Dienstag den 17. November
Giestener Anzeigen.
Beilage zu Nr. 268.-1891
Feuilleton.
Sie und ihr Viertelsvetter.
Erzählung von I. Bonnet.
, (7. Fortsetzung.)
„Abzulehnen? Herr Emling! In etwas kenne ich selbst Ihre Lage. Sollte sie sich derart zum Besseren gewendet haben, daß Sie sorgenlos sind? Bedenken Sie die Jahre, die Ihnen von Amtswegen keinen Groschen einbringen. Ablehnen, dem Präsidenten gegenüber, der natürlich auch Ihre Verhältnisse kennt und alles reiflich erwogen hat?"
Robert kämpfte mit sich. Dem Präsidenten gegenüber fühlte er nicht die mindeste Verpflichtung. Da trat ihm Ottilie vor die Seele. Gewiß, sie steckte dahinter! Sie hatte die edelste Absicht! Er konnte ihr durch seinen Stolz nicht wehe thun. Er brachte es nicht über das Herz. Jhret- wegen nahm er scheinbar die huldvolle Zuwendung an.
Halbjährlich erhielt er fünfhundert Mark ausgezahlt, die er sofort, ohne auch nur eine Mark davon zu nehmen, auf die Sparkasse trug. Wozu, wußte er nicht. Es war ihm gleichgiltig. Genug, daß er keinen Groschen davon verbrauchte.
Statt sich mit dem Gelde den Weg zu erleichtern, arbeitete er unverdrossen von früh bis spät. War er amtlich frei, so ertheilte er Privatunterricht, bereitete jüngere Genossen zum Reserendarexamen vor, das er glänzend bestand, schrieb juristische Aussätze für Zeitschriften und machte seinen Namen vortheilhast bekannt.
Er erwarb eben so viel, um leben zu können, leben zu können, wie viele andere es auch mußten, ohne Ansprüche und mit Verzicht aus Genüsse und Bequemlichkeit.
Ottilie begegnete er nicht wieder. Ein einziges Mal sah er sie in der Singakademie, der er als Mitglied angehörte.
Ihr Bild blieb treu in seinem Herzen. Sie irgendwo zu treffen, vermied er eher, als daß er es suchte. Warum sich beunruhigen, da ihre und seine Bahn fern auseinander lagen ?
Auch sie vergaß ihn nicht. Ihr Herz bebte vor Freude, als eines Abends, da sie im Lesesaale zu Ems neben ihrem Vater saß, dieser ihr die „Preußischen Jahrbücher" reichte, mit dem Finger auf einem Artikel, der Robert Emlings Namen trug.
„Das Geld ist gut angewendet gewesen," sagte der
Präsident v. Rehmer — der Adel war ihm durch königliche Gnade verliehen worden — „unser Schützling leistet Vortreffliches, ganz Vortreffliches. Ohne unsere Zubuße würde er schwerlich Zeit zu solchen eingehenden Studien behalten haben."
Ottiliens Wangen färbten sich sreudenroth. Sie war stolz aus den Vetter, den selbst der mit Lob kargende, ausgezeichnete Vater mit Beifall nannte.
Draußen auf der Promenade an der Bahn trafen sie die Mutter und gemeinsam begab man sich ins Hotel, wo der Oberkellner einen Bries überreichte.
Der Präsident überflog ihn lächelnd, um ihn dann seiner Frau zu reichen, und nachdem diese zustimmend genickt hatte, wurde Ottilie ein eingeschlossenes Billet überreicht.
„Zieh Dich in Dein Zimmer zurück und dann entscheide," sagte die Mutter, liebevoll ihr die Hand auf den Scheitel legend.
„Sie hat längst entschieden, bedäucht mich," warf der Vater mit einer gewissen Hast hin.
„So denk ich auch, mein Lieber," versetzte jene. „Jndeß ein Frauenherz ist ein eigen Ding, wie ich jetzt wieder an unserem Kinde bemerke. Da hat man tausendmal den Augenblick vorausgesehen, und wenn er erscheint, so geht das Zagen an. Mein Gott, der Schritt ist eben so groß, so ganz einzig und für die Zukunft entscheidend.
Ottilie war auf einen Sessel gesunken und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Sie wußte, es war der Eltern Wunsch, daß Lieutenant Hechts Werben um ihre Hand erhört wurde . . . und doch konnte sie nicht ja sagen, nicht mit freudiger Seele, da es hier, tief in der Brust, tausendmal nein rief. Fast noch ein Kind, hatte sie für den gewandten, bildschönen Offizier geschwärmt. Nach und nach war er ihr denn doch zu oberflächlich erschienen. Redselige Mäuler, viel- leicht auch neidische Zungen hatten ihr manches Nachtheilige über ihn zugeflüstert. Kurz, der Rausch war einer kühlen Ernüchterung gewichen.
Sich sammelnd, erhob sie sich und umschlang heftig die vor ihr stehenden Eltern.
„Laßt mich nein sagen!" rief sie mit feuchten Augen, seltsam erregt.
„Ottilie," entgegnete die Mutter, „alle Welt sieht Euch bereits als ein Paar, es gäbe einen Eelat, wiesest Du ihn zurück. Und aus was für Gründen? Er ist Edgars Busenfreund gewesen — Niemand war bei Edgars Begräbniß so erschüttert wie er, — er hat versucht, uns den geliebten, unvergeßlichen Sohn zu ersetzen, so viel er vermochte,- von dem
unglückseligen Sturze Edgars mit dem Pferde bis zu dieser Stunde hat Niemand so treu zu uns gestanden wie er. Du mußt selbst bekennen, daß er nur Dein Glück will . . ."
„Nein, Mama, nein!" ries Ottilie, das Haupt erhebend. „In allem geb ich Dir recht, bis aus diesen einen Punkt. Lieutenant Hecht lebt im Grunde keinem andern als sich selbst; nachhaltiger Gefühle, treuer Aufopferung und verläßlicher Gesinnung glaube ich ihn nicht fähig."
„Was für Ideen," tadelte die Mutter. „Als ob Deine Eltern nicht wüßten, was zu Deinem Glücke ist!"
Der Präsident war sehr ernst geworden. Trübe Falten lagerten ans der Stirn des in letzter Zeit auffallend gealterten Mannes.
Seine Hand auf Ottiliens Schulter legend, sagte er feiernd) und mit bewegter Stimme:
„Mein Herzenskind, Deine Mutter hat recht. Ich versichere Dir, es hat mich manche Nacht gekostet, Dein Wohl gründlich zu erwägen. Wir müssen es als ein Glück ansehen, daß ein Mann wie Lieutenant Hecht um Deine Hand anhält. Du bist jetzt alt genug, um genau zu erfahren, wie es mit uns steht. Ich bin vor der Zeit ergraut, vor Sorgen. * Unsere Verhältnisse sind aus verschiedenen Gründen erschreckend zurückgegangen, wie sie denn niemals reiche waren. Wir sind ganz abhängig von meiner Stellung. Das ist alles. Mitzugeben vermögen wir Dir nichts, nur ein so reicher Mann wie Lieutenant Hecht, ist annehmbar für Dich. Er aber hat sich uns bewährt, und Du hast keinen Grund, an ihm zu zweifeln."
Ottilie stand wie gebrochen. Ihr war zu Muthe wie damals auf der Ruine des Kapellenberges, als der Grund unter ihren Füßen wankte und sie in die Tiefe stürzte.
„Geh in Dein Zimmer, liebes Kind, und bedenke Dich," sagten die Eltern weich und mild.
Ottilie schwankte hinüber und sank an einem Sessel nieder. „Herr, mein Gott, hilf!" kam es schluchzend herauf aus bebendem Herzen. „Was soll ich thun, mein Gott? Sage es mir!"
Sie konnte nichts denken. Nur das eine hastete in ihr: „Die Eltern wünschen es," und den Eltern zu gehorchen, fordert Gott von den Kindern.
Um alles dergleichen hatte sie sich in den verflossenen Jahren wenig bekümmert, bis es die Stunde des Leids wieder hervorgrub und ihr wie den einzigen fühl- und faßbaren Grund unter die Füße schob.
(Fortsetzung folgt.)
Verdingung.
Loos I. Gewinnung und Anfuhr von rund 15 000 cbm Packlagesteinen aus einem der Eisenbahn-Verwaltung gehörenden Steinbruche bei .Friedel- hausen.
Loos II. Zerschlagen von rund 12000 cbm Basaltbruchsteinen zu Kleinschlag aus dem der Eisenbahn- Verwaltung gehörenden Steinbruche bei Assenheim.
Zur Vergebung dieser Arbeiten ist öffentliche Verhandlung auf
Samstag den 21. Nov. d. I.,
Bormittags 11 Uhr, im Geschäftszimmer des Unterzeichneten anberaumt.
Bedingungen können vorher im Bureau der unterzeichneten Bau- inspection eingesehen werden, auch von derselben gegen postfreie Einsendung von 0.50 .X für jedes Loos bezogen werden. 10129
Marburg, den 12. Novbr. 1891. Königliche EifenbahwBau-Jnspection.
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Aus dem Gemeindewald der Gemeinde Geilshausen sollen circa 160 Festmeter Fichten - Stammholz submissiousweise vergeben werden.
Die Offerten sind bis zum 30. d. Mts. bei der unterzeichneten Stelle portofrei einzureichen, woselbst die Eröffnung am genannten Tage Nachmittags 2 Uhr stattfindet.
Nähere Auskunft über die Dimen- fionen des Holzes u. s. w. ertheilt Forstwart Wißner dahier.
Geilshausen, am 13. Novbr. 1891. Großh. Bürgermeisterei Geilshausen.
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