1891
Mittwoch den 16. December
ft». 293. Zweites Blatt.
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Literatur und ‘KttnfL
— Die Urgeschichte deS Menschen nach dem heutigen Stande der Wissenschaft. Von Dr. Moriz Hoernes. (Mit über 323 Abbildungen im Texte und 22 ganzseitigen Illustrationen.) A. Hartlebens Verlag. Wien. Vollständig in 20 Lieferungen ä 50 Pfg. In elegantem Originalctnbande 13.50 Mk. Soeben gehen uns die Schlußhefte dieses interessanten Werkes zu, welches in streng abgewogener und dennoch ausführlicher Darstellung Alles gehalten hat was es im Prospekte versprach. Mit Recht knüpfte sich an den Namen des durch seine Fachstudien vielfach bekannten Autors die Erwartung, daß er seinen Lesern bis zum Ende des Buches, d. h. bis zum Anschluß an die geschriebene Geschichte der Menschheit, ein treuer Führer sein werde. Er hat mit äußerster Umsicht alle möglichen Interessen jener zahlreichen Freunde der Wissenschaft wahr- genommen, welche an der Urgeschichte unseres Geschlechtes Anthell nehmen oder sich selbstthätig mit einzelnen Fragen derselben beschäftigen. Niemand wird unbefriedigt in dem Buche nach jenem Abschnitte suchen, in dem er speciell Aufklärung über Einzelnes sucht. Ueberall sind lichtvolle Verbindungen und Zusammenhänge nachgewiesen, deren Erkenntniß erst das Studium einer Wissenschaft zu einem hohen und reinen Genuß gestaltet. Die „Urgeschichte des Menschen" hat hier eine Behandlung gefunden, wie sie überhaupt erst in unseren Tagen möglich war und welche, wie wir zuversichtlich hoffen, zugleich als ein Markstein auf dem Wege ihrer Entwickelung angesehen werden wird.
Stimme lauschte er, wie sie munter mit den drei Kindern plauderte.
Doch was war das? Der Zug hielt plötzlich und wie
zu erreichen."
„Werden wir von dort aus weiter gelangen?" fragte Fräulein Berg.
„Schwerlich! Vor den nächsten drei Stunden wenigstens nicht!"
„Das sind ja tröstliche Aussichten! Jetzt ist es schon fünf Uhr."
„Und um sechs Uhr werden wir zu Hause erwartet!" jammerte Ilse, „um sieben wird bescheert. Meine Brüder laufen gewiß jetzt schon nach dem Bahnhofe, um uns abzuholen !"
„Eine ganz fatale Geschichte," meinte der glückliche Vater der drei begabten Kinder. „In M. wird man uns mit dem Wagen erwarten."
„Warum sind wir auch nicht zu Hause geblieben!" wehklagte seine Gattin. „Ich war von vornherein gegen diese Winterreise. Meine armen unglücklichen Kinder, sie kommen nun um alle Festesfreuden!"
„Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten," murmelte Erich Rode in höchst vergnügter Stimmung.
Von all den' Reisenden, die da jetzt klagend, schimpfend, raisonnirend oder in stummer Resignation dem Coups entstiegen, war er wohl der einzige, der sehr zufrieden mit diesem Zwischenfall war.
Nun konnte er doch als Ritter der beiden Damen auftreten, sie durch den Schnee geleiten und irgend ein Winkelchen würde sich wohl in dem Restaurant da drüben finden, wo man nachher gemüthlich beisammenfitzen konnte, vielleicht bei einem Glase Punsch.
(Fortsetzung folgt.)
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Aepfelbäume angefahren, die man in der T'schen Baumschule geholt hatte. Nun aber nahm man das junge Ehepaar in die Mitte und Musik voran, die Mädchen mit Blumen in den Haaren, so gings im Zuge zum Dorfe hinaus aus den Baumacker. Da hielt der Ortspfarrer, den man darum gebeten hatte, eine Ansprache und nun begann unter Leitung eines erfahrenen Baumwärters der Baumsatz. Bald hatten die vielen Hände unter Scherz und Gesang die Arbeit vollendet. Die erste und die letzte Schaufel Erde aber warf der junge Ehemann auf die Baumscheiben und die junge Frau streute in die Wurzeln der jungen Bäume Hafer- und Gerstenkörner zur Beförderung des Anwachsens. Als das beendigt war, spielte die Musik, man stellte sich im Kreise auf und der Pfarrer sprach ein Gebet. Darauf aber sang die ganze Versammlung unter Musikbegleitung das Lied: „Nun danket alle Gott". Als dies geschehen war, kehrte man unter den Klängen der „Wacht am Rhein" zum Dorfe zurück, begleitet fast von der gesammten Einwohnerschaft. Und Alle waren des Lobes voll über die sinnreiche Veranstaltung, der auch wir weitere Verbreitung wünschen möchten. -3^6-
es schien mitten auf
Der Schaffner öffnete die Coupsthür.
„Ich muß die Herrschaften bitten, auszusteigen," sagte
„Der Zug geht nicht weiter, des enormen Schneefalles wegen. Die nächste Station ist aber in einer Viertelstunde
einem kleinen Theil der immer noch in so großer Zahl wartei.dm Kranken eine so erwünschte Heimatb gewähren können. Jmmerinn wird es uns sehr schwer, neue 50,000 Mark Schulden auf uns zu laden. Damals haben uns ca. 12000 Geber je 50 Pfennige geschenkt und uns so die große Weihnachtsfreude bereitet. Wie wäre es wenn jetzt jeder Leser dieses Blattes unter Freunden und Bekannten eine Mark sammelte, um für alle Zukunft täglich unseren armen Kranken ein Liter frischen Wassers zu reichen. Ware das nicht ein liebliches Weihnachtsgeschenk? Ick halte es nicht für unmöglich, daß Gott uns wiederum diese Freude bereitet und ich wage zu bitten: Frisch ans Werk! Auch aus dortiger Gegend haben wir ja Epileptische in unseren Anstalten und gilt es also, auch ihnen diesen Trunk frischen Wassers zu reichen. - Die Mark konnte in Briefmarken eingesandt werden und würden wir nur wünschen, auf den Brief zu bemerken „Ein Liter frischen Wassers." — Den Dank überlassen wir dem, der gesagt hat: „Wer dieser Geringsten einen mit einem Becher kalten Wassers tränket — wahrlich, ich sage Euch, es wird ihm nicht unbelohnet bleiben."
Bielefeld, im December 1891.
Fr. Bodelschwingh
Pastor.
Wir möchten nicht jede einzelne Gabe quittiren, sondern nur wöchentlich anzeigen, wie viel Liter Wasser eingegangen sind. Es ist selbstverständlich freigestellt, statt eines Liter auch zwei oder mehr zu schicken.
und der Papa der schönen Töchter verstand so wundervollen Punsch zu brauen und die Mama kochte so herrliche Bierkarpfen! ,
Das alles ließ er im Stich, ohne sich im Geringsten darüber zu kränken oder sich seines blinden Unverstandes zu schämen. Nein, im Gegentheil, er fand es toll, luftig und romantisch, hier zu sitzen und sich vom Dampfroß durch die weite, verschneite Welt tragen zu lassen, einem unbekannten
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Dann und wann flog sein Blick nach der einen Ecke des Coupes, wo ein rosiges Gesichtchen aus weißem Schleier hervorlugte, diesem gegenüber war das fröhliche rothe Gesicht Fräulein Bergs zu schauen, eingerahmt von einer grotesken Pelzcapote. Wie Frau Holle erschien sie Erich Rode m seiner romantischen Stimmung.
Ob er eine Anrede wagte? Es war nicht gut möglich- denn leider saß zwischen ihnen eine glückliche Familie, Vater, Mutter und drei Kinder, die nach M. wollten zu den Großeltern, wie sie Fräulein Berg soeben erzählten. Selma, die älteste der drei Wunderkinder, hatte em Paar Schuhe gestickt für den Großpapa und die beiden Jungens hatten wunderschöne Weihnachislieder gelernt. Ob die Damen nicht hören wollten, wie nett sie dieselben declamiren könnten, fragte die glückliche Mutter. ~ .
„Gewiß, sehr gern!" erwiderte grau lern Berg. Und sofort Hub der älteste mit großem Pathos an, sein Weihnachtsliedchen herzubeten. Der jüngste aber weigerte sich- er fürchte sich vor der Weihnachtssrau, erklärte er, indem er scheue Blicke auf Fräulein Berg warf.
Diese lachte herzlich ob dieser Benennung- auch Ilse ließ ihr fröhliches Lachen ertönen. Wie herzerfrischend das in den Ohren Erichs klang. Er lauschte, als vernehme er Sphärenmusik. L x
„3n M. müssen wir umsteigen und neue Blllete losen, sagte jetzt Fräulein Berg. ,
„Natürlich steige ich auch um," dachte Erich Rode, „aber wohin wird die Reise nun weiter gehen?"
Draußen begann es schon zu dämmern, die Lampen in den Coupes wurden angezündet, er konnte Ilsens Gesicht m dem matten Lampenschimmer kaum noch erkennen, aber ihrer
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Ein Liter kalten Wassers.
Vor 10 Jahren haben die Freunde der epileptischen Kranken uns schon einmal ein köstliches Weihnachtsgeschenk gemacht in Gestalt eines frischen Wasserti unkes, da sie uns eine Gebirgsquelle kaufen und dieselbe in unsere Anstalten leiten halfen. - O wie dankbar waren wir, als zu Weihnachten das frische Wasser in unserm Häusern plätscherte! - In den 10 Jahren ist aber die Zahl unserer Anftaltsglteder von 1000 auf 3000 Seelen gewachsen und was damals reichte, reicht heute längst nicht wehr. Aus vielen Häusern drängt mir jetzt, so ost ich mich sehen lasse, der Ruf entgegen: „Wasser! Wasser!" Wer jemals diesen Ruf von den Lippen armer Verwundeter und Sterbender in den heißen Schlachttagen 1866 und 1870 vernommen hat, der vergißt ihn nie! Aber auch in Friedenstagen thut ein solcher Ruf weh. Frisches Wasser ist namentlich für Kranke eine Wohlthat. Brunnen graben hilft bei uns nichts; sie versiegen im Sommer. Wir haben, um uns zu Helsen, eine zweite Wasserleitung aus dem Gebirge zu legen beschlossen. Dazu aber mußten wir in den sauren Apfel beißen und einen kleinen Bauernhof kaufen, der ein Recht auf das Wasser hatte und der A auf keine andere Weise abgeben wollte. Das wird l« nun frerlrch theures Wasser! Mit den Kosten der Leitung muffen wir mindestens 50,000 Mark dafür ausgeben, bekommen dann aber auch täglich 50000 Liter köstliches Gebirgswasser, also für re l Mark AnlagewEapital täglich für alle Zeit einen Liter Wasser und das ohne jede Arbeit hoch in alle Häuser Hinern, und außerdem den kleinen Bauernhof mit drei Häusern im Gebirge, die wieder
Aus Umwegen.
Novelle von F. Stockerl.
(4. Fortsetzung.)
Jlje ctnpianb so recht den Zauber dieser Worte, als sie so durch die Straßen der Hauptstadt fuhr- vor ihrer Seele erstanden heimatliche Silber: das Eckhaus mit dem Erker, n>o ihre Eltern wohnten, gegenüber das atte Bäckerhaus mit dem pitzen Giebel, wo die duftenden Weihnachtsstollen hinetn- und herausgetragen wurden, und dann linksab, im Schatten hoher Bäume, die alte Kirch-, in welcher sie getauft und einaeseanet war. Wie würden morgen die Menichen da hineinströmen; sie horte schon im Geist- das „Ehre sei Gott tn bE®n kifer Fußtritt von Fräulein Berg ries sie plötzlich wieder in di- Gegenwart zurück. Sie blickte aus und gerade in die strahlenden braunen Augen von Erich Rode.
War es Schreck, Verwirrung, war es Scham? ^!|e, bie doch den jungen Mann einst so keck hatte ablaufen lassen, sie sich selbst gerühmt, wurde dunkelroth und sah dann ^nsequent hinaus $auf Straße, wo der Schnee langsam herunterrteMe.Po^d^^^r Platze stieg man aus. Erich Rode folgte den beiden Damen wie im wachen Traume, als wurde er willenlos von unsichtbaren Mächten ge -,tet Am B.llet- ckatt r stand er neben Ilse und lüste etn B.llet nach der- c ^tntinn wie er sie aus ihrem Munde vernommen. Natürlich stieg 'er denn auch tn das Coupe für Nichtraucher, welches die beiden Damen sich vom Schaffner Hatten offnen lassen Erst als der Zug nun davonbrauste, faßte er sch NN die Stirn. Gott im Himmel, war er denn verrückt g . worden? Wie er ging und stand, trat er da em- Retse . Thüringen an, mitten im Winter, heute am Heiligen Mend zu 7elchem'er, ivie er sich jetzt dunkel er nnerte etne Einladung angenommen zu einer ihm-befreundeten Fam.li, wo schöne Töchter waren, bie womöglich Kissen für ihn ge stickt und Schlummerrollen für ihn gehäkelt hatten. Ach,
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Deutfehes Reich.
Berlin, 14. December. Der Kaiser traf am Sonntag Mittag in Remplin in Mecklenburg ein und wohnte daselbst der Vermählung des Prinzen Albert von SachsewAlteu- burg mit der Herzogin Helene von Mecklenburg-Strelitz bei. Nachmittags 4 Uhr reiste der Kaiser nach Schwerin zu einem Besuche seiner Großtante, der Großherzogin-Mutter Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, weiter. In Schwerin besuchte der erlauchte Herr Abends eine Vorstellung im Hoftheater. Am Montag früh begab sich der Kaiser von Schwerin aus nach Stettin, woselbst er dem Mittags auf der Werst des „Vulkan" stattgefundenen Stapellaufe einer neuen Panzerfregatte beiwohnte. Abends fand im königlichen Schlosse ein größeres Diner statt, worauf der Monarch nach Potsdam weiterreiste.
— Deutscherseits sind, wie bestimmt verlautet, auch mit Spanien, Portugal und Holland Handels- Vertragsunterhandlungen angeknüpft worden.
— Der Reichskanzler hat im Reichstage eine Vorlage über die Abänderung des Unterstützungswohnsitz-Gesetzes noch für die laufende Session in Aussicht gestellt. Nach dem, was man schon jetzt über bie Revision des genannten Gesetzes erfährt, wird dieselbe nicht auf eine Beschränkung der Freizügigkeit, sondern auf eine gerechtere Regelung der Pflicht der Heimathsgemeinde, für unterstützungsbedürftige Personen zu sorgen, zielen.
Locales wnd ^Vovinzislles.
Ans der Wetterau. Eine hübsche und sinnreiche Aussteuer war es, die die Burschen und Mädchen eines bekannten Dorfes der Wetterau einem Brautpaar ihrer „Kameradschaft" (Spinnstube) neulich dargebracht haben. Der Bräutigam hatte kurz vor der Hochzeit ein Stück Land gekauft, um es später vielleicht mit Obstbäumen zu bepflanzen. Das war bekannt geworden. Was thaten die Spinnstubengenossen? An einem Sonntag des Novembers war die Hochzeit. Am vorhergehenden Samstag gingen sie auf den Acker des Bräutigams, steckten die Plätze ab, da die Bäume stehen sollten, warfen die Baumgruben aus und setzten die Pfähle. — Alles ohne Wissen des Brautpaares. Dann war die Hochzeit. Am Montag Morgen aber da kamen, auf festlich geschmücktem Wagen mu Vorreitern an der Spitze, 20 prächtige


