aus Dolly Ward wohnte, war dies geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die theure Gestalt an dem gewohnten Platze.

Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang sie die Treppe zum oberen Stock­werk hinan und öffnete die Thür des gemeinsamen Schlaf­gemachs dort saß Mrs. Northland und schien, über ein weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die alte Dame jedoch der schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrack sie leicht zusammen und sagte ^alb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend:

Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet?"

Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?"

Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und umschlang sie mit fast ungestümer Zärt­lichkeit:M'a, geliebte M'a, Du verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll. O, warum das? Haben wir nicht bisher alle Sorgen und Mühen mit­einander getheilt?" Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen Zügen der jungen Sprecherin.

Grace!" Die ältere Dame versuchte ein Schluchzen zu bekämpfen.O, Grace, es kann ja so nicht weiter­gehen !"

Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe ich Dir schon oft gesagt, und deßhalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß es schon um Deinet­willen thun," entgegnete das junge Mädchen mit fester Stimme.

Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen Geschäfte, wo all die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch diesen Stolz er ist das Einzige, was von allem Glanz und Schimmer der schönen Vergangenheit geblieben ist," schluchzte Mxs. Northlaud unter heißen Thränen.

Es gibt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt zu verdienen," gab Grace unbeirrt zurück.

Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß diese Damen werden gut bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest noch einmal mit Deinem Studium von vorne beginnen, was einige Jahre beanspruchen würde nein, mein Kind, auch daS will ich nicht. Welchen Demüthigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung ausgesetzt!" fügte Mrs. Northlaud hinzu, ihre Wangen zärtlich au die der Tochter schmiegend.

(Fortsetzung folgt.)