Freitag den 16. Januar.
(Siebener Anzeiger.
Beilage zu Rr. 13. - 1891.
Feuilleton.
Unter d e r Erde.
Novelle von Zoö o. Reuß (Fortsetzung.)
Aber auch von dem Commerzienrath Vogelsang habe er gesprochen und von der „Iduna" und den beschädigten Wasserhaltungsmaschinen, und daß es wahrscheinlich noch in dieser Nacht mit allem, allem aus sein werde.
„Es war ersichtlich, daß das Gewissen des mit dem Tode Ringenden von schwerer Schuld gedrückt ist," schloß Schwester Elara ihre Worte. „Wenn ich mir das Ganze auch nicht zu deuten vermag, so konnten seine Worte doch nur mit einem Verbrechen zusammenhängen. Ich frug ihn auch, ob ich einen Geistlichen holen lassen sollte, oder den Commerzienrath selbst, aber er vermochte mir nicht mehr zu antworten. Da fielen Sie mir ein, Wildhagen, und daß Sie vielleicht den Schlüssel finden zu seinen Worten. Und da ich Sie überdem am Krankenbette Ihrer Mutter als Krankenpfleger beobachtet hatte, sandte ich nach Ihnen auf den Zechenhof. Denn ich selbst muß zu meinem kleinen Patienten, wo ich erwartet werde. Was wollen Sie thun, Wildhagen?"
In Hermanns Gedanken wirbelte es bunt und wild durcheinander. Allmählich begann es zu tagen und er fing an, den Zusammenhang zu — ahnen. Aber diese Ahnung schon war — die Vernichtung. Kahlsen hatte, vermuthlich aus Rachsucht gegen Commerzienrath Vogelsang, irgend einen schlauen, verbrecherischen Plan ersonnen gehabt, dessen Vollstrecker Wilms werden sollte. Schließlich hatten sie sich entzweit, vermuthlich nm den Lohn des Verbrechens, was bei dem händelsüchtigen, dem Trünke ergebenen Wilms sehr leicht zu geschehen vermochte. Kahlsen hatte Wilms überwältigt, vielleicht sogar einen Mordversuch gegen ihn gemacht, um ihn unschädlich zu machen. Aus Kahlsen würde der Verdacht jedenfalls zuletzt fallen, da Wilms als dessen Freund galt, der einzige, den er aus der Zeche besaß. In diesem Augenblicke that der Verwundete seinen letzten Athemzug. Aber wenn es auch nicht geschehen wäre, würde ihn Hermann doch haben sterben lassen wie einen räudigen Hund. Alle seine Gedanken waren bei den zwölf, in freiwilliger Nachtschicht arbeitenden Bergleuten, seinen treuen Kameraden.
VIII.
Abgehetzt, ermattet, schweißtriefend zog Hermann Wildhagen zwanzig Minnten später die Glocke an der Villa des Commerzienraths.
Ein verschlafener Diener frug nach seinem Begehr.
„Wecken Sie den Herrn — sofort!"
Fünf Minuten später stand er wirklich Cvmmerzienrath Vogelsang in dessen Arbeitszimmer gegenüber.
„Was gibts, Wildhagen?"
Dieser berichtete alles wortgetreu. Der Commerzienrath erbleichte und schien einen Augenblick fassungslos. Dann, nach zurückgekehrter Sammlung, sagte er mit Bestimmtheit: „Ein Schurkenstreich ist zweifellos, es fehlt kaum ein einziges Glied in der Kette."
„Sv glaube auch ich."
„Ich weiß, daß die Iduna verloren ist, wenn die Wasserhaltungsmaschinen ins Stocken gerathen," sagte der Commerzienrath in augenblicklicher Verzweiflung. „Zur Hilfe wird es zu spät sein und die beschäftigten Arbeiter werden dem Tode geweiht sein!"
„So ist's!"
„Aber die Leute sollen und müssen gerettet werden! Ich fahre selbst hinab — wer sich mir anschließen will von dem Beamten- oder Arbeiterpersonal, mag es freiwillig thun."
„Nein, Herr Commerzienrath!" entschied Hermann Wildhagen mit großer Bestimmtheit. „Warum noch Andere der Todesgefahr aussetzen? Ich glaube die Stelle genau zu kennen, woselbst die Nachtschicht gehalten wird, und werde einsahren — allein."
„Das wollen Sie thun — wirklich?"
„Ich bin längst dazu entschlossen! Die Kameraden zu benachrichtigen, wird mir allein gelingen, wenn es überhaupt noch möglich sein wird. Mehr zu thun dem drohenden Unglück gegenüber ist überhaupt unmöglich, wie Sie selbst zu- gestehen." Dann setzte Hermann schmerzlich hinzu: „Ich besitze Niemand auf der Welt, der mich vermissen wird, außer meiner alten Mutter drüben in Horsten — nicht einmal mehr eine Liebste! . . . Für meine Mutter aber wird durch Sie gesorgt werden, ich weiß es!"
Fünf Minuten später, es schlug jetzt die erste Morgenstunde und der Hahn krähte zum erstenmale, stand man mit dem Wächter und ein paar aus dem Schlase ausgerüttelten Arbeitern am Fahrstuhl. Ein Signal der Klingel, ein kurzer,
energischer Ruck, und mit entsetzlicher Geschwindigkeit fuhr Hermann Wildhagen in die Unterwelt hinab, zum erstenmale ohne irgend einen Genossen. Und während Commerzienrath Vogelsang mit dem Wächter und den entsetzten Arbeitern oben stand und den Riesenpumpenschwengel des Bergwerks athemlos beobachtete, ob er sich wie immer haushoch in die Höhe hob, um die durch die Wasserhaltungsmaschinen vereinigten, zu Tage beförderten Gewässer der „Iduna" durch dickleibige Rohre in den nahen Bach zu geleiten, beleuchtete Hermann Wildhagen besorgt und prüsend das innere Gestein, denn es plätscherte und rieselte bereits stärker als sonst von den Wänden. Das Einsahren war so schnell, daß ihm die Eisen- theile des Schachts, an welchem er entlang rutschte, als lange, feine Linien erschienen. Niemals, niemals vorher hatte er die dunkle Reise so überstürzend zurückgelegt.
Der große, hochgewölbte, dreihundertachtzig Meter unter der Erdoberfläche liegende Förderungsschacht war erreicht. Er t war wie immer schwach erleuchtet, aber doch hell genug, um in einem etwas weniger hohen Nebenschachte einen kohlen- beladenen Wagenzug erkennen zu lassen, der durch zwei Pserde gezogen und von einem halbwüchsigen Knaben gelenkt, auf glatten Schienengeleisen zum großen Förderungsschachte herangerollt kam. Er wies Hermann Wildhagen mit Bestimmtheit die Arbeitsstelle der ahnungslosen, gefährdeten Kameraden, selbst wenn der verschlafene Wagenlenker seine Ansicht nicht bestätigt hätte.
„Arme Thiere, ihr seid dem Verderben geweiht!" sagte er, unwillkürlich nach den warmen, großen Ställen hinüber- blickend, wo die Bergpserde sich vor nur halb geleerten Krippen behaglich aus ihrem guten Strohlager streckten. „Wenn ich sie aber nur retten kann?"
Entschlossen und immer eiliger drang er jetzt vorwärts, den mit Holz abgesteisten Gang entlang, dann bog er nach rechts in einen engeren, niedrigeren Zweiggang ein. Der srische Luftzug, der aus dem großen Förderungsschacht bis an diese Stelle drang, hörte jetzt aus, die Atmosphäre wurde drückend und schwül, in Verbindung mit der eigenen hochgradigen Erregung, raubte sie Hermann saft Athem und Lebenslust. Da, von Weitem, erblickte er bereits leuchtende, sich wie Irrlichter hin und her bewegende Punkte — Gott sei tausendmal Dank — es waren die Grubenlampen der arbeitenden Kohlenhäuer.
(Schluß folgt.)
Bekanntmachung,
die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum ein- jährigsreiwilligen Militärdienst im Frühjahr 1'891 betreffend.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Frühjahr 1891 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch ausgefordert, ihre deßsallsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschlusses von dieser Prüfung
spätestens btt zum 1. Februar 1891
bei der unterzeichneten Commission einzureicheu.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- cletten das Folgende beinern:
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs - Corn- Mission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthnm Hessen seinen dauernde« Aufenthalts- ort hat.
2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem
17. Lebensjahr erfolgen.
3. Das Gesuch mutz von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn die nähere Adresse angegeben wird.
4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift deS Vaters oder Vormundes beglaubigt sein-
c. ein Unbescholtenheitszeugnitz, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist-
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen der sich Meldende geprüft sein will (Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch).
6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszenguiß beizulegen.
Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 — Regierungs-Blatt Nr. 5 von 1889) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfuagstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt ev. weitere Bekanntmachung- auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 23. December 1890.
Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende:
Dr. Zeller.
Vernmischtes.
= Frankfurt a.M., 14. Januar. Kellnerversammlung. Unter den Kellnern herrscht seit einigen Wochen eine Bewegung, die im Wesentlichen dahinzielt, das Vermitteln
totales rrirv ^provinzielles
Gießen, 15. Januar.
— Der Vortrag, welchen am 21. Januar aus Veranlassung des Kaufmännischen Vereins Herr Director Reich im Saale des Cafe Leib halten wird, verspricht nach dem Programm ein recht interessanter zu werden. Wir theilen hier einiges aus demselben mit:
Menschenähnliche Assen, wilde Völker, Zwerge und Riesen. Gorillafamilie. Erwachsenes Gorillaweibchen. Erwachsener männlicher Schimpanse. Schimpansenweibchen. Erwachsener männlicher Orang-Utan. Körperproportionen eines Negers, nach Gatschaus Methode gemessen. Vier Seelette des Menschen und Gorilla. Unterschiede der Körperproportionen beider Geschlechter. Körperproportionen verschiedenaltriger Knaben. — Körperbildung eines Natal- Zulu. Körperbildung eines Kaffern und eines Fingu- mädchens. Gesichtsbildung der Kaffernhäuptlinge Sandili und N'magoma. Körperproportionen einer Australierin. Körperbildung eines Buschmannes. Das Buschweib Asandi. Gesichtsbildung von Buschmännern. Die Wedda von Ceylon. Die amerikanischen Zwerge „Miß Millie", „General Mite" und dessen Vater. Die Riesin Marianne Wehde neben einem mittelgroßen Manne.
Fremde Völker rassen und Afsenmenschen. Feiner — grober Typus der Japaner und Japanerinnen. Mongolenähnliche Hottentottin. Kalmücken. Lappen. Eskimo von Grönland. Eine Eskimosamilie von Labrador. Ein Chippewah-Jndianer. Ein Patagonier. Eine Patagonierin. Eine Feuerländer-Familie. Junge Männer ans Queensland. Australische Prinzessin aus Queensland. Australier aus Queensland. Der Affenmensch Krao. Eine Kretin. Die Mikrokephale Helene Becker.
Sündsluth (Diluvium), Eiszeit, Steinzeit, Broncezeit, Eisenzeit. Mammuth. Sibirisches Mam- muth. Rhinoceros. Moschusochse. Rennthier. Riesenhirsch. Elenthier oder Elch. Wisent oder Bison. Die Höhle Hohle- fels im schwäbischen Achthale. Feuerbohrer. Riemenseuer- bohrer der Eskimo. Bogenbohrer (Feueranzünder der Sioux und canadischen Indianer). Pumpenbohrer (Feueranzünder der Irokesen). Knochen und Steingeräthe der Alaeea-Eskimo. Ein reeonstruirtes Pfahldorf im Züricher See. Steinzeitliche Hirschhorn- und Knochenobjeete aus den Schweizer Pfahlbauten. Ein Pfahlbau der Westschweiz. Broneeschwerter und Schwertgriffe der Schweizer Pfahlbauten. Broncemesser aus der dänischen Broncezeit. Dänischer Grabhügel der Broncezeit mit Grabkiste und Aschen-Urne. Sarg aus einem Eichenstamm mit Männerleiche der Broncezeit Jütlands. Interessante Funde aus der Byciskata-Höhle.
Die Haupttypen der gegenwärtigen Menschheit.
von Stellungen durch Commissionäre, sowie die schlechte Bezahlung, bezw. das Nichtbezahlen der Kellner von Seiten der Restaurateure und Hoteliers zu beseitigen. Gestern Abend sprach der Vorsitzende des rheinisch - westfälischen Kellner- Verbandes Nellnen aus Düsseldorf im Hotel du Nord Hierselbst vor einer großen Anzahl Berussgenossen. Der Genannte befindet sich auf einer Agitationsreise, deren Zweck ist, die bestehenden Kellnervereine zu einem Verbände zu vereinigen. Man mag sonst über derartige Bewegungen denken wie man will, so muß man doch zugeben, daß das jetzt von zahlreichen Restaurateuren und Hoteliers beliebte Verfahren zu Zuständen führt, die dringend einer Aenderung bedürfen. Oder ist es nicht scandalös, daß Kellner nicht nur fein Gehalt beziehen, sondern noch an den Restaurateur für ihre Stelle zahlen müssen? In der gestrigen Versamm- ' lnng wurde von einem hiesigen Hotelbesitzer erzählt, daß sein Portier 1500 Mark Pacht an ihn zahlen muß, daß die Hausdiener kein Gehalt beziehen :c. Und das soll ein Hotel ersten Ranges sein! Herr Nellnen machte die interessante Mit- theilung, daß die Reisenden eines Düsseldorfer Geschäftes jährlich 4000 Mark Trinkgelder zahlen. Die Düsseldorfer Kaufmannschaft stehe im Begriffe, einen Trinkgeldschutzverein zu gründen, nm dadurch die Restaurateure zu zwingen, die Kellner besser zu bezahlen. Sollte dadurch die Zeche höher werden, so würden Clubhäuser in ganz Deutschland errichtet. Wenn nun ein solcher Gedanke wirklich zur Durchführung käme und wenn die Kellner nur endlich so viel Stolz und Standesehre bekundeten, daß sie nicht um 5 Psg. den einen Gast viel freundlicher und aufmerksamer bedienen als den anderen, der keine 5 Psg. gibt. Das Trinkgelderunwesen wird wohl kaum eher auszurotten sein, bis Kellner und Publikum gemeinsam dagegen Front machen. Ob der Tag wohl ankommt? Ich bezweifle es- das rollende Metall übt auf die meisten Menschen eine zu große Anziehungskraft. — Das Wiener System der Zählkellner wurde in der gestrigen Versammlung auch bemängelt und wohl mit Recht. Werden einmal Trinkgelder gegeben, so soll sie auch der Kellner haben, der den Gast bediente. Daß die Vermittler je nach dem Alter des stellesuchenden Kellners 50 — 150 Mk. Provision fordern und Kellner über 50 Jahre einfach keine Stelle mehr finden und aus der Straße liegen müssen, klingt ungeheuerlich, ist aber nach Allem, was gestern in der Versammlung erzählt wurde, leider traurige Thatsache.
— Die Ouittungsmarke im Theatercouplet. Im Friedrich- Wilhelmstädtischen Theater in Berlin wird allabendlich unter großem Beisall folgendes Couplet gesungen:
„Nach berühmten Mustern sorgen wir natüilich Für den Domestiken — wenn er nicht mehr rann, Und wir legen, wie es üblich und gebührlich, Jom fürs Alter eine Markensammlung an. Reichlich fließen überall dafür die Gaben, Und in jedem Herzen laut die Mahnung klingt: Klebe uue Du wünschen wirst ceklebt zu Haden — Weils die Pfl'cht, der Dienst, das Amt so mit sich bringt."
Pfarrer, Lehrer, Gutsbesitzer, Beamte rc. rauchen mit Vorliebe d.
Holland. Tabak von B. Becker in Seesen a. H., 10 Psd. lose in 1 Beutel fco. 156


