Rr. 189. Zweites Blatt. Sonntag den 16. August 1891
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Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigrblatt für den Areis Gießen
Lanahmr len «n,eigen zu der «UchmittagS für den ®6c ^«nsKtt»s»ureaux dr, An- und KultaM netz»«
ss^ixn Lag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr. MKriS0eiMgk. ^aöllUeUSHaUCT:. «nzeigen für den .Gießener Anzeiger- entgegn
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2tintlichev Theil.
Bekanntmachung,
die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Großherzogthum betreffend.
Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben dem "deutschen Antisclavereilotterie-Comite zu Coblenz die Erlaub- niß zu ertheilen geruht, die Loose einer nach Maßgabe des -für das Königreich Preußen genehmigten VerloosungSplanes im laufenden Jahre zu veranstaltenden Geldlotterie innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben.
Gießen, am 14. August 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
vermischtes.
* Frankenberg, 10. August. Bei dem Festessen der hessischen Geschichtsvereinsversammlung richtete Herr "Pfarrer Heldmann im Lause der Unterhaltung an seinen Tischnach- dar und alten Lehrer Herrn Geheimen Rath Dr. Münscher in Marburg die Frage: „Wann sind Sie denn zum letzten- rnale in Frankenberg gewesen?" Herr Geheime Rath Ür. Münscher -antwortete: „Es sind etwa 75 Jahre." Die Antwort verdient nicht weniger, wie das bekannte Schulmeisterstückchen seines Vaters, des Consistorialraths und Professor Münscher, aus dem Anfänge dieses Jahrhunderts, als ein denkwürdiges Zeichen eines glücklichen Alters der Nachwelt überliefert zu werden.
* Folgenden „Roman aus dem Leben" theilt eine Berliner Local-Correspondenz mit, indem sie gleichzeitig, natürlich zum diskreten Gebrauch, die volle Adresse der „Heldin" dieses Romans angibt. Derselbe lautet: „22 Jahre sind es her, als vor dem Keller des Meisters N. eine elegante Equipage hielt, aus welcher eine Dame stieg, die rasch die Kellerstufen hinabeilte und in dem unansehnlichen Geschäftslocale des N. verschwand. Die dort gepflogenen Verhandlungen betrafen ein wenige Monate altes Kind, welches N. als eigen annehmen sollte. Das Abkommen wurde zur beiderseitigen Zufriedenheit geschlossen und ein kleines Mädchen spielte bald zur Freude der N.'schen Eheleute in dem Keller umher. Jahr auf Jahr verging, die Kleine entwickelte sich zur blühenden
Jungfrau und war der Stolz der biederen Handwerksleute, deren Verhältniß zu dem Kinde diesem ein Geheimniß blieb. Vor einiger Zeit nun erkrankte Frau N. plötzlich, die jetzt 22jährige Emma hielt getreulich Wache am Krankenlager ihrer vermeintlichen Mutter und als diese durch den Tod abgerufen wurde, da war es wiederum das junge Mädchen, welches nicht von der Leiche wich. Der Tag der Beerdigung war gekommen. Emma stand schmerzbewegt mit ihrem Pflegevater an der Gruft, andächtig den Trostesworten des Geistlichen lauschend, welcher besonders hervorhob, wie die Verstorbene mit der größten Aufopferung und Entsagung an der angenommenen Tochter Mutterstelle vertreten habe. Diese sicherlich gutgemeinte Aeußecung enthüllte dem trauernden Mädchen das Geheimniß und mit dem Rufe: „Vater, Vater, ist es denn wahr, daß ich nicht Dein Kind bin?" fiel sie dem zustimmend nickenden N. in die Arme. Seit dieser Zeit war Emma wie umgewandelt, sie' verließ das Elternhaus und suchte als Dienstmagd ihr Fortkommen. Vorgestern hielt vor dem N.'schen Keller wiederum eine elegante Equipage, welche bald darauf mit einer vornehmen Dame und dem schlichten Meister dem gegenwärtigen Ausenthalsort des Mädchens zu- suhr. N. hatte nach dem Vorgang aus dem Gottesacker nicht geruht, bis er die wirkliche Mutter seines Lieblings bewogen hatte, diesen wieder bei sich aufzunehmen. Das Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter hatte sich N. freilich anders gedacht, als es thatsächlich sich gestaltete. Emma musterte die reiche Dame, um ihr alsdann kurzweg zu erklären: „Sie haben kein Recht mehr auf mich, denn wer sich um sein Kind 22 Jahre nicht kümmert, kann unmöglich mehr Anspruch aus dasselbe erheben." Die Mutter mußte unverrichteter Sache von dannen gehen und ihr Kind verbleibt in dienender Stellung.
Das Vorkommen von Viehseuchen in Hessen
während des Monats Jun'i 1891.
Milzbrand wurde festgestellt auf der Sponsheimer Mühle, Kreis Bingen, am 11. und im Schlachthause zu Mainz am 15. Juni bei je einem geschlachteten Rtndviehstücke.
Rotz. Die in Mümling-Grumbach, Kreis Erbach, wegen eines verdächtigen Pferdes angeordneten Schutzmaßregeln wurden wieder aufgehoben, nachdem der Verdacht behoben war.
Die Maul- und Klauenseuche ist erloschen in Goddelau und Crumstadt, Kreis Groß-Gerau; in Langsdorf, Kreis Gießen; in den Orten des Kreises Alsfeld: Burg- und Nteder-Gemünden, Ohmes und Appenrod; in Ranstadt, Kreis Büdingen; in Kloppen- hetm, Kreis Friedberg; in Sauer-Schwabenheim und in Groß-
Winternheim, Kreis Bingen; in den Orten des Kreises Worms: Eich, Heßloch und Rieder-Flörsheim.
Die Seuche herrscht fort in Heimertshausen, Kreis Alsfeld, und in Zotzenheim, Kreis Alzey.
Die Seuche wurde im Monat Juni festgestellt und war am Schlüsse desselben wieder erloschen in Alsbach und Seebeim, Kreis Bensheim; in Stockstadt, Kreis Groß-Gerau; in Hirschhorn, Kreis Heppenheim; in Langen, Kreis Offenbach; in Albig, Kreis Alzey; in Schornsheim, Kreis Oppenheim, und in Hamm, Kr. Worms.
Die Seuche wurde im Monat Juni festgestellt und herrschte am Schlüsse desselben noch fort: in Kortelshütte bet Rothenberg, Kreis Erbach; in Trebur und Gernsheim, Kreis Groß-Gerau; in Unter-Hainbrunn, Kreis Heppenheim; in Gleimenhain und Wahlen, Kreis Alsfeld; in Wenings, Kreis Büdingen; in Petterweil, KreiS Friedbrrg; in Kostheim, Kreis Mainz; in Eckelsheim, Kreis Alzey; in den Orten des Kreises Bingen: Rieder-Hilbersheim, Appenheim und Dromersheim; in den Orten des Kreises Oppenheim: Wald- Uelbersheim, Dolgesheim, Wörrstadt und Rieder-Saulheim; in Frettenheim, Kreis Worms.
Der Bläschenausschlag unter dem Rindvieh ist erloschen in Wiebelsbach, Kreis Dieburg, in Kelsterbach, Kreis Groß-Gerau, in den Orten des Kreises Gießen: Obbornhofen, Hattenrod und Weikartshain; in Heldenbergen, Kreis Friedberg; in Wingershausen, Kreis Scholten, und in Gau-Bischofsheim, Kreis Mainz. — In Großen-Linden, Kreis Gießen, in Schwabenrod, Kreis Alsfeld, und in Stammheim, Kreis Friedberg, herrscht die Seuche fort.
Festgestellt wurde dieselbe unter dem Rindvieh in Armsheim, Kreis Oppenheim, am 29. Juni.
Die Räude gilt als vorhanden unter den Schafen in Unter-Mossau, Kreis Erbach, in Hof Albach, Kreis Gießen, in den Orten des Kreises Alsfeld: Eudorf, Romrod und Wahlen; in Konradsdorf, Kreis Büdingen, in Rodheim, Kreis Friedberg, in den Orten des Kreises Lauterbach: Stockhausen, Bernshausen und Reuters; in Meiches und Herchenhain, Kreis Schotten.
Literatur unö Annst.
— „Ich Habs gefunden, ich Habs gefunden!" rief der berühmte i Archimedes, der größte Mathematiker des Alterthums, freudig erregt aus, als er bet der Untersuchung des Goldgehaltes einer für König Hiero von Syrakus angefertigten Krone das Gesetz des speclsischen Gewichts entdeckte. Und den gleichen freudigen Ausruf werden viele tbun, die eine gediegene, unterhaltende und practische illustrirte Zeitschrift für ihr Haus und für ihre Familie suchen und das schon längst allen seinen zahlreichen Lesern und treuen Abonnenten lieb und vertraut gewordene Blatt, die ^Illustrirte Welt- (heraus- g-geken von Prof. Joseph Kürschner, redtgirt von Wilh. Wett'e'r, (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) in die Hände bekommen. Wie kein anderes Unternehmen ähnlicher Art trägt dieses treffliche Journal, welches sich während seines nunmehr neununddreißigjährigen Bestehens einen Leserkreis erworben hat, der den ganzen Erdkreis umspannt, den Character eines echten und rechten Blattes für das Haus und die Familie. Dies ist auch wieder der Fall bei den soeben erschienenen ersten beiden Heften des 40. Jahrgangs, 1892.
Feuilleton.
D er verwandelte Wein.
Humoreske von M. Hein ert.
(Schluß.)
Nachdem noch der Oberförster außer der Zeche den nicht unbeträchtlichen Preis für den mit nach Hause zu nehmenden Wein bezahlt, stiegen die sächsischen Gäste ein; im ersten Schlitten saßen der Herr Erbrichter mit Gemahlin und Tochter nebst einer Freundin der letzteren, außerdem sein Verwalter und ein jüngerer Gutsbesitzer aus H... dorf, Nährend im zweiten Schlitten der Herr Oberförster mit Heiner Ehehälfte und einer zweiten Freundin von Erbrichters Töchterlein, sowie der Grundbuchführec von H... dorf Platz genommen hatten. Auf der sogenannten „Pritsche" des ober- sörsterlichen Gefährtes aber thronte der Forstaccessist Schulze, ganz stolz, daß sein kühner Weinschmuggelplan so rasch zur Annahme und Durchführung gelangt war.
Die üblichen Abschiedsceremonien mit den zurückbleibenden Gästen des Rathskellerwirths waren bald erledigt und lustig klingelten nun die zwei leichten Gefährte zum Städtchen hinaus, um dann die nach Sachsen führende Landstraße einzuschlagen. An derselben lag, etwa fünf Minuten von den letzten Häusern des Ortes entfernt, das sogenannte Mauthaus, in welchem sich zugleich die Finanzwache befand, und La hier, als dem letzten böhmischen Chausseehause, zur Revision der Mautzettel angehalten werden mußte, so wurde Lern Oberförster ziemlich bedenklich zu Muthe, wenn er sich vorstellte, daß die Grenzbeamten die Schlitten gründlich durchsuchen könnten. Doch diese Befürchtungen erwiesen sich als grundlos; allerdings stand, als die Schlitten vor dem Mauthause hielten, ein Finanzer unter der Thür und richtete an die Herrschaften die höfliche Frage, ob sie etwas Steuerbares bei sich hätten, da ihm jedoch aus dem Schlitten ein mehrstimmiges kräftiges „Nein" entgegenklang, salutirte der Beamte und zog sich in das Haus zurück, während die Schlitten Anbehelligt weitersuhren.
Nach kurzer, aber flotter Fahrt wurde die Grenze passirt und nunmehr befand sich die kleine Gesellschaft mit dem geschmuggelten Wein in Sicherheit, so daß den Herrn Oberförster jetzt sogar ein gewisses übermüthiges Gefühl überkam. Er machte daher den Vorschlag, in der an dem Wege nach H... dorf liegenden Wirtschaft „Zur Buschschenke", in welcher es ein vortreffliches Glas Bier gab, nochmals einzukehren, die Damen könnten sich ja daselbst mit einem Täßchen Mokka stärken."
Der Vorschlag begegnete nirgends ernstem Widerspruche und als man die „Buschschenke" erreicht, wurde in die behaglich durchwärmte Wirthsstube eingetreten, indeß die Kutscher die nicht erst abgeschirrten Pferde mit Hilfe des Hausknechts Heinrich in den Stall führten. Etwa ein halbes Stündchen verweilten die Herrschaften aus H... dorf bei Bier und Kaffee in munterer Stimmung in der „Buschschenke", bis wiederum der Ruf erscholl: „Anspannen!" und bald saß die kleine Reisegesellschaft aufs Neue in den bequemen Schlitten. Schon stampften die Rosse ungeduldig den Schnee mit den Hufen und Heinrich, der Hausknecht, hielt es daher für die höchste Zeit, sich den Herrschaften in Erinnerung zu bringen und dem ihm gebührenden Trinkgeld-Obolos entgegenzunehmen. Er näherte sich zunächst dem Oberförster, der eigentlichen Respectperson des kleinen Kreises, streckte die gewaltige Rechte mit einem freundlichen Grinsen aus und sagte in seinem breiten Dialect:
„Heerense, Herr Oberfärschter, ich habe Sie noch die fünf Wärmflaschen in den beeden Schlitten nei gefüllt, se waren ja ganz kalt geworden und da mer in d'r Küche grad heiß Wasser hatten, da dacht ich: Du füllst de Wärmflaschen wieder mit recht hübschem heißem Wasser, da wern sich de Herrschaften ooch recht sehre freuen. Nur sah Sie das kalte Wasser in den Wärmflaschen, als ichs ausschüttete, so curios aus, als wenns gemalt wär."
Wenn indessen der biedere Heinrich geglaubt hatte, die Schlittengäste aus H...dors durch seine außergewöhnliche Dienstleistung besonders zu erfreuen, so hatte er sich gründlich getäuscht, wenigstens was den Herrn Oberförster betraf.
Denn abwechselnd bleich und roth vor Aerger starrte derselbe den dienstbaren Geist ob seiner Mittheilung eine Weile an, ehe er grimmig losplatzte:
„Was in des T—ls Namen haben Sie gemacht, Heinrich? Unsere Wärmflaschen haben Sie ausgeschüttet, ohne daß es Ihnen geheißen worden wäre? I, da soll doch gleich ein heiliges Millionendonnerwetter dreinschlagen — das ist ja eine nette Geschichte! Führen Sie uns wenigstens an den Ort, wo Sie den Wei—, die Wärmflaschen ausgeschüttet haben, Sie Unglücksmensch!"
Ganz verdutzt führte Heinrich den Oberförster und einige andere Mitglieder der Schlittenexpedition nach der Stelle im Hofe, wo er die Wärmflaschen ihres kostbaren Inhalts entleert hatte, und richtig kündeten hier große rothe und gelbe Flecken im Schnee an, welch schnödes Ende der edle Erlauer und der kostbare Rüster des dicken Nazi von N. gefunden. Aber das Unglück war nun einmal geschehen und trotz allen Fluchens und Wetterns des Oberförsters auf den armen Heinrich, wie auch auf Forstaccessist Schulze, als Denjenigen, der erst den ganzen schönen Plan mit dem Weine ausgeheckt, konnte das heiße Wasser der „Buschschenke" nicht in den Rebensaft zurückverwandelt werden. Natürlich war es aber mit dem Extratrinkgeld, von dem der dienstbeflissene Heinrich geträumt, nichts und verdrießlich mit dem Kopfe schüttelnd, blickte das Factotum des Buschschenkenwirths den nun wieder dahinsausenden Schlitten der H...dorfer Gäste nach- doch auch unter den Insassen der Schlitten herrschte jetzt begreiflicher Weise eine gedrückte Stimmung und in dieser verabschiedete man sich gegenseitig, als mit H... dorf die Heimath wieder erreicht war. Auch die nächsten Wochen über stand namentlich der Herr Oberförster unter dem Eindrücke des fatalen Ereignisses in der Buschschenke, zumal die Geschichte von dem verwandelten Wein bald in weiteren Kreisen bekannt und viel belacht wurde, und es dauerte lange, ehe er sich wieder einmal in der Buschschenke blicken ließ, und zum dicken Nazi in N. kam der Herr Oberförster ebenfalls erst wieder, als allmählich etwas Gras über die ganze merkwürdige Schmuggelgeschichte gewachsen war.


